Gestern war schon um sieben Arbeitsbeginn, wie üblich bei den Landschaftsgärtnern. Zusammen mit dem Chef und D., einem Praktikanten, fuhr ich zur Gartenpflege in einem Garten in Grünwald. Der Morgen war kalt und neblig, aber aus irgendeinem Grund war die Stimmung bestens (übrigens obwohl gerade am Tag davor einige schwierigere Probleme in der Gärtnerei aufgetaucht waren). Schon während der Anfahrt habe ich soviel gelacht, wie schon lange nicht mehr. Bestens gelaunt kamen wir an und machten uns an die Arbeit. Das lief sehr professionell ab, damit meine ich, zügig, mit voller Konzentration und ganzem Einsatz. Durch die Zusammenarbeit entstand wieder eine ganz bestimmte Kraft, als würden wir immer weiter von einer Freude und einem unerklärlichen Antrieb gestützt.
Der Garten wurde vor ein paar Jahren von der früheren Firma des Chefs angelegt und gefiel mir gut. Die Auftraggeberin freute sich, als ich bei einer Pause ein paar Bemerkungen machte über die Vorzüge einiger schöner Details ihres Hauses aus den 30er Jahren. Ebenso wie über die schönen Einzäunungen, das Gartentor mit dem kunstvollen Bogen und einen schmückenden Laternenarm an der Hausecke. Das alles war von dem vorherigen Bewohner, einem Kunstschmied, hergestellt worden, wie ich dann erfuhr. Diese Qualität war einfach sofort spürbar. Ebenso freute sich die Frau später auch noch über die Pflanzen, die ich für ein kleines rundes Beet am Eingang als Winterbepflanzung ausgesucht hatte. Es war, als wäre der ganze Tag ein Erfolg. Ich schwamm in einer Art Euphorie, die durch solche Erlebnisse, Widerhall zu finden mit dem, was ich empfinde, noch richtig beflügelt wurde.
Am Nachmittag mulchte ich zusammen mit D. die ganze Fläche, was mir vorkam, als würden wir fliegen. Es war als arbeiteten wir immer schneller, aber ohne jede Hektik. Es war einfach nur tief, wenige Worte reichten, nur ein paar Blicke und Gesten, eingestreute Witze und Lachen – dahinter war ein tiefer Einklang.
Als wir am Ende die unerwartet große Menge von Schnittgut aufluden, war immer noch keiner müde, ganz im Gegenteil – es war fast wie ein Rausch. Nach dem Saubermachen und Aufräumen bekamen wir noch ein großzügiges Trinkgeld. Es ist kaum zu glauben, wie wertvoll das jetzt plötzlich ist, im Vergleich dazu, als ich das schon einmal in einem Bruchteil einer Stunde verdient habe. Das war mir damals schon beim allerersten Mal aufgefallen, als ich auf einer Dachterasse arbeitete. Jeder Euro, jede Minute, jeder Blick, jede Begegnung, jedes Detail des Lebens, einfach alles hat dann einen völlig anderen Wert, wenn diese Freude da ist. Es ist, als würde ich dann das erste Mal die Dinge wirklich erleben. Dadurch fühle ich mich zutiefst echt und lebendig und es gibt nichts, was ich dagegen eintauschen will – das ist mir das Wertvollste. Wenn ich mir das abkaufen lasse, wenn ich das eintausche gegen Sicherheit, wenn ich im Verstand lebe und der Angst erliege und klein beigebe gegenüber dem riesigen Einfluß der Allerweltssicht und all denen, die in diesem Sumpf hängen, dann verrate ich mich. Dann lebe ich vielleicht bequem und sicher, aber völlig abgeschnitten von dieser Kraft, meinem eigenen Leben. Der Traum warnt mich davor zu bremsen. Annehmen heißt, unerwartete, neue Dinge anzusehen und sie zu behandeln, statt mich zurückzuziehen. Das merke ich vor allem dann, wenn mir etwas zu hart, zu real und unangenehm oder zu schwierig erscheint. D.h. nicht, daß ich mich quälen muß, sondern ich sehe dann in dem Moment klar, warum ich nichts damit zu tun haben will: Weil ich bisher lieber in einer unechten, geistigen Welt lebte, wo ich nicht mit dieser Wirklichkeit in Berührung kam und allen Aspekten, den schönen wie den hässlichen. Nur eine Seite zu wollen, geht nicht. Es werden gerade viele Ablehnungen in mir kleingemacht.
