Archiv der Kategorie 'Lebenskraft'

Selbstbeschränkungen loslassen

Ich war gestern mit M. auf einer Aufführung von Haydns „Die Schöpfung“ im Herkulessaal. In ihrer Gegenwart ist alles ziemlich einfach und ich komme gar nicht erst dorthin, den Vergeistigten heraushängen zu lassen – es wäre sofort lächerlich. Überhaupt zieht sich gerade das Gefühl von direktem Leben und Einfachheit wie ein tiefes Durchatmen durch alles hindurch. Das tut gut.

Ich war jetzt auch auf einer viel bodenständigeren Art und Weise im Raum und bei der Musik. Vorher hatte ich mich durch solche Eindrücke auf eine bestimmte vergeistigte Art hochgeputscht. Ich konnte dann richtig in den Empfindungen baden, die Architektur und Musik in mir hervorrufen. Der Zugang ist noch genauso da, aber wieso sollte ich mich daran so wichtigmachen. Es läuft einfach normaler ab, ohne daß ich es hochstilisiere und mich daran aufbaue. Das ist keine ignorante Gleichgültigkeit sondern ein Gefühl von Ordnung und Freiheit. Außerdem liegt darin Vertrautheit. Ich kann und darf das alles berühren. Es gibt keine höheren und niedrigeren Sphären, sondern diese Einordnungen sind nur künstlich im Verstand. Ich will das ganze Leben, kein halbes, kein vergeistigtes und auch kein banales, selbstvergessenes. Es gehört alles zu mir, nicht nur ein Teil.

Die Spannbreite ist dadurch größer. Jetzt gehört alles dazu: Dreck bei der z.T. anstrengenden Arbeit, Umgang mit allen Arten von Menschen, insbesondere beim Verkaufen, Haydn, Bach, wieder Freude am Leben und Sex, wo es gerade ist, als würde ich viel komplett neu erleben, als hätte jemand eine alte Staubschicht aus Einordnungen und geistig-überheblichem Abwinken entfernt – es ist Unsinn zu denken, ich selbst wäre immer gleich oder Sex wäre im Grunde immer gleich oder auch jede andere Erfahrung wäre immer gleich. Das gehört alles zu vorschnellen Selbstbeschränkungen und Einordnungen, statt echtem direktem Erleben.

Natürlich sind das alles nur Erfahrungen würde wohl jemand aus der Advaita-Ecke einwenden. Aber es bringt mir einfach nichts, diese Position im Kopf zu beziehen. Solange ich es nicht kapiert habe, was damit gemeint ist, bringt es mir gar nichts, Erlebnisse abzuwerten – im Gegenteil. Das ist einfach nur ein übernommenes Weltbild, ein Konzept. Dann wird alles grau und fahl und die Kraft verliert sich, die Neugier auf das Leben verliert sich.

Ich will die ganze Spannbreite, keine Schubladen. Mir fällt jetzt sehr stark auf, daß ich bisher in jedem Bereich immer versucht habe, mich auf irgendeine Schiene festzulegen, irgendeinen begrenzten Raum zu finden, der passen würde (obwohl ich nie einen gefunden habe), vor allem suchte ich immer nach Vorgaben und Regeln, um mich daran festzuhalten. Sogar bei spirituellen Themen wollte ich Schemata finden, um mich entsprechend einzupassen.

Grundsätzlich anders ist, das alles infrage zu stellen und stattdessen selbst hinzugehen und anzufangen herauszufinden, wer ich bin. Das ist, meine eigene Freiheit auszuloten und zu erweitern statt immer weiter Selbstbeschränkungen und Festhaltegriffe zu suchen, die ja doch nicht passen und Druck erzeugen. Momentan lasse ich das ganz einfache, direkte Leben herein, das ich viel zu lange, eigentlich immer schon, ausgesperrt habe. Auch mit all dessen Schwierigkeiten, Widrigkeiten und Banalitäten. Und das ist nicht einfach nur ein Aufenthalt auf Zeit, wie ein Praktikum. Nein, es ist mein Leben. Und gerade dort zeigt sich, was an Souveränität und Abgeklärtheit bzw. echtem Verständnis wirklich vorhanden ist. Da bleibt nicht viel übrig.

Entladung von Unterdrücktem

Die letzten Tage haben anscheinend einen Zusammenhang. Überhaupt erlebe ich gerade häufig alte Gefühle und Stimmungen, die ich als Kind hatte, ausgelöst durch die Gerüche im Herbst, den Lichteinfall und ähnliche Details.

Am Samstag war ich eben müde. Heute erschien mir das übrigens ganz anders, was ich geschrieben habe. Das ist der Verstand, der sich quäkend beschwert und herummeckert. Natürlich habe ich allein die Verantwortung dafür, wie es mir geht und wie ich sein kann, nicht irgendwelche Umstände oder andere.

Am Sonntag lief ich dagegen ab wie ein Uhrwerk. Ich erledigte vieles und arbeitete eigentlich den ganzen Tag, unterbrochen von kurzen Pausen. Es ging mir richtig gut.

Heute war ich auch auf Touren, aber dabei überhaupt nicht gehetzt, sondern eher energiegeladen und einfach nur voll da. Es tat gut, Dinge zu sagen und herauszulassen, was mir heute völlig selbstverständlich vorkam – egal gegenüber wem. Ich sagte und tat einfach alles so, wie ich es gerade empfand. Und das allein war richtig und tief und gut.

Als ich abends mit dem Rad nach Hause fuhr, kam irgendetwas aus der Tiefe hoch. Eine Art riesige Wut und Kraft und ganze Schauer von Gefühlen. Ich legte die ganze Kraft ins Fahren und fuhr so schnell ich nur konnte. Ich wollte schreien und in irgendetwas hineinschlagen, alles gleichzeitig. Ich wunderte mich, wo all diese Kraft herkam und ich wurde gar nicht müde. Ich kam zwar außer Puste, aber es ging dann immer noch weiter. Also ließ ich das interessiert ablaufen. Es erinnerte mich an eine „dynamische Meditation“, die ich einmal probiert hatte, und bei der es darum geht, unterdrückte Gefühle hochkommen zu lassen – nur daß diese Situation von allein enstanden war.

