Den ganzen Tag habe ich mich schon herumgequält. Heute ist ein Tag, wo ich überhaupt nichts mit mir anzufangen weiß. Ich fühle mich klein, bedeutungslos und völlig ahnungslos. Dieses Lebenskraftthema verfolgt mich. Schon der Versuch, mich darauf einzuschwingen, scheitert. Nein, ich fiel immer wieder in irgendetwas anderes.
Zuerst kümmerte ich mich noch um kleinere Reparaturen, was eine eigene Dynamik entwickelte. Dabei fühlte ich mich gut. Ich wußte, daß diese Unsicherheit unterschwellig weiter klafft, aber so einfache Handlungen mit festem Problem und beinahe sicherem erfolgreichen Ausgang sind doch sehr beruhigend. Da habe ich die Kontrolle.
Beim Essen bäumte sich plötzlich etwas in mir auf, und ich meinte, unbedingt eine Frau zum Tanzen einladen zu müssen, unbedingt irgendetwas tun zu müssen.
Die überhitzte Kraft, die mich da mitriß, konnte ich beobachten. Es ist nichts, was natürlich herauskäme. Es geht nicht darum, mir da etwas zu versagen, sondern um den Antrieb, den ich da verfolgte. Und der war in dem Moment Flucht vor mir selbst. Was ist das Problem bei dieser inneren Spannung und der Angst? Wieso bin ich so verkrampft? Das verstehe ich noch nicht. Wenn es kommt, dann ist es fast schlagartig, in richtiggehenden Konvulsionen.
Nein, ich wollte mir irgendetwas heranziehen, um mir das Gegenteil meiner Unsicherheit zu beweisen, statt mich darauf einzulassen.
Als ich dann im Buch von GL las, war es das erste Mal, daß ich bei etwas bleiben konnte und etwas wirklich tat. Ich wurde traurig dabei. Und das hatte nichts mit den Texten in dem Buch zu tun. Die erschienen mir heute sogar so hoffnungsvoll, umfassend und warm, wie nie vorher - meistens habe ich dort oft noch etwas als kalt und beängstigend empfunden, neben dieser unerklärlichen Anziehungskraft.
Die Traurigkeit kam von einem Wort (es hatte auch nichts mit der dort stehenden Erklärung zu tun, nur das Wort selbst): Borniertheit.
Meine Angst ist eine schreckliche Borniertheit. Ich bin völlig eingemauert darin. Das ist die Flucht vor mir selbst. Ich fühle mich geizig und kalt. Ja, ich habe immer versucht, mich zu öffnen und zu erweitern. Ich sehne mich danach. Ich verehre Großzügigkeit und Freigiebigkeit, vor allem emotionale, bin aber selbst völlig unfähig dazu, weil ich das schon mir selbst gegenüber nicht zugestehe. Das ganze Versuchen war immer so ausgerichtet, als könnte ich es irgendwann erreichen und über diesen Schatten springen. Nein, der Bremsklotz ist ganz nahe, und er wird auch nie nachlassen auf diese Weise. Ich kann ihn dadurch nur verdecken. Ich kann mir weiter vormachen, daß das immer kleiner und unbedeutender würde und ich es besser im Griff hätte.
Im Moment geschieht aber das genaue Gegenteil: diese Vorgänge laufen immer näher ab, wie unter einem Vergrößerungsglas, und es wird immer stärker. Ich ertappte mich schon bei dem Gedanken, daß die Schule schuld daran sei, ja, daß sie mir meine Probleme macht.
Es ist wichtig, daß ich das genau genug verstehe, was da abläuft. Ich habe schon andere an dem Punkt scheitern gesehen. Der Verstand funktioniert genau so - er sichert sich durch sich selbst ab. Und natürlich sind meine Probleme dann irgendwo außen, nur nicht meine eigenen.
Die Schule funktioniert hier wie eine Projektionsfläche. Jeder wird mit seinen eigenen Dingen konfrontiert. Nur ist die Schule eine entsprechende Hilfe, sozusagen das einzig mögliche Objekt, das von sich aus sagen kann, daß diese Art von Projektion völlig absurd und unmöglich ist. Der Vorgang an sich ist immer gleich. Die Objekte, die Umstände und die anderen sind schuld (z.B. daß sie mir Angst einjagen - nicht, daß ich Angst hätte und vor meiner Unsicherheit flüchten würde).
In einem anderen Sinn ist es gut, wenn diese Dinge herauskommen. Die Probleme, die ich erzeuge, sind meine eigenen und auch die Auseinandersetzung damit kann nur hier bei mir passieren. Die Schule ist in einem bestimmten Sinn völlig rein oder leer, wie ein Spiegel, der nur zurückwirft. Es geschieht da überhaupt nichts von sich aus. Die Energie kann nur von mir selbst kommen.
Jetzt fühle ich mich ganz verändert, mir wenigstens diese Verwirrung von der Seele geschrieben zu haben.
Zumindest fühle ich mich jetzt nicht mehr so völlig blockiert, wenn ich die dunklen Vorgänge heraushole, statt nur an den Punkten zu leiden, die sich dann immer weiter anhäufen.
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Ich konnte bis jetzt nichts über Lebenskraft schreiben, weil ich wußte, daß ich nur leere Worte wiederholen oder nachempfinden würde. Alles, was ich dazu sage oder aufschreibe, fühlt sich wie Lüge an. Ich bin weit davon entfernt, es vertreten zu können. Ich muß da bei mir anfangen, ganz nahe und einfach. Ich kann zwar die Ausführungen von Reich gedanklich nachvollziehen, aber ich habe mich da noch immer rausgehalten. Der schlimmste Vorgang, der dabei abläuft, ist das Wiedererkennen von intellektuellen Mustern und bekannten Gedanken: ah, kenne ich schon, abgehakt. Das ist der größte Selbstbetrug. Nichts ist klar. Klar ist es erst, wenn ich es selbst nachvollziehen kann, und das heißt leben und sein. Irgendwo muß der Anfang sein. Bis jetzt schinde ich in allen Belangen nur Zeit - und das ist das Schlimmste. Da ist es sogar noch besser, zu sagen und zu wissen, ich habe gar keine Ahnung, bisher nur geschlafen und muß endlich anfangen.