Archiv für Juni 2008

Verletzlich

Ich arbeitete vormittags zuhause, es ging mir sehr gut. Als ich dann nachmittags zum Kunden fuhr, merkte ich erst, wie müde ich war. Ich fiel im Zug in einen seltsamen Schlaf und erlebte beim Aufwachen ein paar Momente ohne Filter – dann traf der Verstand ein und alles wurde unerträglich intensiv. Dann war es, als würden wieder die üblichen Denkvorgänge über alles gelegt und dadurch wird es erträglich und ich kann mir einen Sinn erzeugen aus dieser wilden Umwelt.
Im Büro wurde ich sofort hineingezogen in diese Atmosphäre aus schlagender Härte, Kampf und auftrumpfenden Egos. Diese Ingenieurswelt ist wirklich die Fortsetzung des Sandkastenkampfes. Wer ist stärker, wer ist besser, wer baut die größeren und komplizierteren und mächtigeren Maschinen, wer weiß besser bescheid und vor allem: Wer ist männlicher. Dabei steckt doch hinter der Arbeit überhaupt kein Geheimnis und überhaupt keine Schwierigkeit, nur aneinandergereihte Zahlenkolonnen, etwas, was man eben einmal lernt – fertig. Alle Probleme, die auftreten, haben nur immer mit Menschen und Mißverständnissen zu tun und vor allem mit den zänkischen Kleinigkeiten und einem riesigen Haufen unausgesprochener Dinge, die da ausgetragen werden. Überall verhaltene Aggressionen, die sich notwendigerweise eine andere, zerstörerische Bahn suchen.

Mittendrin überfiel mich noch einmal diese lähmende Müdigkeit. Es war, als würde ich fast mit offenen Augen schon von einer Sekunde auf die andere einschlafen. Ich funktionierte dann wirklich nur noch wie ein Automat. Ein Kollege fragte nach, ob es mir gutginge, dabei hatte ich aber ganz offen geantwortet. Vielleicht hatte ihn diese Offenheit hellhörig gemacht. Ich hatte keine Kraft mehr, noch irgendetwas an Stärke oder Widerstandskraft zu präsentieren. Ich fühlte mich sehr verletzlich. Aber das passiert jetzt ohne jedes Selbstmitleid oder Gefühlsregung im Sinne von Hineinfühlen, sondern es ist einfach eine schlichte Tatsache.

Keine Filter

Gestern bin ich doch zu dem Konzert eines brasilianischen Chores gefahren, zu dem mich D. schon länger eingeladen hatte.
Das Konzert war angenehm, hat aber weniger gehalten, als ich mir versprochen hatte. Mir fehlte die Kraft darin. Es war harmonisch und schön und auch gekonnt, aber völlig harmlos. Eine Möglichkeit wäre noch der Rhythmusreichtum dahinter gewesen, aber von dem wurde auch nur eine verhaltene Ahnung präsentiert. Es berührte mich nicht tiefer, wie ein warmer Windhauch, aber kurz danach schon wieder vergessen.

D. gegenüber fühlte ich mich anfangs noch unbehaglich seit unserem letzten Treffen. Ich wußte nur, daß ich alles, was ich noch geglaubt hatte über mich und meine Einstellung, hinter mir lassen muß. Ich kann überhaupt nicht sagen, ich wäre nicht eifersüchtig, ich würde mich nicht verbunden fühlen mit ihr, ich wäre frei oder modern oder sonstetwas. Ich weiß es einfach nicht, was in einem Moment passieren wird. Und alles andere kommt mir jetzt schon verlogen vor. Ich kann das nicht mehr in den Mund nehmen, ich wäre so oder so – es versetzt mir auch einen Stich, wenn jemand soetwas sagt. Es ist immer eine Einschränkung durch eine Bewertung und bestimmtes Selbstbild dahinter. Mir ist jetzt auch egal, ob irgendein Gefühl oder Verhalten dann in irgendwelche Kategorien fällt, solange es nur echt ist. Ich habe da immer fein säuberlich sortiert und mir mit diesen Filtern ein bestimmtes Bild zurechtgemacht.

Am Ende kamen wir uns nahe. Aber ich fühlte mich eigenartig verändert. Es ist angenehm – aber es ist, als ob sich da etwas verengt. Mir ist es momentan nicht mehr so wichtig, ob eine Erfahrung angenehm ist oder nicht. Es kommt mir mehr darauf an, wie nahe ich etwas erlebe, das ist ein ganz anderer Geschmack.

