Heute hatte ich glücklicherweise einen freien Tag, den ich unbedingt brauchte. Diese Vorgänge von gestern setzten sich auch heute fort und ich bekam kaum etwas hin. Aber ich mußte mich heute zu nichts zwingen und deswegen kamen einige Dinge etwas entspannter heraus, aber auch noch heftiger.
Vormittags war ich laufen. Ich tat das heute fraglos, weil es eben eine Vorgabe ist. Immer mehr kommt mir so vor. Ich tue etwas, weil es eben getan werden muß. Alles, was nicht zwingend notwendig ist, lasse ich sein. Ich ging hinaus, um etwas einzukaufen, und schien dabei nur noch durch meine Kleidung gestützt zu bestehen. Ohne die hätte ich vielleicht gar keine Struktur mehr.
Ich saß länger im Amtsgerichtsgarten, einem der Orte, an dem ich gut entspannen kann. Ich las in GLs Buch, das wie eine Operation am offenen Herzen ist - an meinem Herzen.
In jenem anderen Buch von ihm, das ich kenne, habe ich vieles noch nicht verstanden oder nachvollziehen können, dagegen spricht mich aus diesem jeder Buchstabe an. (Ich meine aber auch, eine Verfeinerung und Erhöhung der Intensität zwischen beiden, diesem früheren und dem späteren “Der Vorgang der Selbsterkenntnis” herauszulesen.) Es ist, als ob er neben oder in mir sitzen würde. Manchmal bin ich wirklich erstaunt über die Ähnlichkeit der Erfahrungen - und über seine Gründlichkeit und Klarheit bei Empfindungen. Nicht, daß ich das nicht ähnlich erfahren würde, aber ich kann es nie so ausdrücken oder mir klarmachen. Dagegen komme ich mir richtig plump vor.
Ich hatte bisher nur wahllos einzelne Abschnitte aufgeschlagen, bin jetzt aber dazu übergegangen, es von vorne durchzulesen. Es geht aber immer noch nur in kleinen Abschnitten. Ab und an treffe ich auf Beschreibungen von Zusammenhängen, die ich kürzlich selbst auch so erfahren habe - manchmal komme ich mir wirklich so vor, als würde ich ihn kopieren. Aber das stimmt jetzt nicht mehr. Obwohl das schonmal ein (sehr heikler und peinlicher) Punkt war, habe ich da jetzt keine Bedenken mehr und kann mich auf seine Texte einlassen. Denn jetzt weiß ich, daß ich meine eigenen Erfahrungen machen und aufschreiben kann und keine Grundeinstellung oder sonstige Vorkehrungen (was dann unter “spiritueller Praxis” laufen würde) treffen und voraussetzen muß. Gerade in letzter Zeit schreibe ich immer unabhängiger, wie ich finde. Vielleicht werde ich jetzt langsam das erste Mal eigenständig in meinem Leben und das schlägt sich auch in den Äußerungen nieder - es ist eine große Erleichterung. Es ist jetzt fast nichts mehr von dieser diffusen Angst übrig, etwas falsch zu machen. Das könnte ja nur immer etwas sein, das ich anderen gegenüber falsch mache, bzw. etwas, das ich verheimlichen will. Solange ich mir selbst gemäß handle, gibt es keine Probleme. Dann können auch alle Fehler angenommen werden, ja, es sind dann eigentlich keine mehr.
Durch das Lesen wurde ein ganzer Wespenschwarm in mir aufgewühlt und arbeitete und zog. Angenehm sind diese Vorgänge nicht. Mein Herz brennt in höchster Verzweiflung und Sehnsucht gleichzeitig. Ich muß das endlich einmal so aufschreiben, auch wenn es nur ein poetisches oder verzerrtes, romantisches Bild ist, aber es trifft es am besten. Ich versuchte, genauer hinzusehen, und es wurde eine Präsenzübung daraus. Es gibt da einen Punkt, den ich schlecht beschreiben kann. Dann, wenn alles nur noch Wahrnehmungskulisse ist, da kommt Angst auf bei mir. Es geht um das Fallenlassen der Ich-Annahme, aber es kommt nicht dazu. Das so zu schreiben ist in sich eigentlich schon Unsinn und widersprüchlich, denn wem sollte da etwas gelingen und wer könnte sagen, daß das nicht gelingt. Es ist, als würde der Verstand nur mit dem großen Zeh in den großen See eintauchen und damit kokettieren, aber naß werden und untergehen will er nicht. Es ist aber so, daß ich da einen Punkt erkennen kann, von dem ab nur noch Hingabe möglich ist - das was Maharshi das Gepäck abgeben nennt. Nur dazu reicht das Vertrauen bzw. die Einsicht in den Phantomcharakter des Verstandes nicht.
Mehrmals habe ich auch das Gefühl, es gebe nie wieder etwas zu tun. Nichteinmal zu schreiben, denn selbst ohne die Ich-Lüge bliebe nichts mehr zu tun übrig. GL hat schon alles behandelt und geklärt. Ich trotte auf einem breiten, ausgetretenen Pfad, aber selbst das finde ich noch schwierig. Ich kann diese unglaubliche Vielfalt, Interesse, Beweglichkeit, Freude, Kraft und Ausdauer bei ihm nur bewundern - wer da noch ein Umfeld zu finden meint (bzw. sich zur eigenen Sicherheit so eine Schublade konstruieren muß), den kann man nur bemitleiden, denn er läßt sich nicht berühren.
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