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Freude, Einklang und Übereifer

Gestern war schon um sieben Arbeitsbeginn, wie üblich bei den Landschaftsgärtnern. Zusammen mit dem Chef und D., einem Praktikanten, fuhr ich zur Gartenpflege in einem Garten in Grünwald. Der Morgen war kalt und neblig, aber aus irgendeinem Grund war die Stimmung bestens (übrigens obwohl gerade am Tag davor einige schwierigere Probleme in der Gärtnerei aufgetaucht waren). Schon während der Anfahrt habe ich soviel gelacht, wie schon lange nicht mehr. Bestens gelaunt kamen wir an und machten uns an die Arbeit. Das lief sehr professionell ab, damit meine ich, zügig, mit voller Konzentration und ganzem Einsatz. Durch die Zusammenarbeit entstand wieder eine ganz bestimmte Kraft, als würden wir immer weiter von einer Freude und einem unerklärlichen Antrieb gestützt.

Der Garten wurde vor ein paar Jahren von der früheren Firma des Chefs angelegt und gefiel mir gut. Die Auftraggeberin freute sich, als ich bei einer Pause ein paar Bemerkungen machte über die Vorzüge einiger schöner Details ihres Hauses aus den 30er Jahren. Ebenso wie über die schönen Einzäunungen, das Gartentor mit dem kunstvollen Bogen und einen schmückenden Laternenarm an der Hausecke. Das alles war von dem vorherigen Bewohner, einem Kunstschmied, hergestellt worden, wie ich dann erfuhr. Diese Qualität war einfach sofort spürbar. Ebenso freute sich die Frau später auch noch über die Pflanzen, die ich für ein kleines rundes Beet am Eingang als Winterbepflanzung ausgesucht hatte. Es war, als wäre der ganze Tag ein Erfolg. Ich schwamm in einer Art Euphorie, die durch solche Erlebnisse, Widerhall zu finden mit dem, was ich empfinde, noch richtig beflügelt wurde.

Am Nachmittag mulchte ich zusammen mit D. die ganze Fläche, was mir vorkam, als würden wir fliegen. Es war als arbeiteten wir immer schneller, aber ohne jede Hektik. Es war einfach nur tief, wenige Worte reichten, nur ein paar Blicke und Gesten, eingestreute Witze und Lachen – dahinter war ein tiefer Einklang.

Als wir am Ende die unerwartet große Menge von Schnittgut aufluden, war immer noch keiner müde, ganz im Gegenteil – es war fast wie ein Rausch. Nach dem Saubermachen und Aufräumen bekamen wir noch ein großzügiges Trinkgeld. Es ist kaum zu glauben, wie wertvoll das jetzt plötzlich ist, im Vergleich dazu, als ich das schon einmal in einem Bruchteil einer Stunde verdient habe. Das war mir damals schon beim allerersten Mal aufgefallen, als ich auf einer Dachterasse arbeitete. Jeder Euro, jede Minute, jeder Blick, jede Begegnung, jedes Detail des Lebens, einfach alles hat dann einen völlig anderen Wert, wenn diese Freude da ist. Es ist, als würde ich dann das erste Mal die Dinge wirklich erleben. Dadurch fühle ich mich zutiefst echt und lebendig und es gibt nichts, was ich dagegen eintauschen will – das ist mir das Wertvollste. Wenn ich mir das abkaufen lasse, wenn ich das eintausche gegen Sicherheit, wenn ich im Verstand lebe und der Angst erliege und klein beigebe gegenüber dem riesigen Einfluß der Allerweltssicht und all denen, die in diesem Sumpf hängen, dann verrate ich mich. Dann lebe ich vielleicht bequem und sicher, aber völlig abgeschnitten von dieser Kraft, meinem eigenen Leben. Der Traum warnt mich davor zu bremsen. Annehmen heißt, unerwartete, neue Dinge anzusehen und sie zu behandeln, statt mich zurückzuziehen. Das merke ich vor allem dann, wenn mir etwas zu hart, zu real und unangenehm oder zu schwierig erscheint. D.h. nicht, daß ich mich quälen muß, sondern ich sehe dann in dem Moment klar, warum ich nichts damit zu tun haben will: Weil ich bisher lieber in einer unechten, geistigen Welt lebte, wo ich nicht mit dieser Wirklichkeit in Berührung kam und allen Aspekten, den schönen wie den hässlichen. Nur eine Seite zu wollen, geht nicht. Es werden gerade viele Ablehnungen in mir kleingemacht.

Auf dem Rückweg war ich immer noch in dem euphorischen Zustand und auch die beiden anderen. Wir lachten wie die Kinder.

Kurz später stieg ich aus, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu meinen Eltern zu fahren. In dem Zustand war es sehr eigenartig, in die Straßenbahn zu steigen. Es war, als käme ich von einer anderen Welt, von einem Urlaub in einem fernen Land oder einer mehrtägigen Bergwanderung. Gerade hatte ich noch mit einer Frau an der Haltestelle gesprochen und hatte überhaupt mit jedem einen Berührungspunkt. In der Straßenbahn herrschte die übliche bedrückende, eigenartig zwanghafte Stimmung. Ich nahm das zwar wahr, aber es berührte mich diesmal nicht im geringsten. Ich wunderte mich eher über diese schlechte Atmosphäre. Freude ist ja immer und für alle da, wer sie nicht will, der will sie eben nicht. Aber ich dachte auch nicht weiter darüber nach. Ich fühlte mich so grundlegend in Ordnung, daß ich gar nichts anderes wollte. Gleichzeitig war wieder diese eigenartige Müdigkeit da. Nicht einfach nur körperlich, sondern es war die Müdigkeit, die damit einhergeht, wenn der Verstand langsamer ist.
Plötzlich hatte ich den Drang, aufzustehen und irgendetwas zu sagen, zu rufen, zu singen oder sonst in irgendetwas Unerwartetes zu fallen, das ich selbst nicht einmal wußte. Ich erinnerte mich an die „Happy Carriage“, und mußte laut über den Einfall lachen, unternahm aber dann nichts.

