Archiv der Kategorie 'Allgemein'

Zu Lebenskraft 2

Als ich beim Einkaufen war, ging mir ständig im Kopf herum, daß ich eigentlich ein völlig abgehobenes Konzept habe von Lebenskraft. GL hat mir gesagt, ich solle doch einfach mal auf die Straße schauen, was da abläuft.
Ich versuchte, dem näher zu kommen. Ja natürlich, alle bewegen sich und leben irgendwie. Die Frage ist nur, wie und unter welchen auferlegten Bedingungen. Die Lebenskraft wird davon nicht berührt. Sie läuft ab und kann sich anpassen an z.B. unterschiedliche Kulturen oder wird sich auch durch enge Verstandesvorgaben noch hindurchzwängen. Das Leben dämmert vielleicht etwas mehr vor sich hin oder bricht nach Jahren der Unterdrückung mit großer Zerstörungswut aus, aber der Vorgang ist der gleiche. Auch in allen unterdrückten Vorgängen, z.B. vordergründige Befriedigung durch Konsum, ist immer Lebenskraft sichtbar - nur entstellt und verdeckt. Alles, was passiert, wird immer aus einem Antrieb heraus getan, der nur aus der Lebenskraft stammen kann. Deswegen genügt Lebenskraft allein nicht und auch die Versuche, sie durch Anstrengungen zu vermehren. Es braucht gleichzeitig noch Bewußtheit, damit etwas klarwerden kann. Sonst könnte man ewig gegen die gleichen Wände laufen oder sich nutzlos abarbeiten.

Nachdem der Markt schon fast abgebaut war, sah ich neben einem LKW ein Schild am Boden liegen, daß Hilfskräfte gesucht würden. Ich denke darüber nach, das eine Zeitlang am Wochenende zu übernehmen. Das wäre mal eine körperliche Arbeit (früh morgens aufbauen, Kisten tragen, etc.) und viel Kontakt mit Menschen. Also etwas “Reales”, nachdem mich immer nur irgendwie romantisch hungert, und vielleicht eine gesunde Kur für dieses Leben in diesem verrückten Kopf allein.

Jetzt höre ich gerade die Anfeuerungen zum Trinken von der Band in der Altstadt und das Johlen der Menge. Genau wie bei den Fußballspielen höre ich da immer eine große Verausgabung von Lebenskraft heraus - was wäre alles möglich, wenn diese Energien frei würden oder fehlgeleitet würden? Dabei begleitet mich immer Unbehagen und Hoffnung gleichzeitig.

Zu Lebenskraft

Das Thema Lebenskraft ist nur im Hintergrund geschwebt bei meinen letzten Einträgen, ohne daß ich das direkt angegangen bin oder es genannt habe. Aber dadurch rede ich nur um den heißen Brei herum.

Wo betrifft es mich und um was geht es da? Darum, eigene Interessen zu vertreten und durchzusetzen, die direkt mit mir und meinem Leben zu tun haben. Ein Raubtier fragt auch nicht, ob es richtig ist, andere Tiere umzubringen. Es ist einfach so, wie es ist, weil es gar nicht anders kann - weil es keinen Verstand hat, mit dem es sich einbilden kann, es könnte irgendwie anders sein, als das, was es direkt erlebt und empfindet.

Dazu erlebte ich heute etwas: Ich antwortete in ein paar Situationen ohne nachgedacht zu haben. Ich war selbst überrascht, wie schlagkräftig und ehrlich da unerwartet etwas aus mir herauskam, so daß mich plötzlich betroffene Augen anschauten. Heute fühlte ich mich so, als könnte ich machen, was ich wollte, und wunderte mich, wieso ich das doch immer hinauszögere, nur um an einem undeutlichen, bequemen Punkt zu bleiben.

Körperliche Angst

Eine unruhige Nacht. Ich hatte den Eindruck, jede halbe Stunde aufgewacht zu sein. Immer wachte ich verkrampft und verschwitzt auf mit Symptomen von Angst, konnte mir das aber nicht erklären. Es lag weder an Träumen, noch an sonstigen momentanen Situationen. Es fühlte sich an wie eine Art Schicht. So, als wäre das richtig in meinem Körper einprogrammiert und es käme von dort hoch.
Als ich morgens den Wecker ausschaltete, schlief ich sofort wieder ein und wachte genau eine Stunde später auf. Das Laufen ließ ich heute ausfallen. Ich fühlte mich noch ziemlich mitgenommen.

