Nochetwas zum letzten Eintrag: Ein Abschnitt bei Nisargatta kam mir in den Sinn, wo jemand auch im Zusammenhang mit Arbeit nachfragte. Irgendwie verstand ich plötzlich etwas zwischen den Zeilen der Fragen und Antworten, nämlich daß ich mich ewig mit soetwas beschäftigen könnte, ohne irgendetwas dafür herauszubekommen. Es hat nichts damit zu tun, um was es tiefer geht. Das ist sogar völlig belanglos. Es interessiert nicht, wer oder was ich bin als Funktion, solange ich weiß, wer ich selbst bin. Ich meine immer noch, bei diesen äußerlichen Dingen, Maßstäbe und Konzepte anlegen oder erfüllen zu müssen, die einfach nur erlernt sind. Was da aus mir selbst kommt, weiß ich nicht, aber das wird sich nur von selbst zeigen (oder auch nicht - es ist gut, das jetzt einmal so sein zu lassen, statt mich immer darin zu verbeißen), wenn ich da nicht im Weg stehe, weil ich ewig darüber nachdenke und zweifle. Ich kann dagegen viel mehr einfach geschehen lassen, was eben geschieht. Ich kann ja doch nichts anderes tun. Warum sollte ich mir das noch schwerer machen, als es ist?
Archiv-Seite 2
Der Rückholer war diesmal feiner, kein Gurdjieffscher Magengrubenschlag, sondern er packte mich an der Wurzel und meiner eigenen Ausrichtung.
Gestern abend ist diese Verwirrung und die gleichzeitige innere Verspannung dann abgeflaut, was eine große Erleichterung war. Ich schlief darauf heute etwas länger als üblich. Es kostet viel Kraft, so einen Wahn am Laufen zu halten.
Auch den Tag über hielt es weiter an, daß ich einfach meine Dinge erledigte und nicht in irgendetwas Krankhaftes verfiel. Mir wurde klar, daß ich mir schon wieder Ausreden und fremde Bezüge heranhole, um mir etwas zu erklären. (Gerade habe ich auch einen entsprechenden Hinweis dazu gelesen.) Nein, das ist einfach kindisch und unreif. Ich war heute in der gleichen Arbeit, in der gleichen Umgebung, und es lief alles völlig anders. Ich brauche mir da gar kein Problem aufzubauen, denn dieser Müll ist hausgemacht und hat nur mit mir zu tun.
Es geht hauptsächlich um Angst und Unsicherheit und darum, daß ich mir das nicht eingestehe, sondern stattdessen dagegen ankämpfe. Da ist immer noch dieser Haß gegen diese Unsicherheit, gegen das schwarze Loch, vor dem ich immer weglaufe und die Flucht nach vorne ergreife. Ich verstehe aber nicht, wieso ich heute damit in Frieden bin. Trotzdem empfinde ich das nicht als gelöst. Wahrscheinlich läßt sich das auch nicht lösen, sondern nur voll akzeptieren. Nämlich daß diese undeutliche Angst irgendeine grundlegende Existenzangst ist. Etwas, daß ich eigentlich die ganze Zeit spüren oder zumindest gut genug kennen sollte. Es ist wie bei einem freien Tier, das immer auf einen Feind achten muß. Wenn ich das ablehne und zu leugnen versuche, sehne ich mich eigentlich nur in die Vergangenheit zurück, nach Kindheit und Sorglosigkeit. Es ist Sehnsucht nach Schlaf, aber keine verantwortliche Haltung. Lebensangst gehört bei mir eben dazu, ich kann nichts daran ändern. Wo ist das Problem, wenn mir das klar ist? Das Problem entsteht, wenn ich das nicht fühlen darf, wenn ich das unterdrücke und verleugne, statt es genau genug anzusehen.
