Dem Körper ausgeliefert

Ich schlief wieder nur recht wenig, versuchte noch weiterzuschlafen, aber ohne Erfolg. Dieses Wühlen in mir ist gerade wieder stark. Ich kenne es nur zu gut, daraus entsteht immer meine altbekannte Hektik und es stimuliert sich dann immer weiter selbst. Das hat immer etwas zu tun mit Vorfreude und Aufgeregtheit und irgendwelchen Aktivitäten. Das kann so weit gehen, daß ich dann im aktuellen Moment Dinge vergesse, herunterwerfe, fast hinfalle vor lauter Verwirrung und Aufregung. Ich habe das schon ziemlich lange nicht mehr erlebt, aber heute kam das wieder in Anfängen auf. (Ausgeprägt war das auch beim Einpacken vor der Hollandfahrt, da beobachtete ich das bedauernd, weil da uralte Vorgänge hervorkamen und ich verstand dabei, daß ich das lediglich unter den Teppich gekehrt hatte. Ich hatte diese Dinge nicht angefaßt, um sie nicht hervorzuholen und um mir selbst klarer zu erscheinen. Sie sind aber noch da und ich vermute sogar, daß sie sich niemals ändern werden. Aber dieses Nichtstimulieren hat den Vorteil, daß es dann durch den Abstand besser erscheint wie es wirklich ist: Eine Eigenart, irgendeine kleine Abweichung in einen Mechanismus, der mich vom Mittelpunkt wegzieht, aber nichts, was ich selbst bin, sondern nur etwas, das abläuft.) Ich betrachtete es dann heute und erinnerte mich an die ruhende Normalheit und es verlor darin nach und nach an Bedeutung. Ich habe immer viel mehr in großen Erwartungen gelebt als im eigentlichen Erleben von Dingen. Die erschienen mir immer etwas zu blaß, zu eintönig, zu normal - aber meine Erwartungen waren immer groß mit tausend glitzernden Ausschmückungen und Gefühlen besetzt und ich folgte da wie in einem blinden und sich selbst verstärkenden Sog.

Dieses Wühlen in Bauch und Brust ist ein völlig ursprünglicher Antrieb und so riesig, daß ich es fast nicht aushalte, nichts zu tun. Ich hörte Mahler und danach platzte ich fast. Ich mußte irgendetwas tun, auch wenn es vielleicht eine Ersatzhandlung würde. Diese riesige, zitternde Vorfreude hatte ich auf dem Weg zum Schwimmen, wo ich dieses Gemisch aus Wut und überflüssiger Kraft abarbeiten wollte. Leider war das Bad heute den ersten Tag in der Sommerpause und ich ging zurück, um zu einem See zu fahren. Ich vermute, was hier abläuft mit dieser wühlenden Kraft ist eigentlich nichts anderes als Antrieb und Ausrichtung auf Sex - nichts mehr - es ist pure Körperlichkeit und es ist mir unangenehm, so abhängig davon zu sein. Etwas will das nicht akzeptieren in mir, fiel mir auf. Da bleiben jetzt auch keine höheren Wünsche oder noblen Beschäftigungen übrig. Es geht nur um den Körper und es ist unangenehm, vor allem, es nicht einfach lösen zu können sondern es ertragen zu müssen. Aber etwas anderes ist da anscheinend doch noch da. Es ist verbunden mit einer tiefen Sehnsucht - es ist nicht nur Körperlichkeit und sexuelles Auslebenwollen - ich glaube, davon würde nur ein Teil dieses Wühlens verschwinden. Es ist die Sehnsucht nach Einheit und Kontakt und Verbindung. Das ist etwas, das ich immer nur romantisch und verfärbt in Sex und Beziehung hineinprojiziert habe. Aber es geschieht wirklich etwas bei jedem Kontakt, aber viel ursprünglicher und ohne irgendein Zutun oder emotionale Betätigung und vor allem ohne Wollen. Momentan kommt es mir immer unnatürlicher vor, diese Dinge und all die Gefühle nicht ausdrücken zu können, oder gegen Wände zu laufen damit. In Brasilien durfte man die Menschen wengistens noch anfassen beim Sprechen als Teil der Gestik; das fand ich immer sehr angenehm und ich blühte da richtig auf.

Jetzt muß ich es noch einmal hinschreiben, was mir schon oft durch den Kopf ging: Alles, was ich immer mit dem Wort “spirituell” verbunden habe, scheint mir jetzt mehr und mehr hinfällig. Es geht eigentlich nur um den Körper - aber vielleicht ist das auch nur mein spezieller Eindruck auf die besonders notwendigen Korrekturen in meinem Fall, wo ich zu Vergeistigung neige. Der Körper ist immer ganz anwesend und materiell samt der damit verbundenen Wahrnehmung - es gibt da keine Flucht oder einen Trick, nur Ausgeliefertsein.

Ausgeliefert fühle ich mich auch bei dem abschnittweise starken Augenzucken. Es ist sehr irritierend, denn der Körper zeigt da ein Eigenleben und steht mir im Weg, tut nicht, was ich will. Es ist eine Ärgernis für das Ich, weil ich mich in Kontrolle wähne. Das war auch das eigentlich Traumatische, als ich in meiner Jugend nach einer durchwachten Nacht einen epileptischen Anfall erlitt. Die Bewußtlosigkeit war dann wie eine Erlösung, aber davor diese Erfahrung, einen völlig unkontrolliert verkrampfenden Körper zu haben, der eigentlich nur ein toter Block aus Material, eine Fleischmasse ist, war sehr schockierend. Ich fürchtete mich noch Jahre später davor, daß so ein Anfall wiederkehren würde, nur wegen dieser Wahrnehmung, überhaupt keine Kontrolle zu haben über diesen Körper. Das ist die eigentliche Schmach für mein Ego - die Reduktion vom Geist-Ich auf das reine Körper-Ich. Das hatte GL wohl gemeint mit dem Vergleich mit einer Psychogruppe aus Gewalt und Sex. Daß ich auch nicht der Körper bin, kann dann ja immer noch klarwerden. Oder gleich mit.

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