Beim Einkaufen auf dem Markt blieb ich mit offenem Mund vor einer Werbebude der CSU stehen, auf der groß etwas in der Art stand: “CSU - gemeinsam mit den Menschen gegen die 3. Startbahn”. Ein Zweimetermensch mit ebensolcher Körperfülle versuchte, mir einen Blumentopf samt zierendem Wahlslogan und Bewerberportrait in die Hand zu drücken, was ich ablehnte. Nebenbei spielte noch ein Trio flotte Swingmelodien auf heimatlichen Instrumenten.
Ich war ob dieser unverhohlenen Verlogenheit so perplex, daß ich gar nichts machen konnte. Ich ging weiter, dann packte mich plötzlich eine Wut und ich hatte Lust, dort irgendjemand in eine Diskussion zu verwickeln und einen Aufstand zu machen, um mich über diese riesige Falschheit aufzuregen. Ich ließ es dann bleiben, denn was sollte das denn bringen. Da sind weder die Verantwortlichen noch irgendjemand, den das interessiert. Meinen formellen Widerspruch bei der Regierung habe ich ja auch schon lange eingereicht.
(Durch meine Zurückhaltung ist der Ärger aber auch nicht verschwunden, deswegen muß ich es jetzt eben in Form von Schreiben abarbeiten oder sublimieren. Ich bin mir gar nicht sicher - vielleicht hätte ich mich doch dort aufregen sollen, das wäre wenigstens direkt gewesen.)
Dazu muß man wissen, daß schon lange ein Streit läuft über die Genehmigung und Zulassung (momentan Planfeststellungsverfahren) für den Ausbau des Münchner Flughafens, was in vielen Teilen sehr zweifelhaft ist - und weder so dringend noch benötigt, wie in der Propaganda dargestellt (-> http://www.keine-startbahn3.de). Es geht da einfach um die Interessen der mächtigen Flughafengesellschaft und vielen Profiteuren davon. Allen voran ist da die CSU wieder einmal Wegbereiter und Alleinherrscher, aber eng flankiert von FDP und SPD durch die mittlerweile völlig vereinheitlichte zugrundeliegende Ideologie.
Die Pro-Flughafen-Argumentationslinien folgen ganz dem neoliberalen Denken und klingen oberflächlich betrachtet vielversprechend, wie etwa das Arbeitsplatzargument (dabei ist Freising und um Umgebung eine der Regionen in Deutschland mit der geringsten Arbeitslosenquote überhaupt). Sehr leicht lassen sich aber die fast nicht zu verbergende Macht-, Geldgier und Skrupellosigkeit dahinter erkennen. Von den Auswirkungen (ganze Ortsteile müssen umgesiedelt werden) ganz zu schweigen.
Nur, daß jetzt auf einmal ganz andersherum dargestellt wird, fand ich nicht mehr zu ertragen. Es geht hier nur um eine kleine, lokale Gruppe der Partei, die erkannt hat, daß die Mehrheit der Bevölkerung hier dagegen ist und daß man mit einem linientreuen Programm überhaupt keine Chance hätte. Aber diese kleine Gruppierung gibt ja öffentlich schon ihre Resignation gegenüber den großen Entscheidern in München zu. Also was sollte es nützen, dieser Partei und ihren Vertretern hier eine Stimme zu geben, wenn sie am Ende sowieso eingegliedert werden und sich den großen Linien fügen müssen. Dann doch lieber gleich jemand mit einer glaubhaften Position.
Diese Widerstände der Bevölkerung rund um den Flughafen und den Einflugschneisen werden so geschickt verdreht und verschwiegen, daß am Tag einer Großdemonstration (mehr als doppelt so groß wie erwartet), auf der ich vor ziemlich genau einem Jahr teilnahm, nicht einmal meine Eltern, die in München leben, etwas davon erfuhren. Sie wußten nicht einmal etwas von der Fragestellung. Im Radio hieß es nur, die Innenstadt sei gesperrt, man solle auf öffentlichen Verkehr ausweichen. Auf der Internetseite der SZ war damals nur eine winzige Notiz über die Demonstration nur noch am gleichen Abend ganz unten rechts eingestellt. Am nächsten Morgen, zum nächsten natürlichen Zyklus der Leserschaft, war die schon wieder ganz verschwunden und auch via Suche nicht mehr auffindbar.
