Gestern Abend kam ich nach Hause und schlief nach dem Duschen sofort ein. Ich habe nicht einmal etwas gegessen. Heute morgen wachte ich nach elf Stunden Schlaf auf. Der Unterschied war bei der Müdigkeitsphase dieses Mal, daß es nicht wie zuletzt so eine bleischwere Müdigkeit war, die vom Kopf auszugehen schien, sondern eher eine ganzkörperliche Erschöpfung.
Heute ging es mir dann ausgesprochen gut. Bei allem was ich tat war zuerst eine gelöste Ruhe und stille Freude. Heute lösten sich ein paar Gedanken auf, die noch manchmal herumschwirrten. Die Dinge, die ich in der Gärtnerei tue, sind nicht einfach nur „im Dreck wühlen“ oder stupide Arbeiten, auch wenn sie einfach auszuführen sind. Es geht viel tiefer, wenn ich mit der Zeit mehr verstehe, die Zusammenhänge sehe, mehr Übung und Routine bei den Handgriffen bekomme. Es ist nicht schwer, eine Pflanze zu beschneiden, zu teilen, zu topfen, usw. aber es ist alles zusammen, was mich rund fühlen läßt – die Zusammenhänge zu kennen und dann das Richtige zu tun, und gut zu tun.
Vor allem die körperliche Arbeiten, die nicht nur Kraft, sondern auch noch etwas Geschick und Vorsicht erfordern, wirken besonders direkt darauf zurück, wie ich bin und wie ich mich fühle. Ich kann das nur schwer erklären. Wer schon einmal erlebt hat, wie sich der Körper nach zwei oder drei Tagen auf eine Tätigkeit einstellt und wie diese Verrichtungen dann in einem weiterwirken, so daß man sich am dritten oder vierten Tag wie aus einem Guß mit der Tätigkeit fühlt, der kann das nachvollziehen. Aber ich bin nicht sicher, ob das jedem so geht. (Ich kenne das von längeren Radtouren, als sich jeden Morgen wieder aufs Neue diese Lust aufs Fahren einstellte, weil das genau das war, was ich wollte, während meine Begleiter häufig hinauszögern und faulenzen wollten.) Etwas Ähnliches empfinde ich jetzt, nur umfassender. Es macht mir einfach Freude, weiter in die Tätigkeiten und die Details einzutauchen. Und es gibt keine Details, die zu klein wären, als daß sie nicht zu berücksichtigen wären, keinen Dreck und keine Unordnung, die es nicht wert wären, aufgeräumt zu werden.
Mir tut es sehr gut, daß in der Gärtnerei alle Teile von mir als Mensch gefragt sind. Nicht nur das Arbeiten und Ausführen (der besonders ignorierte körperliche Teil), sondern auch Wissen, dann noch Kontakt mit Menschen beim Beraten und Verkaufen, manchmal Gestalten. Außerdem habe ich noch mit Büroabläufen zu tun und dann ganz natürlich mit Organisation, usw.
Jetzt erst verstehe ich wirklich, daß man hier etwas davon lernen kann, wie das Leben funktioniert. Wie eine langvergessene Erinnerung oder eine romantische Formalität wirkt heute für viele diese ursprüngliche Organisation und den Abstufungen von Lehrling, Geselle und Meister. Das alles hatte einmal eine wirkliche, lebendige Bedeutung als es noch die Basis der Gesellschaft bildete.
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Unter tags telefonierte ich mit dem Auftraggeber für das kurzzeitige Software-Projekt, das ich für drei Wochen übernehme. Die Verhandlungen über den Preis ärgerten mich. Wie schon bei der Vermittlungsfirma vor kurzem wird um jeden Euro gefeilscht, als ob das für diese großen Firmen einen Unterschied machen würde, ob sie am Ende ein paar hundert Euro mehr oder weniger zahlen; vor allem ärgerte es mich vor dem Hintergrund, wie viel Geld dort kurzerhand verschwendet wird durch Unachtsamkeit, Pfusch, usw., denn für mich machen diese paar hundert Euro einen sehr großen Unterschied.
Nach dem Telefonat war es eigenartig, gedanklich erst wieder in der Gärtnerei anzukommen. Es war ein ähnlicher Vorgang wie zu Beginn als ich dort anfing, nur viel schneller, innerhalb von wenigen Minuten. Es ist dann immer eine Art Hochmut gegenüber der Einfachheit, vermischt mit ungläubigem Staunen, daß ich hier sein darf, inmitten der alten Bäume, wo der Wind weht, die Vögel zwitschern und das Gewitter unmittelbar spürbar ist. Diese andere Welt der Consultants und IT-Menschen, der Angestellten und Sesselfurzer kam mir jetzt völlig verrückt vor mit all dem überzogenen Getue, den aufgesetzten Phrasen, dem Sich-Verkaufen-Müssen und all der Notwendigkeit, ständig Schein zu erzeugen, zu manipulieren und dem anderen etwas aufs Auge drücken zu müssen, weil es mittlerweile der kleinste Anteil ist, wo etwas Echtes und Authentisches dahintersteht, das von selbst und aus Notwendigkeit nachgefragt würde. Ich gehe dort jetzt wieder hin und mache die bestmögliche Arbeit für das meistmögliche Geld. Jetzt weiß ich wenigstens besser, warum und für wen ich es tue. Ich stecke nicht mehr drin fest. Ich nehme mir, was ich brauche, und mehr habe ich damit nicht zu tun. Dieses System ist darauf ausgelegt, daß sich jeder nur bedient. Es ist einfach nur naiv und dumm, das zu ignorieren und dann vielleicht noch den netten Mensch zu spielen. Genauso dumm ist es, sich andern gegenüber anzubiedern, den eigenen Wert zu gering einzuschätzen, und nicht zu sagen, was man will. Alles, was dem entegegenwirkt, ist Teil der Gesamtgehirnwäsche, um innerlich Untertan zu bleiben.
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