Der Gang durch die Stadt war von einer seltsamen Atmosphäre begleitet. Alles war still, wie ausgestorben, weil alle vor dem Endspiel saßen – nur vereinzelte Inseln wo sich die Massen zusammengefunden hatten. Alles war viel näher, wie in einem Museum. Die paar Menschen, die wir noch trafen, fühlte ich mich wie durch einen seltsamen, augenzwinkernden Pakt verbunden.
Ich mußte an den Wissensstoff denken, den man in solchen Momenten sammeln könne, wie G. das beschrieben hat. Bei ihm ging es aber um einen Weltkrieg. Vielleicht geht es da um die Menschen, die nicht zur Masse gehören. Die sich, aus welchen Gründen auch immer, heraushalten können und deren Hintergründe, eigenständige Kraft und Wissen man dadurch einsammeln und bündeln kann.
Solche Menschen, die am Rand der üblichen Sichtweise stehen, sammeln sich dann im besten Fall in Arbeitsgruppen, tauschen sich aus und unterstützen sich gegenseitig, um das zu sammeln, was sonst keiner (sehen) will.

Verlieren

Eine Traurigkeit kommt auf, wenn ich versuche, der Unsicherheit nachzugehen. Auch kommt wieder das Gefühl, anzuhalten und als würde sich mein Brustkorb zusammenziehen. Feinheit im Gefühl und Ängstlichkeit gehen bei mir immer einher. Ich habe noch gar nicht herausgefunden, ob auch etwas anderes möglich ist. Oft kommt es mir so vor, als wäre das bei anderen möglich, vor allem im Selbsterkenntnisumfeld.

Ein Traum heute Nacht sagte mir, daß das nur eine Vorstellung ist. Ich sträube mich davor, tiefer in diese Traurigkeit hineinzufallen. Ich träumte von einem Besuch mit GL zuhause bei seinen Eltern. Zusammen mit D. unterhielt ich mich mit ihnen und fand sie ganz angenehme Leute. Aber GL fehlte die ganze Zeit. Ich traf ihn draußen vor der Tür. Er weinte bitterlich. Ich war verunsichert, was ich tun sollte und versuchte, ihn zu trösten. Doch ich wußte, jede Regung von mir ist nur ein Lüge und ein Kaschieren. Es war mir peinlich, denn ich wußte, ich hatte etliche Falschheiten begangen und die übliche Freundlichkeit gespielt, während er nur noch an all der Verlogenheit litt, die ich nicht sehen konnte. Ich wußte, er ist der empfindsamste Mensch, den ich kenne und dadurch fühlte ich mich selbst fürchterlich hart.
Der Geschmack, den dieser Traum hinterlassen hat, sagt mir, daß ich die Traurigkeit ebenso wie die Ängstlichkeit und Peinlichkeit meide – alles, was ich als schwach aburteile.

Ich traf D. auf dem Markt zusammen mit einem Besucher, der schon vor Jahren seit Beginn soetwas wie ein Nebenbuhler war. Sie traf ihn damals, während wir getrennt waren. Damit hatte ich keine Probleme – ich war mir zu sicher über unsere Verbindung, als daß ich meinte, jemand anderer könnte da etwas gefährden. Da lag mir Ablehnung fern. Noch dazu fand ich es lächerlich, daß sie mich quasi um Erlaubnis bitte, wen sie treffen dürfe.

