Selbstliebe

Lange geschlafen und ausgeruht aufgewacht. Der Regen tut gut, beruhigt alles etwas.
Beim Aufwachen wird mir etwas klar, es ist als löse sich von selbst einer der Knoten im Bauch. Der Grund von einigen Verspannungen ist: ich verabscheue mich, ich mag mich nicht, etwas in mir muß anders werden, ich will nicht sein, was ich bin, ich fühle mich unzulänglich und schwach und das darf nicht sein. Diese Einsicht geht ganz schnell. Danach atme ich auf und es kommt ein Gefühl, alles wäre in Ordnung. Ich muß nichts tun und mich zwingen. Nach dem Aufstehen fühle ich mich leer, ruhig und aufgeräumt, wie nach einer Dusche.

E. hatte mich in die Neue Pinakothek eingeladen und vorher traf ich sie in einem Cafe. Das Gespräch kam auch auf meinen “Rückzug” und meine “Veränderung” seit dem Beginn unserer Bekanntschaft während der Studienzeit. Sie ist einer der wenigen Menschen, zu denen ich eine Verbindung spüre und die mich von sich aus suchen - auch während ihrer eigenen schlimmen Phase während ihrer Arbeitslosigkeit und Beziehungsende.
Ich weiß, daß viel in ihr steckt, aber sie ist noch nicht dazu durchgekommen und hat mit tausend äußeren Problemen zu kämpfen (ein perfektes Spiegelbild für mich). Bei ihr sehe ich es so deutlich, wie sehr sie an irgendwelchen Vorstellungen zu leiden hat.
Ich erzähle auf Nachfragen einige Vorgänge von mir (jetzt kann ich das), aber es wurde sehr mühsam. Ich hatte dauernd nur mit ihren Projektionen und Verteidigungen zu tun, wobei es eigentlich ständig um sie selbst und ihr widerspenstiges Denken ging. Ein wichtiger Punkt des Denkens wird mir dabei klar: Ich werde durchleuchtet und darauf abgeklappert, nach welcher Anschauung, nach welcher “Philosophie” ich denn lebe und wo man das aushebeln könnte, weil irgendetwas unbehaglich ist an mir (mein “Nihilismus”, so ein Unsinn). Das ging dann so: Wenn ich irgendetwas auf die eine Weise sehe, dann könnte ich etwas anderes ja nicht so und so sehen und immer so weiter. Es ist die pure Angst, zuzugeben, daß man nichts weiß, daß jeder Moment neu entsteht und auch, daß man sich genauso neu immer wieder darauf einlassen muß. Das Denken will sich immer vor alles setzen, sich postulieren als einen festen, unverrückbaren Punkt - und wenn etwas nicht paßt, dann müßte man eben nur immer weiter daran herumbasteln, bis die Philosophie irgendwann einmal vollständig sein und alles abdecken soll. Nur was macht man mit dem Tod? Man stirbt, was macht man denn dann? Es gibt keine Sicherheit - denn darauf läuft alles immer nur hinaus. Auf ein Lernen und Absichern, damit der Ernstfall nicht eintritt (zu sterben - und seien es eben nur die eigenen wohlgehüteten Ansichten). GL sagte einmal zu mir - was würdest Du denn machen, wenn jetzt ein Krieg kommt - das setzt sofort alles in eine andere Perspektive. In die des weiten Meeres, auf dem es keine festen Balken gibt, nur Unsicherheit. Es ist einfach die einzig richtige Perspektive auf das Leben, auch wenn das etwas zu groß klingt. Gerade das Verleugnen der Unsicherheit ist so, als würde man, statt um sich um sein (Über-)Leben zu scheren, einfach in die Koje zum Schlafen gehen, um den schlimmen Sturm nicht mitansehen zu müssen.

Es kommt auch auf Niederlagen oder vermeintlichen Inkonsequenzen in meinem Verhalten. Es war da völlig unmöglich, etwas darzustellen und es war auch sinnlos, zu versuchen, überhaupt etwas darstellen zu wollen, als hätte ich etwas vorzuweisen. Ich habe nichts vorzuweisen, sogar immer weniger. Ich habe keine Philosophie, ich habe nur Gegenbetrachtungen, Zweifel und Fragen zu den Schwachstellen von vorhandenen Ansichten.
Ein Begriff kommt auf: Melancholie. Ich sei negativ und melancholisch. Ich habe in dem Wort immer Selbstmitleid mitschwingen gehört, aber sie klärte mich auf, es wäre etwas wie eine “Depression”, was mein Leiden recht gut beschreiben würde. Im weiteren Verlauf wurde mir durch das Gespräch etwas klar, das ich als Einsicht empfinde, denn es stand plötzlich vor mir als ich so sprach: ich erlaube mir selbst zu wenig Gutes. Auch an meinen Texten fiel mir das in letzter Zeit schon auf. Ich schreibe kaum etwas Positives, nur über Mißstände. Ich kann mir mehr zugestehen, Dinge für mich zu finden - es muß da eine Balance geben. Heute ist so ein Tag, wo ich diese Balance fühle. Es stimmt aber überhaupt nicht, daß ich verbittert wäre, ich bin nur sehr getroffen von den Dingen, die ich erlebe - und ich kann mich nicht mehr freuen, nur um andere anzustecken und hervorzulocken, wie ich das früher getan habe. Und wenn es mir nicht gut geht, dann habe ich kein Mittel dagegen, sondern ich empfinde alles, was meinen Zustand künstlich ändern würde, als Flucht und Selbstbetrug - es wäre mir auch gar nicht möglich, genauer gesagt, war mir das noch nie möglich, aber es gab zwischenzeitlich doch Zeiten, wo ich auf andere hörte und genau das versucht hatte.

Ihre eigene Situation sieht jetzt mit der Arbeit gefestigter aus, aber es geht ihr nicht gut. Sie ist körperlich mitgenommen, geschwächt von all den Dingen, die sie für nötig erachtet und vermeintlich in Einklang bringen muß. Alles schreit in ihr nach Rückkehr, aber sie läßt sich nicht. Darauf angesprochen nur die üblichen, um sich kreisenden Abwiegelungen und Rechtfertigungen - die Formulierungen riechen noch wie frisch aus dem ewig drehenden Unterdrückergeist geholt.
Im Museum geht es ihr dann auch symptomatisch immer schlechter. Nach gut einem Drittel muß sie gehen. Bei der Verabschiedung schmilzt sie richtig zusammen vor mir, und wird doch noch zu dem kleinen Mädchen, das ich sowieso immer in ihr sehe (bei ihr sind die Rollen und Unsicherheiten zwischen harter, emanzipierter Frau, Ängstlichkeit, gleichzeitig sehnsüchtig erwarteter Mutterrolle besonders deutlich sichtbar - was eigentlich noch ein richtiger Vorteil für sie ist). Es brach dann an dem schwachen Punkt doch noch aus ihr heraus, nach was sie sich sehnt. Leider immer noch mit Erklärungen und Herabmilderungen vermischt. Ich legte ihr Schlaf nahe vor ihrer langen Rückfahrt mit dem Auto. (Wem oder was nützt denn dieses Selbstschinden etwas, diesem Nachjagen nach Erfüllung äußerer Erwartungen - niemand hat etwas davon, im Gegenteil, es macht alles nur schlimmer und dabei meint man, es wäre so nötig, sich aufzuarbeiten, um Freude und Glück mit irgendwelchen anderen zu erfahren oder gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen.)
Danach ging ich noch allein zu den Impressionisten.

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