Wollen

Das Laufen war heute sehr kraftvoll. Ich strengte mich dafür aber nicht stur an, auch war es nicht überhitzt, sondern etwas war diesmal ganz anders: Ich ließ es laufen und probierte aus, was mehr Freude machte. Ab der Hälte etwa lief ich immer abschnittweise so schnell ich konnte. Alles zu geben oder mich über alle Maßen zu verausgaben tue ich nur im Auftrag und im Dienst anderer. Dort gehört das zu meinem üblichen Verhaltensrepertoir. Wenn ich etwas für mich tue, allein auf mich gestellt, bleibe ich meist in einer Selbstblockade hängen, die gewohnheitsmäßig sehr früh anschlägt. Allein das zu bemerken half heute, sofort aus einer Lethargie herauszukommen, von der es nicht weit ist zu Grübeln und Absacken.

Allein bei fiebriger Verstandesaktivität scheint es bei mir zu selbstständigem Handeln und Wollen zu kommen. Etwas passiert, aber in Wirklichkeit ist es eine unkontrollierte Sucht, in der ich mich verliere. Der Unterschied ist mir jetzt immer klarer. Es bleibt nur übrig, das nicht mehr zu verwechseln und entsprechend das erste, echte Wollen zu verfolgen.

Es ist eigentlich recht leicht zu erkennen, wo die Blockade steckt. Innerlich verhalte ich mich immer noch wie das überbehütete Kind, das alle Ängste aufgenommen und verinnerlicht hat. Ich bemerke sogar sehr starke Gedankenketten, die mich bei aufkommendem Wollen nicht nur warnen, sondern die mich beschimpfen, mir einreden, es wäre bestimmt falsch oder schädlich was ich will. Danach bleibe ich verwirrt und widersprüchlich zurück. Diese warnenden Gedanken projiziere ich je nach Situation auf die unterschiedlichsten Menschen. Weiter gibt es noch die starke, angstbehaftete Vorstellung, daß ich nicht mit den Konsequenzen fertig werde, würde ich allein entscheiden.


Den Tag über fühlte ich mich ausgeglichen und klarer als meistens. Zu der Eindrucksnahrung der letzten beiden Tage war mir noch aufgefallen, daß ich etwas mißverstanden hatte. Den Begriff habe ich viel zu metaphorisch bzw. mystisch aufgefaßt, so als würde dabei möglicherweise irgendetwas mit einem geschehen. Eindrucksnahrung ist wirklich eine spürbare Nahrung, aber genau wie bei normalem Essen kommt es darauf an, was man selbst daraus macht. Gesundes Essen hat auch einen spürbaren Effekt auf den Körper, aber trotzdem kommt es dann darauf an, was jemand mit seiner Energie anfängt.

Nachdem ich abends bei Nisargadatta gelesen hatte, war ich lange still auf der Couch gesessen und bin immer weiter eingesunken im Dableiben. Oft reicht schon ein kurzer Abschnitt von ihm, um die ganze Ausrichtung zu verändern und die Prioritäten wieder zu sortieren (sofern ich ihm in dem Abschnitt einigermaßen folgen kann).

Er betonte in dem Abschnitt, daß es genüge, sich einfach nichts mehr einzubilden. Man bräuchte auch nicht richtige Gedanken kultivieren oder anders zu denken versuchen, allein das Irreale vom Echten unterscheiden genüge.

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