Nachmittags traf ich nochmal P. um die Übersetzung des Zentextes zu überarbeiten. Zur Klärung einiger unklarer Stellen war die mit ihm befreundete Japanerin samt des Originaltextes da, die damals die ursprüngliche, rudimentäre Fassung geschrieben hatte. Die Überarbeitung dauerte viel länger als erwartet, nämlich bis gerade eben.
Es war sehr aufschlußreich, zu sehen, wie sehr die Grundanlage der Sprache und das Denken sich unterscheiden. Es gibt im Japanischen (im Vergleich zum Deutschen) immer mehrere Bedeutungen und eine Art Bedeutungswolke bei einem Wort, das nicht direkt einen physischen Gegenstand bezeichnet. Es ist sogar so, daß Aufzeichnungen gesprochener Texte, wie eben dieses Interviews, teilweise zweideutig und interpretierbar bleiben können. Es wird viel in der Art und Weise des Sprechers transportiert. In westlichen Sprachen hingegen wird eher versucht, alles möglichst exakt mit einem passenden Begriff zu fixieren. Beim Formulieren kam ich mir vor, wie mit spitzen Pfeilen auf hauchzarte Luftballons schießen zu müssen. Ich meine, das westliche Denken stellt sich dadurch dann viel eher auf diesen Begrifflichkeitswahn ein und vergißt vorschnell, daß es eine riesige Vielfalt an Schattierungen zwischen zwei Begriffen geben kann, wie z.B. einem Ausdruck für ein Gefühl, was dann eben nicht so einfach in Worte zu fassen ist, obwohl es ja ganz real erfahren wird.
Es ist dann wie mit dieser Geschichte der Inuit und den vielen Begriffen für Schnee. Umgedreht bedeutet das: Man bildet sich ein, was man nicht benennen kann, das gibt es nicht. Noch schlimmer wird es dann, wenn man sich dadurch zwingt, ein unklares Gefühl oder Ahnen zu verleugnen oder zu ignorieren, weil es nicht von Anfang an rational erklärbar ist. Man bringt sich damit um Erfahrungen, die nur durch das Befolgen und Einbeziehen dieser unerklärlichen Regungen möglich sind.
In letzter Instanz ist das die eigentliche Begrenzung der Wissenschaftlichkeit und die Vergiftung des Denkens durch die allgemeine Verbreitung dieser Sichtweise, alles müßte entsprechend handhabbar sein: Nichts existiert, was nicht in einen Begriff oder ein Symbol objektivierbar ist. Das bedeutet, das, was ich selbst erfahre, ist weniger oder nicht real, wenn ich es jemand anderem nicht begreiflich machen kann, bzw. wenn mir niemand anderer glaubt. Man muß sich das einmal in seiner Tragweite klarmachen.
Die blinde Akzeptanz dieser Grundannahme überbewertet das Denken und entzieht der eigenen, direkten Erfahrung jeglichen Wert. Es ist ein ähnlicher Vorgang, wie die fixe Idee des freien Marktes auf alle übrigen Lebensbereiche auszudehnen, wo das überhaupt nicht passen kann und nur zerstörerisch wirkt, wie etwa bei Sozialeinrichtungen, Pädagogik, usw. Es ist eine krankhafte Vereinfachung.
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