Archiv für 20. Mai 2008

Drang zu Verwirklichung

Nach der Arbeit verstärkte sich ein Drang nach Bewegung und Rhythmus. Bisher hätte ich soetwas unterdrückt, aber heute ließ ich das herauskommen, um auszuprobieren, wie weit das ginge und was da passiert.
Ich kramte ganz unten eine Musik heraus, die genau darauf paßte. Nachdem ich mich damit etwas abreagiert hatte, lockerte sich etwas in mir. Ich hörte danach noch das Impromptu D899 von Schubert und fühlte mich damit abgerundet. Es war richtig, das nicht zu verleugnen, auch wenn das nicht zu meiner Vorstellung paßt, was getan werden sollte (Verfeinerung) – aber diese Antriebe sind oft sehr stark in mir und ich habe nie darüber geschrieben. Ich hatte immer schon eine starke Faszination für diese ursprünglichen Erfahrungen von Musik, die man auch im Bauch und durch und durch spürt.

Bei meiner Beschäftigungen im Forum und im Tagebuch bin ich sehr unklar. Da sind soviele Begriffe, die ich eigentlich gar nicht verstehe. Wie kann ich von etwas schreiben, das ich gar nicht kenne. Ich unterteile in Ich und Selbst, dabei verwende ich da einfach nur neue Begriffe und spiele damit. Vor allem meine ich dann, ich verstünde mehr als andere. Ich muß da aufpassen, nicht in dieses peinliche Herumphilosophieren zu verfallen, zu dem ich neige. Aber ich weiß auch nicht, wie ich es konkret verstehen kann. Und was ist mit der Lebenskraft? Damit bin ich am unklarsten. Das war mir auch schon vor dem entsprechenden Hinweis an mich klar. Ich bin heute sehr ahnunglos. Ich versuche, genauer darüber nachzudenken, werde aber schlagartig müde dabei. Daran erkenne ich, daß Ausweichen passiert. Etwas hält mich ab, aber ich schaffe es nicht, durchzudringen. Trotz weiterer Anstrengungen bleibe ich wie der Ochs vorm Berg stehen. Es hat nur zu einer ganz einfachen Aufzählung gereicht.

Ich spüre diese Blockade schon seit gestern, begleitet von einem schalen Gefühl, nur im Kopf zu leben. Die van-Gogh-Briefen schlagen da noch in die gleiche Kerbe. Es geht um Verwirklichung und dabei empfinde ich bei mir einen großen Mangel, fast Scham. Ich bin nicht, was ich sein sollte, aber ich weiß auch nicht, was das ist oder wie ich da hinkomme.
Ich weiß schon, wieso ich in meiner Branche nur mit Programmierung zu tun habe und immer hatte: weil das das einzige ist, wo man noch ein wenig selbst etwas hervorbringen kann, auch wenn es eigentlich nur im Kopf abläuft. Wenn ich andere sehe, die nur verwalten oder planen, dann kann ich das nicht begreifen. Dabei würde ich noch schneller eingehen. Die Planung und Verwaltung, die ich selbst zu tun habe für meinen Bereich, geht mir aber leicht von der Hand, weil ich da weiß, was und warum etwas geschieht – ich fühle mich damit verbunden.
Diese andere Arbeit zieht mich deswegen an, weil ich da mit mehr Menschen in Kontakt käme und in einem ganz anderen Bereich – ich müßte mich bewegen. Ich weiß jetzt, daß ich dem nicht widerstreben kann, auch wenn ich meine Zweifel daran habe. Ich nehme an, es wird nichts Endgültiges sein, aber etwas liegt auch darin verborgen. Ich habe den festen Eindruck, ich muß das tun – es gibt da einen Impuls, den ich nicht in mir selbst finde.

20.5.2008

Beim Spazierengehen fühle ich mich sehr klar und gelöst. Eine eigentümliche zarte Stimmung liegt still, grau und schwer über der Stadt wie Samt. Es nieselt leicht und es ist kühl und feucht. Es sind kaum Menschen unterwegs, und mir kommt es so vor, als ginge ich das erste Mal durch die Straßen und alles wäre neu und unbekannt. Durch diese Faszination mit den vielen unterschiedlichen Nuancen und neuen Blickwinkeln bleibe ich anwesend.