Diese Müdigkeit war heute morgen immer noch da. Jetzt hatte ich aber wirklich genug geschlafen. Ich ging laufen, die Luft machte es etwas besser. Nach dem Frühstück war ich schon wieder müde.
Ich hatte mich dann festgelesen in einer Zeitschrift des Alpenvereins. Die Beschreibung einer Expedition und die Schilderungen von extrem schwierigen Besteigungen zog mich völlig in den Bann. Ich bekam allein beim Mitlesen schon feuchte Hände. Und doch geht es trotz aller spektakulärer Höchstleistungen allen auch hier immer um den einen Punkt. Einer der jungen Bergsteiger sagte im Interview, er hätte es diesmal sogar dreimal erlebt, für einen Moment „alles zu vergessen“. All diese Anstrengungen, um sich für kurze Momente vom Verstand zu lösen. Im Kern geht es bei allen extremen Gipfelerfahrungen immer um diesen Moment, auch wenn etwas anderes vorgeschoben wird. Nur daß das hier induziert ist, nicht selbst verstanden, nicht in den Alltag mitnehmbar. Und sobald dieser Höhepunkt einmal erreicht wurde, muß danach die Dosis erhöht werden, um noch eine größere Ekstase zu erleben, denn die alte ist beim Wiederholen schon lau geworden. Ich weiß das sehr gut, denn ich bin auch auf Berge gestiegen und habe DIE Naturerfahrung gesucht, in immer neuen Varianten. Tatsächlich habe ich sogar ein paar Mal gefunden, was ich suchte, unvergessliche Momente, Einheit, Stille, Frieden, Freude und Zufriedenheit. Aber es war eben an diesen unsäglichen Aufwand gebunden (Planung, Reise, Anstrengungen, Beschwerlichkeiten – ganz wichtig, ohne die geht es nicht, Gefahren, Selbstüberwindungen, und die Ekstase hinter der eigenen Schallmauer oder eine unberührte, überwältigende Umgebung). Dann die Traurigkeit, davon getrennt zu sein, die Ohnmacht und das Wissen, ohne das nicht leben zu können, gleichzeitig das weder bis in alle Ewigkeit auf diese Art weitertreiben zu können und zu wollen.
Nach der Lektüre war ich irgendwie aufgekratzt und berührt gleichzeitig. Mir war sehr klar, daß keine noch so schöne, große oder extreme Erfahrung den Stellenwert haben kann und an die existentielle Qualität und Bedeutung heranreicht, um die es wirklich geht in diesem Leben.
Ich machte mich dann an Haushaltserledigungen, die ich gestern verschoben hatte, als ich zu meinen Eltern fuhr wegen eines Geburtstages. Dabei fiel diese Müdigkeit dann endgültig weg und sie schien doch nur eine Ablenkung gewesen zu sein. Dann hatte ich noch ein paar Briefe fertigzumachen. Nachdem ich ein kleines Büchlein ausgelesen hatte, las ich noch etwas bei Adalbert Stifter. In dem Moment sah ich mich klarer, wie der Verstand die Worte aufnahm, wie die Gefühle mitschwangen, wie ich dort saß und etwas tat. Für einen kurzen Moment passierte das alles in mir, wie von selbst, aber ich war das nicht, sondern ich beobachtete mich genau wie die Umgebung. Es sind solche seltenen, kurzen Schimmer, wenn die Identifizierung mit dem Verstand nachläßt. Aber genau verstehe ich es nicht, wie das funktioniert.
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