Der Besuch bei meinen Eltern lief dann sehr ernüchternd ab. Es kam zwar nicht zu einem Eklat, aber mir wurde diesmal klar, daß keine Verbindung möglich ist. Ich hatte mich wieder darin verheddert, auf Aussagen einzugehen und anzunehmen, meine Eltern wären an Selbsterkenntnis interessiert. Es wird häufig so ein Anschein erzeugt, aber sofort wenn es zu einem Punkt kommt, der einen selbst berühren könnte, ist es sofort vorbei mit dem angeblichen Interesse und es werden die übelsten Manöver und Waffen eingesetzt. Von einer Sekunde auf die andere kann sich ein Mensch mehrmals in sein Gegenteil verwandeln und die fadenscheinigsten Ausreden und undurchdringlichsten Verwirrungen erzeugen, ohne anscheinend das eigene Empfinden von Zusammenhang zu verlieren, während ich einfach nicht mehr folgen konnte und auch nicht wollte. Ich hatte das noch nie so deutlich gesehen.

Mein Fehler war, weder selbst die Grenze sehen zu wollen noch einzuhalten, die zwischen Alltagsleben und spiritueller Zusammenarbeit besteht. Wenn es um den inneren Bereich geht, muß ein Vertrauensverhältnis bestehen und beiden Seiten muß das nicht nur zu 100% klar sein, sondern es müssen auch bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden. Es geht nicht, einfach irgendetwas hier oder dort einzubringen. Das ist nicht nur völlig wirkungslos, wenn nicht sogar zerstörerisch. Der übliche und völlig belanglose Bereich von Meinungen und Ansichten ist viel zu lau und unverfänglich. Außerdem ist es mit den eigenen Eltern wahrscheinlich sogar völlig unmöglich, in dem Bereich in irgendeiner Form etwas voranzubringen. Der Zusammenhang der Persönlichkeitsmuster ist einfach zu stark, die Verstrickungen und die Bilder vom anderen sind zu stark.

Ich war enttäuscht und mein Übereifer war mir peinlich. Nicht den Mund halten zu können ist einfach eine unreife Schwäche. Es ist der gleiche Zusammenhang wie in der Berufsschule.

Stimmung aus dem Verstand

Heute morgen ging es noch weiter. Ich fühlte mich sehr matt und ausgesprochen müde. Ich wollte mich verkriechen und hatte keine Kraft um aufzustehen. Ich wollte nicht hier sein, stehen, mein Leben leben. Stattdessen suchte ich Ausreden, ob mir nicht doch irgendetwas weh täte oder ob ich nicht krank wäre. Als mir das auffiel, war es wie ein Schauspiel. Das hatte ich ja noch nie getan.

Ich stand dann unvermittelt auf, obwohl ich mich labil und müde fühlte, allein schon, um zu überprüfen, was davon echt war. Das war kein Vorsatz, sondern ich probierte es ganz einfach aus. Ich machte mich also fertig für den Tag und dabei löste sich der ganze Zusammenhang langsam in Luft auf.

Irgendwie war dann eine Wut in mir. Zuerst kam ich mir dumm und enttarnt vor. Ich hatte einen Rückzugspunkt verloren. Und dann: Wenn ich schon nicht ausruhe, dann wollte ich mich aber auch nicht hetzen lassen von anderen oder von selbst auferlegten Ansprüchen – ich wollte mich nicht wieder vergessen, sondern bei mir sein, in Ordnung sein und mir das nicht wegnehmen lassen. Aber dazu brauche ich weder still im Zimmer zu sitzen, noch kann mir das jemand wegnehmen. Es kann auch nicht abhanden kommen, wenn ich aktiv bin. Was so zehrend ist, ist Identifizierung und Konventionen.

Als ich gut durchgewärmt mit dem Rad in der Gärtnerei ankam, war ich nicht nur bester Laune, sondern das ganze Scheinproblem war verschwunden. Ich fühlte mich wieder in Kontakt und dieses Grundempfinden hielt auch den Tag über an.

Die Geschichte hat mit dem Verstand zu tun. Es war eine bestimmte Stimmung, die durch den Verstand aufgeblasen wurde. Ich hatte den Eindruck, ich würde nie irgendwohin kommen und als sei genau das die Wahrheit. Das hatte mich getroffen und die Reaktion war dann, in Hilflosigkeit zurückzufallen und diese ganze leidende, selbstmitleidige Reaktion zu hätscheln.