Aber ihn jetzt persönlich zu treffen, war etwas ganz anderes. Ich war sehr verstört, so unerwartet vorgestellt zu werden. Tausend Gefühle würgten mir die Sprache ab. Es war sofort auch Eifersucht dabei. Aber das vorherrschende Gefühl war Verwirrung und Traurigkeit. Sofort zeigte sich am allerstärksten eine Sache: Ich habe dem nichts entgegenzusetzen, was ich mir vorher noch eingebildet hatte. Ich fühlte mich völlig geschlagen und ausgeliefert. Ich weiß, daß ich nur verlieren kann gegen alle anderen solchen Männer. Ich bin niemand, der vorgeben kann, alles unter Kontrolle zu haben, ich kann keine „Kraft vermitteln“. Ich kann mich nicht aufschwingen zu einem dieser erstrebenswerten Jobs und entsprechend Geld verdienen, weil ich da eingehen würde. Ich habe all diese Stärke und Coolness nicht. Ich fühlte mich wie der letzte Verlierer.
Sie hält sich ihre Bekanntschaften warm, bis sie wieder zurückkehrt – so kam mir das vor. Ich war sehr traurig, und gleichzeitig war da ein eigenartiges, verdrehtes Triumphgefühl, das mir sagte: Genau das wolltest Du doch immer. Als Opfer dastehen, damit Du eine Rechtfertigung hast, um Dich zurückzuziehen! Ich blicke da jetzt überhaupt nicht durch. Es stimmt beides: Ich bin schwach, will das nicht anerkennen und gleichzeitig suhle ich mich doch selbstmitleidig darin. Und nicht nur hier.

Matthäus-Passion

Ich habe mich in den letzten Tagen langsam an die Matthäus-Passion von Bach gewagt, die schon ewig ungehört im Regal steht. Ich wartete immer noch auf den richtigen Moment für so ein großes Werk. Da der aber nicht kommt – und es auch unmöglich ist, das dann in der Größe richtig aufzunehmen, wie ich jetzt meine – habe ich mich in kleinen Stücken daran gemacht.
Es gibt einige Arien darin, die mich irgendwo ganz unten treffen, tief drin. Da reicht schon die flehende Geige aus dem Satz 39 als Paradebeispiel.
Mich überrascht immer wieder die Bandbreite. Die Musik von Bach ist so frisch und an einigen Stellen klingt sie so zeitlos (oder auch modern), daß sie überhaupt nichts mehr mit Barock zu tun hat. Trotzdem ist sie in höchstem Maß formvollendet, also ohne auszubrechen. Er erweitert die strengen Regeln ohne sie zu brechen und schraubt sich immer höher hinauf, in völliger Leichtigkeit und spielerischem Entdecken. Auch die Variationen über die Melodien sind meisterhaft, daß ich nicht sagen kann, welche Melodie die ursprüngliche und welche eine abgewandelte ist. Immer steht ein Teil ganz abgeschlossen und vollendet für sich und drückt etwas Bestimmtes aus. Dabei erkenne ich aber Bezüge und Zusammenhänge, die sich durch viel größere Abschnitte hindurchziehen. Und hin und wieder tauchen auch Verbindungen mit ganz anderen Werken von ihm auf. Es ist, als schillerte eine wunderschöne, großzügige Persönlichkeit immer wieder aus der Musik heraus, bei der sich Altbekanntes mit immer wieder Neuem mischt, als würde man mit einem frischen Auge neu hinsehen.
Das Werk strahlt für mich stark eine Grundstimmung von Gleichmut aus. Dazu kommen stille, erschütternde, flehende und liebevollen Passagen, die den mächtigen Chören des Volkes und den verstohlenen Hohepriestern gegenüberstehen.

Als ich den Text mitlas verstand ich die Geschichte zum ersten Mal viel lebensnäher in ihrer Härte. Da sind die gleichen Volksvorsteher und intriganten Machenschaften wie heute auch, ebenso die gleichgeschaltete Masse und die Probleme. Die Verleugnungen bei Petrus z.B. erschienen mir so greifbar. Es ist das, was passiert, wenn man bei jemandem nachforscht und wenn es um das Eingemachte geht. Selbst, wenn man selbst meint und beteuert, wahrheitsliebend zu sein, gibt es immer noch einen Punkt, wo noch nicht hingesehen wurde und wo sich das immer wieder neu beweisen muß. Der Petrus weint bittere Tränen, nachdem ihm Jesus schon vorausgesagt hatte, daß er ihn verleugnen würde, weil er ihn eben schon besser durchschaut hatte, als er sich selbst.

27.6.2008

Ich sitze am Abend im Innenhof, wo die Pflanzen so üppig quellen. Die Abendstimmung legt sich über die Umgebung und die Geräusche nehmen eine wohlige, entspannte Färbung an. Aus den umliegenden Häusern klingt es nach Zusammenkunft und Heimkommen. Auch der Gesang der Vögel ist zufrieden abgerundet, wo er noch übermütig und kraftstrahlend am Morgen klang. Alles, was mir den Tag über durch den Kopf gegangen war, ist jetzt weit weg. Da ist wieder ein leises Gefühl, daß grundsätzlich alles in Ordnung ist.