Ich war schon schnell bei der Hand mit vorschnellen Einordnungen (Verstand), ich sei jetzt völlig unbewußt und ganz im Alltag versunken. Die Schlußfolgerung, sobald ich mich nicht schwach fühle sondern kraftvoll, „muß“ ich im Wachschlaf sein. Mir wurde auf einmal völlig klar, wie schmalspurig, negativ, asketisch, selbstmitleidig, rückgratlos, schwächlich und lebensverleugnend meine Auffassung ist, was „spirituell“ sei – selbst wenn ich das vordergründig gar nicht zugebe oder auch versuche, anders darüber zu schreiben – z.B. über Lebenskraft.
Nein, ich vermeide alles in dem Zusammenhang sofort und mit einer ausgeprägten, mechanischen Sturheit, wenn mir wirklich einmal etwas passiert, was über das übliche, gedrosselte Maß hinausgeht.

Überhaupt versuche ich ständig, alles, was ich erlebe, in bestimmte Kategorien einzuordnen, was mir dann als „Verständnis“ erscheint, wenn es nur eine ordentliche Schubladen dafür gibt. Geht etwas darüber hinaus, fange ich an, bei anderen nachzuforschen. Mir ist schon öfter aufgefallen, daß ich v.a. bevor ich zur Schule kam, alles, was ich an Literatur über Psychologie, Philosophie, Esoterik oder Selbsterkenntnis in die Finger bekam, nach genau solchen Schubladen und Begriffen absuchte, um weiter einordnen zu können. Diese Tendenz muß ich erstmal durchschauen und dann kann ich das sofort vergessen. Es ist natürlich völlig widersinnig, immer noch Begriffe und „Nahrung“ zu wollen, wenn es darum geht, bei mir selbst nachzusehen. Und natürlich mußte ich das auch erst, wenn auch nur ganz unterschwellig, verstehen, daß das Lumpensammeln bei anderen eben nicht befriedigt, sondern die Sehnsucht nach echter Wahrheit sogar noch immens verstärkt. Aus diesem Sehnen entsteht dann ein magnetisches Zentrum, das Wahrheit zwischen all den Worten überhaupt erst erkennen kann.

Zuhause war ich noch völlig aufgeladen. Ich ging gleich wieder raus und laufen, denn ich wollte mich weiter austoben und diese Dinge weiter hochkommen lassen. Wie ein Verrückter lief ich den steilen Berg auf einer der üblichen Routen hoch. Aber nicht aus Zwang sondern aus einer Art kindlichen Freude. Es war, als öffnete sich dabei etwas in mir immer weiter. Ganze Schauer überliefen mich und immer neue Wellen von Wut und Freude und Kraft fuhren durch mich durch. Ich lachte und ließ tiefe Schreie und Geräusche in der Dunkelheit los, wie es gerade kam, stampfte und schlug in die Luft.

Später zurück im Zimmer beruhigte sich beim Dehnen alles von selbst. Ich fiel sogar ganz bis in eine tiefe Ruhe und fühlte mich danach sehr ausgeglichen.

Nicht-Existenz

Etwas stimmt hier nicht. Ich kann nicht richtig wütend sein. Es muß unzählige Puffermechanismen geben, die mich davon abhalten.

Mir war das gestern schon aufgefallen. Diese Sache mit dem Übertragen der eigenen Sichtweise auf andere hat auch einen ähnlichen Hintergrund: Vermeidung bzw. Nichtsehenwollen von Konflikten, d.h. in erster Linie, vermeiden meiner eigenen Position. Zum Lebendigsein gehört natürlich auch das Durchleben von Konflikten dazu. Wenn ich dieses Zusammenziehen und explosive Herauspressen der eigenen Kraft vermeide, dann ist alles nur lau und langweilig und ich bin nur einer, der sich versteckt, sein Leben ablaufen läßt und es verpaßt. Genau das ist Nicht-Existenz. Ich meine nicht, daß ich stattdessen ständig irgendwelchen Streit und schlechte Stimmungen austragen sollte, sondern es geht um Selbstausdruck, bzw. um Nicht-Existenz. Das Konfliktvermeiden ist ein Haken, an dem diese Vermeidung von Kraft zum Vorschein kommt.

Heute hatte mir der Chef über Telefon ein paar bruchstückhafte Anweisungen gegeben und war dann nicht mehr erreichbar. Ich konnte mir wegen einer großen Unordnung den ganzen Vormittag keinen Reim auf einige Details machen, auch nicht durch das Nachfragen bei Lieferanten, etc.
In dem Moment entstand dann Wut, eine Reibung, weil ich nicht alle Informationen hatte, um selbständig handeln zu können. Diese Art von Abhängigkeit ist grauenvoll. Denn sie zeigt am deutlichsten das Arrangement der Abgabe von Selbstverantwortung. Selbst mit Anstrengung kann ich die Selbstverantwortung in so einer Situation nicht übernehmen, einfach weil die umfassenderen, selbstgeschaffenen Umstände es nicht zulassen.

Aber nochmal zur Wut. Die entsteht aus einem Zwiespalt, den ich nicht auflösen kann. Sehr schnell entsteht dann eine Projektion, es muß jemand dafür verantwortlich sein. Also natürlich der chaotische Chef, der seine Aufgaben nicht erfüllt. Der gleiche Vorgang läuft bei zwei anderen auch noch ab, die ebenfalls mit dem Büro zu tun haben.

Ich schrieb dann einen deutlichen Brief, indem ich schilderte, wie ich mich fühlte, warum und was ich statt dessen wollte. Aber es gelang mir nicht, Wut zu spüren. Nur eine laue Spannung und Genervtheit. Das fand ich falsch und richtig verdächtig. Als ich alles aufgeschrieben hatte, wurde ich sogar noch immer ruhiger und entspannter.

In der Mittagspause fühlte ich mich nicht besonders, irgendwie übervoll und blockiert, und ich wollte nichts essen. Stattdessen legte ich mich abseits in einer nahegelegenen Wiese für ein paar Minuten ins hohe Gras und fiel dort in eine Art Halbschlaf wie in ein dunkles Loch. Nachher war diese Ruhe noch ausgeprägter. Aber ich hatte auch den deutlichen Eindruck, daß unter einer Pufferschicht noch viel mehr brodelt und gärt, zudem ich nicht durchkomme.