Dieses Gefühl der Ausgelaugtheit versuchte mich an einem bekannten Punkt festzuhalten. Die Reaktion war dann, mich verstecken und in mich einsinken zu wollen. Doch gerade dahinter geht es weiter. Dahinter muß ich mich ganz dem Leben hingeben und das behandeln, was gerade da ist. Das abzulehnen steckt also in Wahrheit hinter der Angelegenheit. Die Verantwortung zu übernehmen führt aus dem Verstand heraus. Dann erlebe ich erst zu 100% und das bringt auch die Kraft dazu. Kraft ist nie einfach nur da. Ich kann sie nicht aufsammeln und speichern, und dann etwas damit machen. Das ist immer noch die alte Vorgehensweise vom einatmen, Luft anhalten und anstrengen. Das ist eine Art Hamstermentalität, hinter der Angst steckt. Die Energie entsteht quasi in dem Moment, in dem sie gebraucht wird. Das ist dann „Mitfließen mit dem Leben“. Wenn ich aus Angst davor mit dem kopfigen Denken und Taktieren anfange, dann trenne ich mich von der Kraft ab. Solange ich geistig die Nase rümpfe vor irgendetwas und mich zurückziehe, erzeuge ich eine Trennung: Eine künstliche Figur, einen vorgestellten Marco, der anscheinend etwas Besseres ist, aber „nur jetzt gerade“ mit irgendwelchen konkreten Schwierigkeiten in den Niederungen der konkreten Wirklichkeit zu tun hat.

Wichtig ist, es geht nicht darum, mich zu irgendetwas zu zwingen und mir mit verbissener Miene etwas aufzuerlegen. Es braucht nur die Verstandeswelt enttarnt werden. Wenn in einer Situation praktisch herauskommt, was sie ist und wie sie wirkt, ist das unmittelbar befreiend.

Verwirrung in Äußerlichkeiten

Ich saß gestern hier und konnte einfach nichts schreiben. Es kam nichts, ich war blockiert. Heute ging es mir nicht gut. Jetzt weiß ich, daß ich mich ziemlich tief hineingeritten habe in Identifizierungen.

Heute war schon beim Aufwachen eine unbestimmte Angst da. Ich brachte es damit in Verbindung, ziemlich viele schlechte Beispiele erzählt bekommen zu haben von anderen bezüglich der Arbeit als Gärtner, wie viele daran schon gescheitert und zerbrochen wären. Überhaupt finde ich es gerade sehr schwer. Überall sehe ich Pleiten, Schulden, ruinierte Körper, vor allem Bandscheibenvorfälle, und gescheiterte Leben. Es ist manchmal sehr schwer, zwischen all dem eine Verbindung aufrechtzuerhalten zu etwas, das bei mir in Ordnung ist. Es gibt nur sehr wenige Beispiele von Menschen, die ich als innerlich gesund empfinde.

Gestern sagte der Chef passend dazu, daß es nur funktioniert, wenn man nach dem geht, was man machen will. Sobald man in die Situation kommt, Angst zu haben und Aufträge heranziehen zu müssen oder solche anzunehmen, die nicht mit einem selbst übereinstimmen, hat man schon verloren. Dann geht es bergab.

Heute hatte ich Probleme in der Arbeit. Ich war müde und ständig gehetzt. Ich wollte früher weg, um etwas zu erledigen, aber das funktionierte nicht, weil ich nicht alles in der geplanten Zeit schaffte. Danach lief ich gehetzt der Zeit hinterher, wobei ich wußte, daß das schon zuviel war. Als ich zuhause ankam, fühlte ich mich ausgelaugt, zerfasert und entfernt. Zum ersten Mal am Tag kam ich zurück zu mir und nahm mir Zeit, eine Weile nur dazusitzen ohne etwas zu tun. Mehr will ich gar nicht. Es gibt eine Zeit für Arbeit, in der ich voll dasein muß und auch will – nur dann geht es gut, wenn ich mich voll einbringe. Aber es gibt auch eine deutliche Grenze für Entspannung. Manchmal verschiebt sich diese Grenze, so wie gerade. Ich habe immer versucht, mit Gewalt noch mehr hineinzupressen. Das geht so nicht. Daß es mir dann schlechtgeht, ist ein deutlicher Hinweis. Ich kann heute nicht zur Chorprobe gehen, auch letzte Woche ging das nicht. Stattdessen muß ich bei mir hinschauen. Ohne das ist alles andere sonst bedeutungslos und zehrend.

Gestern war ich wieder unterwegs wegen eines Auftrags zur Gartenpflege. In einem Vorort von M. kamen wir durch einen komplett neugebauten Stadtteil mit hohen, herausgeputzten, offensichtlich hochpreisigen Mietshäusern und in der Mitte ein großer Springbrunnen mit exotischen Steinen auf einer Verkehrsinsel. Diese Umgebung dort traf mich unerwartet. Die Architektur der Häuser erinnerte mich an Oberschichtwohnorte in Brasilien, völlig entwurzelte, leere Kopien von amerikanischen Vorbildern, die ja selbst auch schon entleerte Kopien sind. Es war nur noch Schein, leere, tote Fassadenfratzen mit hübscher Kosmetik, als hätte es hier in diesem Land nie etwas gegeben wie menschliche Kultur, Wert, Tiefe. Das ist jetzt also Deutschland.

Ich spiele hier nicht Kulturkritiker oder Prophet. Dazu fühle ich mich weder in der Lage, noch will ich mit so einer Pose etwas zu tun haben. Nein, es war eine ganz persönliche, körperliche Erfahrung, die mich ins Mark traf. So eine Bauunternehmung in den Dimensionen ist nämlich nicht einfach nur ein bedeutungsloses, dahergeplappertes Geschwätz von irgendjemand, sondern es müssen viele Menschen und Übereinkünfte zusammengekommen sein, Geld- und Auftraggeber, Architekten, Baugenehmigungen, usw. damit das in der Form entstehen konnte. Diese Menschen waren sich also alle auf einer bestimmten Ebene einig. Und genau das erschreckte mich.