Ich erhalte eine Antwort auf meine Beschreibung von Selbsterkenntnis. Dort steht nur “Und was hältst Du von Change Management” ? Die Ironie verschlägt mir die Sprache. Ich weiß genau, wie das gemeint ist. Mit dem Begriff aus der Unternehmensberaterwelt kommt sofort das begleitende einengende Gefühl der Macherideologie hoch. Ich habe nur ein sehr oberflächliches Verständnis davon, was Selbsterkenntnis ist - ich will immer noch verändern. Dann befinde ich mich in einem Besprechungsraum mit anderen um einen großen Tisch herum. Ich denke, das ist eine Vorstandssitzung, aber was soll ich hier? Den Wortführer sehe ich nicht, weil mir immer jemand den Blick versperrt von den großen, breitschultrigen Anzugtypen. Zuerst meinte ich noch, GL spräche vorne, aber dann bemerke ich einen ganz anderen Typ von Mensch. Dann kommt das Gespräch auf mich, und ich werde dort vor allen bloßgestellt, wie oberflächlich ich mich äußere. Nämlich wie ein Politiker, der nicht zum Punkt kommt, sondern nur drumherum redet. Ich weiß, daß die Kritik stimmt, aber ich wundere mich, sie in dieser Umgebung zu bekommen, wo ich alle für verlogen halte.
Es geht um mein momentanes Abirren. Die Macherideologie ist das Wort für das schlechte Gefühl und die Hetze. Es hat mit dem überhitzten, verwirrten Verstand zu tun. Die Besprechung steht für die Arbeitsumgebung, mit der ich das in Verbindung bringe. Eigentlich passiert etwas Einfaches. Dort, wo ich bin, fühle ich mich beengt und unwohl. Ich will dort nach dem Abschluß der momentanen Arbeit nicht bleiben. Um dort herauszukommen, meine ich, irgendeine heroische Leistung vollbringen zu müssen. Dahinter steht eigentlich ein riesiger Brocken Angst und Unsicherheit. Die Kraft, die dann in mir aufkommt bei allem, was ich als Vorbereitung tue, schießt mir im Kopf herum. Es ist der Vorgang, um der (selbsterzeugten) Angst mit mehr Kontrolle und Vorbereitung entgegenwirken zu wollen. Es schaukelt sich dann gegenseitig immer weiter auf. Darunter passiert aber eigentlich gar nichts, wenn ich es mir klarmache. Trotzdem begleitete mich auch heute die meiste Zeit diese unsichere Zerfahrenheit.
Wenn mich etwas interessiert, dann mündet das häufig, so wie heute, in einem ganz bestimmten Vorgang. Ich lese etwas (einen Text über noch undeutliche und weitgreifende, schwammige Ideen), dann springt mein Interesse an - ich beobachtete das schon von Anfang an. Soweit noch in Ordnung. Wenn dann eine Begeisterung entsteht, dann wird daraus ein brennendes Verlangen (meistens ein Strohfeuer), so als würde ich etwas sehr Tiefes darin finden können und ich werde richtig gierig. Daraufhin fängt alles an, sich zu drehen und ein richtiger Krampf entsteht in meinem Gehirn. Ich kann dann überhaupt nicht mehr normal denken, sondern werde von Gedankenkrämpfen geschüttelt. Es ist, als würde ich am liebsten alles auf einmal verschlingen und in mich aufsaugen. Dann stoße ich sofort an die Grenzen (z.B. die Lese- und Verständnisgeschwindigkeit). Trotz besseren Wissens versuche ich immer noch zwanghaft, alles in mich hineinzustürzen wie ein Verdurstender. Nichteinmal in der Richtung des Interesses kommt dann etwas heraus, geschweige denn, daß ich in einer anderen etwas Sinnvolles tun könnte, weil ich ständig oberflächlich darauf zurückkomme. Heute ist mir das zum ersten Mal deutlich aufgefallen, wie unangenehm und schmerzhaft dieser Vorgang eigentlich ist. Nämlich als ich einfach nur dasaß und an dieser Verwirrung litt. Ich versuchte einfach, nur dazusein. Aber der Konzeptsuchtanfall und die begleitende Verwirrung hatte mich in der Zange. Ich hätte einfach aufstehen können und irgendetwas tun, um es nicht so deutlich zu spüren. Ich blieb aber dort, um mir das anzusehen. Ich versuchte, an einem unterliegenden Punkt festzuhalten, an der Erinnerung an mich selbst. Das war so gut wie unmöglich in dem Moment. Ich konnte es nicht glauben, daß ich wirklich und ständig das allereinfachste vergaß, nämlich, daß ich einfach da war. Es war wie ein Rausch in einer Flut aus Bildern und Vorstellungen. Ich kam mir vor wie ein Drogensüchtiger. Irgendwann beruhigte sich wenigstens mein Körper und ich legte mich kurz hin und nickte ein. Danach herrschte mehr Klarheit, einfach, weil das Gewitter vorbeigezogen war. Das betreffende Thema erschien mir jetzt in einem ganz anderen Licht. Viel bodenständiger und langweiliger, aber auch gesünder. Mit meinem direkten Leben hat das eigentlich gar nichts zu tun, es ist Ballast.