Als der Chef am späten Nachmittag nochmal anrief, kam ich auf den Brief zu sprechen. Es kam dann wieder hoch. Daraus entwickelte sich dann ein ausführliches Gespräch. Mir ist noch nicht ganz klar, was dabei passiert ist. Der Ablauf war so, daß ich zuerst alles vorbrachte. Er reagierte mit Unverständnis und meinte, es müßte eben mehr improvisiert werden, also eigenverantwortlich gehandelt. Er verstehe das alles nicht, das sei ihm zu kindisch, meine Vorschläge zu umständlich und zu bürokratisch (die Führung des Büros auf drei Leute zu verteilen führt bei der mangelnden Ordnung einfach zu einer immensen Zeitverschwendung, allein schon durch Zusammensuchenmüssen der Informationen).

Ich konnte seine Position gut nachvollziehen (wie eigentlich in den meisten Fällen bei anderen – das macht es nicht leichter). Ich hätte auch einfach stur auf meiner Position beharren könnnen. Das wäre dann vielleicht mutig gewesen, in dem Sinn, daß ich in der Situation eben so war. Aber es hätte nichts geändert, weder für mich noch an dem Ablauf. Also versuchte ich, ausführlicher zu erklären, was so offen vor mir lag: Wie eingeschränkte, negative Sichtweisen auf andere entstehen aufgrund eigener Gefühle (Gefühl: Reibung an einer unauflösbaren Situation/Wut/Enttäuschung von Erwartungen -> abgeleitet Sichtweise/Projektion: der andere macht seinen Job nicht richtig/der macht das aus Provokation/etc.). Gleichzeitig versuchen alle, ihr Bestes zu geben (zumindest gibt es niemanden, der sich drückt oder widerwillig wäre). Aber etwas fehlt. Eigentlich wird am gleichen Strang gezogen, nur jeder versteht etwas anderes davon im eigenen Kopf. Aber das Schlimmste: Das wird nicht ausgesprochen, sondern es gärt und stinkt in den Beteiligten. Genau so war es bei mir auch und ich wollte das nicht. Ich wollte, daß das rauskommt.

Am Ende des Gesprächs war tatsächlich alles heraus, was ich sagen wollte. Aber ich bin mir nicht sicher dabei. Es lief so ab, daß ich ständig versuchte zuerst die Meta-Ebene zu klären (was sind Sichtweisen und Einordnungen von wem, also mir, anderen, die des Chefs) und dann gleichzeitig meine eigenen Belange auszudrücken, sobald ich merkte, daß die Ebene klar war.

Ich versuche also, den anderen zuerst zu manipulieren, auch wenn ich Verständnis erzeugen oder eine offenere Haltung hervorrufen will. Dann erst zeige ich mein echtes Gesicht, wenn die Möglichkeit besteht, verstanden zu werden.

Ich weiß nicht, ob ich mich jetzt nicht einfach ziemlich psychologisch verbogen habe, um einen Konflikt zu vermeiden. Doch ich sehe nicht, wie eine reine Konfrontation etwas geändert hätte. Vielleicht hätte ich mich mutig gefühlt. Der Chef hätte dann seine Position als Chef beziehen können und damit wäre es vorbei gewesen. Aber eigentlich ging es mir darum, daß etwas geklärt würde. Und ich hatte sogar das seltene Gefühl, verstanden worden zu sein. Das hat gutgetan. Aber genau dieses Harmoniestreben ist ein Merkmal von Nicht-Existenz. Wie gesagt bin ich nicht sicher. Aber in der Richtung gibt es noch viel genauer anzusehen.

Negative Außenorientierung = fehlende Eigenständigkeit

Momentan arbeitet der letzte Hinweis von GL stark in mir. Was ist es, das ich nicht tue? Was ist der Hintergrund, daß ich Negativität produziere, weil ich auf andere schaue? Wer seine Kraft darauf verwendet, zu tun was er will, für den gibt es nichts anderes. Dann vergrößert sich diese Kraft der Eigenständigkeit. Die übrigen Informationen und Einflüsse können dann kommen, aber sie treffen auf etwas anderes, nicht auf vor Angst erstarrte Hilflosigkeit und einen Nährboden, auf dem sie sich in die Seele fressen können.

Aus irgendeinem Grund bin ich sehr anfällig für derartige Außeneinflüsse. Wenn etwas kaputt oder krank ist, dann leide ich sehr stark darunter. Das geht sogar weiter als ich unter persönlichen Verlusten oder Niederlagen leide. Es zieht mich geradezu an mit einem faszinierenden Schrecken, von dem ich die Augen nicht wenden kann. Es trifft mich sehr tief und erschüttert mich ganz unten. Dann schaue ich ungläubig auf und verstehe nicht, wieso meine Mitmenschen nicht im gleichen Maß erschüttert sind anngesicht der Ungeheuerlichkeit und gleichzeitigen Offensichtlichkeit. Sondern sie machen einfach mit einem kurzen Schulterzucken weiter.

Mein Impuls ist dann immer nach außen gerichtet: Ich will etwas mit diesen anderen machen. Ich will dort etwas manipulieren, irgendwo mitmachen, letztendlich die Welt retten, etc.

Wenn ich mich darauf fixiere, das Falsche, Verlogene, Dumme, Kaputte in der Welt zu sehen, mache ich mich damit kaputt. Meine Aufmerksamkeit ist das wertvollste in meinem Leben. Es geht nicht um „Positives Denken“ (das ist nichts anderes als Selbstbetrug, weil es etwas absichtlich auszublenden versucht, was als negativ bewertet wird), sondern um praktisches, direkt gelebtes Leben.

Alles, was mich interessiert, geht immer nach außen. Ich habe kaum etwas für mich. Alles, was ich aus eigenen Antrieben tue, kommt mir bald zu klein und zu unbedeutend vor, zu unwichtig als alles andere draußen. Was ich fehlende Eigenständigkeit genannt habe, ist gleichbedeutend mit fehlender Selbsterkenntnis. Ich weiß nicht, wer ich bin, schon auf einer ganz praktischen Ebene nicht.

Deswegen bin ich ein Diener und Anhänger von anderen, einer, der nur mitmacht. Ich brauche andere. Nicht wegen Zustimmung, sondern wegen deren Vorgaben, an die ich meine Selbstverantwortung abgeben kann.
Wenn ich das nicht habe, dann begegne ich der Angst vor meinem Leben.