Diese Umgebung war für mich ein unmittelbarer Ausdruck der Verwirrung und Ratlosigkeit, die unterschwellig überall herrscht und deren zum Scheitern verurteilte, immer weitergehende Kompensierung durch Ablenkung und Verlagerung zu noch mehr Äußerlichkeiten. Interessant finde ich gerade zu sehen, was passiert, wenn an einer Stelle einmal Geld vorhanden ist. Für mich kam gerade hier zu Tage, daß es überhaupt nicht klar ist, was denn eigentlich geschehen soll oder wo es hingehen könnte, wenn tatsächlich einmal an einer Stelle Wohlstand ensteht und damit die Möglichkeit etwas Wertvolles zu schaffen, etwas Neues zu entwickeln und dabei den Weg zu würdigen, der hierher geführt hat. Nichts davon war hier zu spüren, sondern einfach nur Schein und Leere. Für mich war das kein Wohlstand oder dessen Ausdruck, sondern im Gegenteil ein erschreckendes Armutszeugnis von innerer Desorientierung.

Hier liegt noch etwas begraben, das auch mit meinem Erleben heute zu tun hat. Solange ich mich darauf fixiere, was um mich herum passiert, solange bin ich davon gefangen und werde auf einer tieferen Ebene davon beeinflußt und es geht mir schlecht. Klar ist: Ich kann mich nicht abtrennen von dem, was passiert. Das wäre ein reines Konstrukt im Kopf. Aber gerade deswegen ist es nicht nur wichtig, sondern es ist für mich mittlerweile körperlich notwendig, zu mir selbst zurückzukommen und diese Verbindung zu halten bzw. wieder zu suchen, wenn sie verlorengeht.

Erinnerung

Die erste Ahnung einer „Innere Schule“ hatte ich während des Gymnasiums. Ich verehrte damals meinen Lateinlehrer, der eine seltene Ausstrahlung und eine besondere, natürliche Authorität hatte, einen väterlichen Großmut gepaart mit der nötigen Durchsetzungskraft, wenn nötig; eine sehr ruhige Grundart, die aber sehr plötzlich zu allen emotionalen Extremen fähig war wie aufbrausende Wut und Ärger, lustvolle Ungezügeltheit, poetische Feinheit (aber sehr authenthisch, nichts Gekünsteltes), und eine kultivierte Unbeschränktheit. Ein Wesen wie ich mir damals Goethe vorstellte. Damals dachte ich, es müßte irgendwo eine Einrichtung geben, um so eine Charakterfülle auszubilden, bzw. bei sich selbst zu finden. Und wenn es das nicht gäbe, dann müßte es geschaffen werden. – Jetzt weiß ich, daß es gar nicht um Charakter geht. Daran herumzumanipulieren muß immer scheitern, weil es nur hilflos an der Oberfläche kratzt. Es geht um etwas viel Grundlegenderes bei einem selbst. Wenn sich hier etwas ändert, ändert sich vielleicht auch etwas am äußerlichen Charakter, aber wenn, dann ungewollt und von selbst.

Fastender Verstand – direkteres Erleben

Es ist wirklich schon erstaunlich, wie ich immer wieder das Gleiche wiederhole: Ich schalte zuerst das Denken ein und meine dann, mich durch irgendwelche Anstrengungen, Beobachtungen, Nachforschen, Analysieren von irgendetwas Mysteriösem wie dem Verstand befreien zu können, den ich noch nicht einmal verstehe. Es ist so, als würde ich mir eine durchsichtige Brille aufsetzen und dann wie verrückt nach genau dieser Brille suchen und mich darüber beschweren, daß es so schwierig sei.

Der Ausgangspunkt ist genau jetzt. Und dann sind nur Gedankenfetzen vorhanden, Assoziationen, Einfälle, Gedanken. Dieser Hinweis, vor allem dieses Wort – Fetzen – ist genau richtig, um dem näherzukommen. Die Momente sind dann zusammenhanglos und gerade dadurch ständig neu und frisch. Das läßt sich auskosten. Ich bleibe einfach da, wo ich bin. Genau das ist Fasten des Verstandes.

Ich hatte heute das erste Mal allein einen Auftrag zur Gartenpflege ausgeführt. Es kam mir vor wie bei einem Kind, das die ersten Schritte macht – ich wußte das „natürlich“, aber trotzdem war es ganz anders, das auch zu erleben, plötzlich alles selbst in die Hand zu nehmen und zu bestimmen, welche Arbeiten ich wie mache, wie ich mit den Kunden rede, welche Pflanzen ich zum Nachpflanzen vorschlage, usw. Ich wunderte mich, genau wie bei der Führung, wie das wie von selbst lief bzw. wo all diese Unsicherheiten hingekommen sind, die mich immer blockiert haben. Diese Situation, gewissermaßen der Führend zu sein, ist eigenartig. Mein Gegenüber weiß oder versteht ja keinesfalls weniger als ich oder ist sonst irgendwie unterlegen – gemessen an Äußerlichkeiten meist sogar ganz im Gegenteil. Aber es passiert auf einmal etwas auf einer anderen Ebene. Ich habe die Verantwortung und der andere zahlt im Grunde genau dafür. Bezahlt wird für Aufmerksamkeit, für Zuwendung und Hingabe von Kraft und Lebenszeit.

Ich befand mich immer noch in einem eigenartigen Zustand aus Müdigkeit und langsamer ablaufendem Verstand. Dazu brauche ich gar keinen mysteriösen Hintergrund zu konstruieren. Es hängt wahrscheinlich mit der Zeitumstellung und dem abnehmenden Tageslicht zusammen. Trotzdem deutete diese Müdigkeit auf etwas. Es ist eine Gelöstheit da, die sehr gut tut. Für mich ist Seelenfriede, nicht pausenlos von einer Verzweiflung und Verwirrung in die nächste zu stürzen.

