Klugscheißen

Das war ein eindringliches Wort, das mir in GLs Buch begegnet ist. So komme ich mir gerade immer mehr vor. Ich weiß auch nicht, was jetzt los ist mit mir. Ich habe heute diese Attacken von Selbstzweifeln und vor allem diese unglaubliche Antriebslosigkeit - etwas hatte sich ausgearbeitet gestern. Die meiste Zeit habe ich heute nichts gemacht - geschlafen, gelesen oder bin nur dagesessen - ein wenig Spazieren war ich noch.

Das Lesen hielt mich auch nicht lange bei der Stange. Bei Goethe geht es auch die meiste Zeit nur um Beziehungskram. Die Entdeckungen und feinen Gefühlsnuancen, die er so wunderbar beobachtet beschreibt, sind oft nur winzige Regungen, die ich haarklein nachvollziehen kann. Sie haben aber meistens mit Verstecken und Selbstbelügen zu tun, auch wenn das ganz subtil ist und als schamhaft und gesellschaftlicher Umgangsformen entsprechend bewertet wird. Über weite Strecken ist es eigentlich nur ein Nachdenken und Hin- und Herpendeln in immer neuen Bildern über das Thema: was will ich, was wollen irgendwelche anderen von mir, wie bekomme ich etwas, ohne die anderen zu verprellen oder wo wogt es so stark auf, daß das in Kauf genommen wird. Es geht viel um Lebenseintscheidungen und Lebensführung, meistens um Heirat. Das Buch würde wohl auf ein paar Kapitel zusammenstürzen, wenn all diese Zweierbeziehungsproblematiken einfach wegfallen würden.
Das Angenehme ist aber, wieviel Ruhe dort herrscht. Da gibt es Platz, daß man sich über mehrere Tage über ein Thema austauscht, da werden Besuche und Zusammenkünfte gegeben und immer ist ein Streben wichtig - es liegt allem zugrunde. Die Gesellschaften sind sich oft auch uneinig, aber es wird immer ersichtlich, daß das alles notwendige Reibungen sind, damit gefunden und verwirklicht wird, was gefunden werden soll. Zwischendrin sind immer so treffende Sätze über Menschenkenntnis eingestreut, daß ich betroffen und fast ungläubig aufschauen und nachdenken, manchmal auch laut lachen muß.

Ich stolperte zufällig in das Treffen von D. und einem befreundeten, älteren Ehepaar. Die Atmosphäre hat mit ihnen immer etwas von diesem Glanz, wie er mir bei Goethe entgegenkommt: sie sind sehr belesen, lebenserfahren, liebenswürdig und großzügig und, im Gegensatz zu vielen anderen in ihrem Alter, sehr beweglich und an vielem interessiert.
Aber lange hielt ich es da trotz der Feinheit nicht aus. Ständig werden zig Dinge unterstellt und vorausgesetzt, die für mich immer weniger bestehen. Alles was ich da zu sagen habe, läuft immer schnell auf eine Zerstörung hinaus, aber ich kann es nicht vermeiden. Ich habe nur die Wahl zwischen Weggehen, Stimmung zerstören oder mich selbst zu verleugnen.

Ich las noch bei GL und Maharshi. Mir fiel jetzt auf, daß ich Maharshi immer viel zu abstrakt gelesen habe - so als spräche er doch noch über irgendwelche großen, flirrenden Erfahrungen. Was er beschreibt liegt viel näher, so nahe wie die direkten Beschreibungen von GL. Bisher habe ich mich noch nicht ganz treffen lassen davon, aber es verändert sich da etwas. Es ist so, als käme ich mehr dahinter, daß das alles völlig praktisch zu verstehen ist und es von der schönklingenden, heiligen Sphäre zu mir herunterkommt und mir unter die Haut geht.

Das Unter-die-Haut-Gefühl ist auch ein wichtiger Teil der Einsicht des gestrigen Abends. Ich fühlte mich wie bei einer Kapitulation. Ich meinte, ich würde über diesen Dingen stehen und fühlte mich als etwas Besseres. Aber nach etwas Zögern ging ich aus und war auf der Suche nach Frauen.
Da sind unglaubliche Antriebe in mir, ich wollte tanzen und war an einem recht angenehmen Ort, von dem ich kürzlich erfahren hatte. Dort merkte ich, daß es hauptsächlich alternative Leute dort hinzieht, aber es war mir nicht unrecht, denn die schweben ja in ihrer Atmosphäre aus Liebsein und da paßte ich gut hinein. Trotzdem wurde mir etwas klar dabei: Ich habe mich immer dermaßen identifiziert mit meinem feingliedrigen Körper, daß ich alles andere als grob und unmäßig abgelehnt habe. Ich habe mich entkörpert und alle anderen mit - es ist, als hätte ich Menschen nie mit ihren Körpern wahrgenommen, als sähe ich alles durch eine Brille, die die Körperlichkeit auslöscht. Es ist nicht nur, daß ich Frauen nie wahrgenommen habe (und das meine ich wirklich so, ich erinnere mich an viele Situationen, wo mich andere Männer in einer Gruppe auf eine Frau aufmerksam machten oder scherzten, eine wäre mir zugetan etc., was ich alles nie bemerkte, oder besser nie bemerken wollte), sondern überhaupt alle Menschen. Ich wollte es nicht einmal sehen, wenn sich irgendwo zwei näherkamen, weil mir das in seiner Erscheinung so hart, unförmig, hässlich vorkam und nicht mit meinen Vorstellungen und Gefühlsillusionen zusammenpassen wollte, die nicht zerstört werden sollten. Das war mir zwar schon einigermaßen klar, aber die Einsicht wurde jetzt nochmal deutlicher.

