Briefe von Vincent van Gogh

Eine Entdeckung: Die Briefe von Vincent van Gogh an seinen Bruder Theo. Fantastisch. Ich empfinde van Gogh nahe einem Meister, zumindest war er mit beispiellos beeindruckender Beharrlichkeit auf Selbstsuche - er war ein Werktätiger, der seine Wahrhaftigkeit in seinem Tun ausdrücken konnte. Er litt unsäglich an inneren Kämpfen und vor allem Widerständen, die ihm ständig von überall entgegenkamen, weil er sich nicht verleugnen konnte. Er fühlte so tief und fest eine Verbindung mit Wahrheit, daß ihm Selbstverleugnung ab einem Punkt nicht mehr möglich war. Ich fand schön nachvollziehbar, wie sich dieser Punkt langsam aber dann sehr schnell herausschälte. Er konnte nicht arbeiten z.B. als Verkäufer in den Kunsthandlungen seiner Onkel, bzw. seines Bruders. Er konnte nur seiner eigenen Arbeit und dem Ringen in seiner Brust nachgehen - oder gleich sterben. Für mich war sehr wichtig zu sehen, daß das bei ihm überhaupt nichts mit abgehobener Vergeistigung zu tun hatte - sondern mit handfestem Leiden und harten Lebenserfahrungen. Er war durch und durch ein Praktiker. Er fühlte sich meistens nur in Gegenwart von einfachen und armen Menschen wohl, die dem Leben viel näher waren als die abgehobene Gesellschaft. Er war fast selbst sein Leben lang bettelarm und überlebte nur mit der Unterstützung durch seinen Bruder. Er wurde ausgestoßen von seiner Familie, von der Schule, der Kunstakademie, seinem Malereilehrer, von der Kirche (er hatte sogar eine Predigerausbildung, zog sich aber nach seinem Rauswurf wieder von der Theologie und aller Theorie zurück, weil dort, wie er sagte, die schlimmsten Phärisäer gezüchtet würden), von der Gesellschaft insgesamt. Überall wurde er immer ausgeschlossen als untragbarer Sonderling, der sich mit allen überwarf. Doch in seinen Briefen an seinen geliebten Bruder schreibt er so herzerweichend, wie sehr er darunter litt - er konnte nicht anders als er selbst sein, aber erntete deswegen nur Ablehnung. Er legte seine ganze Liebe in die Malerei, wo er einen unglaublichen Schaffensdrang entwickelte, der ihn bis zur Erschöpfung auszehrte. Aber der Schaffenswille war ungleich viel größer als seine Bequemlichkeit und das wußte er auch sehr genau. Er wollte etwas schaffen, er wollte und mußte seinem Leben einen Sinn geben, statt nur so einfach bequem vor sich hinzuvegetieren.
Seine Briefe enthalten sehr eindringliche, tiefgreifende und berührende Abschnitte. Ich habe neben den Briefen das Buch “Feuer der Seele” gekauft, das eine Auswahl an Abschnitten der weit über 600 Briefe zusammenstellt.
Es paßte zu dem heutigen Tag. Etwas in mir sprach jetzt wieder von Anpacken und Lebenswille.

“Man darf sich nie trauen, wenn man ohne Schwierigkeiten oder irgendwelche Sorgen und Hindernisse ist, denn man soll es sich nicht zu leicht machen. Und auch in den gebildetsten Kreisen und der besten Umgebung und den besten Verhältnissen muß man etwas von der ursprünglichen Art eines Robinson Crusoe oder eines Naturmenschen behalten: denn sonst wurzelt man nicht in sich selbst; man muß das Feuer in seiner Seele nie auslöschen lassen, sondern es anfachen. Und wer für sich selbst fortfährt, die Armut zu bewahren und sie zu lieben, der besitzt einen Schatz und wird die Stimme seines Gewissens stets deutlich sprechen hören; wer diese Stimme, die beste Gabe Gottes, in seinem Innersten hört, folgt ihr, findet zuletzt darin einen Freund und ist nie mehr allein.
Es ist gut, bei dem Glauben zu bleiben, daß alles wunderbar ist, weit mehr, als man begreifen kann; denn das ist die Wahrheit, und es ist gut, feinfühlig, bescheiden und zart von Herzen zu bleiben, auch wenn man dieses Gefühl manchmal verbergen muß, wie das öfter nötig ist; es ist gut, voller Wissen zu sein in den Dingen, die verborgen sind vor den Weisen und Verständigen dieser Welt, die aber von Natur den Armen und Einfältigen, den Frauen und Kindlein offenbart sind; denn was könnte man lernen, das besser wäre, als was Gott von Natur in jede Menschenseele gegeben hat und was auf dem Grund jeder Seele lebt und liebt und glaubt, es sei denn, daß man es mutwillig vernichtet. Das ist das Bedürfnis nach nichts Geringerem als dem Unendlichen und Wunderbaren, und der Mensch tut wohl daran, wenn er nicht mit weniger zufrieden ist und sich nicht zu Hause fühlt, solange er das nicht errungen hat.
Das ist der innere Sinn, den alle großen Männer in ihren Werken ausgedrückt haben, alle, die etwas gedacht haben, alle, die etwas mehr gesucht und gearbeitet und mehr geliebt haben als die anderen, alle, die auf die stürmische See des Lebens hinausgesteuert sind. Hinaussteuern auf das stürmische Meer, das müssen auch wir, wenn wir etwas fangen wollen, und wenn es manchmal geschieht, daß wir die ganze Nacht zu arbeiten haben und nichts fangen, dann ist es gut, es dennoch nicht aufzugeben, sondern in der Morgenstunde das Netz nochmals auszuwerfen.” (”Feuer der Seele”, S. 25f.)

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