Auf dem Rückweg fuhr ich durch eine Gegend der Stadt, die ich noch nicht kannte. Das paßte perfekt zu meinem Erleben, und trotzdem wunderte es mich, daß es sich zwar neu anfühlte, aber trotzdem genauso wie alles andere vorher. Ich bin nämlich ständig in dieser Situation. Ich erlebe ständig alles neu, nur benutze ich eigenartigerweise so häufig den Verstand, um sofort abzuwinken und Erinnerungen samt abgeleiteten Schablonen heranzuziehen, statt direkt zu erleben. Ein ziemlicher Rechenaufwand, nur um mich aus dem Moment zu stehlen.

Langsam und mit leisem Staunen fuhr ich also auf dem Rad zurück. Da ich noch den Anhänger dabeihatte, ging ich gleich noch einkaufen statt zuerst nach Hause zu fahren. Im Geschäft war es, als wäre ich plötzlich in einer völlig anderen Welt. Zuerst fand ich es erstaunlich, wie stark Kleidung auf mein Selbstbild wirkt, besonders, weil ich mir so vorkomme, als wäre ich ziemlich unabhängig von Äußerlichkeiten. (Vielleicht komme ich sogar nie davon los, und wieso müßte ich das auch.) Ich stand also in dreckiger Arbeitskleidung im Laden und suchte meine Dinge zusammen. Ein Teil schämte sich und wollte etwas anderes präsentieren, nicht so ein zerzaustes Bild. Ein anderer Teil fand das richtig gut, so wild und anders auszusehen – eigenartigerweise war beides auf einmal vorhanden. Ich verstand in dem Moment die Begriffe widerstreitende Ichs, Selbstbild und Identifizierung. Das löste etwas und das Augenmerk verschwand einfach. Ich könnte sagen, ich bin immer schon ich selbst, aber so war das nicht und es wäre nur eine Geschichte, die ich jetzt erfinde. Der Widerspruch, dieser Gedankenfetzen, war schlagartig nicht mehr da, sondern es blieb völlig unverblümt das zurück, was ich in dem Moment erlebte.

Ich kann mich nicht erinnern, jemals so ruhig und ich selbst gewesen zu sein in so einer Situation. Gleichzeitig gehörte ich überhaupt nicht mehr zu dieser Welt, sondern kam mir vor wie in einem ablaufenden Film. Die debilen Werbedurchsagen waren der blanke Hohn für einen Menschen – ich mußte lachen. Genauso erlebte ich das Zeitschriftenregal, das mich richtiggehend anschrie, überbordend mit Verblödung und Verfälschung – ich fand es jetzt kurios, daß es das tatsächlich gibt. Der Supermarkt war wie ein kleines Abbild der Welt. Es gibt hier natürlich auch Echtes, denn essen muß jeder, aber Echtes und Ablenkung davon ist bis zur Unkenntlichkeit miteinander vermischt und erkennen kann das nur jeder für sich selbst. In dem Zustand hatte ich einen ganz anderen Zugang zu allem und ich nahm sehr intensiv wahr. Die beiläufige Begegnung mit einer Mitarbeiterin oder eine unbekannten Frau, in deren Augen ich beim Aufsehen zufällig hineinfiel oder das Wesen eines Mannes, der mit seiner Begleiterin ernsthaft mehrere Minuten darüber diskutieren konnte, welche Schokolade er denn jetzt nehmen solle – „aber denk noch an den übrigen Kuchen“. Ich erlebte das alles, egal was, total und unmittelbar und war hingerissen und fasziniert davon. Vielleicht war ich dazwischen immer wieder einfach staunend stehengeblieben.

Zuhause angekommen fiel ich sofort wieder in den gelösten Zustand, in dem ich schon aufgestanden war. Ich wollte nichts mehr tun, obwohl es noch mehrere Beschäftigungsmöglichkeiten gab. Es reichte mir, einfach nur hier zu sitzen und die entfernte Kirchenglocke durch die kühle Luft des trüben, grauen Tages zu hören.

Selbstbezogenheit

C.s Tagebucheintrag hat beim Lesen etwas ausgelöst (so wirkt ein Text, der aus Selbsterkenntnis entstanden ist: einmal für einen selbst und dann auch für den, der ihn liest – aber wieder ganz neu und anders). Ich meine, ich schrecke nicht so sehr vor der Empfindung zurück, allein mit mir klarkommen zu müssen oder allein zu stehen, sondern ich bin der Verstandessucht verfallen, weil ich das so WILL. In meinem Fall ist es tatsächlich wortwörtlich eine Sucht. Ich erhalte sie aufrecht, aber ich verstehe noch nicht klar genug, warum. Es ist eine künstliche Aufplusterung, ohne die es aber genauso geht. Ich mache mich auf eine bestimmte Weise wichtig, vor mir selbst und mache mir damit etwas vor. Ich sehe jetzt gerade sehr viel Selbstbezogenheit. Ich weiß nicht, ob sich das ändern wird oder überhaupt ändern läßt. Aber wieso will ich überhaupt etwas ändern? Das ist schon die Falle, mit der ich daran herummanipuliere, statt wirklich hinzuschauen. Diese Selbstbezogenheit hat eigenartige Züge. Es ist nicht die Selbstbezogenheit von anderen, die dann mehr Bequemlichkeit, Vergnügen und Zerstreuung suchen. Es ist eine Selbstbezogenheit, die sich aus einer Anti-Haltung demgegenüber definiert. Aber damit hänge ich genauso im Sumpf und bin nicht frei. Ich fühle mich besser als andere, komme aber gerade deswegen nicht vom Gegenteil los. Deswegen starre ich also immer soviel auf andere. Am letzten Eintrag war mir das wieder sehr stark aufgefallen und ich hatte herumgerätselt, wieso ich mich so darauf fixieren kann.