Verkanntes Genie

Das brachte eine verschwommene Phase zwischen Traum, Halbschlaf und Aufwachen aus der Dunkelheit mit.
Ich hatte einen undeutlichen Traum, in dem ich mit GL telefonierte und er mir sagte, daß ich schon den ganzen Juni nur in einer Art Plastikwelt lebe. Es klingelte an der Tür und ich entschuldigte mich, um zu öffnen. Aber statt den Hörer neben das Telefon zu legen, legte ich aus Versehen auf. Das war mir sehr peinlich, denn es war pure Verwirrung und das auch noch genau dann, wenn ich mich wenigstens ein bißchen zusammennehmen könnte.
Dann wachte ich auf mit dem genannten Begriff. Ich verstand, daß es da noch präziser um mein Selbstbild geht. Es ist noch ein anderer Aspekt als die Heiligengeschichte. Es geht um eine diffuse Vorstellung, daß nur jetzt etwas ungeklärt ist, ich nur jetzt Probleme habe, nur jetzt schwach und ängstlich bin, und vor allem, daß sich das irgendwann ändert und ich dann endlich zu meinem wohlverdienten, ausgefüllten Leben komme, mit einem Haufen von Erfüllungen, die alle völlig einfach und problemlos ablaufen.
Daß das natürlich nicht so ist und ich nur in meinem stinknormalen Alltag bin, baut eine Ablehnung auf, die mir dann als Problem erscheinen läßt, was einfach jetzt nur da ist. Denn das reicht dann nämlich nicht. Also muß ich herumbasteln und mich ändern und verbessern und noch unendlich mehr Streß veranstalten.

Wieso sollte ich das nicht einmal umdrehen und diese unnütze Perspektive loslassen? Wenn ich es genauer ansehe, dann ist mein Leben eben eine ungeordnete, unsichere Sache, Angst und Unsicherheit treten häufig auf, ebenso wie Unklarheit und Ärger neben kurzen Abschnitten mit angenehmen Erfahrungen. Die Gedanken machen, was sie wollen und traktieren mich schon vor dem Frühstück, daß ich schon wieder in eine Verkrampfung hineinlaufe. Wieso sollte sich daran etwas ändern? Wieso sollte ich einen Anspruch darauf haben? Wenn ich das als gegeben hinnehme, stellt sich nur die Frage, wie ich mit dieser „Behinderung“ umgehe, eben nicht der Verstand und in der Position der Kontrolle zu sein. Ich muß nur Rücksicht nehmen auf meine Funktionsweise, mehr nicht.

26.6.2008

Ich stehe im Zug auf der Rückfahrt und merke, wie ich fahrig Opfer einer Verwirrung bin. Nein, hinsetzen würde diesen richtungslosen Energien jetzt nicht guttun, nachdem ich den ganzen Tag schon gesessen war. Ich wollte stehen. Dann kam mir der Einfall, im Buch von Reich weiterzulesen, das ich nochmals durchgehe. Nein, auch das war das Falsche in diesem Moment, denn es war noch mehr Nahrung für den Kopf, der schon voll genug war. An keinem Ort war es mir recht. Bis mir auffiel, daß ich eigentlich nur irgendetwas rastlos suchte, um nicht dazusein. Als ich das so sah, ließ ich es zu, genau hinzusehen, wie weit diese Verwirrung geht in meinem Hirn. Wie verrückt das abläuft. Es war, als hätte ich einem unklaren Gespenst in die Augen gesehen und es löste sich dadurch beinahe auf. Nein, die Unklarheit blieb, aber meine Haltung hatte sich geändert und das war vielmehr eine körperliche Erfahrung, erleichternd und ausbreitend. Ich blieb über längere Zeit einfach anwesend, bis ich nach einiger Zeit merkte, daß ich kurz und fast unmerklich wieder herausgefallen war. Dann kam es nochmal zurück.

