Ich war gestern mit M. auf einer Aufführung von Haydns „Die Schöpfung“ im Herkulessaal. In ihrer Gegenwart ist alles ziemlich einfach und ich komme gar nicht erst dorthin, den Vergeistigten heraushängen zu lassen – es wäre sofort lächerlich. Überhaupt zieht sich gerade das Gefühl von direktem Leben und Einfachheit wie ein tiefes Durchatmen durch alles hindurch. Das tut gut.
Ich war jetzt auch auf einer viel bodenständigeren Art und Weise im Raum und bei der Musik. Vorher hatte ich mich durch solche Eindrücke auf eine bestimmte vergeistigte Art hochgeputscht. Ich konnte dann richtig in den Empfindungen baden, die Architektur und Musik in mir hervorrufen. Der Zugang ist noch genauso da, aber wieso sollte ich mich daran so wichtigmachen. Es läuft einfach normaler ab, ohne daß ich es hochstilisiere und mich daran aufbaue. Das ist keine ignorante Gleichgültigkeit sondern ein Gefühl von Ordnung und Freiheit. Außerdem liegt darin Vertrautheit. Ich kann und darf das alles berühren. Es gibt keine höheren und niedrigeren Sphären, sondern diese Einordnungen sind nur künstlich im Verstand. Ich will das ganze Leben, kein halbes, kein vergeistigtes und auch kein banales, selbstvergessenes. Es gehört alles zu mir, nicht nur ein Teil.
Die Spannbreite ist dadurch größer. Jetzt gehört alles dazu: Dreck bei der z.T. anstrengenden Arbeit, Umgang mit allen Arten von Menschen, insbesondere beim Verkaufen, Haydn, Bach, wieder Freude am Leben und Sex, wo es gerade ist, als würde ich viel komplett neu erleben, als hätte jemand eine alte Staubschicht aus Einordnungen und geistig-überheblichem Abwinken entfernt – es ist Unsinn zu denken, ich selbst wäre immer gleich oder Sex wäre im Grunde immer gleich oder auch jede andere Erfahrung wäre immer gleich. Das gehört alles zu vorschnellen Selbstbeschränkungen und Einordnungen, statt echtem direktem Erleben.
Natürlich sind das alles nur Erfahrungen würde wohl jemand aus der Advaita-Ecke einwenden. Aber es bringt mir einfach nichts, diese Position im Kopf zu beziehen. Solange ich es nicht kapiert habe, was damit gemeint ist, bringt es mir gar nichts, Erlebnisse abzuwerten – im Gegenteil. Das ist einfach nur ein übernommenes Weltbild, ein Konzept. Dann wird alles grau und fahl und die Kraft verliert sich, die Neugier auf das Leben verliert sich.
Ich will die ganze Spannbreite, keine Schubladen. Mir fällt jetzt sehr stark auf, daß ich bisher in jedem Bereich immer versucht habe, mich auf irgendeine Schiene festzulegen, irgendeinen begrenzten Raum zu finden, der passen würde (obwohl ich nie einen gefunden habe), vor allem suchte ich immer nach Vorgaben und Regeln, um mich daran festzuhalten. Sogar bei spirituellen Themen wollte ich Schemata finden, um mich entsprechend einzupassen.
Grundsätzlich anders ist, das alles infrage zu stellen und stattdessen selbst hinzugehen und anzufangen herauszufinden, wer ich bin. Das ist, meine eigene Freiheit auszuloten und zu erweitern statt immer weiter Selbstbeschränkungen und Festhaltegriffe zu suchen, die ja doch nicht passen und Druck erzeugen. Momentan lasse ich das ganz einfache, direkte Leben herein, das ich viel zu lange, eigentlich immer schon, ausgesperrt habe. Auch mit all dessen Schwierigkeiten, Widrigkeiten und Banalitäten. Und das ist nicht einfach nur ein Aufenthalt auf Zeit, wie ein Praktikum. Nein, es ist mein Leben. Und gerade dort zeigt sich, was an Souveränität und Abgeklärtheit bzw. echtem Verständnis wirklich vorhanden ist. Da bleibt nicht viel übrig.
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