Selbstgestalteter Tag

Heute hatte ich mir freigenommen, um einiges an Vorbereitungen für eigene Aufträge zu erledigen und am Nachmittag eine Führung zu leiten.
Beim Aufwachen fühlte ich mich körperlich leer. Meine Stimmung war zwar gut und ich freute mich auf den Tag, aber trotzdem war kaum Kraft vorhanden. Es war, als wäre es völlig egal, was ich tue und ob ich überhaupt etwas tue. Das geht doch nicht – gerade jetzt, wo einmal Eigenantrieb gefragt ist. Aber es ging nichts mit diesem Eigenantrieb, der bisher mehr ein falsches Aufpumpen und Druckaufbauen war – einatmen, Luft anhalten, anstrengen.

Aber es ging dann auch anders. Es mußte anders gehen, weil ich gar nicht fähig war und die Kraft hatte, irgend eine künstliche Anstrengung zu unternehmen. Es entwickelte sich dann alles auch völlig anders als geplant, d.h. ich tat einfach gerade das, was ich wollte, bzw. was geschah. Es war mir völlig zuwider, auch nur an eine andere Möglichkeit zu denken. Und das funktionierte überraschend gut. Es war eine ganz neue Gelassenheit. Ich brauchte mich nicht anzustrengen.

Die Führung lief flüssig und problemlos, viel einfacher als gedacht.
Dabei war es, als würde ich mich sofort wieder in den „glänzenden Marco“ zurückverwandeln. Ich wußte dann, daß da nichts „verrohen“ oder verloren gehen kann – ich hatte mich nur immer auf diese Seite versteift, als wäre Vergeistigung und Kultiviertheit dasselbe (ich war einfach nur auf das jetzt übliche falsche Bild hereingefallen, daß Kultur und rationale Intellektualität etwas miteinander zu tun haben. In Wahrheit ist echte Kultur und Kultiviertheit etwas ganz anderes – sie hat mit vollwertigen, erwachsenen Menschen zu tun, nicht mit vergeistigten Schaumschlägern.) und als wäre das etwas Wahreres als der unterschlagene Rest – z.B. der Körper und solche Schweinereien. Ich war froh, durch die Arbeit eine Möglichkeit zu haben, die mich aus dieser Geisteswelt holt.

Die Fahrt zurück von M. war dann wie ein Schlag. Nach dem schönen Erlebnis mit der Führung, die gut funktioniert hat, war ich irgendwie „energetisiert“ und feiner eingestellt – das kam vor allem dadurch, auf sehr vieles gleichzeitig aufzupassen und als Führungsleiter eine ganz andere, wachere Position innezuhaben. Das hatte die Nachwirkungen, daß mir der Zug dann unglaublich verdreckt vorkam. Allein schon die Luft darin, dann die leeren Bierflaschen, die staubigen Polster. Es ist der Dreck der Achtlosigkeit, der mich abstößt. Auf einer Baustelle kann es so dreckig sein wie es will, oder schlammig im Regen, das ist kein Schmutz – aber ich finde es einfach abstoßend, wie der eigene, innere Dreck in die Öffentlichkeit geworfen wird und andere dem dann augesetzt sind. Das klingt jetzt, als würde ich immer bistiger werden, wie ein alter Mann. Aber es ist einfach so, wenn ich feiner erlebe, dann kommen mir eben schon die Zigaretten wie die Verbildlichung der stinkenden Egos vor. Die Leute verpesten alles um sie herum, weil sie gar nicht anders können, weil es in ihnen selbst schon stinkt. All die unterdrückten Dinge, die Verlorenheit und Trauer, die Verletzung und die Unerfülltheit. Wer könnte etwas einwenden, das alles zu haben, aber wieso muß denn das mit Schichten von Dreck und noch mehr Dreck verkleistert werden. Es ist doch für jeden anderen sowieso offensichtlich. An einer Haltestelle sah ich in die leeren Augen von drei Alkoholikern. Daneben sah ich auch noch eine ältere Dame, eine junge Ausländerin und ein paar andere Personen. Die Alkoholiker waren nur das drastischste Beispiel, wie sich jemand zugrunde richten kann. Aber auch in den anderen Gesichtern sah ich eine Erstarrung, die vom Wesen her nichts anderes war. Natürlich gibt es noch einen Unterschied, aber was macht es vom Wesen her aus, ob einer meint, er sei ein „cooler Hund“, ein „böses Mädchen“, oder sogar nett, gut, christlich, kultiviert oder ein „erfolgreicher Geschäftsmann“, „ein gute Vater“ oder was auch immer sich jemand vorstellt, zu sein oder sein zu müssen. Die Erstarrung zeigt sich im Gesicht. Wenn überhaupt ein Selbstbild vorhanden ist, kann alles nur noch in diesen Grenzen ablaufen.

Als ich am frühen Abend heimkam, schlief ich gleich wieder auf dem Sofa ein, während ich träumte wach zu sein und auf die Zeit zu achten. Im Liegen hatte ich wieder dieses Kribbeln in den Gliedmaßen und fühlte mich dabei ganz leicht. Doch sobald ich mich bewege, fühlt sich alles sehr schwer und müde an. Die Gedanken laufen in dem Zustand auch nur noch zäh um ein paar wenige Anhaltspunkte herum. Es ist, als wäre ich schwerelos, wenn ich mich ruhig verhalte und sobald ich mich bewege, ob körperlich oder geistig, wird es unverhältnismäßig anstrengend.