Mechanismen bei Unsicherheit und Ablehung

Was ist es, was ich immer unter dem Teppich halten will? Was ich nicht anschauen, nicht zulassen und erkennen will? Bestimmte ungute Gefühle, ein undeutliches Drücken, das ich dann immer nach außen verlagere und es z.B. der Arbeit anlaste. Durch die Veränderungen, die durch die Kraftübungen ausgelöst werden, merke ich, daß das nichts mit Äußerlichkeiten zu tun hat. Es ist etwas, das ich selbst am Laufen halte. Da draußen funktioniert alles nach einer bestimmten Ordnung oder zumindest nach Gesetzmäßigkeiten – der Verhau ist in mir.

Was bedeutet die Ablehnung? An einem Moment hatte ich da einen tieferen Eindruck davon. Ich habe noch geschrieben, ich wolle nur ich selbst sein. Es klang in diesem Moment lächerlich in meinen Ohren. Wie einer, der tut, als würde er verdursten, dann aber das Wasser vor ihm ablehnt, weil er lieber Limonade will. Ich will Klarheit, aber nicht hinsehen. Wie soll da etwas klarwerden, wenn ich mich auf etwas Bestimmtes versteife? Ich kann ja gar nichts annehmen mit so einer Sturheit.

Warum lehne ich etwas ab? Weil es direkte Reaktionen erfordert. Oder noch nicht einmal das. Es erfordert direktes Hinsehen und eine Stellungnahme, dann brauche nicht einmal etwas Bestimmtes tun – es kommt nur auf meine eigene Haltung an, die ich kennen muß.
Es geht bei mir da um das Erkennen von dem, was ich selbst will und bin. Weil ich Selbstverleugnung und Unterdrückung so gewohnt bin, bin ich auch so unsicher. Ich verarsche mich selbst mit so einer Antihaltung. Es ist völlig klar, daß ich dann anfällig bin für jegliche Haltung, Situation oder Meinung, die mit ein wenig mehr Vehemenz daherkommt.

Zwei Beispiele:
Eine Frau im Zug las das gleiche Buch, das mir meine Mutter geschenkt hatte. Ich fragte sie nach ihrer Meinung. Aber ich merkte, wie ich da trotz des Impulses lange zögerte, und wie es sich dadurch zu einer richtigen Entscheidung aufbauschte. Aber ich schaute da auch nicht gleich wieder weg. Die Unsicherheit hat dort damit zu tun, daß ich meine Position lieber geheimhalte und mich nicht zeige. Das Ergebnis daraus ist aber immer eine noch härtere Mauer in meinem Kopf und eine unangenehme Verkrampfung. Ich ließ es dann einfach laufen, und dieser Stau in mir verflüssigte sich praktisch im gleichen Moment. Es entstand sogar ein kurzer, angenehmer Kontakt daraus. Was ich ablehne ist das Unbekannte, wo ich die Kontrolle aufgeben muß. Also bleibe ich normalerweise lieber allein in meiner stumpfen, grauen Kerkerzelle und miefe vor mich hin wie alle anderen auch. Dabei geht es doch viel einfacher, wenn ich mir nicht irgendetwas vorstelle, was andere über mich denken könnten, sondern einfach meinem Impuls folge. Ich lehne mich selbst ab, wie ich bin. Am Ende beziehe ich das dann auf den Körper und Körperlichkeit allgemein.

Ich merkte große Unsicherheit beim Zusammentreffen mit meinem momentanen Auftraggeber. Ich habe undeutliche Pläne, etwas anderes anzufangen. Er schüchterte mich ein, was ich denn da machen wolle und drängte auf eine Vertragsverlängerung, weil der Kunde sehr zufrieden ist und mein Auftraggeber bequem und gut Geld mit mir verdient, ohne irgendetwas tun zu müssen. Trotz der Unklarheit ließ ich mich nicht gleich umwerfen und lehnte ab. Ich blieb einfach bei meinem Standpunkt. Und plötzlich kam er ins Schwimmen, was trotz der Maskerade offensichtlich war. Das lief dann ab mit allerlei Floskeln in einer seltsamen Dritten-Person-Sprache („Wir sollten schon sehen, daß wir dies und jenes so und so machen, …“ etc.), um ja nicht zu sagen, was die eigenen Interessen sind, denn dann käme ja deutlicher heraus, was hier abläuft.
Plötzlich bot er mir dann von sich aus durch zusammengebissene Zähne eine Vereinbarung zu einem höheren Preis an, andere Leistungen wie Kurse, etc. Da wurde mir schlagartig etwas klar: Ich war schon wieder an einem Punkt, wo ich auf bestimmte äußere Umstände gehört und mich fremden Vorstellungen untergeordnet hatte – es ist ein richtiger automatischer Hörigkeitsreflex in mir, der eigentlich nur da ist, weil ich ohne diesen „Halt“ panische Angst habe. Ich beschwere und ärgere mich zwar über diesen Vorgang, aber ich verhalte mich nicht anders, weil es so eben einfacher ist. Eigentlich habe ich viel mehr Möglichkeiten und Freiheiten, als ich zugeben will. Es braucht aber auch die entsprechende Kraft, das anzunehmen oder etwas abzulehnen. Ich muß nur wissen, wo ich bin. Dann brauche ich auch hinterher keine Zweifel und Bedauern mit mir herumtragen.

