Archiv für 26. Mai 2008

26.5.2008

Ich sehe nach unten in den Garten. Auf den umliegenden Balkonen, dem Baum, auf dem Dachsims fliegen die Vögel hin und her. Eine Amsel und ein Albinotaube kommen einmal sehr nahe. Ich spüre der Direktheit dieser Tierkörper nach. Da gibt es keine zwanghaften Bewegungen, die etwas Inneres ausgleichen müßten, das nicht in Harmonie ist. Alles hat nur denn Sinn zu leben. In diesen Eindruck von reinem Sein lasse ich mich weiter hineinsinken.

Erlebnis zu Unabhängigkeit

Gestern bekam ich Besuch von S. aus B., den ich über zwei Jahre nicht gesehen habe. Er war vor ungefähr sieben Jahren sehr wichtig für mich. Ich habe mit ihm nicht nur die Sprache gelernt, sondern auch sonst viel Zeit verbracht und immer tief seine Gegenwart eingeatmet. Schon damals empfand ich ihn als einen fertigen Mann, in vielen Dingen sehr klar entschieden, in anderen, unveränderbaren sehr großzügig und nachsichtig. Ich sah an ihm immer eine feine Würde, obwohl er gleichzeitig der größte Spaßvogel sein konnte – bei ihm ging das ganz natürlich zusammen. Ich habe ihn sehr bewundert und geliebt und auch einige Ängste in seiner Nähe verloren. Ich sah in ihm jemand, der seine Position kennt und völlig ruhig darauf stehen kann. Auch mit Schicksalsschlägen und realen Gefahren kann er ebenso umgehen. Er hat eine beeindruckende und mitreißende Zuversicht.

Ich beschreibe das jetzt so ausführlich über jemand anderen, gegen die Gewohnheit und eigentliche Ausrichtung, weil da gestern etwas neu war und ich will den Unterschied herausfinden. Die gleichen Vorgänge wie beschrieben stimmten immer noch in den Grundzügen überein. Aber etwas war anders. Ich fühlte mich nicht mehr minderwertig oder unterlegen. Meine nervöse Fahrigkeit neben seiner Ruhe, meine Unentschlossenheit und meine Zweifel waren noch immer da – vielleicht ein wenig mehr geklärt, nein, besser: offenbart. Aber ich empfand das nicht mehr als Schmach. Ich konnte offen dazu stehen, statt peinlich berührt zu versuchen, das noch zu verstecken. (Es geht da um Vorgänge in mir, ich bin nicht einmal sicher, ob das jemand von außen bemerkt. Und verstecken läßt sich vor anderen sowieso viel weniger, als man sich einbildet.) Ich glaube, ich begegnete ihm das erste Mal auf selbstbetretener Augenhöhe.

Wir fuhren mit den Rädern einige schöne Stellen ab, die Umgebung zeigte sich in den schönsten Farben und Kontrasten. Mit D. waren wir an einem See beim Baden, spielten dort und ich genoß diese Freiheit. Aber etwas in mir war nicht ganz beteiligt, nicht ganz involviert. Ich betrachtete das in mir ganz ruhig. Als wollte ich es mir nicht eingestehen, aber ich erlebte nur Bilder. Meine Wahrnehmung war anders. Immer mehr kam es mir so vor, daß ich nur solche Bilder erlebe. Alles war ständig neu und ungewohnt und gleichzeitig auch friedlich und ohne Aufregung, daran etwas erzwungenermaßen ändern oder infrage stellen zu müssen. Es kam mir vor wie die Sicht eines alten Mannes. Ich nahm zwar teil, aber es war alles nicht so wichtig. Eigentlich geschah gar nichts Besonderes. Ich merkte eine Ablehnung in mir, wann immer das Gespräch auf die Vergangenheit kam. Ich finde das fast alles langweilig und unbedeutend, besonders alte Fotos anzusehen. Ich bin jetzt jemand anderes, sogar gestern ist ja schon weit weg und nur noch ein unwirklicher Erinnerungsstoff – Träume in der Nacht hinterlassen auch nicht viel mehr.

Was mich dabei wunderte, war, daß ich das Treffen als sehr offen empfand und gleichzeitig auch nichts Tieferes mehr finden wollte und konnte. Vielleicht ist alles, was ich sonst als Tiefe empfinde bzw. vermisse einfach nur verstellte Wahrheit. Wenn sie herauskommt, bzw. alle anderen Machenschaften wegfallen, wird alles ganz einfach und naheliegend. Dann gibt es keine Tiefe mehr und auch keine Suche danach. Dann ist alles, wie es erscheint, ohne Geheimnis. Ich wußte, ich brauche S. nicht mehr, so wie ich das früher schon geglaubt hatte. Er war zu einem Bild geworden, das immer schon nur das zeigte, was ich darin sehen und finden konnte. Es ist aber nicht dort zu finden, im anderen, es war schon immer in mir. Es ist mir mulmig zumute, das weiterzudenken: ich brauche niemand, und: Ich betrachte nur Bilder und Wiederspiegelungen. Ich habe in dieser Hinsicht charakterlich oder in meinem Sein noch nie etwas „gelernt“ von jemand anderem. Ich habe nur bewundert und dabei unbewußt versucht, zu VERlernen, was mich daran hinderte, mich selbst auszudrücken.