Die letzten Tage erforsche ich verstärkt die Angst und und beobachte mich in entsprechenden Momenten und die Auslöser, vielleicht hat es damit zu tun. Ich bemerke mehr, wo ich mich immer zurückziehe. Das hat sehr viel mit dem Körper und dem ganzen Ausdruck zu tun. Und jetzt mache ich nicht den Fehler, etwas erzwingen zu wollen, sondern ich lasse die Dinge geschehen. Das ist ein ganz anderer Vorgang und nur so funktioniert es. Dieses Erforschen von kleinen und fast unmerklichen Barrieren ist ergiebig. Plötzlich schaue ich auf etwas und sehe kein Problem mehr, wo vorher noch große, vorgestellte Schwierigkeiten bestanden. Es kommt mir so vor, als würde alles immer einfacher. Vor allem gerade in der Arbeit, oder mit dem zufälligen Kontakt zu fremden Menschen auf der Straße.
Ich laufe einfach innerlich nicht mehr weg, sondern bleibe da, und schaue mir an, was eine Situation ergibt, auch wenn das unangenehm werden kann und ich da zuerst dem normalen Impuls des innerlichen Rückzugs standhalten muß. Aber es lohnt sich jedes Mal. Es ist, als würde ich etwas dafür bekommen. Ein ganz privates Geschenk an mich selbst. Das ist ganz klein und unmerklich - es hat nur mit mir zu tun.

Durch die Müdigkeit kam heute alles sehr nahe an mich ran, und ich war sehr anfällig für alle Einflüsse. Ich traf einen Schulkameraden nach mehreren Jahren zu einem Mittagessen. Da war ich schon ziemlich zurückhaltend, denn seine schulterklopfende, laute, burschenhafte Art empfand ich als sehr aufgesetzt. Also ließ ich ihn sich ausagieren. Ich kenne ihn besser seit einem intensiven, gemeinsamen Radurlaub vor Jahren, deswegen durchschaute ich ihn wie ein Glas Wasser. Das Problem besteht vor allem mit Frauen. Seine Fassade war noch die gleiche, ebenso wie die Probleme, nur weiter verhärtet. Als ich auf das Thema kam, fühlte ich einen unüberbrückbaren Abgrund. Ich merkte, daß er durch und durch aufgefüllt war mit Vorstellungen, Plänen, Handlungsanweisungen, Tricks, Erklärungen, wie da irgendetwas ablaufen sollte oder könnte. Der Unterschied zu mir war, daß ich mich nie darauf eingelassen hatte, so einen Unsinn zu glauben - ich habe mich mit meiner Angst abgefunden und mich selbst innerlich begraben. Nach meinem Idealbild wollte ich Frauen immer zuerst als Menschen begegnen (nur mein Fehler war, bei der Unverbindlichkeit und dem reinen Bild stehenzubleiben - das Beispiel Frauen ist da nur das deutlichste - die zugrundeliegende Mechanik ist immer die gleiche - nämlich mir nicht klarzusein, was ich selbst will. Das wiederum ist nur so, weil ich dafür nicht die Verantwortung übernehmen wollte.). Bei ihm läuft das schon früher in eine Verlogenheit. Da besteht der Glaube, daß es grundsätzlich immer möglich ist, andere zu manipulieren und ihnen etwas vorzuspielen und daß man das nur richtig anpacken müßte. Ich fand das immer abstoßender, vor allem gerade weil ich etwas von seinem empfindlichen Kern kenne.
Erst hinterher wurde mir das klar, daß ich auf seine Geschichten von Schwierigkeiten mit Frauen völlig reingefallen bin. Er stellte sich immer in der Rolle des tatkräftigen, aufrichtigen aber erfolglosen Ofers dar.
Ich hatte mit Menschen immer tief mitgefühlt, die aus irgendwelchen Gründen nicht zur allgemeinen Masse dazugehören durften, ausgestoßen und gemieden wurden oder sonstwie unergründliche Schwierigkeiten hatten. Aber als mir der Zusammenhang klarwurde, hatte ich diesmal keine Spur mehr von Mitgefühl. Ich sah nur einen Haufen von Einbildungen und zurechtgelegten Argumenten, um nicht mit der eigenen Angst und Verletzlichkeit konfrontiert zu werden. Nein, da sind die Probleme nur logisch und vielleicht sogar nützlich, wenn sie angeschaut werden. Schlimm ist, wenn das ganze Leben dann verbracht wir, das aufzuschieben und weiter im Keller gammeln zu lassen.
Ich glaube, ich sehe das alles nur, weil ich an dem selben Punkt bin. Nur ist meine Ausrichtung anders: Ich will da hinschauen.