Mir fiel auch auf, daß ich noch viel boshaftere Vorurteile hatte: so als wären Menschen mit fülligen oder kräftigen Körpern überhaupt nicht zu einer bestimmten Gefühlsfeinheit fähig. Das war mir auch schon bei diesem Tanzlehrer von vor einiger Zeit aufgefallen. Er sagte einige sehr feinfühlige Dinge über seine Situation, die ich seiner männlichen, kräftigen, etwas machohaften Erscheinung nicht zugestanden hatte. Ich fand das aber angenehm, denn es imponierte mir und bekräftigte mich darin, offen zu Gefühlen zu stehen und sie preiszugeben. Ansonsten läuft es bei mir nämlich so ab, daß ich es für mich behalte und mir dann daraus ein besseres Selbstbild konstruiere, weil andere in ihrer vermeintlichen Grobheit das nicht fühlen würden und ich ja soviel besser wäre. - Meine Erfahrung ist jetzt mittlerweile, daß andere viel mehr mitbekommen als ich immer angenommen habe, aber ebensoviel lügen wie ich, so daß es dann eben gar nicht wirklich wird. Die Gefühle laufen dann sozusagen nur virtuell ab, in einem Projektionskasten im Kopf. Das Verleugnen hinterläßt aber eine still brütende Frustration bei einem selbst.

Gestern Abend war ich dann ziemlich schockiert, wie ich mir eingestehen mußte, als dann dort einige Pärchen aufeinander ansprangen - u.a. weil ich da zuvor teilweise Kontakte aufgebaut hatte und die ganze Situation an dem kleinen Ort nicht so anonym und unbeteiligt war wie sonst überall. Es war dort recht hell und die Leute ungenierter und viel offener als üblich, was ich sehr angenehm fand. Nur als es handgreiflich wurde, merkte ich, wie ich mich da zurückzog, wie es mir zuviel war, zu viel Körper. Plötzlich verwandelte sich die Atmosphäre dort für mich und ich fiel wortwörtlich aus allen Wolken, denn die brutal drängende Energie wurde mir da so richtig klar und wie sehr ich Teil war und mich immer noch nur beschiß (der Anblick des “lustgepeitschten Menschenstroms”, wie der Hesse ebenfalls mit großen, ängstlichen Augen mir die Gedanken auf den Leib geschrieben hat). Da kann ich noch so große Reden schwingen und klugscheißen im Tagebuch - wenn es konkret wird, kneife ich und merke, daß ich immer nur auf Blümchen herumspringe. Es war genau das Psychogruppengefühl. Vor diesen Leibern, Trieben und Menschentieren habe ich Angst, fühle mich selbst reiner und feiner. Mich da zu sehen, was ich bin, einfach einer der Masse, bedeutet, etwas aufzugeben und realistisch zu werden.

Ich hatte mich mit einer angenehm offenen Frau beschäftigt, bei der ich dann aber sehr gehemmt war, als ich erfuhr, daß sie soviel jünger war als ich. Ich meinte, das dürfe ich nicht, bzw. das wäre kein Weg, erwachsen zu handeln. Eine andere ließ ich gar nicht erst weiter an mich herankommen; bei der fürchtete ich dagegen ihre offen sichtbare Erfahrenheit.
Es war ein einziges Debakel. Nicht, weil es keine Chance gab auf Kontakt, im Gegenteil, sondern zu erkennen, wie hilflos ich gegenüber Frauen bin und wie verlogen und unrealistisch ich gerade noch von mir gedacht hatte - wie weit entfernt ich bin und mich doch so frei wähne. Ich muß auch nicht freier werden, aber ich will mich einfach nicht mehr belügen. Der Heimweg war dann, wie schon vorher erwartet, eine einzige Frustration mit all diesen unerfüllten Erwartungen und Ernüchterungen. Ich fragte mich, trotz Einsichten, wieso ich mir das angetan habe.

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