Ich war heute bei der Eröffnung des Oberdieckgarten auf dem Weihenstephaner Berg. Die Führung war für mich interessant, weil ich da etwas erfahren konnte über die die Hintergründe der Planungen und auch der sonstigen Pflege der Gärten, die ich gerne besuche.
Mich interessierte, was das für Menschen sind, die damit arbeiten und wie das abläuft. Die Erklärungen des Professors, der die Führung leitete, waren akkurat und wissenschaftlich. Gleichzeitig war aber in der Art, wie er erklärte auch die warme Verbundenheit mit dem Projekt und sein persönliches Interesse spürbar. Vor allem ist wichtig, miteinzubeziehen, wie der Garten in 20-30 Jahren aussehen soll. Das sind völlig ungewohnte Perspektiven und Handlungsrahmen für mich. Als ich mir das vorstellte und darüber nachdachte, überkam mich wie ein Schlag die Erinnerung an mein eigenes Leben und meine kurze, wertvolle Lebenszeit.
An dem Mann empfand ich alles als ruhig, warmherzig, geduldig und humorvoll. Damit verglichen finde ich meinen eigenen Alltag meistens hart und gehetzt.
Mir fiel auf, daß diese Ruhe und Geklärtheit auch die Erinnerung an den eigenen Tod mit einschließt. Es erschien mir so natürlich, daß jemand, der mit Pflanzen und natürlichen Gegebenheiten arbeitet, auch etwas vom eigenen Leben verstehen muß. Dagegen ist alle übermäßige, stumpfe Hetze immer ein Vergessen, als gäbe es nichts Wichtigeres in einem Moment.
Viele Qualitäten kamen mir da entgegen wie aus einer anderen Zeit: persönlicher Einsatz und Verbundenheit, Beständigkeit, Geduld, die richtige Mischung zwischen Zugänglichkeit, Verständnis und echter Durchsetzungskraft aufgrund von festem Wissen über Zusammenhänge. Ich nahm da etwas auf.
Am Ende setzte der Regen ein. Ich genoß noch eine ganze Weile allein den weiten Ausblick über die Münchner Ebene zwischen Regenschleier hindurch bis zu den Alpen. Der halbrunde Balkon mit der 180 Jahre alten Linde in der Mitte ist dort für mich ohne Zweifel der schönste und stärkste Punkt.
An drei Stellen ist mir das jetzt aufgefallen, was ich solange gemacht habe und immer noch tue: Ich leugne mir Probleme und Fragestellungen weg. Oder ich merke gar nicht bzw. will es nicht merken, wenn mir etwas zu schaffen macht. Das ist auch eine Methode, ein hübsches Selbstbild zu bewahren, statt die Ungereimtheiten hinterfragen zu müssen. Dahinter steht meistens eine Stimme, die sagt: “Sei nicht so wehleidig”. Das klingt wie eine gelernte Durchhalteparole, die sich da im Verstand eingenistet hat. Es hat auch mit Gefühlsverleugnung und Abhärtung gegen Empfindungen zu tun.
“Wieso bringst Du Dich überhaupt in solche Situationen, Dich mit solchen Auftraggebern herumzuschlagen, die Deine Ideen gar nicht wollen. Die Kunden, die Du willst, sind längst bei den Anbietern, die entsprechend arbeiten.”