Hilflos

Auf einem Gang durch die Stadt kam plötzlich und ganz unerwartet wieder eine Angst in mir auf ohne jeden Auslöser. Ich fühlte in dem Moment, daß ich eigentlich nie weiß, was ich tun soll, was ich tun werde, wie irgendetwas weitergeht, nichtmal die nächsten fünf Minuten. Außen herum laufen viele Menschen herum, Gedanken laufen in meinem Kopf ab und ich bin eigentlich völlig hilflos. Ich fühlte mich verloren und einsam mitten unter all den Menschen. Der Anflug war recht schnell wieder vorbei, wie er gekommen war. Ich merkte aber, daß es in der Realität aber eben so ist. Daß niemand etwas tut, muß ich erst noch wirklich verstehen. Das war da aber keine Frase mehr. Es ist sogar so, daß ich es erst zu einer Frase mache, wenn ich ausschließe, daß das wirklich und wortwörtlich so gemeint ist, wenn ich es nicht an mich hinlasse. Der Moment kam mir vor, wie ein Geschmack davon. Ich bin nicht sicher, ob mir das gefällt. Das heißt aber, daß ich mir da etwas anderes vorgestellt habe und irgendwelche Erwartungen hege.

Im Mediamarkt

Zwischen den Regalen fällt mir plötzlich ein eigenartiger, wiederkehrender Geruch auf, ein künstlicher, süßlicher Duft. Ich bemerke dann, daß er aus der Belüftungsanlage kommt. Nach der Entdeckung fällt mir das noch stärker und unangenehmer auf. Mir wurde dann sogar leicht übel davon, aber das war vielleicht auch Einbildung. Ich empfand es jetzt als viel zu stark und aufdringlich, obwohl mir das zuvor gar nicht aufgefallen war. Es soll wahrscheinlich die Ausdampfungen all der Kunststoffe überdecken oder vielleicht auch auf eine Weise eine kauffreudige Stimmung wecken. - Wenn, dann hat das sogar funktioniert. Ich leistete mir einen guten Kopfhörer (mein alter löst sich gerade immer mehr auf).

An der Kasse fragte ich dann nach, wieso ich nicht den ausgeschriebenen Preis bekommen würde, sondern einen viel teureren. Die Kassiererin rief einen Kollegen, der mit dem Kopfhörer verschwand, mir aber noch beläufig bedeutete, ich könnte mitkommen. Also ließ ich alles dort und ging an der wartenden Schlange vorbei, hinter dem Verkäufer her.
Es dauerte noch etwas, bis ich verstanden hatte, daß der günstigere Preis nur für die blaue, aber nicht für die silberfarbene Ausgabe des Kopfhörers galt, die sonst aber völlig gleich waren.
Als ich an die Kasse zurückkam, belehrte mich die Kassiererin ungehalten, ich solle das nächste Mal zuerst die bereits registrierten Waren zahlen, bevor ich einfach “weglaufen würde”.
Ich fragte nach, wieso denn das sei. Sie hatte doch selbst den Kollegen gerufen, der mich mitnahm. Außerdem hätte sie die anderen Waren ja einfach dortlassen können, da war genug Platz, um weiter zu kassieren. Ja, ich sei ja einfach weggelaufen und das ginge nicht und sie hätte dann auch noch stornieren müssen, um bei weiteren Kunden zu kassieren, und da müsse man ja immer einen Grund angeben, usw. Ich war noch gut gelaunt und gab zurück, der Grund wäre doch triftig gewesen, der Kunde sei eben weggelaufen. Sie lachte etwas. Erst kurz danach, draußen vor der Tür, wurde mir klar, was da eigentlich alles in dieser kurzen Zeit abgelaufen war.
War ich schuld an ihrem “Problem”? Nein, es war das unflexible System, das keinen Bruch in der Massenabfertigung zuläßt. Wenn da etwas schiefläuft im Automatismus, ist das ein Ärgernis. Wie grauenvoll, dachte ich, ihr Tag besteht nur aus diesem Ablauf, und sie kommt nur mit einem Menschen in Kontakt, wenn sie sich ärgert. Diese “Hänger” im System sollten ja eigentlich noch das Angenehmste sein, aber es ist genau anders herum. Und vor allem beschuldigte sie mich noch, ich hätte etwas falsch gemacht und müsse mich anders verhalten. Dabei war ich sogar nur den (widersprüchlichen) Anweisungen gefolgt.
Ich zergliedere das alles so haarklein, weil es mir so vorkam, daß da etwas ganz falsch läuft. Da war alles falsch. Der Verkaufsvorgang ist falsch, er ist nur auf maschinenhaftes Abfertigen ausgerichtet. Ein System, daß menschliche Fehler und Unwägbarkeiten nicht mit berücksichtigt, ist kein System für Menschen. Nein, dadurch werden die Menschen falsch und müssen sich an das System anpassen.
Die Verkäuferin war falsch, weil sie gar nicht verstanden hat, um was es eigentlich geht. Die Käufer sind für sie nur Ärgernisse, die abgearbeitet werden müssen. Die Käufer sind vielleicht auch noch ihrerseits frustriert und heraus kommt am Ende von so einem Vorgang noch mehr Frust als vorher. Dann will man nur noch schnell hinaus und sich zurückziehen irgendwohin, in die eigenen vier Wände und Ruhe haben vor diesen ganzen Ärgernissen da draußen, “all diesen anderen Verrückten, die einem nur Ärger machen”. Ich übertreibe natürlich, um das klarer zu machen. Das ganze angehäufte System dieses Ladens ist falsch, so daß am Ende das herauskommt: Der Kunde ist und macht alles falsch. Wie verdreht ist denn das eigentlich?