Nach der Begegnung fühlte ich mich zuerst schwach und durchgeschüttelt. Meine unklaren Träumereien liefen den Bach runter. Dann merkte ich aber, daß mir genau das guttat, denn ich muß mir da noch viel klarer werden. Mittlerweile habe ich mich gefangen und schon einen Anhaltspunkt, wie das weitergehen kann bei dem eigentlichen Termin.

Unbewußt

Ich war ziemlich unbewußt den Tag über. Vielleicht hat es einfach mit der Hitze zu tun. Ich merkte nur an ein paar Stellen, wie ich ein Opfer war meiner eigenen überstürzten, hektischen Handlungsweise. Es ist ein bestimmter Mechanismus. Ich schaue nicht genau genug hin, weiß das aber eigentlich. Dann stürze ich mich in Aktivität aus einem riesigen Vorrat an schlechtem Gewissen, als sei das ja wenigstens noch besser, als nur so unnütz vor mich hinzuvegetieren und Zeit zu verschwenden. Es ist sogar so, daß bestimmte Ängste hervorlugen, wenn ich da einmal anhalte in genau so einem getriebenen Moment. Dann handle ich ja gegen diese Stimmen in meinem Kopf, die mir ständig irgendetwas vorschreiben. Das ist auch ein Punkt, an dem ich mich unsicher fühle – ich bin dann auf mich gestellt und folge nicht mehr einfach nur irgendwelchen Programmen. Das fiel mir kurz auf, aber der Drang wurde dann so stark, daß ich ihm nachgab, weil er so rational und überlegt klang („Wieso vertrödelst Du Deine Zeit sinnlos?“). Am besten, das läuft jetzt bei einem Abendspaziergang aus.

Ich habe es schleifen lassen, die Präsenzphasen aufzuschreiben. Das hat immer eine Wirkung, die jetzt fehlt. Es ist weniger, was ich aufschreibe oder beobachte, sondern die Kraft dahinter, die auf diese Momente zwischen den Gedanken lauert.

Architekturdiskussion

Gerade bin ich erst sehr spät zurückgekommen. Ich war spontan auf einer Podiumsdiskussion zur Landschaft zwischen München und Freising, die sich auf Arbeiten von Landschaftsarchitekturstudenten aufbaute.
Es war aufschlußreich, zu sehen, wie das dort ablief. Eigentlich war ich sogar richtig schockiert, denn es trat so klar zu Tage, wie dort überhaupt niemand wirklich etwas wußte. Am wenigsten die Professoren. Ich verstand, wie weit weg diese akademischen Planer von der Wirklichkeit sind. Sie haben ein riesiges Fachwissen über unwichtige Details, das aber anscheinend nur dazu nutzt, ihre jeweiligen Ansichten zu untermauern, die sich durch zufällige Gegebenheiten (Nähe zu Politik, ökologische Ausrichtung, theoretischer Ansatz, etc.) gebildet haben. Die Mitte und das eigene innere Verständnis fehlt. Ich wunderte mich, wie klar das herauskam, und daß das offenbar niemand anderer bemerkte. Ich hatte es auch noch nie so klar gesehen.
Ein Sprecher verursachte mir richtiges körperliches Unwohlsein durch sein völlig standpunktloses Gewäsch. Es war sogar seine durchgehende Grundausrichtung, auch noch jeden Anflug eines Standpunkts bei jemand anderen zu revidieren und aufzulösen, abzuwimmeln und wissend zu belächeln, bis gar nichts mehr übrig war. Bis alles verblasen und in einer unerhörten intellektuellen Arroganz verwaschen worden war. Erschütternd war auch, wie das von allen hingenommen wurde, auch besonders von den anwesenden Studenten.