Es gibt aber noch nicht einmal ein Problem dabei, irgendwo mitzumachen. Nur gleichzeitig etwas anderes, Eigenes zu wollen und weil ich das nicht tue, mich über andere aufzuregen – egal, wo ich hinkomme – paßt offensichtlich nicht zusammen.
Es gibt gleichzeitig immer diese andere Kraft, die mich in die Unsicherheit zieht – ein Gefühl, etwas nicht gefunden und nicht getan zu haben.

Geschlechtszentrum mit eigener Energie

Ich erlebte in letzter Zeit einige Momente von starkem sexuellem Verlangen, das ich bisher in der Stärke und Reinheit tatsächlich nicht kannte, bzw. noch versucht habe, in etwas anderes umzumünzen. Ich hatte immer gemeint, bei mir wäre dieser Trieb allgemein weniger stark als bei anderen. Das war alles Unterdrückung der Energie und Ablenkung in andere Bereiche durch Puffer. Es entspricht auch sehr gut dem, wie Wilhelm Reich den Vorgang auf sehr ähnliche Weise beschreibt.

Ich verstehe jetzt besser, was Gurdjieff über die Arbeit des Geschlechtszentrums sagt. Das Geschlechtszentrum war bisher mit anderen Zentren verbunden und hat mit falscher Energie gearbeitet. D.h. bisher waren bei mir viele moralische und sentimentale Assoziationen wirksam, die mittlerweile immer mehr wegfallen.

Dadurch kommt es zu einer Art Reinigung. Sex ist kein Problem mehr und verliert auch noch das letzte Bißchen von „Unreinheit“, das in mir noch wirksam war. Das alles passiert nicht einfach im Kopf, indem ich jetzt anders denke, sondern es ist ein ganz direktes Empfinden.
Die Bedenken, daß Sex dadurch herzlos, kalt und unpersönlich wird, erweisen sich als völliger Trugschluß auf falscher Ausgangsbasis. Es passiert sogar etwas Gegenteiliges. Erst wenn ich selbst weiß, was ich als Mensch bin und will, kann ich einem anderen sein Leben und seine Ausbreitungsmöglichkeit voll zugestehen. Hindernisse wie falsche Scham, Ängstlichkeit oder Peinlichkeiten und andere Unklarheiten, fallen weg. (Das meint G. mit der Umschreibung, im Zusammenhang mit dem Geschlechtszentrum gebe es keine negativen Empfindungen.) Es wird alles viel menschlicher und normaler. Die ganze Atmosphäre ändert sich von einem Tun/Wollen/Versuchen/Richtig-machen-wollen/usw. zu einem viel freieren Geschehen und Geschehen-Lassen.
Und dazu braucht es nichts im Kopf und kein Wort braucht darüber großartig verloren werden. Es passiert alles auf einer ganz anderen Ebene, die jeder versteht. Ich erlebe das jetzt nicht völlig neu, aber deutlich vertieft.

Das höhere Gefühlszentrum soll mit dem Geschlechtszentrum auf einer Stufe stehen. Das verstehe ich jetzt so: Erst wenn jemand sexuell eigenständig und von der umgebenden Kultur frei ist, entwickelt sich ein anderes Gefühl gegenüber dem Leben. Doch zuerst ist wichtig: Im Leben geht es um Überleben, Nahrung und Sex. Das klingt noch banal und dumpf. Aber solche Assoziationen entstehen genaugenommen durch Puffer. Wer das auf dieser Ebene „löst“ ohne die Puffer zu erkennen, bleibt dabei hängen, Freiheit wäre, instinktive und sexuelle Befriedigung zu bekommen.

Die Tatsachen dagegen nicht zu verleugnen, zu relativieren oder mit Assoziationen zu belegen, hat eine ganz andere Auswirkung. Es ist nötig, ganz deutlich bei sich selbst zu empfinden, wie die Lebenskraft wirkt – was Erotik im Kern ist – ohne es zu bewerten oder andere Gedanken und Gefühle mit hineinfließen zu lassen. Das bedeutet es, wenn das Geschlechtszentrum mit eigener Energie arbeitet.

In Ordnung sein können

Nachdem ich in der Stadt noch etwas erledigt hatte, besuchte ich M. Wir gingen spazieren. Es ist anfangs immer ein unangenehmes Gefühl, mit den Unklarheiten zu tun zu haben, von denen ich jetzt freier bin. Sie hatte mir einige Zeit vorher per SMS eine Frage gestellt, welche Bedeutung sie denn für mich hätte.

Sie hat keine Bedeutung für mich. So schlimm das klingt. Aber im Grund stimmt das noch nicht ganz, denn es wird sehr viel unterschlagen. Ich finde die Frage schon ganz falsch und suggestiv gestellt, so daß nur noch etwas Falsches herauskommen kann, denn es ist dann nur eine Antwort möglich innerhalb des Bereichs, den die Frage vorgibt. Genaugenommen hat niemand eine Bedeutung für mich, in dem Sinn, daß es mich irgendwie von der Verantwortung für mein Leben entbinden würde oder daß ich einen solchen Einfluß auf jemand anderen haben könnte. Viele warten nur auf den „richtigen Partner“, und wenn der endlich gefunden wäre, würde das Leben Sinn machen und „Bedeutung“ haben. Wer sich selbst nicht lieben kann, der ist abhängig von solchen Bestätigungen und Bildern, die er sich selbst konstruiert oder bereitwillig von anderen übernimmt.

Es gab bisher immer Menschen, mit denen ich mich tiefer verbunden fühlte, ganz unabhängig vom Geschlecht. Das hat für mich jetzt mit Sex und mit dem, was Liebe genannt wird, nichts mehr zu tun, obwohl ich es sehr lange krampfhaft damit in Verbindung bringen wollte. Sex ohne emotionale Zuneigung ist für mich unmöglich. Aber ich kann mich nicht emotional auf einen Menschen einschränken. In dem Moment, in dem eine Abmachung wie eine Beziehung hereinkommt, bricht ein großer Teil weg, den ich dann nicht mehr empfinden darf. Dann kann ich nicht mehr offen sein, ich fühle mich kontrolliert, eingesperrt und abhängig und laste das auch noch einer anderen Person an. Es mag sein, daß ich innerlich einfach nicht frei bin und hier nur etwas konstruiere, aber momentan empfinde ich es so, daß es allein diese konkrete Freiheit ist, die mir guttut.
Wenn dann mein Schicksal wäre, keine einzige Frau mehr zu treffen, dann wäre es eben so, aber das, was ich empfinde, kann ich nicht verraten.