Wäre es der eigene Laden dieser Kassiererin, wäre sie wahrscheinlich froh um jeden Kunden, der noch etwas kauft bei den steigenden Preisen. Vielleicht ist es auch einfach, weil an ihrem Arbeitsplatz diese Stornierungen so kompliziert sind. Das ist mir später im Supermarkt auch aufgefallen. Keinen Schritt außerhalb des maschinellen Registriervorgangs dürfen die Kassierer allein machen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, daß da nur völlig dumme oder betrügerische Menschen sitzen - die aus dem kleinen Supermarkt kenne ich eh fast alle - denen würde ich so etwas nicht nachsagen. Sie werden aber dazu gemacht mit all diesen Einschränkungen. Ich frage mich, wie viel Verlust diese großen Ketten machen würden, wenn sie die Gefahr von Fehlern und Betrügereien eingingen, dafür aber etwas mehr Selbstbestimmung zulassen würden, und sei es eben nur für das Stornieren eines Kaufvorgangs. Wenn sich dann bei der Abrechnung Ungereimtheiten herausstellen, könnten ja immer noch Schritte vorgenommen werden (sofern das wenigstens den Marktleitern zugetraut würde). Aber das ganze riesige hierarchische System ist schon von der ganzen Struktur her so starr aufgebaut, daß da niemand einen Zentimeter Platz zum Atmen bekommt. Was für eine traurige Sicht auf Menschen und was für eine deprimierende Art, so mit Menschen umzugehen, bzw. so mit sich umgehen zu lassen.

Entwürfe

Abends besuchte ich heute nochmal die Vorstellung der Architekturentwürfe, deren Vorbereitungen das letzte Mal öffentlich vorgestellt und besprochen wurden. Heute hat mir das nichts gebracht. Ich war wieder abgestoßen von der massiven akademisch-intellektuellen Gleichmacherei, die sich wie Offenheit und Unvoreingenommenheit darstellt. Tatsächlich empfand ich es als gezielte Desorientierung, was von dem Professor kam. Es waren einige Praktiker da, und es tat gut, deren echte Erfahrung gegenübergestellt zu sehen. Sogar die beiden Lokalpolitiker hatten ein paar gute Punkte, die wirklicher und näher dran waren am Geschehen. Aber es braucht doch noch etwas anderes als puren Pragmatismus. Etwas Zentrales fehlte mir. Und da helfen auch keine Gesamtpläne oder irgendwelche beliebigen Ideen allein. Nötig wäre etwas mit einer eigenen Kraft, das von sich aus lebt und eine eigene Mitte hat. Etwas, wo man sich selbst spüren und erfahren kann. Das könnte auch anderen, mächtigen Kräften und Interessen standhalten und müßte nicht umständlich (z.B. mit Umwelt- oder Naturschutz, Landschaftsvereinen, etc.) gegen Zersiedelung geschützt werden. Die Frage, wie soetwas wie der Englische Garten entstehen kann, wenn eine Stadt wächst, habe ich mir auch schon gestellt. - Aber das führt jetzt alles weit weg.
Mir wurde klar, daß das alles immer ein Stochern ist, solange man sich nicht selbst genug klar ist, für wen und für was geplant wird. Eigentlich gibt es doch gar keinen anderen Maßstab als die Menschen selbst. Was soll denn da immer an Neuem gefunden werden? Doch es ist, als würde genau dieser Punkt immer hartnäckig umgangen, als wäre das der langweiligste und altmodischste Ansatz überhaupt. - Mir fiel wieder einmal auf, welche Auswirkungen auch nur ein wenig Selbsterkenntnis und Nachfühlen bei sich selbst auf jeden Bereich haben könnte.

