Archiv für 25. Mai 2008

Traum von der Südseefrau

Ich bin an einem See mit einer Gruppe von Leuten. Es wird mir zuviel, all dieses Geplänkel und Getue und dabei ist alles so falsch. Ich gehe weg und an dem steilen Ufer entlang, das mir einsam erscheint. Ich komme auf einen Weg. Etwas weiter hinten begegne ich einer schönen Frau. Sie erinnert mich etwas an eine der Südseefrauen von Gaugin. Sie ist so offen und liebevoll, daß ich ganz erschüttert bin. Denn ich merke, daß ich noch viel härter und falscher bin, als ich meine zu sein und mich anders, als die anderen „Lügner“ fühle. Es ist ein großes Gefühl des Schmelzens und der Aufgabe von falschen Masken. Anfangs schaue ich noch unsicher zurück, ob nicht jemand nachkommt, oder ob ich nicht mehr zurückkann. Alles ist eins bei ihr, ich lasse mich dann zaghaft darauf ein, mit ihr zu reden, zu baden, sie zu berühren, ihre samtweiche Haut und den Kontakt und auch den Sex – alles ist nur ein Spiel und echt gleichzeitig. Trotzdem kommen noch Bedenken auf. Irgendwann weiß ich, daß das ein Traum ist und wundere mich, daß ich meine Widerstände nicht einmal in meinem Traum loslassen kann. Dann wache ich auf.

Der Traum spiegelt etwas wieder, das ich in der letzten Zeit erlebt habe und das in mir arbeitete. Ich habe eben noch geschrieben, es wären momentan keine sexuellen oder körperlichen Interessen da. Das stimmt nicht. Es ist, als wären die unter einem Schleier verdeckt gewesen. Der ist jetzt etwas weggezogen worden durch die Kraftübungen. Ich bin momentan ruhig, aber da ist auch viel Verleugnung.
Ich weiß genau, der Traum spricht von zwei Frauen, in deren Gegenwart ich mir immer betrogen vorkomme. Die wissen nämlich sehr gut, wie sie manipulieren können unter Einsatz ihrer erotischen Reizwirkung, die sie genau kennen und ständig neu ausloten – dabei wird das aber zu einem Instrument, es geht nämlich überhaupt nicht um Anziehung, Sympathie sondern um irgendwelche ganz anderen Themen. Ich falle darauf ebenso rein wie alle anderen auch. Nur habe ich mich da schon immer ausgenommen und zurückgezogen, indem ich das einfach verleugnet habe.
Ich wollte mich nicht abhängig fühlen, so wehrlos und manipulierbar und ich wollte diese Berechnung dahinter nicht völlig erkennen. Ich habe solche meist gutaussehenden Frauen unterschwellig oft als hartherziger und kälter empfunden als alle übrigen Menschen. Dahinter muß aber auch ein verletzlicher, ängstlicher Mensch stecken, der eben unter seiner hübschen Verpackung leidet, weil er keinen tieferen Kontakt bekommt, sondern alle eben nur die Verpackung wollen – aber gleichzeitig wird das auch eingesetzt und benutzt, wo es eben dienlich ist.
Ich kann mich da aber jetzt auch durch diese Betrachtung in keiner Weise schützen. Im Gegenteil, die Wirkung selbst wird sogar stärker, weil ich unterscheide, was wie wirkt. Da steckt einerseits Manipulation dahinter mit einem unterliegenden Interesse – das interessiert mich nicht, bzw. ich habe dann die Freiheit, etwas damit an zufangen. Die leere Hülle, die Verpackung, der Körper verliert dadurch aber nicht den Reiz. Das bleibt bestehen. Da ist etwas ganz anderes interessiert, was sich einen Dreck um meine Gedanken schert.

Der Traum spricht von einer Sehnsucht, das in Einklang zu bringen. Ich möchte frei und ungezwungen in Kontakt kommen dürfen ohne körperliche Schwellen und meine Blockaden, die ich dazu verinnerlicht habe. Eigenartig, daß es so schwer fällt, so etwas Einfaches zuzugeben.

Die Schokolade

(Ein überarbeiteter und erweitertert Eintrag, den ich vor einigen Tagen nicht eingestellt hatte.)

Letztens im Supermarkt. Da war diese eine Frau, der ich in die Augen schaute und mich sehr getroffen und elektrisierte fühlte, entblößt und erkannt. Das Herz rutschte mir in die Hosentasche, denn mein Blick mußte bestimmt alles verraten haben. Der Zufall wollte es, daß ich ihr ständig wieder begegnete zwischen den Regalen. Ich hatte mich gerade zu einem kleinen Kontakt aufgerafft bzw. meine Bedenken in den Wind geschlagen, als ich bemerkte, daß sie mit einem Begleiter da war. Jetzt fühlte ich mich grundlos schuldig und peinlich wegen meiner Blicke und tigerte herum – versuchte, mich „normal“ zu geben (was so ziemlich das geschauspielertste war vor mir selbst) und das Ganze zu vergessen. Ich wäre genau hinter ihr an die Kasse gekommen, konnte es aber nicht, schon das schien mir „verdächtig“ und ich fühlte mich schlecht, drehte noch einmal ab. Ich suchte zwanghaft noch irgendetwas zum Kaufen, fand nur eine Schokolade. Ich wollte die eigentlich gar nicht, aber ich hatte mich so in diese Verleugnung und meine Angst und (im Kreis:) meinen Widerwillen der Verleugnung hineingesteigert, daß ich sie tatsächlich kaufte, nur um mir irgendetwas als Rechtfertigung zu erzeugen.

