Ich wollte das keinesfalls verpassen, von GL eine Einführung in eines seiner bevorzugten Themen, hochwertige mechanische Armbanduhren, zu bekommen.
In GLs Nähe fühlte ich mich sofort befreit von irgendwelchen Zwängen, aber auch von allen Bewegungen, die etwas blockieren oder zu vertuschen versuchen. Ich ließ mich einfach hineinfallen in das ganze Erlebnis und das rasante Tempo. Die Eindrücke strömten wie ein Wasserfall auf mich ein, aber es war nie übermäßig oder gehetzt. Ganz im Gegenteil. Innerlich war alles völlig ruhig. Der Verstand hatte gar keine Chance sich zu melden, denn eine ganze, neue Welt, die ich nicht kannte, tat sich auf. Das ging alles so fix, daß ich nur intuitiv mitkam.
Einmal dachte ich kurz daran, ob GL das mit Absicht machen würde – aber später kam mir der Gedanke absurd vor. Es ist seine quirlige Art, seine sprühende Freude und ein Gebiet, in dem er sich bewegt wie ein Fisch im Wasser. Außerdem wäre es einfach nur lächerlich und beschränkt, erstens irgendetwas, was GL tut oder nicht tut, auf mich zu beziehen und zweitens ihm dann auch noch eine Methode zu unterstellen. Er ist weit jenseits von soetwas, oder besser gesagt, immer schon hier und noch viel näher hier – ich meine das nicht irgendwie mysteriös verklärend, sondern menschlich, von der Art her. Das machte etwas mit mir. Einmal hatte ich den starken Drang, ihn einfach zu umarmen. In einer anderen Situation, die mich aus irgendeinem Grund sehr berührte, war ich fast den Tränen nahe.
GL kannte sich bestens aus, nicht nur mit technischen Details, Design, Materialien, Formen, den Marken und ihren Kollektionen, sondern vor allem mit den Menschen hinter den Uhren, die Firmenleiter, die Uhrenmacher, die internen Vorgänge im Vergleich zum öffentlich dargestellten Bild und wie das alles im Ganzen zusammenwirkt. Mich überraschte dann, was GL schon immer voraussetzte oder mir alles zutraute. Dabei war ich von vorne bis hinten einfach nur ahnungslos. Ich hatte das Glück, bei ihm hinten dranhängen zu dürfen und so die interessantesten Leute, die ausführlichsten Erklärungen an den Ständen und die schönsten Uhren zum Anprobieren zu bekommen, was ich alles allein nie bekommen hätte. Es war eine ganz eigene Stimmung. Es war, als wäre die ganze Ausstellung nur für GL da und solange ich in seiner Nähe war, war ich mit dabei in diesem Strom. Sobald ich einmal kurz allein unterwegs war, klebte sofort ein Verkäufer an mir, der mir ein Zeitungsabo aufschwätzen wollte, ich hörte Gesprächsfetzen mit, die mich sofort aus der richtigen Sicht auf die Dinge (entsprechend meines Empfindes) herabzogen oder die Mitarbeiter der Uhrenfirmen hatten immer etwas zu tun, oder wurden von vielversprechenderen Kunden weggezogen, als daß ich dazu kam etwas zu fragen.
Während der ganzen Ausstellung kam es mir vor, als würde ich vorgeführt und entlarvt, aber auf eine magische, hintergründige Art und Weise. Mit GL hatte das zwar tun, aber er tat selbst nichts, sondern die ganze Situation verwandelte sich, so daß etwas anderes hervorkam. Er war einfach, wie er war. Aber seine Anwesenheit tauchte alles in ein anderes Licht, und es kam mir manchmal so vor, als wären einige Momente von irgendjemand im Hintergrund eingefädelt worden. Ich sah mich selbst besser, als einen ahnungslosen, staunenden Junge, der noch nicht einmal angefangen hat, das Leben selbst zu entdecken und auszuprobieren. Ich fühlte mich, als wäre mein Herz winzig, als wäre ich an allen Ecken und Enden borniert und bieder, erstarrt und innerlich eigentlich alt und unbeweglich, als hätte ich mich schon abgeschrieben. GL war dagegen spritzig, jung und gut gelaunt. Auf eine ganz besondere, feine Art fand er immer sofort ins Herz des Gegenübers und traf das Schwarze, so daß dessen Augen zu leuchten begannen und etwas von dem Mensch hervorkam. Das zu erleben, war allein schon unbezahlbar. (Ich schreibe hier, was ich erlebt habe, nicht um irgendetwas zu verklären.)
Es passierte im Grunde nichts Besonderes, aber gleichzeitig erlebte ich für mich sehr viel. Als ich wegging, fühlte ich mich ganz anders als ich angekommen war – als würde ich direkter mit allem zusammenhängen und sprach dann gleich noch mit diesem oder jenem auf der Straße und im Zug. Beim Versuch, in Worte zu fassen, um was es ging, lief es immer wieder auf eines hinaus: Großzügigkeit. Nicht jemand anderem gegenüber als karitative oder weltverbessernde Haltung, sondern sich selbst gegenüber, sich zu erlauben, sein zu dürfen, wie man ist, echt zu sein, und es auszuprobieren, wie sich das Leben dann anfühlt und entwickelt, was passiert, wenn ich meine Liebe offen auslebe. Ich wußte jetzt, was Großzügigkeit ist, wie sich Großmut anfühlt, wie das lebt. Und ich wußte, daß ich immer nach diesem Punkt gesucht habe, von dem aus das möglich wird.
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