Ich habe es anscheinend verloren, mich über die Maßen für einen einzigen Menschen begeistern zu können (mich zu verlieben).

Was ist also da? Gegenseitige Sympathie und körperliche Anziehung, die sich immer wieder neu ergibt. Ich stehe dem dann fast jedes Mal wieder ohne Erklärung und quasi machtlos gegenüber. Für den Verstand wäre es sogar einfacher, wenn es das nicht gäbe. Aber ich kann, wie bei vielen anderen Dingen, nicht mehr anders, als das passieren zu lassen, weil sich sonst etwas tief in mir sträubt.

Ohne mir etwas anzumaßen oder einzubilden, es hätte etwas mit mir zu tun oder dem, was ich tue, hat die Geschichte ohne jede intellektuelle Beschäftigung offensichtlich einige tiefergehende Auswirkungen mit Hochs und Tiefs auf M., aber darum geht es hier nicht. Für mich: Bei Sex gibt es keine Bedeutung. Was sollte denn die Bedeutung sein (was ja nur etwas im Kopf sein kann)? Beziehung oder irgendein Zukunftsprojekt finde ich an der Stelle, wo ich gerade bin, abwegig und abstoßend. Ich zweifle manchmal auch, inwiefern ich nicht einfach nur verantwortungslos und unreif bin. Aber wenn das so ist, dann bin ich das zum ersten Mal konsequent und ehrlich.

Nach dem Spaziergang bereitete ich mich zuerst aufs Gehen vor, während plötzlich ihre spätere Verabredung abgesagt wurde. Dadurch entstand ein unvorhergesehener Raum, in den sich wie in einer Welle ausbreitete, was vorher durch die Unklarheiten und Klarstellungen unmöglich, gestutzt und getrennt schien. Erst durch die Klärung war jetzt wieder eine Annäherung möglich, die sich echter und freier anfühlte. Und obwohl ich im Kopf immer schon gedacht hatte, ich sei „frei“, bekommt das jetzt erst eine konkrete Füllung. Ich kann jetzt sagen: Das erste Mal ist Sex für mich jetzt durch und durch von jeder Problemhaftigkeit befreit. Und das hat nur mit mir selbst zu tun und nichts damit, was passiert. Und es bedeutet auf keinen Fall, daß das jetzt in irgendeiner Form anders oder besser wäre, als das, was ich bisher erlebt habe. Das Wichtigste ist einfach nur dieses Gefühl und das Wissen, völlig in Ordnung zu sein, wie ich bin. Ich kann nicht einmal erklären, an was das genau liegt. Aber es verändert sich alles dadurch.

Autopilot – Das, was von selbst passiert

Ich versuche immer noch, etwas zu steuern und scheue mich vor der Lockerheit. Richtige Gewissensbisse stellen sich ein, mich ganz einfach und so völlig entspannt fühlen zu lassen. Etwas hält dagegen, als dürfte ich das nicht, als würde immer noch eine versteckte Pflicht warten, irgendetwas, das ich vergessen habe, das ich nicht erfüllt habe und das irgendwann über mich hereinbrechen wird. Aber da ist nichts, außer etwas, das ich konstruiere.

Morgens war ich sehr traurig.

Mittags besuchten mich meine Eltern, und es war entspannter als sehr lange. Es gab einige Punkte, an denen sich bei mir wieder alles zusammenzog. Eines wurde mir klar: In dieser Familie gibt es einen bestimmten Vorgang, den anderen an einem Punkt von Schwäche, von Verletzlichkeit und Selbsterkenntnis zu provozieren, zu verschrecken, abzuschneiden, statt das Aufkeimende zu unterstützen, solange es noch sehr wackelig ist. Besser wäre noch, gar nichts zu sagen. Der Ablauf ist nicht deutlich, sondern sehr subtil. Es hat damit zu tun, sich selbst nichts zuzutrauen, sich selbst nicht der Schwelle der Unsicherheit zu stellen, sich selbst nicht wertzuschätzen und dadurch auch die zarten Versuche der Selbstentfaltung beim andern im Keim zu ersticken. Das ganze läuft so versteckt ab, daß oberflächlich genau das Gegenteil gesagt werden kann. Es ist etwas Unterschwelliges, das auf einer ganz anderen Ebene ausgetauscht wird, etwa Körpersprache und Schwingungen in der Stimme. Dahinter steckt ein bestimmtes Mißtrauen und eine tiefsitzende Resignation dem Leben gegenüber, die sehr traurig ist und micht trifft. Die kann dann mit gespielter und überheblicher „Lebenserfahrung“ abwinken, das wäre eh zwecklos, wozu all die Mühe, etc. Wer so empfindet, hat schon von Grund auf verloren. Der zerstört sich selbst. Das zu sehen, war wichtig. Es hat nichts mit mir zu tun.

Nach einem längeren Spaziergang, während ich mit ihnen in einem Cafe saß, kam M. vorbei und gesellte sich dazu. Kurz später war ich mit ihr allein. Wenn ich meine, irgendetwas steuern zu können, schon nur darüber nachdenken zu können, was ich denn wie und warum empfinde, habe ich schon verloren. Ich habe überhaupt keine Chance, an den tatsächlichen Abläufen, Gefühlen, Stimmungen etwas zu ändern. Mir das einzugestehen, löste etwas. Ich wollte es verhindern, lieber in der bitteren Entsagung schwelgen, aber diese Freiheit und Ausprobierendürfen sind eigentlich der Bereich, wo ich etwas verliere: Die Kontrolle. Es ist jetzt wieder dieses Autopilot-Gefühl, ähnlich dem Gefühl beim Wechsel der Arbeit. Ich sehe nur noch erstaunt zu, was dabei alles passiert, das ich krampfhaft unter Verschluß zu halten versuchte.