Das eigentlich Aufwühlende bei dem Thema finde ich diese so leicht zu durchschauende Doppelzüngigkeit und Falschheit, mit der da agiert wird und wie mühelos und geschmiert die ganze Nachrichtenmaschinerie läuft und alle für dumm verkauft.
Die CSU ist ja mitnichten dieser vermeintlich heimat- und wertverbundene Wohltäter, sondern die treibende Kraft hinter dem Ausbau des Kontroll- und Überwachungsstaates und der Einschränkung von Grundrechten. (-> nur ein aktuelles Beispiel: Demonstrationsfreiheit)
Am Ende wird es immer so dargestellt, als würde die Bevölkerung profitieren, als würde etwas für die Menschen getan und das wird auch geglaubt - nur ist das genaue Gegenteil der Fall. Es stecken irgendwelche unausgesprochenen, tiefsitzende Ängste und Abgrenzungen oder handfeste Interessen dahinter. Die Sache an sich und die Menschen interessieren da überhaupt nicht - die sind nur notwendiges Übel, nur eine gesichtslose Masse, die nur richtig bearbeitet und geformt werden muß.
Erschreckend fand ich letztens schon, daß nur 43% bei der Stichwahl zum Landrat überhaupt noch gewählt haben. So wenig interessiert und eingeschläfert ist man da: “die da droben werden’s schon richten”, wie immer oder resigniert: “ist eh egal, wer drankommt, sind eh alles die Gleichen”. Obwohl die CSU gar nicht dabei war, triumphierte letztendlich der Kandidat, zu dem die CSU noch ihre Wahlempfehlung ausgesprochen hatte (gegen diesen so erschreckend kraftvollen, tatkräftigen Biologen der Grünen). So funktioniert das in Bayern. Es ist fast so, als würde das letzte Wort hier immer noch von der Monarchie gesprochen und, um ja nicht selbst nachdenken zu müssen, kann man das ruhig blind übernehmen - hat ja bislang auch gut funktioniert. Was dahinter alles abläuft, dazu müßte man schon einmal von der bequemen Biergartenbank aufstehen. Ich fände es auch viel angenehmer, wenn alles einfach so ablaufen würde und man sich nicht damit auseinandersetzen müßte, aber damit akzeptiert man dann einfach, daß man für dumm verkauft wird und sich noch mit einem Grinsen im Gesicht und einem Händedruck für fremde Interessen benutzen läßt, ohne es zu merken. Die Situation wird schleichend immer schlimmer, bis man es eines Tages vielleicht bemerkt, aber dann ist es zu spät. Dann ist man schon gekocht, dann wurde man gelebt und benutzt und verbraten. Das ist genau diese Analogie des “boiling frog syndrome”.
Das Wichtige dabei finde ich, daß das ja nicht nur bei so einem Thema so ist. Es gibt ja schon immer bei einem selbst etwas von diesem Hintergrundmaterial, von dem man weiß, daß es ungelöst ist, wo das Gewissen nagt, und der Verstand abwiegelt “nein nein, ist doch alles in Ordnung… man müßte eigentlich… ich würde ja gerne, aber…”. Man läßt das dann lieber in Ruhe, weil es ja unangenehm und so unerfreulich realistisch ist, sich damit zu befassen. Nur geht es damit nicht weg, sondern es baut sich im Hintergrund immer weiter auf. Es ist dann fast schon ein Glück und eine Erlösung, wenn diese Verleugnung dann von selbst einbricht. Es kann aber sein, daß da sehr viel zu Grunde geht und geopfert wird. Wieso nicht etwas sofort lösen und gleich ansehen? Das wäre so viel einfacher. Ich frage mich das ja selbst immer, wieso ich etwas aussitze, wieso ich mich vor etwas verweigere, obwohl ich es besser wissen sollte.
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