Draußen kam ich mir lächerlich vor, was für ein Sturm, was für ein Schauspiel da in mir abgelaufen war. Ein richtiges Theaterstück – und alles nur in meinem Kopf. Äußerlich war absolut nichts geschehen. Ich kam mir vor wie ein Verrückter, der nach einem Tobsuchtsanfall plötzlich die kühle Luft der Ruhe und der Unwirklichkeit seiner Fantasien um ihn bemerkt. Das Ganze nur, um nicht zugeben zu müssen, daß ich sie einfach faszinierend und schön fand und daß ich bei so einer Frau (die sich ihrer Wirkung klar ist und sie entsprechend einsetzt) einfach abtropfen würde, daß ich nicht einmal existiere, höchstens vielleicht noch als geschlechtslose Begegnung. Das wollte ich nicht sehen und akzeptieren und mich vor dieser Einsicht der echten Begegnung schützen. Dabei weiß ich aber bis jetzt gar nicht, was denn „wirklich“ gewesen wäre. Es war alles nur ein Traum in meinem Kopf. Es hätte auch eine ganz einfache Möglichkeit gegeben, die mir aber in dem Moment nicht offenstand.

Zwei Tage später aß ich von der Schokolade, denn ich wollte sie (noch) nicht wegwerfen. Ich hatte nichteinmal große Lust darauf, es war mehr eine ferne Erinnerung, daß mir das etwas geben sollte. Aber da war gar nichts. Keine Regung. Es ist einfach nur eine Sinnenbefriedigung, aber nicht einmal das war es. Ich empfand es sogar als Last und Betäubung der Sinne und mir wurde übel davon. (Aber nicht nur wegen der einlullenden Wärme und Geschmacksüberreizung der Schokoloade selbst, sondern es war ja eine richtige Manifestation meiner Selbstverleugnung. Da mußte mir ja übel werden.)

Mein Zug ist ja eher, asketisch zu leben und mich damit für besser zu halten – dabei ist es einfach eine Veranlagung.
Mit solchen Abhängigkeiten habe ich deswegen wenig Probleme – obwohl ich von schwarzer Schokolade und reinem Kakao einmal eine Zeitlang abhängig war, das mir dieses warme Gefühl gab. Aber wenn man das einmal kennt, wie das in der Freiheit von solchen Dingen ist, dann will man auch nichts mehr anderes – vorher ist das unvorstellbar. Aber was sollte man denn noch hinzufügen oder suchen, wenn kein Antrieb auftaucht, einfach, weil schon Zufriedenheit da ist. Ich kann aber nachempfinden, daß es sehr hart sein kann, diese Einprägungen zurückzuverfolgen, denn man geht tatsächlich durch Entzugserscheinungen, die einem der Körper auch so präsentiert, als würde er da etwas Wichtiges verlieren, quasi einen Bestandteil seiner selbst. Es nützt dabei auch nichts, sich einfach etwas zu verbieten und sich irgendwelche Regeln aufzuerlegen. Denn irgendwann überfallen einen dann doch wieder die Attacken, es „ausleben“ zu müssen. Das kommt dann von unten heraus, unter der Verstandesregel hindurch – aber da hinunter muß man erst durchdringen.

Ich schreibe das so haarklein an diesem Beispiel auf, das ich meine, schon verstanden zu haben, denn es ist symptomatisch. Das Gleiche kenne ich auch in anderen Bereichen. Es nützt nichts, nach irgendwelchen selbstauferlegten Regeln zu leben und seien sie auch vermeintlich spirituell. Es läuft immer auf eine Qual und einen inneren Kampf hinaus. Solange man es nicht durchschaut hat, was dahinter abläuft, wird das immer so weitergehen und man bildet sich zusätzlich noch ein, irgendwie fortzuschreiten. In Wahrheit quält man sich nur mit neuen Vorstellungen. Aber nichteinmal die Qual bis zum Verhungern würde einen Asketen befreien – so war das ja auch bei den Begleitern des Buddha. Es führt kein Weg daran vorbei, die Hintergründe anzusehen.

Dazu kommt jetzt noch etwas: Der Titel „Konkret werden“ hinterließ mir ein ungutes Gefühl (deswegen erwähnte ich diese „Egoentscheidung“). Das spricht wieder von „werden“, so, als wäre ich jetzt etwas nicht, das ich in der Zukunft noch werden würde. Es spricht von Verbesserung und einem ewigen Ziel in der Zukunft, das ich nicht erreichen kann und mir damit schon sofort alles kaputtrede. Ich mache mich schon unglücklich damit, auf die Suche nach dieser Erfüllung gehen zu müssen. Heute wurde mir klar, daß ich auch in keinem Bereich mehr mehr besser werde – durch die Kraftübungen wurde mir da etwas klar. Ich bin jetzt gerade noch auf der Spitze meiner körperlichen Leistungsfähigkeit. In ein paar Jahren wird das einfach verblühen und dann wird gar nichts mehr besser. Aber ich brauche das nicht bis dahin zu verschieben, meine Endlichkeit und Kleinheit anzuerkennen, sozusagen, bis ich gezwungen werde vom Leben. Das ist auch nur eine Ausrede.