Körperliche Seite

Dadurch, daß ich den ganzen Tag auf den Beinen bin und den Körper benutze, läuft er ständig auf höheren Touren, als wie das jemals im Sitzen der Fall sein könnte. Was ich im letzten Eintrag noch Tiefe nannte, ist vielleicht nur etwas ganz Einfaches, Physisches und eben gar nichts besonders Tiefes. Das besetzt es zu sehr mit Besonderheit. Es ist das freiere Fließen der Körperenergien, und das hat unmittelbar Auswirkungen auf mein Empfinden. Denn das kommt dadurch ebenfalls in Fluß. Es wird viel leichter und problemloser. Diese ganze Kompliziertheit sieht heute aus wie Blockaden in diesem Fluß. Ich bin mir nicht sicher, inwiefern Gedanken allein solche verfestigten Blockaden aufbauen können. Es lagert sich auch im Körper ab. Dementsprechend macht es Sinn, sich dem auch von beiden Seiten, vom Denken UND von der körperlichen Seite her, zu nähern. Diese körperliche Seite ist bei mir ganz deutlich verdrängt und unterdrückt, vor allem die dunklen, unbeherrschbaren Aspekte. Deswegen habe ich auch so eine kindliche Freude daran, das herauszulassen, diese Teile zu benutzen und auszuprobieren.

Durch die fließende Lebenskraft erlebe ich alles direkter. Da kommt auch viel mehr Wut und Ärger vor, aber auch sehr viel Zartes. Der ganze Ablauf von Wahrnehmung und Reaktion im Körper und Gefühl läuft jetzt viel dynamischer und direkter ab. Dadurch löst sich etwas in mir, und das tut gut.

Was mit dem Hinweis auf Eifersucht herauskam, ist ein wichtiger Punkt. Ich merke jetzt erst, wie schnell ich die ursprüngliche Regung sofort und ganz automatisch verdränge und in etwas Edleres verpacke. Dazu ist immer Denken notwendig. Für mich ist jetzt zuerst einmal wichtig, näher an diesem Ausgangspunkt zu bleiben. Der Zusammenhang wurde zwar schon häufiger offengelegt, aber es hat immer noch etwas bei mir gefehlt, um das annehmen zu können. Ich habe es immer noch viel zu sehr im Kopf zu verstehen versucht oder wollte es übertrieben und überhitzt produzieren, dabei ist es eine rein praktische Angelegenheit und ganz einfach. Ich muß gar nichts tun. Nur direkter Hinsehen, was sich wirklich in der Wahrnehmung abspielt.

—-

Zur Vollständigkeit hier einige Wahrnehmungen von heute, die ich einfach heruntergeschrieben hatte und die dann zu dem Eintrag geführt haben.

Heute war die allgemeine Atmosphäre viel aggressiver durch die Hitze. Jemand baute in der Gärtnerei einen überdachten Arbeitsplatz, was viel Lärm machte. Das trug noch dazu bei, daß mir alles hart und kantig vorkam. Allgemein ist es mit Lärm so: Wenn ich ihn selbst erzeuge, dann ist er nicht einmal halb so störend als wie wenn ich versuche, mich auf etwas anderes zu konzentrieren.

Nebenbei lief ein Radio. Es war eine richtige Erfahrung wie in einer anderen Welt (Disney-World oder so etwas), nachdem ich schon sehr lange keinen Berieselungsmedien mehr ausgesetzt war. Das muß man erstmal erlebt haben. Ich war über kurze Zeit sogar richtig fasziniert, denn ich konnte es nicht fassen, wie penetrant die Verblödung und das Einlullen verbreitet werden. Es war, als hätte jemand eine Nebelmaschine eingeschaltet. Was für ein Verbrechen, so etwas die Wirklichkeit zudecken zu lassen.

Als dann noch von Tipps für Grillabende, Massenstaus auf Urlaubswegen und dergleichen die Rede war, durchlief mich ein Schauer, und dieses altbekannte, erdrückende Gefühl, das sich als unüberwindbare Wand aus tiefem Leiden damals in B. aufgebaut hatte, entstand wieder. Es ist das Gefühl von unglaublicher Machtlosigkeit gegenüber einer unerklärbar großen, zerstörerischen Maschinerie, die durch Dummheit und Nicht-Wissen-wollen am laufen gehalten wird. Ich war wirklich geschockt, als mir klarwurde, in welchem Ausmaß die Menschen hier schlafen. Sie lassen sich einerseits offenen Auges gängeln und nach Strich und Faden verarschen und werden gleichzeitig mit einem Überangebot an Ersatzbefriedigungen ruhig gestellt und an der Leine herumgeführt. Es ist, als würde das Leben herausgesaugt, genau wie im Matrix-Film.

In einem angrenzenden Haus wurde später noch laute, aggressive Musik abgespielt, was wie ein Schock wirkte und mich ärgerte. Es war nicht so, daß ich heute gerade besonders feinfühlig war, aber es erzeugte eine sehr starke Ablehnung in mir, die ich nicht beschwichtigen oder kontrollieren konnte. Ich verstand nicht, wie sich jemand mit Absicht einer solchen Atmosphäre aussetzen kann. Wieviel muß abgestumpft sein, um mit solch drastischen Mitteln eine Regung im Empfinden herauszukitzeln? Ich war froh, wenn ich von den Geräuschquellen entfernt arbeiten konnte.

Erfahrung extremer Körperlichkeit

Gestern war ein extremer Tag. Eine Pflege-Baustelle dauerte viel länger als erwartet. Ich war am Ende fast 14 Stunden aus dem Haus gewesen und körperlich so erschöpft wie noch nie. Als ich ankam konnte ich nicht einmal mehr etwas essen. Ich legte mich nach dem Duschen kurz hin und schlief sofort ein. Um halb eins wachte ich mit noch offenem Licht wieder auf und schlief gleich weiter.

Es ist schon eigenartig, daß ich immer in solche extremen Arbeitssituationen komme. Einmal abgesehen davon und von allen Bewertungen und Analysen ergeben sich dadurch einige Beobachtungen.

Ein Traum:

Ich begleite einen Art Ausflug einer Gruppe von Studenten oder sonst einer gemeinsamen Gruppe, vielleicht auch ein Orchester, stehe aber außerhalb wie ein Besucher. Ich bin fasziniert von einer großen, dunklen, langhaarigen Frau. Irgendwann setzt sie sich unerwartet neben mich, während ich aus dem Fenster sah und fragt mich sehr offen, ob ich nicht auch dieses eigenartige, starke Gefühl spüren würde zwischen uns. Offen ausgesprochen ist es wie ein Schock. Ich sehe sie an, sie geht wieder weg. Bei den folgenden kurzen Blicken und Kontakten frage ich mich, wie ich mich darüber habe wegtäuschen können. Die Anziehung ist wie ein feiner aber sehr starker magnetischer Schleier – eine unglaublich erotische Spannung. Ihre elegante, feine aber trotzdem verspielte, freudvolle Art finde ich äußerst anziehend. Ich habe Bedenken ihr näherzukommen, denn ich bin völlig hilflos. Ich komme mir plump vor, fast wie ein willenloses Tier und schäme mich in der Öffentlichkeit mit meiner unkontrollierbaren, kaum zu verbergenden Erektion.

