Ich habe heute länger an der Zusammenstellung der Führung gearbeitet und weiter nachgeforscht. Das führt schnell ziemlich weit und war aufschlußreich. Durch das eigene Interesse und die Verbundenheit mit dem Thema sind es dann nicht mehr nur längst vergangene Geschichtsberichte, sondern sie haben dann mit mir zu tun. Gerade zur Anfangs- und Planungszeit der Borstei entwickelte sich die Hyperinflation von 1922/23. Ich kam also sogar von zwei Seiten zu dem Thema.
Solche Umwälzungen dieser Größenordnung kann ich mir nicht oder nur sehr schwer vorstellen, einfach, weil ich nichts als Vergleich heranziehen kann. Es gibt dann zwei Reaktionen im Kopf: Entweder Abwiegelung oder Panik. Die erste Reaktion tut achselzuckend so, als würde es eben nur um soetwas unwichtiges wie Geld gehen, das mit ein paar begleitenden Einbußen kurzerhand ausgetauscht werden könne. Dieses Argument ist ziemlich üblich von Realitätsverweigerern und genauso kindisch wie ignorant: Wird schon nicht so tragisch sein, wenn es kommt, „der Staat“/die da oben wird/werden das schon hinbiegen, dann kommt eben etwas anderes – bis jetzt ist immer wieder etwas Neues gekommen. Impliziert: Ich brauche sicher nichts zu tun. Oder es entsteht auf der anderen Seite Panik aus Hilflosigkeit. Dagegen hilft nur, einmal klarer nachzudenken und Informationen zu suchen. Natürlich verschwindet nicht einfach alles über Nacht. Viel interessanter und für mich selbst wichtiger ist, aus Texten herauszulesen, wie das Leben damals konkret ablief. Wie war das mit Verboten, mit Beschlagnahmungen, mit Gesetzesänderungen und Nahrungsmittelversorgung, wie lief die Wirtschaft weiter, die Arbeitslosigkeit, Preis- und Lohnentwicklung, also insbesondere Auswirkungen auf den einzelnen Bürger. Und wie wurde versucht, die Massen, insbesondere aufgebrachte, systembedrohende zu steuern bzw. deren Willen zu kanalisieren und auf die eigenen Mühlen zu lenken. Welche Kräfte und Gegenkräfte traten auf den Plan, die auch damals alle nichts mit den eigentlichen Ursachen zu tun hatten. Interessant ist auch, daß es weltweit zig Beispiele für den Verlauf von Hyperinflationen und den Zusammenbruch von Währungen gibt. Eigentlich sollte es möglich sein, irgendwann einmal aus Schaden klug zu werden und die Ursachen anzusehen, wieso etwas immer wieder schiefgeht.
Wir stecken in einer selbstverschuldeten Misere, deren Verlauf heute mit eben dem gleichen verschleiernden Gerede begleitet wird wie damals. Es ist sogar erschütternd, wie viele Parallelen sich zur damaligen Zeit finden lassen. Wir sind keinen Schritt weiterentwickelt oder informierter, sondern es ist genau gleich. Nur sind heute die Ausmaße der Zusammenhänge und der Geldmengen noch um ein Vielfaches größer. Es ging dann damals in der Politik genau wie heute um Arbeitsplätze und um Wirtschaft, um Versprechen, für zukünftige Entwicklungen, die zum einen von Politikern abgegeben wurden, die dann gar nicht mehr im Amt sein werden und zum anderen geglaubt und emotional gefeiert wurden, als wäre das glaubhaft und tatsächlich machbar, was aufgetischt wurde. Es starren also alle nur auf die Symptome, erzeugen luftiges Gerede darum herum und versuchen angeblich angestrengt, wenigstens minimal etwas zu manipulieren. Am Ende stellt sich dann doch heraus, daß alle völlig hilflos waren. Aber die ganze Zeit hat niemand wirklich nach den eigentlichen Ursachen gefragt, bzw. genau das ist durch das ganze oberflächliche Theater sogar erfolgreich verhindert worden.
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