Dieser sinngemäße Satz eines Bekannten, dem ich davon erzählte, hat mich sehr erstaunt. Das hat gesessen, denn es stimmt. Es ist mein selbstgeschaffenes Problem. Ich merke dabei, daß das nicht von ungefähr kommt. Ich verwirkliche einfach, was in mir ist - und da heißt es zu großen Teilen, daß ich meine Arbeit verabscheue, vor allem wegen der Umgebung und den Beteiligten, mit denen ich Probleme habe. Nein, es ist anders herum: Ich suche mir das geradezu aus, um mir das zu bestätigen. Es muß schwierig sein, weil ich mir das so vorstelle.
Ich habe ja die Probleme. Die anderen sind offensichtlich völlig bequem in ihrer jeweiligen Situation und wollen gar nichts anderes.
Herumzulaufen und zu predigen, was besser zu tun wäre, ist völlig sinnlos. Ich rede einfach gegen Wände. Damit erzeuge ich mir eine Menge Wut und Frust und arbeite mich sinnlos daran ab. Ich habe es nach außen verlagert, wo die anderen alles falsch machen. Wenn ich Probleme habe, kann nur ich etwas lösen. Was mich dabei so piesackt ist, zu wissen, daß es etwas anders gibt und zu wissen, daß das funktioniert.
Mein kleiner Erfolg mit der Verhandlung schien mir plötzlich bedeutungslos. Für was habe ich mich da herumgestritten, wenn ich auch gleich frei atmen könnte. Aber dann kommt die Angst, wenn ich ganz allein dastehe ohne etwas in der Hand. Ich schaffe es nicht allein. Ein vorsichtiger Anfang bahnt sich da gerade an, mit jemand, der mich dabei versteht und einiges mehr an Erfahrung aus anderen Gebieten mitbringt. Es ist eine kleine Hilfestellung und ich bin dankbar dafür.
Das ist ein äußerliches Thema, das mir wichtig ist. Ich halte hier Übereinstimmung und Zusammenarbeit und Anregung für möglich.
Bei den ganz wichtigen Themen bin ich dagegen völlig allein. Da kann niemand helfen, da kann nur ich selbst hinsehen wollen.
Diese abgeregnete, frische Luft und der aufgewühlte Himmel mit den greifbaren Wolken hatte den ganzen Tag einen Einfluß auf mich. Morgens begrüßte mich schon diese Klarheit. Als ich von der Arbeit heimkam wurde etwas in mir immer leichter. Etwas im Bauchraum entspannte und öffnete sich, als wäre ich da ständig verkrampft. Ich lud Tasche und Einkäufe ab und ging nochmal spazieren. Ich wurde immer langsamer und ich endete im nahe gelegenen Park. Völlig von selbst überkam mich dieses Anwesenheitsgefühl, das sich immer weiter ausbreitete. Ich habe nichts mehr vor, keine nagenden Antriebe, kein hintergründiges Gefühl, etwas vergessen oder nicht erledigt zu haben. Einfach gar nichts, nur Erleichterung und Staunen.
Nach einer Weile gehe ich durch die Altstadt zurück. Alles sieht verändert aus in der Abendsonne. Jeder Schritt ist ein Genuß in einer schlichten Freude, einfach nur so.
Als mit dem Gewitter der Regen kommt und es innerhalb kurzer Zeit abkühlt, fällt auch in mir eine hitzige Spannung und eine angespannte, gehetzte Unruhe in sich zusammen. Ich bin auf dem Heimweg. Zuhause gehe ich umgezogen wieder hinaus in den Regen, um diesen Umschwung auszukosten.
Als ich zurückkomme, bin ich in einer ganz anderen Verfassung. Ich setze mich hin, doch die Präsenzübung fällt mir heute trotzdem schwer. Ich muß sie heute sogar viel entschlossener ausführen, statt ihr von selbst zu begegnen. Nach kurzer Zeit finde ich mich immer wieder woanders. Ich fühle mich anwesender als vorher, aber immer noch abgelenkt.
Mich einfach nur mit dieser Frau zu unterhalten, das war mir schon genug. Frei und angstlos und unbeschwert - ist das eine Erleichterung gegenüber dem was üblicherweise abläuft. Da gab es einfach nur gegenseitige Sympathie und zarte Bestätigungen dafür. Und schon ist die Welt nicht mehr feindlich und hart, sondern hat auch ihre warmen Seiten.