Ich wachte zur üblichen Zeit auf und fühlte mich immer noch sehr müde, vor allem körperlich. Ich versuchte vergeblich wieder einzuschlafen. Zum Aufstehen fehlte mir aber auch die Kraft.
Nach einiger Zeit fiel mir ein, daß ich eine Telefonnummer in der Gärtnerei vergessen hatte. Es ging um jemand, der Hilfe im Garten wollte. Ich hatte das nicht umsonst vergessen, denn ich wollte das nicht machen. Ich fühlte mich zu fein dafür, es hatte nichts mit mir zu tun. Als mir das klargeworden war, änderte sich plötzlich etwas. Mir fiel auf, daß ich diese Art der Arbeit offensichtlich nicht mit mir in Verbindung bringe. Ich ging dem nach, ob ich nur in dem Arrangement als Angestellter scheinbar damit zufrieden bin, weil es dann immer noch einen Spalt gibt zwischen mir und der Arbeit als Gärtner. Wenn ich das wirklich wollte, dann würde ich alles miteinbeziehen, nicht nur bestimmte Teile und aus der Position einer höheren Warte. Als mir das klar war, war urplötzlich doch Kraft da. Es war jetzt kein Hilfsjob mehr, sondern ich wollte etwas. Mich interessierte jetzt, was tatsächlich herauskommen würde anstatt nur darüber nachzudenken, und plötzlich war ich in der Situation, etwas selbständig zu machen. Das ist eine feine Schwelle, die es schon bei viel einfacheren Dingen gibt wie z.B. Saubermachen. Passiert es einfach nur als automatischer Ablauf, weil es eben nötig ist oder bei Arbeit, weil man Geld verdienen muß, oder will ich etwas dabei, bin ich selbst ganz damit verbunden und bei der Sache?
Ich fuhr also in die Gärtnerei, um die Nummer zu holen, erreichte aber niemand am Telefon. Dort traf ich dann den aktiven, achtzigjährigen Nachbarn und unterhielt mich etwas mit ihm. Ihm folgend, fing ich auch an, Walnüsse einzusammeln und machte nachher noch etwas weiter, als er schon weg war. Ich hatte plötzlich keinen Plan mehr für meinen Tag. Ich fuhr dann mit dem Rad durch die warme Vormittagssonne zurück und fand an jeder Ecke etwas, um anzuhalten. Ich sammelte völlig ohne Sinn wie ein Junge Eicheln und Kastanien, dann noch Obst von ein paar freistehenden Obstbäumen. In der Feiertagsruhe war es, als wäre die ganze Welt in Ordnung.
Am Nachmittag, nachdem alles auch in der Wohnung erledigt war, kam die Müdigkeit wieder. Ich hatte noch vorgehabt, zum Selbstverteidigungstraining zu fahren, aber ich fühlte mich immer schwächer. Als ich den Schritt tat und mir erlaubte, nichts mehr zu tun, war es wie eine große Erleichterung. Ich wollte nur noch diese seltene Erleichterung und stille Freude ohne irgendetwas anderes, und vor allem, ohne mir etwas aufzuerlegen. Ich wollte mich nicht mehr anstrengen und etwas tun.
Auch wenn ich mich wie ein Versager fühlte. GL hat schon einmal die wahre Bedeutung von Müdigkeit erklärt. Müdigkeit ist Falschheit. Jemand, der sich selbst gemäß handelt und lebt, erfährt das als Stärkung. Dagegen verbraucht Unterdrückung davon viel Energie. Ich war also müde. Und ich konnte das nicht wegmachen. Ich schob noch vor, daß die Woche anstrengend war (mehrmals ein paar hundert Kilo in Zentner-Säcken zu verladen oder Gehölzballen herumzutragen). Gestern dauerte der Tag auch zehn Stunden bis ich abends mit der Büroarbeit fertig war, die ich zugesagt hatte.
Aber selbst die körperliche Müdigkeit sagt etwas, denn dann ist mein Körper eben nicht darauf ausgelegt.