Irgendwann trug ich eine eigene Betrachtung zu dem Thema bei, weil ich ja gerade erst vorgestern dort ausführlich mit dem Rad unterwegs war. Ich wurde einiges los, was mir da auf dem Herzen lag an Kritik und anderen Ansichten: wie ich die Landschaft dort empfinde, um was es da meinem Gefühl nach geht. Plötzlich wurde es dann hitziger. Vor allem um Schloß Schleißheim wurde es interessant. Ich sprach auch von meiner Erfahrung dort, wie wichtig mir der Ort ist, welche Kraft ich da spüre, die ich sonst und mit heutiger Gestaltung nirgendwo sonst empfinde. Und wieso das so sei?
Es gab einen Vertreter auf dem Podium, der viel von Achsen, dem Kanalsystem zwischen den Schlössern und noch vielen weiteren Zusammenhängen wußte. Irgendwie entstand dann schnell eine Gegenseite zwischen unserer ähnlichen Position und den übrigen Diskutierenden. Ich kannte sogar die Gegenargumente im Voraus (Verweise auf Mißbrauch durch Herrschaftsideologien, z.B. des Naziregimes – von einem Studenten; diffuse Angst vor zentraler Ausrichtung allgemein). Aber eigentlich hatte niemand wirklich substantiell etwas widersprochen. Ich hatte erwartet, daß ich da mehr oder weniger kleingemacht oder ignoriert würde. Dementsprechend aufgeregt war ich, meine konträren Ansichten vorzubringen.

Nach dem Ende sprachen mich noch mehrere Studenten an. Es ergaben sich zwei interessante Gespräche. Eigentlich war es auch schon völlig egal, welches meine Position war. Ich merkte, daß sie genau davon angzogen waren: klare Aussagen und Strukturen. Mir kam es vor, als würde das in der Uni sogar noch systematisch geschwächt, wenn noch irgendwo ein Rest vorsichtiges Tasten in Richtung Eigeninitiative auftaucht. Dabei war mein Vortrag immer noch sehr konfus und vage, weil ich gar nicht wußte, wie ich das in dem Moment verständlich ausdrücken sollte, was ich mit mir herumtrage.
Aber es war mit Sicherheit noch um Längen aussagekräftiger als diese haltlose Verlorenheit im Verstand, wo alles gleichgewichtet ist. Da gibt es nur ewig Für und Wider oder vielleicht doch noch ein ganz anderes Argument, wenn nicht einen ganzen, endlosen Komplex. Ich kenne diese Verlorenheit gut genug von mir selbst. Wenn da nicht etwas anderes dazukommt, ein ureigenes Vertrauen und Gefühl, dann bleibt es bei der Verlorenheit und es wird unweigerlich krank. Zersiedelung ist dann beim Planen die manifestierte Wucherung, der Verstandeskrebs. Oder es führt dann zu planlosem Hochhäuserbauwahn oder Eventarchitektur. Man weiß ja sonst gar nicht, was man alles mit den modernen, computergestützten Möglichkeiten machen sollte.

Gerade gestern hatte ich wieder einmal hier gelesen: http://architektur-ideenjournal.de/
Das berührt mich immer sofort, weil es plötzlich etwas klarwerden läßt, was einem sowieso eigentlich schon klar war. Man konnte es nur nicht ausdrücken oder hat das nur nicht so gut zu greifen bekommen. Es geht da um eigenes Erspüren, und das ist eine fast vollständig vergessene, vage Regung, wie mir heute wieder auffiel. Eine allgemein verbreitete Haltung ist, dem zu mißtrauen, das zu diskreditieren bzw. sogar die Möglichkeit zu belächeln und abzuwehren, wo nur möglich. Irgendeine vage, unbequeme Ahnung kriegt man sicher auch noch klein, indem man sich nur noch umso mehr mit angelesenem Wissen und Ansichten „absichert“ und darauf versteift. Dabei ist die andere Seite so nahe, befreiend und vollblütig: Dem sollte vertraut werden. Das von innen nach außen fließen lassen, was man erspürt. Mit Großzügigkeit, Kreativität, Flexibilität, Freude und Mut.

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