Ich wachte erst gegen 21.20 auf und strengte mich dann an, überhaupt noch zu schreiben.

Reaktionen auf andere

Heute morgen war ich noch in einem ähnlichen Zustand. Ich fühlte mich vor allem gelöst. Das ist etwas Feines, wie ein Hintergrund, vor dem alles andere wie üblich abläuft.

Das dauerte wieder bis zur Sozialkundestunde, dann kochte es wieder in mir. Diese Situation bringt mich wirklich zum Zittern und der Schweiß bricht mir aus, mitzuerleben, wie jemand wider besseren Wissens Gehirnwäsche im Sinne des Systems, bzw. im Sinne des Verstandes und eines Lügengebäudes betreibt. Was da bei mir nicht klar ist, weiß ich nicht – ich könnte doch auch einfach ruhig bleiben und mir das ansehen. Wenn ich einmal in üblichen Medienmeldungen lese, dann ärgere ich mich vielleicht auch oder ich höre sofort auf zu lesen, sobald etwas kommt, was nach dem üblichen Denken funktioniert. Dann habe ich noch eine Wahl und bin nicht so direkt betroffen, bzw. kann es noch wegschieben. Erst wenn ich es hautnah erlebe, dann hat das solche Auswirkungen.

Am Ende der Stunde hatte ich mich dann doch noch zu Wort gemeldet, um zu widersprechen – wieso sollte ich es ertragen müssen, mir soviel offensichtlichen, nachgebeteten Unsinn anhören zu müssen. Der Lehrer, den ich bisher für den kompetentesten halte, ging dann sogar darauf ein. Er stellte ein paar Gegenfragen, in denen gut versteckt offensichtlich ein paar eigene Zweifel mitschwangen, und er gab mir im Grunde recht, stellte es aber so hin, daß da nichts zu machen sei. Ich war dann ziemlich erschrocken und konnte ab einem Punkt nicht mehr weiterreden, denn dann war mir klar, daß das einerseits gar nichts brachte und ich ihn andererseits sogar noch die Möglicheit nehmen würde, selbst nachzuforschen – echtes Verständnis entsteht nur durch eigenen Antrieb und kann niemals jemand anderem durch Argumentieren aufgedrückt werden – selbst wenn ich sogar so ein guter Streiter wäre, daß ich alle Diskussionen gewinnen würde, nicht einmal dann hätte es eine echte Wirkung auf den anderen. Das wurde mir klar, als ich sah, wie tief gespalten der Mann ist und daß ich nicht „zu ihm“ durchdringen kann, sondern daß nur er selbst kommen kann. Er führt ganz offensichtlich ein geheucheltes Doppelleben – einerseits das, was er wirklich weiß und denkt, aber nicht vor sich selbst zugibt, und andererseits das, was in den Büchern, in den Verordnungen und im Grundgesetzt steht und was er zu lehren aufgetragen bekommt – das alles ist aber mittlerweile eine Utopie, bestenfalls eine schöne Erinnerung, während die Wirklichkeit eklatant davon abweicht. Ich verstand in der Situation besser, wie so eine Spaltung bei jemand aussieht. Es war wie ein Untersuchungsobjekt unter dem Vergrößerungsglas.

Durch einen Zufall lernte ich heute noch eine ältere Schülerin in der Berufsschule kennen. Nach ein paar Worten war schon klar, daß hier etwas da war – das war jemand auf der Suche nach sich selbst – außerdem war mir sowieso ihr österreichischer Akzent schon sympathisch gewesen. In der Mittagspause gingen wir in der Borstei spazieren. Ich fühlte mich wieder in diesem ganz bestimmten Fluß, der sich ergibt, wenn ich mit jemand anderem ganz ich selbst sein kann, ohne aufzupassen, ob der andere an irgendwelche Grenzen stößt oder ähnliches. Es ist dann viel einfacher und erleichternd. Es tat auch gut und überraschte mich, wie offen sie von ihren eigenen Dingen und praktischen Einsichten durch Selbsterkenntnis erzählte. Es tut gut, so jemand zu treffen und zu merken, daß man nicht allein ist auf der Welt, bzw. nur ein paar in einer kleinen Gruppe – sondern daß es noch mehr selbstdenkende Menschen gibt, die etwas eigenes wollen.

Verstand dickflüssiger

Gestern war ich in einem eigenartigen Zustand, genau wie damals, als der Verstand dickflüssiger wurde. Morgens war mir leicht übel und schwindlig. Gleichzeitig fühlte ich mich aber auch erleichtert. Es war ein Gefühl, als hätte ich ein Loch im Bauch und als gäbe es von dort überhaupt keinen Druck mehr, bzw. fiel mir dadurch auf, daß vorher immer einer vorhanden gewesen sein mußte. Ich fühlte mich insgesamt gut, doch für die Arbeit und für nützliche Dinge war die Verfassung nicht gerade hilfreich. Ich hatte keine Kraft mehr, aber wenn ich dann eine Aufgabe vor mir sah, dann war plötzlich beim Tun genau soviel Kraft vorhanden wie nötig. Ich meinte auch, ich könnte nicht mehr richtig denken, denn alles im Kopf lief sehr viel langsamer ab. Trotzdem funktionierte es, wenn ich mich konzentrierte. Ohne Anforderungen hätte ich wahrscheinlich gar nichts mehr getan, sondern wäre einfach nur dagesessen oder wäre ein wenig herumgegangen, um einfach nur zu erleben, zu schauen, zu hören und zu riechen.

