Archiv der Kategorie 'Klassische Musik'

Matthäus-Passion

Ich habe mich in den letzten Tagen langsam an die Matthäus-Passion von Bach gewagt, die schon ewig ungehört im Regal steht. Ich wartete immer noch auf den richtigen Moment für so ein großes Werk. Da der aber nicht kommt - und es auch unmöglich ist, das dann in der Größe richtig aufzunehmen, wie ich jetzt meine - habe ich mich in kleinen Stücken daran gemacht.
Es gibt einige Arien darin, die mich irgendwo ganz unten treffen, tief drin. Da reicht schon die flehende Geige aus dem Satz 39 als Paradebeispiel.
Mich überrascht immer wieder die Bandbreite. Die Musik von Bach ist so frisch und an einigen Stellen klingt sie so zeitlos (oder auch modern), daß sie überhaupt nichts mehr mit Barock zu tun hat. Trotzdem ist sie in höchstem Maß formvollendet, also ohne auszubrechen. Er erweitert die strengen Regeln ohne sie zu brechen und schraubt sich immer höher hinauf, in völliger Leichtigkeit und spielerischem Entdecken. Auch die Variationen über die Melodien sind meisterhaft, daß ich nicht sagen kann, welche Melodie die ursprüngliche und welche eine abgewandelte ist. Immer steht ein Teil ganz abgeschlossen und vollendet für sich und drückt etwas Bestimmtes aus. Dabei erkenne ich aber Bezüge und Zusammenhänge, die sich durch viel größere Abschnitte hindurchziehen. Und hin und wieder tauchen auch Verbindungen mit ganz anderen Werken von ihm auf. Es ist, als schillerte eine wunderschöne, großzügige Persönlichkeit immer wieder aus der Musik heraus, bei der sich Altbekanntes mit immer wieder Neuem mischt, als würde man mit einem frischen Auge neu hinsehen.
Das Werk strahlt für mich stark eine Grundstimmung von Gleichmut aus. Dazu kommen stille, erschütternde, flehende und liebevollen Passagen, die den mächtigen Chören des Volkes und den verstohlenen Hohepriestern gegenüberstehen.

Als ich den Text mitlas verstand ich die Geschichte zum ersten Mal viel lebensnäher in ihrer Härte. Da sind die gleichen Volksvorsteher und intriganten Machenschaften wie heute auch, ebenso die gleichgeschaltete Masse und die Probleme. Die Verleugnungen bei Petrus z.B. erschienen mir so greifbar. Es ist das, was passiert, wenn man bei jemandem nachforscht und wenn es um das Eingemachte geht. Selbst, wenn man selbst meint und beteuert, wahrheitsliebend zu sein, gibt es immer noch einen Punkt, wo noch nicht hingesehen wurde und wo sich das immer wieder neu beweisen muß. Der Petrus weint bittere Tränen, nachdem ihm Jesus schon vorausgesagt hatte, daß er ihn verleugnen würde, weil er ihn eben schon besser durchschaut hatte, als er sich selbst.

18.5.2008

Eine große Sanftheit begleitet mich heute.
Ich laufe nach dem Museumsbesuch einfach so durch die Innenstadt. In der Fußgängerzone spielt dieser eine Straßenpianist auf seinem echten Konzertflügel in einer der Arkaden. Draußen regnet es etwas und die Menschen, die trotz geschlossener Geschäfte hier sind, finden sich in dem Gang zusammen. Es ist, als würde etwas Magisches geschehen. Die Mondscheinsonate ist sehr stimmungsvoll, der Flügel so erhaben und edel. Die harten, hässlichen Lampen und die Schaufenstereinrichtung des Geschäfts, vor dem er spielt, sehen dagegen so billig, hart und plump aus, nichts paßte hier zusammen. Aber gerade dieser Kontrast ist wie ein schneidendes Messer, das genau diese Trennung durchtrennt und wieder aufhebt - es gibt keine mehreren Welten - eine banale und eine erhabene. Er spielt mit beeindruckender Qualität und man kommt gerade auf zwei Meter bis an den Flügel - es ist unglaublich dicht. Auch gerade mit all den anderen, zufälligen Menschen dort. Es ist, als schaffe diese Musik einen riesigen, großzügigen Raum, in dem alles aufgeht und angenommen wird. Alles ist in Ordnung, alle Lieblosigkeiten, Schwierigkeiten, Hässlichkeiten und Banalitäten dürfen darin vorkommen, aufblühen, verwelken und abfallen, damit nur das Echte übrigbleibt. Es ist wie eine große Umarmung. Es gibt keine Trennung, dieser Pianist ist auch nur ein Mensch, genauso wie der Beethoven, und die Zuhörer - der Unterschied ist nur, in welchem Maß einer zu sich steht. Ich war tief bewegt davon.

Einflüsse selbst bestimmen

Ich hatte meiner Schwester zwei CDs mit klassischer Musik kopiert, nachdem sie mich darum gebeten hatte, weil sie sich jetzt von selbst dafür interessiert. Wahrscheinlich hatte ich ihr sehr vorgeschwärmt.
Als ich das letzte Mal mit ihr telefonierte, hörte ich Klassikradio bei ihr laufen. Ich fand es erschreckend, als dann mit einem Schlag Werbung und Nachrichten oder etwas in der Art kamen. Vielleicht war man gerade ganz offen und versunken im Zuhören und dann kommt so ein Dampfhammer der üblichen Berieselung und Ansichten. Ich sagte ihr, sie solle lieber selbst bestimmen, was sie sich anhört. Das ist ja auch gar nicht schwer. Man muß nur wissen, was man will und dem etwas mehr nachgehen. Man ist nicht hilflos ausgeliefert, das ist nur eine Ausrede.

Ich hatte das einmal in einem meiner besten Schulaufsätze geschrieben (die ich übrigens immer verabscheute - ich war nie gut im Schreiben). Es ging um Dauerberieselung und Informationsflut. Der Lehrer bedachte mich mit einem müden Lächeln, als er meinte, ich hätte zwar gut argumentiert, aber keine Zeitung mehr zu lesen oder nicht mehr fernzusehen sei doch auch keine Möglichkeit. Damals wußte ich auch keine Alternative, aber ich wußte, daß ich das Übliche nicht wollte. Es ist eben eine Frage, ob man weiß oder ahnt, wo es etwas Besseres gibt. Wenn man aber schon von vorneherein resigniert, wird man auch nichts anderes finden.


 

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