Auf dem Rückweg war ich immer noch in dem euphorischen Zustand und auch die beiden anderen. Wir lachten wie die Kinder.
Kurz später stieg ich aus, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu meinen Eltern zu fahren. In dem Zustand war es sehr eigenartig, in die Straßenbahn zu steigen. Es war, als käme ich von einer anderen Welt, von einem Urlaub in einem fernen Land oder einer mehrtägigen Bergwanderung. Gerade hatte ich noch mit einer Frau an der Haltestelle gesprochen und hatte überhaupt mit jedem einen Berührungspunkt. In der Straßenbahn herrschte die übliche bedrückende, eigenartig zwanghafte Stimmung. Ich nahm das zwar wahr, aber es berührte mich diesmal nicht im geringsten. Ich wunderte mich eher über diese schlechte Atmosphäre. Freude ist ja immer und für alle da, wer sie nicht will, der will sie eben nicht. Aber ich dachte auch nicht weiter darüber nach. Ich fühlte mich so grundlegend in Ordnung, daß ich gar nichts anderes wollte. Gleichzeitig war wieder diese eigenartige Müdigkeit da. Nicht einfach nur körperlich, sondern es war die Müdigkeit, die damit einhergeht, wenn der Verstand langsamer ist.
Plötzlich hatte ich den Drang, aufzustehen und irgendetwas zu sagen, zu rufen, zu singen oder sonst in irgendetwas Unerwartetes zu fallen, das ich selbst nicht einmal wußte. Ich erinnerte mich an die „Happy Carriage“, und mußte laut über den Einfall lachen, unternahm aber dann nichts.
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Der Besuch bei meinen Eltern lief dann sehr ernüchternd ab. Es kam zwar nicht zu einem Eklat, aber mir wurde diesmal klar, daß keine Verbindung möglich ist. Ich hatte mich wieder darin verheddert, auf Aussagen einzugehen und anzunehmen, meine Eltern wären an Selbsterkenntnis interessiert. Es wird häufig so ein Anschein erzeugt, aber sofort wenn es zu einem Punkt kommt, der einen selbst berühren könnte, ist es sofort vorbei mit dem angeblichen Interesse und es werden die übelsten Manöver und Waffen eingesetzt. Von einer Sekunde auf die andere kann sich ein Mensch mehrmals in sein Gegenteil verwandeln und die fadenscheinigsten Ausreden und undurchdringlichsten Verwirrungen erzeugen, ohne anscheinend das eigene Empfinden von Zusammenhang zu verlieren, während ich einfach nicht mehr folgen konnte und auch nicht wollte. Ich hatte das noch nie so deutlich gesehen.
Mein Fehler war, weder selbst die Grenze sehen zu wollen noch einzuhalten, die zwischen Alltagsleben und spiritueller Zusammenarbeit besteht. Wenn es um den inneren Bereich geht, muß ein Vertrauensverhältnis bestehen und beiden Seiten muß das nicht nur zu 100% klar sein, sondern es müssen auch bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden. Es geht nicht, einfach irgendetwas hier oder dort einzubringen. Das ist nicht nur völlig wirkungslos, wenn nicht sogar zerstörerisch. Der übliche und völlig belanglose Bereich von Meinungen und Ansichten ist viel zu lau und unverfänglich. Außerdem ist es mit den eigenen Eltern wahrscheinlich sogar völlig unmöglich, in dem Bereich in irgendeiner Form etwas voranzubringen. Der Zusammenhang der Persönlichkeitsmuster ist einfach zu stark, die Verstrickungen und die Bilder vom anderen sind zu stark.
Ich war enttäuscht und mein Übereifer war mir peinlich. Nicht den Mund halten zu können ist einfach eine unreife Schwäche. Es ist der gleiche Zusammenhang wie in der Berufsschule.
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