Ich schlief knapp drei Stunden einen eigenartigen Schlaf. Immer wieder öffnete ich die Augen, um auf die Uhr zu sehen. Ich konnte nicht sagen, ob ich dazwischen eingeschlafen war oder nicht. Aber ich mußte geschlafen haben, denn die Intervalle zwischen dem Uhrablesen waren viel größer als mein Gefühl, wieviel Zeit vergangen war.
Nach dem Aufwachen fühlte ich mich, als wäre irgendetwas in Ordnung gekommen, wobei ich nicht sagen konnte, was das genau war. Ich las in aller Ruhe in GLs Buch. Danach fühlte ich mich wieder, als hätte ich ein wenig mehr Verständnis, um was es bei Bewußtheit geht. In diesem Eindruck las ich dann noch eine Passage bei Nisargadatta und verstand ihn besser, was er mit Einheit meint. Ich verstand dabei, wie häufig ich über mich werte und Verhalten und Empfindungen in Kategorien einteile, dagegen vorgehe, etwas verleugne und stattdessen versuche, mir etwas aufzuerlegen. Aber das muß ich genauer und praktisch untersuchen, wenn es passiert.
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Nochmal zurück zur Arbeit: Ich weiß immer noch nicht, was zu mir paßt. Meine Gestalt ist zu zierlich, als daß ich schwere körperliche Arbeiten länger durchhalten würde. Aber momentan bekomme ich auch sehr viel. Es vergeht kein Tag, an dem nicht irgendein Schemadenken wie etwas zu sein hätte, bei mir ausgehebelt wird. Ich bemerke das immer daran, daß ich mich fühle wie ein kopfiger Fachidiot, der das einfachste vor seiner Nase nicht erkennt. Ich bin dankbar dafür, denn ich wüßte nicht, wie ich sonst in bestimmten Bereichen auf den Boden der Realität kommen könnte. Das gibt mir jedes Mal ein Stück Beweglichkeit. Außerdem bin ich allein schon froh, wenn ich über die Autobahn mit den Pendlern in Richtung Stadt fahre und einen Tag mit Freiheit und Bewegung vor mir habe.
Zur Zeit merke ich erst, wie sehr Deutschland für mich bisher nur ein „geistiges Land“ war. Körperliche Arbeit und Lebensumstände gab es für mich nur auf Reisen, bei anderen, in der Fremde. Der Kontakt damit bringt mich in sehr vielen Bereichen auf den Boden und ich sehe klarer und realistischer.
Es gibt immer wieder Momente, in denen ich das ganze Milieu abstoßend finde und weg will, denn die Menschen in der Branche sind beinahe durchweg ziemlich derb und hart. Außerdem fehlt mir oft Feinheit, Ordnung und etwas wie Präzision. Es reicht bei vielen Dingen, wenn sie halbwegs getan werden, und das zieht sich dann durch alles hindurch.
Außerdem gibt es für mich noch eine sehr klaren Trennung zwischen der Arbeit und den Menschen. Die Arbeit ist mit Erde, Schlamm, Staub, Wasser, manchmal auch Öl und Benzin für Maschinen, häufig schmutzig. Aber das ist kein Problem, dann wäscht man sich und die Kleidung eben am Abend. Dagegen hat das überhaupt nichts mit dem Schmutz von Menschen zu tun, mit Unordnung, Süchten oder übler Nachrede und Verlogenheit, etc. Das stößt mich ab und das läßt sich nicht abwaschen.
Ich merke aber immer mehr, daß ich auch nicht zurückkann. Ich werde immer mehr eingeklemmt und ich muß immer besser wissen, was ich will. Als ich letztens eine Angebot für ein Software-Projekt bekam, drehte sich mir richtig der Magen um. Die hochkomplizierten Details kamen mir plötzlich vor wie aus einer anderen Welt, richtig krank. Ich wußte dann, daß ich das nicht mehr kann. Ich fühle mich, als würde ich in überhaupt kein Schema dieser Welt passen – das erfordert noch viel mehr Selbstverantwortung.
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