Wieder zurück bleibt diese Gruppe noch eine Weile in der Stadt. Ich bin auf einer Terasse und arbeite an etwas. Eine schöne blonde Frau aus der Gruppe, die mir bis dahin nicht aufgefallen war, kommt zum Garten herein und lädt mich zu einer gemeinsamen Unternehmung ein. Sie hat offensichtlich gezielt nach mir gesucht und wird immer direkter. Ich fühle mich überfahren und druckse herum. Ich finde sie erotisch sehr anziehend und habe keine Kontrolle über meine körperlichen Reaktionen. Ihre Direktheit finde ich ehrlich und provozierend, aber auch etwas enttäuschend und plump. Ich bin verwirrt. Ich sehne mich nach der anderen Frau, weiß aber nicht, wohin sie verschwunden ist. Ich ärgere mich darüber, überhaupt so etwas entscheiden zu müssen.

Ich habe recht selten Träume mit erotischem Inhalt, und dieser Traum hatte eine besonders starke Spannung. Ich bringe das in Verbindung mit der extremen Erfahrung von Körperlichkeit durch die Arbeit der letzten beiden Tage. Die Lebenskraft durchzieht dadurch alles bis in die letzte Zelle. Eine ganz bestimmte Kraft schwingt darin mit. Durch die Verbindung Körperlichkeit/Lebenskraft/Sexualität komme ich automatisch in Verbindung mit etwas wie Kraft/Willen/Männlichkeit/mir selbst und in dem Zusammenhang mit allem, was ich (schon sehr lange) gewohnheitsmäßig verleugne und unterdrücke. Dazu gehört auch das ewige, mich nicht entscheiden können bzw. wollen und lieber in Träumereien auszuweichen. Es ist geradezu die Hauptansatzstelle der Realitätsflucht. Ich sehe jetzt ziemlich genau den durchgehenden Punkt, wie das Verleugnen von mir und meinen eigenen Interessen für mich immer einfacher war als mich der offenen Auseinandersetzung zu stellen – das ist eine Sache der Veranlagung. Andere werden vielleicht nach außen gerichtet aggressiv, während aber der Vorgang von Ablehnung und Projektion im Prinzip gleich ist.

Eigene Antriebe verband ich immer mit Problemen und Schwierigkeiten, denen ich lieber auswich, denn letztendlich fürchtete ich die Erfahrung von hoffnungsloser Ohnmacht und Resignation. Ich wollte das nicht und habe deswegen etwas in mir aufgebaut, um von vorneherein diese Quelle von Leiden auszuschalten. Eine sehr große Unterdrückungs- und Verdrängungsmaschinerie baut darauf auf.

Es kam mir immer schon so vor, als wäre Sexualität bei mir nur ein zeitweises Thema mit periodischen Schwankungen und überhaupt weniger fordernd als bei anderen – also evtl. schon im Keim unterdrückt. Wenn, dann hatte ich aber auch weniger Probleme damit als andere, so kam es mir zumindest vor. Abgesehen davon habe ich aus dieser bestimmten Angst vor Problemen und Auseinandersetzungen nie weiter zugelassen, dieser Kraft nachzugehen, damit sie sich ausbreitet und verteilt, also in Ausdrucksformen von zu mir stehen, mich auszudrücken wie ich bin, selbständig, klar und unabhängig zu fühlen und zu denken, mich durchzusetzen und aufzulehnen. Die Sperre hat irgendetwas mit dem Bauch zu tun, als würde dort ein Knoten liegen und als wäre mein Fühlen, Handeln und Denken nicht wirklich mit der Quelle der Kraft verbunden, nur dürftig wie durch ein Nadelöhr.

Dazu paßt, daß ich häufig Bauchschmerzen und Blähungen habe. Besonders in Momenten, in denen ich leide, mich verkrampfe, mich am falschen Platz fühle und dann, wenn ich Erfahrungen meiner eigenen Schwäche und Bloßstellung mache. Auch die Angst spielt sich dort ab. Es hat keinen Sinn, an irgendetwas herumzulaborieren, weder an Selbstausdruck noch an Lebenskraft oder Sexualität oder Körperlichkeit. Es kommt nichts dabei heraus, zumindest nicht ursächlich. Durch das Untersuchen und Ansehen läßt sich höchstens eine dunkle Stelle erkennen, indem alle bekannten Stellen aufgedeckt werden und dann etwas übrigbleibt, was bisher unerkannt gewesen sein muß. Mehr kann ich gerade nicht machen. Ich stochere nur in den Zusammenhängen.

Der Umgang mit anderen ist momentan direkt und viel mehr „aus dem Bauch heraus“. Manchmal meinte ich dabei schon, Kultur oder Umgangsformen oder Feinheit oder sonst etwas Eingebildetes und Aufgesetztes zu verlieren. Wichtig ist aber etwas, das tiefer liegt. Feinheit/Vollständigkeit/Menschlichkeit/Reife oder wie man das nennen will, hat nichts mit ausgewählten Umgangsformen zu tun. Sie kann sich so ausdrücken und wird es, wenn die Möglichkeit dazu besteht. Bei anderen Situationen muß aber entsprechend und passend reagiert werden können. Das hat viel mehr etwas mit Realitätssinn, Kraft und Verständnis zu tun. Das ist vielleicht alles ganz banal, aber das erfahre und verstehe ich gerade tiefer und richtiggehend körperlich.

Die Umrisse der Selbstablehnung

Ich war heute nochmal arbeiten. Das verdiente Geld gab ich nacher beim Einkaufen gleich wieder aus. Durch die aktuelle, angespannte finanzielle Situation, die wirklich nicht gerade angenehm ist, ergaben sich einige Beobachtungen, denn es erhöht automatisch die Energie, um sein Leben kämpfen zu müssen. Das ist eine Ausprägung und Wirkung des Prinzips der Bezahlung.

