Bewegungsrichtung der Lebenskraft

Ich wachte zeitig und ausgeschlafen auf. Heute erreichte ich es nochmal, zu Hause arbeiten zu können. Es ging mir heute wieder gut, aber ich fühlte mich anfällig und verletzlich, als wäre eine Hornhaut abgeschabt worden und ich müßte jetzt der Welt mit dem empfindlichen Fleisch darunter begegnen.

Heute war ich still zufrieden im ganz normalen Alltag, ohne daß jetzt etwas anders wäre. Mit Lebenskraft ist es momentan bei mir nicht weit her. Meine Beschäftigung damit wird nur immer theoretisch und ich lösche es wieder. Trotzdem bemerke ich jetzt wieder eine zarte Ausdehnung nach diesem Rückzug und der Konzentration auf die Körpermitte der letzten beiden Tage. Lebenskraft ist das, was nach außen geht, das, was einen am Leben erhält. Ich meine, es ist soetwas wie die Gegenrichtung zu Selbsterinnerung und Gewahrsamkeit. In der Schule arbeiten wir praktisch am Treffpunkt der beiden Bewegungen. Der übliche Modus ist ja, sich auf das einzulassen, was allgemein üblich als Lebenskraft und Lebensfreude bezeichnet wird (so wie ich schon einen jahrzehntelangen Raucher sagen hörte, er müsse nach der Herz-OP jetzt endgültig auf das Rauche verzichten, auch wenn ihm das seinen letzten Rest Lebensfreude nehme - so weit kann das gehen). Dabei geht es einfach um Ablenkung in Selbstvergessenheit, Konsum und Rausch in Erfahrungen, bei denen aber nichts von einem selbst übrigbleibt, ja, nicht übrigbleiben soll, denn das fühlt sich ja so hohl und leer und normal an. Ich habe das heute selbst bemerkt, wie es von einem ursprünglichen Antrieb in diesen Modus abgleiten kann: Ich beschäftigte mich länger mit Chören und Chormusik und verfolgte einige Namen, auf die ich letztens gestoßen war. Nur irgendwann folgte ich einfach nur noch irgendwelchen Links im Internet. Mein ursprünglicher Antrieb war abgeglitten in ein starres, rauschhaftes Surfen, Klicken und Aufsaugen, ohne daß ich noch etwas aufnahm und verarbeitete - ich wollte einfach nur noch irgendwelche Vorschau-MP3s oder Videos finden von interessanten Stücken, und es wurde eine Art selbstvergessener Sport daraus, ein selbstlaufender Mechanismus, und ich träumte mich immer mehr in künstlerische Vorstellungen und große Erfüllungen (Künstler-Ich). Wenn es mich wirklich interessierte, dann hätte ich auch einfach eine CD bestellen können. Das Ganze endete erst, als mir das plötzlich klarwurde.
Lebenskraft kommt da zum Ausdruck, wo ich diesem hohlen Gefühl nicht ausweiche und das annehme, was daraus entsteht, also etwas, das ich selbst und unbedingt will. Bei mir entsteht da momentan eigentlich fast nichts mehr. Es wird alles aufgesaugt durch die Entdeckungen von einer ursprünglicheren rauh-schönen Direktheit von Erfahrungen. Ich habe mich nur immer danach gesehnt, aber aus irgendwelchen Gründen war ich diesem Punkt nicht selbst gefolgt.

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