Gestern rief mich nochmal der frühere Auftraggeber wegen des Software-Projekts an. Ich sagte, daß ich weder an dem Projekt interessiert sei, noch Zeit dafür habe, was der Wahrheit entsprach. Er hätte mich aber schon beim Kunden (dem Konzern) angemeldet und einen Auftrag eingeholt nach einer Vorbesprechung vor einiger Zeit, bei der ich vage einer kurzen Projektmitarbeit zugesagt hätte. Das habe ich getan, als ich tatsächlich noch damit rechnete, diese Arbeit zu machen, um Geld zu verdienen für das nächste Jahr. Mittlerweile war aber einiges passiert und in mir ist etwas so fest geworden, daß ich es nicht mehr übergehen kann. Es ist keine Überzeugung oder sonst irgendetwas Gedankliches. Als ich mit dem Mann sprach, wurde mir das noch klarer. Sobald ich nur ernsthaft daran dachte, dort wieder hinzugehen, hatte ich ein starkes, unangenehmes Brennen im Bauch und fühlte mich wieder völlig hilflos und verloren. Es ist eine Empfindung, die ich sehr gut kenne, aber nur in einer leichteren, dafür ständig anhaltenden Variante. Dem stand ich immer hilflos gegenüber. Ich weiß jetzt mit Sicherheit: Das ist mein Gewissen, und das ist nicht nur ein Gefühl, sondern das ist jetzt eine ganz direkte Wahrnehmung, fast wie von einem Sinnesorgan. Wenn ich dem nicht folge, dann schmerzt es körperlich und seelisch.
Er versuchte es dann mit Bauchpinseln, was mich nicht interessierte. Dann zog er es auf die mitmenschliche Ebene, ich würde ihm dort Schaden verursachen durch meine unklare Vorausplanung (wobei er typischerweise immer von „Wir“ sprach und was „wir“ tun sollten). Fast hätte ich mich sogar erweichen lassen, auszuhelfen, als ich an den damaligen Kollegen dachte, mit dem ich mich menschlich und technisch gut verstand. Aber viel wichtiger war, daß durch meine Sicherheit plötzlich die wahren Verhältnisse von selbst herauskamen. Ohne jemand, der die Arbeit macht, gäbe es diese Verwalter und Dienstleister gar nicht. Ich kritisiere nicht diese Strukturen, aber für mich kam das ganze großkotzige Verhalten von den „Arbeitgebern“ heraus. In Wahrheit bin ich (und andere wie ich) derjenige, der die Arbeit, die Lebenszeit, die Anstrengung, die Liebe gibt. Und die, die davon profitieren, fahren dann mit den Cabriosportwägen herum, während sie nur die durchlaufenden Posten an Arbeitszeit verrechnen.
Durch meine Sicherheit in meiner Position war er plötzlich der Bittsteller, nicht ich derjenige, der um Arbeit fleht. Genau der Unsinn wird ja auch überall verbreitet. So als müßte man Arbeit suchen – das ist die Sicht für die Sklaven und Schafe. Was will ich denn bitte mit Arbeit? Ich will keine Arbeit, ich will Befriedigung. Und das ist kein Geld, kein Handschlag und keine goldene Uhr zur Rente, sondern das ist etwas, das ich ganz allein für mich erlebe.
Nein, ich bin nicht neidisch oder wütend auf „die“. Ich ärgere mich nur, viel zu lange in diesem ganzen Spiel mitgemacht zu haben. Ich habe versucht, dort unterzukommen, mich irgendwie einzufinden, zu arrangieren. Dabei habe ich mich verkauft, während ich selbst immer noch das Beste aus mir herausgeholt habe, ohne wirklich etwas dafür zu bekommen. Etwas Beständiges, Solides. Und weil ich das nicht hatte, hatte ich sehr viel Angst. Ich stand nicht auf eigenen Beinen und schwebte irgendwo ganz oben im Kopf und in Vorstellungen herum. Ich bin nicht schwindel-frei. Ich wußte immer, daß das für mich so nicht bleiben kann.
Was ist das, dieses Mich-verkaufen? Es ist, mein Empfinden gegen Geld einzutauschen, das die direkte Befriedigung kompensieren soll. Seit ich als Gärtner arbeite, gibt es genau das wieder, jeden Tag: Befriedigung. Und ich bade in dieser Befriedigung, ich atme sie. Ich will nur das für mich. Und dann gibt es ganz echte, ganz einfache Freude, allein bei der Arbeit, zusammen mit anderen, gegenüber Kunden, zusammen mit den Kunden, mit Zulieferern, mit anderen, etc. Es zieht sich durch alles hindurch und nimmt auch Streitigkeiten, Beschwerden und Schwierigkeiten auf, weil viel weiter unten etwas für mich stimmt. Das mag sich ändern, wenn die wirtschaftliche Situation vielleicht sehr schwierig wird, aber es gibt jetzt gerade nichts Besseres, nichts, das ich lieber erleben würde, nichts wo ich mich echter und mit dem Leben in Kontakt fühlen würde. Ich will nur diese Liebe, und das ist konkret und fühlbar, nicht abgehoben, nicht projiziert. Es ist so echt, daß ich, so wie heute, kaum weiß, wohin damit.