Aus irgendeinem Grund nehme ich von vorneherein die duckende Position ein. Einmal sah ich das heute und es passierte dadurch sofort etwas anderes, was sehr interessant war. Die Körpersprache und Reaktion der anderen Person auf meine Äußerung sprach Bände. Die Kraftverhältnisse änderten sich sofort von selbst. Es war, als wäre durch mein direktes, aufrichtiges, unverhohlenes Ansprechen sofort die Wahrheit klar herausgekommen und es wurde gerechter.

Bei einem anderen Vorfall war ich blockiert, ich weiß nicht wieso. Ich war zu feige. In dem Fall ging es um die Berücksichtigung einer Schwäche von mir. Das war etwas ganz anderes als vorher mein berechtiges Interesse durchzusetzen. Das ist ein wichtiger Punkt. Mit meiner Schwäche habe ich ein Problem. Ich muß da bis zum Ausgangspunkt zurück.

Weil ich den Punkt verleugnet hatte, bekam ich nachher für längere Zeit starke Bauchschmerzen und fiel mit dem Gefühl in ein dunkles Loch. Es geht mir schlecht wenn ich mich verleugne und zwar sofort und körperlich – das geht jetzt nicht mehr! Diese Energie, die ausgedrückt hätte werden müssen, wurde giftig und ging direkt nach innen auf den Bauch. Ich will das nicht mehr! Ich war wütend, daß ich den ursprünglichen Antrieb verleugnet hatte wie ein Anfänger, aber das brachte auch nichts mehr, das war nur noch Geplänkel.

Erst in meiner aktuellen, viel brisanteren Situation verstehe ich langsam, daß ich kaum Selbstwertschätzung habe, sondern sogar viel Verachtung für mich. Woher das kommt, ist mir noch nicht klar. Jetzt zeigt sich mir langsam erst, was Selbstwertschätzung wirklich heißt und was es bedeutet, für eigene Belange einzustehen. Es geht um mein Leben, und das ist nicht übertrieben ausgedrückt. Ich habe damit noch nicht einmal angefangen. Irgendeine Schicht aus unrealistischer Bequemlichkeit, Naivität und Verwöhntheit hat mir die Sicht bisher darauf versperrt. Und das ist diesmal keine Selbstbeschuldigung oder versuchte Selbstverbesserung, sondern eine nüchterne Feststellung von Tatsachen, die ganz ohne Negativität auskommt. Es ordnet etwas, das klarer zu sehen. Selbstwertschätzung ist überhaupt erst Ausgangspunkt für das eigene Leben, etwas aufzubauen, auszudrücken und dadurch von selbst Wirkung zu erzeugen, also alles, was zu Exzellenz gehört. Aber darum geht es noch gar nicht. Für mich ist vorerst einmal wichtig, zu bemerken, was mich davon abhält, ein einigermaßen authentischer Mensch zu sein, der zu sich steht. Ich konnte auch jetzt erst sehen, wie hochnäsig ablehnend ich mich gegenüber der vorherigen Arbeit verhalten habe, was ich zwar wußte, aber nicht fühlen und mit seinen Auswirkungen überblicken konnte. Ich habe offensichtlich viel weniger Einfühlungs- bzw. Vorstellungsvermögen über die Grenzen meiner eigenen Lage hinaus als angenommen.

Mir ging viel durch den Kopf und durchs Gefühl. Diese Selbstablehnung hat etwas mit meinem Vater zu tun, außerdem mit Männlichkeit und mit meinem Selbstverständnis. Es kam mir heute so vor, als wäre ich übertragen zweimal kastriert worden. Einmal von meiner Mutter, die mich kleinhielt, damit ich ihrem Lebenstraum diene, und von meinem Vater, der mir trotz seiner Liebe und ohne es zu wissen und zu wollen immer das unterschwellige Signal gab, einen Status von Männlichkeit nicht erreichen zu können. Das zu sehen war wie ein Hammer. Es kommt ja nicht von ungefähr, daß ich sehr jung aussehe und bis zu zehn Jahre jünger geschätzt werde. Etwas in mir wirkt noch immer kleinhaltend. Ich muß endlich heraus aus der Kindheitsvorstellung und der ungesunden Abhängigkeit von meinen Eltern. Die nötige Durchsetzungskraft, die ich zur Zeit brauche, hilft dabei.

Die Ablehnung von feineren Empfindungen und letztendlich spirituellen Bestrebungen hängt sehr wahrscheinlich mit dieser Selbstablehnung zusammen. Vielleicht sogar noch viel mehr. Mir kam in denn Sinn, daß ich gerade eine Art Lösung dieses Problems ausagiere, indem ich jetzt ein körperliche Arbeit mache (zumindest ist das ein wichtiger Aspekt). Ich vermute, ein Teil des Antriebs stammt daher, zurückzugehen und mich mit dem Bild meines Vaters innerlich zu versöhnen. Ich will ihm beweisen, daß ich auch auf der Ebene etwas tauge, daß ich etwas wert bin. Mein Gott, ich laufe immer nur Gespenstern hinterher. Wo bin ich denn selbst?

Ich suchte länger im Internet nach und stieß auf einige Seiten von selbstständigen Gartenplanern und Geomanten. Etwas dazwischen müßte ich weitergedacht anpeilen. Es waren viele Bedenken, Ängste und Ablehnungen da, aber kein grundsätzliches Problem mehr, das mir den Weg versperrt. Es gibt überhaupt kein grundsätzliches Problem, wenn ich für mich Verantwortung übernehme, dem folge, was ich als Mensch will und Kontakt mit mir und meinem Leben habe. Dann gibt es nur nüchterne, praktische Fragenstellungen.

Zusammengefaßt sehe ich jetzt nach dem Eintrag zwei Grundkonflikte, die ich bezüglich Lebenskraft mit mir herumtrage: Es ist mir offensichtlich ausgetrieben worden, ein (1) selbständiger und (2) empfindsamer Mensch zu sein, u.a. unterschwellig von meinem Vater, weil er selbst damit ein ähnliches ungelöstes Problem hat. 

Aber auch hier gilt das Gleiche, wie bei meiner Mutter. Mein Vater als realer Mensch hat damit überhaupt nichts zu tun und über ihn oder seine Konflikte muß ich auch nicht weiter nachdenken. Ich muß hinsehen, was ich jetzt mit der Einsicht mache, die für sich allein schon etwas Befreiendes hat.

Nächste Seite »


 

November 2009
M D M D F S S
« Okt    
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
30  

Kategorien

RSS friendfeed