Ich saß neben einem Mitarbeiter der Universität, mit dem ich zu tun hatte, als ich mich noch um ein ökologisches Aufbaustudium beworben hatte. Eigentlich war ich froh, jetzt in einer unabhängigen, freien Situation dort zu sitzen, anstatt zu meinen, aus dem geistigen Rahmen dieses Umfelds heraus meinen Standpunkt suchen zu müssen. Ich merkte, daß ich da jetzt wohl endgültig von einer idealistischen Sicht entwöhnt bin.
Eigentlich war mein Interesse immer tiefer motiviert, eine richtige Herzensangelegenheit, denn es schmerzt mich sehr, mitanzusehen, wo achtlos zerstört wird. Aber dieses Bewahrenwollen darin stößt mich jetzt sogar ab. Es ist sein eigener Untergang, ohne jede Perspektive. Da kann immer nur verloren werden, nichts gewonnen. Ich finde es zwar notwendig, aber es braucht noch etwas Schaffendes mit einer eigenen Kraft und Mut zum Neuanfang. Ansonsten bleibt es eine große Energieverschwendung.

Noch zu Energieverschwendung: Heute habe ich mich bloß zu weitschweifigen Gedanken hinreißen lassen.
Trotzdem beobachtete ich heute auch ein paar kleine Dinge bei mir: Ich merkte wieder an einigen Stellen die kürzlich beschriebene Nähe und Direktheit. Die Angst hat sich momentan wieder aufgelöst. Ich entdecke viele Dinge neu, momentan vor allem in der Arbeit. Es ist, als verliere da viel von seinem Gewicht, das ich unnötig hineingelegt habe. Ich kann viel direkter an viele Dinge hingehen und es ist alles viel einfacher als ich mir es selbst aufgebürdet habe.
- Ich las im Wiki nach. Vor genau einem Jahr hatte ich mit genau den gleichen Punkten von Angst und Selbstverleugnung zu tun. Ich las mir alle Erklärungen und Ausführungen zu der Angst mehrmals durch. Es steckt dort schon sehr viel im internen Bereich. Es ist immer wieder gut, das nachzulesen und neu durchzugehen. Einige Texte kamen mir jetzt ganz anders vor. Die Klarheit überrascht mich jedes Mal wieder.

Konzert und viele Gefühle

Gestern hatte ich mich schon vorbereitet auf das Konzert. Ich habe mir die fünfte Symphonie von Beethoven zweimal genau angehört, die mich an zwei Stellen sehr berührte. Im Konzert konnte ich später durch diese Vorbereitung einige feinere Dinge heraushören. Der erste Satz war bis auf einige länger ausgehaltene Fermaten vom Tempo und Ausdruck der CD-Aufnahme sehr ähnlich. Die beiden folgenden Sätze liefen dunkler und stellenweise noch feinfühliger ab, verloren aber zeitweise auch etwas den Zusammenhang in der Tiefe. Der Abschluß war viele Male beeindruckender als auf meiner Musikanlage. Da geht nichts über das direkte Gefühl der Druckwellen eines ganzen Orchesters.

Ich war in einer eigenartigen Stimmung nach der Gedenkrede über die Weiße Rose. Die Geschichte hatte mich sehr berührt. Nicht wegen der Ausführungen des Redners. Die empfand ich zwar als sehr gekonnten und rhetorisch perfekten Vortrag, aber ich hörte da keine Anteilnahme heraus. Die Geschichte selbst hatte mich berührt, weil da der Widerspruchsgeist und das eigene Wahrheitsempfinden sich so aufgebäumt hatte. Da nützten auch die Erklärungen und Fingerzeige auf deren angebliche Liebe zur Philosophie nichts. Die haben dort bestimmt Bestätigungen und Halt gefunden, in mitten einer völlig verrücktgewordenen, gleichgeschalteten Umgebung, aber das ist eben nur möglich, weil sie schon in sich selbst etwas hatten, dem sie folgen mußten. Schockiert hat mich, wie die Studenten und ihr führender Professor dafür auf brutalste Weise umgebracht wurden. Nicht nur getötet, sondern völlig zerstört.

