Ich gehe langsam durch die Altstadt. Die kleinen, verwinkelten Gassen finde ich jedes Mal wieder inspirierend. Diese ungeplanten Abstände, Verwinkelungen und Höhenunterschiede bilden etwas, das man nicht verstehen kann. Eine Art natürliche Harmonie oder Unordnung in der Ordnung. Soetwas könnte man nichteinmal nachempfinden, wenn man es planen würde (ich war einmal mit Architekturentwürfen in Berührung gekommen, die genau das versuchten). Es ist einfach von selbst gewachsen.
Ich gehe immer langsamer in dem Gefühl, alle Zeit der Welt zu haben. Es zieht mich nirgendwo besonders hin, ich habe nichts zu tun.
Archiv für 12. Mai 2008
Nachmittags traf ich nochmal P. um die Übersetzung des Zentextes zu überarbeiten. Zur Klärung einiger unklarer Stellen war die mit ihm befreundete Japanerin samt des Originaltextes da, die damals die ursprüngliche, rudimentäre Fassung geschrieben hatte. Die Überarbeitung dauerte viel länger als erwartet, nämlich bis gerade eben.
Es war sehr aufschlußreich, zu sehen, wie sehr die Grundanlage der Sprache und das Denken sich unterscheiden. Es gibt im Japanischen (im Vergleich zum Deutschen) immer mehrere Bedeutungen und eine Art Bedeutungswolke bei einem Wort, das nicht direkt einen physischen Gegenstand bezeichnet. Es ist sogar so, daß Aufzeichnungen gesprochener Texte, wie eben dieses Interviews, teilweise zweideutig und interpretierbar bleiben können. Es wird viel in der Art und Weise des Sprechers transportiert. In westlichen Sprachen hingegen wird eher versucht, alles möglichst exakt mit einem passenden Begriff zu fixieren. Beim Formulieren kam ich mir vor, wie mit spitzen Pfeilen auf hauchzarte Luftballons schießen zu müssen. Ich meine, das westliche Denken stellt sich dadurch dann viel eher auf diesen Begrifflichkeitswahn ein und vergißt vorschnell, daß es eine riesige Vielfalt an Schattierungen zwischen zwei Begriffen geben kann, wie z.B. einem Ausdruck für ein Gefühl, was dann eben nicht so einfach in Worte zu fassen ist, obwohl es ja ganz real erfahren wird.
Es ist dann wie mit dieser Geschichte der Inuit und den vielen Begriffen für Schnee. Umgedreht bedeutet das: Man bildet sich ein, was man nicht benennen kann, das gibt es nicht. Noch schlimmer wird es dann, wenn man sich dadurch zwingt, ein unklares Gefühl oder Ahnen zu verleugnen oder zu ignorieren, weil es nicht von Anfang an rational erklärbar ist. Man bringt sich damit um Erfahrungen, die nur durch das Befolgen und Einbeziehen dieser unerklärlichen Regungen möglich sind.
In letzter Instanz ist das die eigentliche Begrenzung der Wissenschaftlichkeit und die Vergiftung des Denkens durch die allgemeine Verbreitung dieser Sichtweise, alles müßte entsprechend handhabbar sein: Nichts existiert, was nicht in einen Begriff oder ein Symbol objektivierbar ist. Das bedeutet, das, was ich selbst erfahre, ist weniger oder nicht real, wenn ich es jemand anderem nicht begreiflich machen kann, bzw. wenn mir niemand anderer glaubt. Man muß sich das einmal in seiner Tragweite klarmachen.
Die blinde Akzeptanz dieser Grundannahme überbewertet das Denken und entzieht der eigenen, direkten Erfahrung jeglichen Wert. Es ist ein ähnlicher Vorgang, wie die fixe Idee des freien Marktes auf alle übrigen Lebensbereiche auszudehnen, wo das überhaupt nicht passen kann und nur zerstörerisch wirkt, wie etwa bei Sozialeinrichtungen, Pädagogik, usw. Es ist eine krankhafte Vereinfachung.
Heute morgen war mir übel und schwindlig, und ich lief nicht.
Es erinnerte mich an die erste Zeit in der Schule, in der es um meine Unklarheit ging und sich das zeigte. Ich verstehe aber nicht, was jetzt der Auslöser gewesen sein könnte.
Ich war mit D. zusammen - fühlte mich anfangs schlecht und befangen ihr gegenüber. Etwas ist da ungelöst. Ich meinte, ich könne jetzt nicht mehr auf sie eingehen, mit ihr zusammensein und vor allem etwas von ihr empfangen. Etwas wehrte sich in mir - vor allem, wo ich gerade noch nach allen Seiten hin offen bin - das paßt nicht zusammen.
Sie versuchte, mich zu überzeugen, das sei alles egal, sie sei ganz ruhig damit, wie im Moment alles zwischen uns sei. Da ist diese fraglose Vertrautheit, die ich gar nicht anzweifeln brauche. Ich entspannte mich dann. Es kam dann aber noch etwas anderes hinzu: Ein eigenartig starkes Wissen, das ich bisher nur immer im Kopf nachvollzogen hatte. Jetzt wußte ich es auf einmal durch und durch. Es klingt banal, aber es war mir sehr tief klar wie nur irgendwas: Sie ist kein Teil von mir (und umgekehrt). Ich habe nichts mit ihr zu tun, bzw. nicht mehr als mit jedem anderen Menschen - man ist immer allein (als Ich). Ich bin vertrauter mit ihr, aber das ist eine Sache der Gewöhnung und vielleicht einer Art Körperchemie - aber kein gefühlsmäßiger Aufbau mehr, der da irgendetwas besonders hervorhebt. Es fühlte sich eigenartig an, das so zu erfahren und nicht nur zu denken - es war hart, real und auch tröstend (weil erklärend) gleichzeitig.
Ich war mir auf einmal über nichts mehr sicher. Vielleicht läßt sich sogar die Zweierbeziehungssicht überschreiten, so daß man sich am Ende gar nicht vom Fleck bewegen muß - aber ich bin nicht sicher, ob sich da nicht doch wieder Zweckdenken einschleicht.
Ich weiß im Moment gar nichts mehr in Bezug auf D., andere Frauen und weiterer Entwicklung. Etwas flüstert mir nur ständig ins Ohr, ich könnte nur alles falsch machen - oder gar nichts mehr machen und entscheiden wollen, auch wenn ich mir unter jeder anderen Betrachtungen dann schäbig, unentschlossen, wankelmütig und verantwortungslos vorkomme. Jemand, der sein Leben nicht entscheiden will.