Nochmal genauer hingeschaut bin ich immer einem hinterhergelaufen: Zurückgeliebt zu werden. Ich wurde nicht zufällig Programmierer. Es begann mit einem eigenen Interesse und persönlicher Befriedigung beim Herumspielen und Entdecken dieses komplizierten Geräts. Doch das war sofort mit der Hoffnung verbunden, etwas Nützliches oder Erfreuliches damit machen zu können, das anderen hilft oder sie erfreut. Ein erstes größeres, abgeschlossenes Projekt war ein Klon eines Video-Spiels, das mein Vater mochte. Ich schenkte ihm das einmal bei einer Gelegenheit auf einer Diskette. Ab dann interessierten mich nur noch nützliche Programme. Meine größte Befriedigung war es, jemanden zu sehen, der ein Programm von mir bediente und etwas dabei entdeckte, das ihm gefiel oder ihm half. Diese Detailverliebtheit (jemand könnte es auch abwertend Nerd-haftigkeit oder Perfektionismus nennen; aber es ist eigentlich ein Ausdruck von Liebe) habe ich dann an Zukunftsträume und äußere Instanzen in Form von Firmen abgegeben. Die haben sich es gutgehen lassen damit. Und ich habe immer gearbeitet und gearbeitet und mich gefragt, wo die Befriedigung bleibt. Die war doch schon so lange verloren gegangen und ich lief immer noch dort herum und wurde immer leerer.
Wahrscheinlich ist es ziemlich naiv, auf diese Art und Weise Liebe zu suchen. Das ist die Liebe eines Kindes gegenüber den Eltern, die einem Schutz und Nahrung geben. Wenn diese Sicht und Herangehensweise in der Welt enttäuscht wird, ist das nicht schlecht, denn dann fällt gleichzeitig der „Glaube an Eltern“ bzw. deren Ersatz und damit an Autoritäten weg. Es gibt dann keine Obrigkeit mehr, sondern nur Menschen in ihren Funktionen. Sich dann intellektuell zum Kritiker aufzuschwingen von anderen, vom System, usw. ist nur Ablenkung von mir selbst. Habe ich denn die Frage für mich selbst beantwortet, wie ich lebe? Wenn, dann interessieren mich nur noch Menschen, die innerlich selbständig sind. Die anderen hängen eben an dieser Fragestellung, selbst wenn sie Minister oder sonst wer sind (die „dort oben“ haben sogar in den meisten Fällen am allerwenigsten von etwas Eigenem). Diese selbständigeren Menschen habe ich zwar früher auch schon wahrgenommen, aber es ist jetzt so, als ob ich eine Art eigene Grenze überschritten habe und dazugehöre, statt nur sehnsüchtig auf sie zu blicken. Es ist sogar, als gäbe es eine Art geheime Verbundenheit zwischen den Menschen, die selbst etwas haben oder tun. Sie erkennen sich gegenseitig, sie respektieren, befruchten und inspirieren sich gegenseitig.
Aber nochmal im Überblick. Liebe ich mich selbst und folge dem, dann habe ich auch mit äußerlicher Liebe kein Problem. Das ist so einfach und naheliegend, daß es nur verwunderlich ist, wie etwas wie „Nächstenliebe“ erfunden werden kann und als müßte das dann auch noch verbreitet werden. Suche ich im anderen Fall die Liebe irgendwo als Dankbarkeit oder sonst eine Art Entgegenkommen eines anderen, mag es ein Partner oder eine Arbeit oder sonst etwas sein, dann wird sich das immer leerlaufen, bis es ausgelutscht ist. Einfach, weil ich selbst nichts habe. Und dann stehe ich wieder mit leeren Händen da. Es ist sogar gut, mit leeren Händen dazustehen und dadurch ein Stück näher zu mir zu kommen. Nur dann gibt es die Chance, das ureigene Probleme, die ureigenen Fragen wirklich zu beantworten, denn nur durch die damit einhergehende Krise sind überhaupt die Notwendigkeiten und die Kräfte dazu vorhanden.
D.h. ich muß die Krise wirklich durchleiden. Es gibt keine Lösung ohne Krise, ohne Leiden und Lösenwollen. Zumindest bei mir ist das so. Ich bin offensichtlich zuwenig schlau und zu faul und träge, als daß es ohne Krise und dem Leiden unter einer Frage ginge.
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