Ich ging die Pause über allein herum auf dem Geschwister-Scholl-Platz und ließ dessen Atmosphäre auf mich wirken. Die beiden erleuchteten Brunnen bilden die überfließenden Zentren der Halbkreise zu beiden Seiten der Ludwigstraße. Die regnerische, kühle Witterung paßte zu dem Gesamteindruck des Abends. - Es ließ mich nicht los, daß das Menschen waren wie ich und diese Menschen hier um mich herum. Genau an diesem Ort - vor 65 Jahren. Mich berührte diese Nähe, so nehme ich selten wahr. Vor allem traf mich, was für eine Wirkung von diesen Menschen ausgeht. Sie werden zwar weitergetragen, die Erinnerung wird aber stilisiert und verfremdet, bis es gar keine Menschen mehr sind, sondern ehrenwerte, unerreichbare Beispiele für Zivilcourage und Wahrheitsliebe. Dieser Vorgang des Abtrennens passiert immer schon auch in mir selbst. Etwas will es gar nicht wahrhaben, was da wirklich abgelaufen ist - so trocken, kalt, beiläufig und schnell, daß es mich würgt. Die Gedenkrede kam mir jetzt noch zusammenhangloser vor, mit dem was wirklich abgelaufen war. Nein, das waren Menschen mit ihren ganz normalen Alltagssorgen und Zweifeln, die etwas tun mußten.

Nach dem Konzert ließ ich mir viel Zeit in der Aula. Ich war nicht mehr so betroffen, sondern von der Kraft der Symphonie mitgenommen. Diese Mischung wirkte nach.

Ganz unerwartet machte ich dort eine Bekanntschaft mit einer sehr angenehmen, jungen Frau - ich war noch etwas in dieser zurückgezogenen Stimmung und blieb dabei einfach so, wie ich bin, ohne Anstrengung. Ich unterhielt mich eine Weile mit ihr und fühlte mich immer weiter verändert. Der Kontakt faszinierte mich, weil ihre tiefen blauen Augen einfach dablieben. Weder wendete sie sich verlegen oder uninteressiert ab, noch positionierte sie sich in irgendeiner Art und Weise anders, um eine bestimmte Haltung einzunehmen. An diesem Punkt blieb ich auch. Es war wie der passende Gegendruck bei einem Tanz. Weder dominierend noch zu lasch. Einfach da, in der Mitte. Ich empfand es als den berührendsten Kontakt seit langem. Ich wußte gar nicht, wie tief und intim so etwas aus dem Nichts werden kann. Es tut so gut, nicht abgeurteilt zu werden, sondern wenn diese Offenheit einfach weiter bestehen bleibt und sich in diesem Raum etwas entwickelt. Meistens wird sich zurückgezogen oder eine Haltung eingenommen, in welcher der Punkt der Verletzlichkeit umgangen wird (ob mit Dominanz, Spott, Übertrumpfen oder ängstlicher Schüchternheit ist eigentlich egal). Da zerbricht sofort etwas, meistens aus Angst. Vor was eigentlich? Die Kontrolle zu verlieren, diese auflebenden Gefühle zu spüren und denen nicht standzuhalten? Ich fragte mich, ob es wirklich sein kann, daß ich mich in einer Sekunde verliebe? Ja - ich liebte diesen Moment, diese Nähe und alles, wie es ablief. Ich wollte und brauchte das weder steuern, verkürzen, weiter strapazieren oder sonstwie manipulieren. Ich ließ einfach alles geschehen wie in einem Traum, bei dem ich selbst teilnahm. Auf dem Heimweg war ich ruhig und einfach nur dankbar für die Erlebnisse.

Zur momentanen Blockade

Den ganzen Tag habe ich mich schon herumgequält. Heute ist ein Tag, wo ich überhaupt nichts mit mir anzufangen weiß. Ich fühle mich klein, bedeutungslos und völlig ahnungslos. Dieses Lebenskraftthema verfolgt mich. Schon der Versuch, mich darauf einzuschwingen, scheitert. Nein, ich fiel immer wieder in irgendetwas anderes.
Zuerst kümmerte ich mich noch um kleinere Reparaturen, was eine eigene Dynamik entwickelte. Dabei fühlte ich mich gut. Ich wußte, daß diese Unsicherheit unterschwellig weiter klafft, aber so einfache Handlungen mit festem Problem und beinahe sicherem erfolgreichen Ausgang sind doch sehr beruhigend. Da habe ich die Kontrolle.