Als ich eine Kundin bedienen wollte, fand ich zuerst überhaupt keine Pflanzen mehr (einige waren umgestellt und viele schon abgeschnitten, ein paar gewünschte kannte ich auch nicht). Ich rief eine Kollegin zu Hilfe und überwies die Kundin gleich an sie. Ich war froh, die Aufgabe loszuwerden, denn ich fühlte mich richtig überfordert.

Aber auch die einfache Aufgabe, eine große Lieferung mit Blumenzwiebeln auszusortieren, auf Vorbestellungen zu verteilen und mit Bildetiketten zum Verkauf aufzubauen war noch kompliziert genug, mit den Preislisten, Bestellungen, Lieferscheinen, Preisberechnungen, internen Notizen, usw. Ich konnte es selbst nicht glauben, daß mich das so forderte, aber ich brauchte tatsächlich die ganze Aufmerksamkeit dafür. Nur so funktionierte überhaupt etwas.

Manchmal stand ich wie neben mir. Ab Nachmittag bekam ich einen anhaltenden Druckkopfschmerz von oben, der dann zunehmend stärker wurde. Zuhause wollte ich mich um ca 18.00 nur kurz hinlegen, schlief aber sofort ein. Erst um 23.00 Uhr ging ich vom Sofa ins Bett und schlief dann insgesamt 12 Stunden.

Parallelen zur Hyperinflation 1922/23

Ich habe heute länger an der Zusammenstellung der Führung gearbeitet und weiter nachgeforscht. Das führt schnell ziemlich weit und war aufschlußreich. Durch das eigene Interesse und die Verbundenheit mit dem Thema sind es dann nicht mehr nur längst vergangene Geschichtsberichte, sondern sie haben dann mit mir zu tun. Gerade zur Anfangs- und Planungszeit der Borstei entwickelte sich die Hyperinflation von 1922/23. Ich kam also sogar von zwei Seiten zu dem Thema.

Solche Umwälzungen dieser Größenordnung kann ich mir nicht oder nur sehr schwer vorstellen, einfach, weil ich nichts als Vergleich heranziehen kann. Es gibt dann zwei Reaktionen im Kopf: Entweder Abwiegelung oder Panik. Die erste Reaktion tut achselzuckend so, als würde es eben nur um soetwas unwichtiges wie Geld gehen, das mit ein paar begleitenden Einbußen kurzerhand ausgetauscht werden könne. Dieses Argument ist ziemlich üblich von Realitätsverweigerern und genauso kindisch wie ignorant: Wird schon nicht so tragisch sein, wenn es kommt, „der Staat“/die da oben wird/werden das schon hinbiegen, dann kommt eben etwas anderes – bis jetzt ist immer wieder etwas Neues gekommen. Impliziert: Ich brauche sicher nichts zu tun. Oder es entsteht auf der anderen Seite Panik aus Hilflosigkeit. Dagegen hilft nur, einmal klarer nachzudenken und Informationen zu suchen. Natürlich verschwindet nicht einfach alles über Nacht. Viel interessanter und für mich selbst wichtiger ist, aus Texten herauszulesen, wie das Leben damals konkret ablief. Wie war das mit Verboten, mit Beschlagnahmungen, mit Gesetzesänderungen und Nahrungsmittelversorgung, wie lief die Wirtschaft weiter, die Arbeitslosigkeit, Preis- und Lohnentwicklung, also insbesondere Auswirkungen auf den einzelnen Bürger. Und wie wurde versucht, die Massen, insbesondere aufgebrachte, systembedrohende zu steuern bzw. deren Willen zu kanalisieren und auf die eigenen Mühlen zu lenken. Welche Kräfte und Gegenkräfte traten auf den Plan, die auch damals alle nichts mit den eigentlichen Ursachen zu tun hatten. Interessant ist auch, daß es weltweit zig Beispiele für den Verlauf von Hyperinflationen und den Zusammenbruch von Währungen gibt. Eigentlich sollte es möglich sein, irgendwann einmal aus Schaden klug zu werden und die Ursachen anzusehen, wieso etwas immer wieder schiefgeht.

Wir stecken in einer selbstverschuldeten Misere, deren Verlauf heute mit eben dem gleichen verschleiernden Gerede begleitet wird wie damals. Es ist sogar erschütternd, wie viele Parallelen sich zur damaligen Zeit finden lassen. Wir sind keinen Schritt weiterentwickelt oder informierter, sondern es ist genau gleich. Nur sind heute die Ausmaße der Zusammenhänge und der Geldmengen noch um ein Vielfaches größer. Es ging dann damals in der Politik genau wie heute um Arbeitsplätze und um Wirtschaft, um Versprechen, für zukünftige Entwicklungen, die zum einen von Politikern abgegeben wurden, die dann gar nicht mehr im Amt sein werden und zum anderen geglaubt und emotional gefeiert wurden, als wäre das glaubhaft und tatsächlich machbar, was aufgetischt wurde. Es starren also alle nur auf die Symptome, erzeugen luftiges Gerede darum herum und versuchen angeblich angestrengt, wenigstens minimal etwas zu manipulieren. Am Ende stellt sich dann doch heraus, daß alle völlig hilflos waren. Aber die ganze Zeit hat niemand wirklich nach den eigentlichen Ursachen gefragt, bzw. genau das ist durch das ganze oberflächliche Theater sogar erfolgreich verhindert worden.

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