Beim Essen bäumte sich plötzlich etwas in mir auf, und ich meinte, unbedingt eine Frau zum Tanzen einladen zu müssen, unbedingt irgendetwas tun zu müssen.
Die überhitzte Kraft, die mich da mitriß, konnte ich beobachten. Es ist nichts, was natürlich herauskäme. Es geht nicht darum, mir da etwas zu versagen, sondern um den Antrieb, den ich da verfolgte. Und der war in dem Moment Flucht vor mir selbst. Was ist das Problem bei dieser inneren Spannung und der Angst? Wieso bin ich so verkrampft? Das verstehe ich noch nicht. Wenn es kommt, dann ist es fast schlagartig, in richtiggehenden Konvulsionen.
Nein, ich wollte mir irgendetwas heranziehen, um mir das Gegenteil meiner Unsicherheit zu beweisen, statt mich darauf einzulassen.

Als ich dann im Buch von GL las, war es das erste Mal, daß ich bei etwas bleiben konnte und etwas wirklich tat. Ich wurde traurig dabei. Und das hatte nichts mit den Texten in dem Buch zu tun. Die erschienen mir heute sogar so hoffnungsvoll, umfassend und warm, wie nie vorher - meistens habe ich dort oft noch etwas als kalt und beängstigend empfunden, neben dieser unerklärlichen Anziehungskraft.
Die Traurigkeit kam von einem Wort (es hatte auch nichts mit der dort stehenden Erklärung zu tun, nur das Wort selbst): Borniertheit.
Meine Angst ist eine schreckliche Borniertheit. Ich bin völlig eingemauert darin. Das ist die Flucht vor mir selbst. Ich fühle mich geizig und kalt. Ja, ich habe immer versucht, mich zu öffnen und zu erweitern. Ich sehne mich danach. Ich verehre Großzügigkeit und Freigiebigkeit, vor allem emotionale, bin aber selbst völlig unfähig dazu, weil ich das schon mir selbst gegenüber nicht zugestehe. Das ganze Versuchen war immer so ausgerichtet, als könnte ich es irgendwann erreichen und über diesen Schatten springen. Nein, der Bremsklotz ist ganz nahe, und er wird auch nie nachlassen auf diese Weise. Ich kann ihn dadurch nur verdecken. Ich kann mir weiter vormachen, daß das immer kleiner und unbedeutender würde und ich es besser im Griff hätte.

Im Moment geschieht aber das genaue Gegenteil: diese Vorgänge laufen immer näher ab, wie unter einem Vergrößerungsglas, und es wird immer stärker. Ich ertappte mich schon bei dem Gedanken, daß die Schule schuld daran sei, ja, daß sie mir meine Probleme macht.
Es ist wichtig, daß ich das genau genug verstehe, was da abläuft. Ich habe schon andere an dem Punkt scheitern gesehen. Der Verstand funktioniert genau so - er sichert sich durch sich selbst ab. Und natürlich sind meine Probleme dann irgendwo außen, nur nicht meine eigenen.
Die Schule funktioniert hier wie eine Projektionsfläche. Jeder wird mit seinen eigenen Dingen konfrontiert. Nur ist die Schule eine entsprechende Hilfe, sozusagen das einzig mögliche Objekt, das von sich aus sagen kann, daß diese Art von Projektion völlig absurd und unmöglich ist. Der Vorgang an sich ist immer gleich. Die Objekte, die Umstände und die anderen sind schuld (z.B. daß sie mir Angst einjagen - nicht, daß ich Angst hätte und vor meiner Unsicherheit flüchten würde).
In einem anderen Sinn ist es gut, wenn diese Dinge herauskommen. Die Probleme, die ich erzeuge, sind meine eigenen und auch die Auseinandersetzung damit kann nur hier bei mir passieren. Die Schule ist in einem bestimmten Sinn völlig rein oder leer, wie ein Spiegel, der nur zurückwirft. Es geschieht da überhaupt nichts von sich aus. Die Energie kann nur von mir selbst kommen.

Jetzt fühle ich mich ganz verändert, mir wenigstens diese Verwirrung von der Seele geschrieben zu haben.
Zumindest fühle ich mich jetzt nicht mehr so völlig blockiert, wenn ich die dunklen Vorgänge heraushole, statt nur an den Punkten zu leiden, die sich dann immer weiter anhäufen.

Ich konnte bis jetzt nichts über Lebenskraft schreiben, weil ich wußte, daß ich nur leere Worte wiederholen oder nachempfinden würde. Alles, was ich dazu sage oder aufschreibe, fühlt sich wie Lüge an. Ich bin weit davon entfernt, es vertreten zu können. Ich muß da bei mir anfangen, ganz nahe und einfach. Ich kann zwar die Ausführungen von Reich gedanklich nachvollziehen, aber ich habe mich da noch immer rausgehalten. Der schlimmste Vorgang, der dabei abläuft, ist das Wiedererkennen von intellektuellen Mustern und bekannten Gedanken: ah, kenne ich schon, abgehakt. Das ist der größte Selbstbetrug. Nichts ist klar. Klar ist es erst, wenn ich es selbst nachvollziehen kann, und das heißt leben und sein. Irgendwo muß der Anfang sein. Bis jetzt schinde ich in allen Belangen nur Zeit - und das ist das Schlimmste. Da ist es sogar noch besser, zu sagen und zu wissen, ich habe gar keine Ahnung, bisher nur geschlafen und muß endlich anfangen.

Nichts tun

Nochetwas zum letzten Eintrag: Ein Abschnitt bei Nisargatta kam mir in den Sinn, wo jemand auch im Zusammenhang mit Arbeit nachfragte. Irgendwie verstand ich plötzlich etwas zwischen den Zeilen der Fragen und Antworten, nämlich daß ich mich ewig mit soetwas beschäftigen könnte, ohne irgendetwas dafür herauszubekommen. Es hat nichts damit zu tun, um was es tiefer geht. Das ist sogar völlig belanglos. Es interessiert nicht, wer oder was ich bin als Funktion, solange ich weiß, wer ich selbst bin. Ich meine immer noch, bei diesen äußerlichen Dingen, Maßstäbe und Konzepte anlegen oder erfüllen zu müssen, die einfach nur erlernt sind. Was da aus mir selbst kommt, weiß ich nicht, aber das wird sich nur von selbst zeigen (oder auch nicht - es ist gut, das jetzt einmal so sein zu lassen, statt mich immer darin zu verbeißen), wenn ich da nicht im Weg stehe, weil ich ewig darüber nachdenke und zweifle.  Ich kann dagegen viel mehr einfach geschehen lassen, was eben geschieht. Ich kann ja doch nichts anderes tun. Warum sollte ich mir das noch schwerer machen, als es ist?

Erleichterung und Lebensangst

Der Rückholer war diesmal feiner, kein Gurdjieffscher Magengrubenschlag, sondern er packte mich an der Wurzel und meiner eigenen Ausrichtung.
Gestern abend ist diese Verwirrung und die gleichzeitige innere Verspannung dann abgeflaut, was eine große Erleichterung war. Ich schlief darauf heute etwas länger als üblich. Es kostet viel Kraft, so einen Wahn am Laufen zu halten.
Auch den Tag über hielt es weiter an, daß ich einfach meine Dinge erledigte und nicht in irgendetwas Krankhaftes verfiel. Mir wurde klar, daß ich mir schon wieder Ausreden und fremde Bezüge heranhole, um mir etwas zu erklären. (Gerade habe ich auch einen entsprechenden Hinweis dazu gelesen.) Nein, das ist einfach kindisch und unreif. Ich war heute in der gleichen Arbeit, in der gleichen Umgebung, und es lief alles völlig anders. Ich brauche mir da gar kein Problem aufzubauen, denn dieser Müll ist hausgemacht und hat nur mit mir zu tun.
Es geht hauptsächlich um Angst und Unsicherheit und darum, daß ich mir das nicht eingestehe, sondern stattdessen dagegen ankämpfe. Da ist immer noch dieser Haß gegen diese Unsicherheit, gegen das schwarze Loch, vor dem ich immer weglaufe und die Flucht nach vorne ergreife. Ich verstehe aber nicht, wieso ich heute damit in Frieden bin. Trotzdem empfinde ich das nicht als gelöst. Wahrscheinlich läßt sich das auch nicht lösen, sondern nur voll akzeptieren. Nämlich daß diese undeutliche Angst irgendeine grundlegende Existenzangst ist. Etwas, daß ich eigentlich die ganze Zeit spüren oder zumindest gut genug kennen sollte. Es ist wie bei einem freien Tier, das immer auf einen Feind achten muß. Wenn ich das ablehne und zu leugnen versuche, sehne ich mich eigentlich nur in die Vergangenheit zurück, nach Kindheit und Sorglosigkeit. Es ist Sehnsucht nach Schlaf, aber keine verantwortliche Haltung. Lebensangst gehört bei mir eben dazu, ich kann nichts daran ändern. Wo ist das Problem, wenn mir das klar ist? Das Problem entsteht, wenn ich das nicht fühlen darf, wenn ich das unterdrücke und verleugne, statt es genau genug anzusehen.

Nächste Seite »


 

Juli 2008
M D M D F S S
« Jun    
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031