Archiv für 10. Mai 2008

Dem Körper ausgeliefert

Ich schlief wieder nur recht wenig, versuchte noch weiterzuschlafen, aber ohne Erfolg. Dieses Wühlen in mir ist gerade wieder stark. Ich kenne es nur zu gut, daraus entsteht immer meine altbekannte Hektik und es stimuliert sich dann immer weiter selbst. Das hat immer etwas zu tun mit Vorfreude und Aufgeregtheit und irgendwelchen Aktivitäten. Das kann so weit gehen, daß ich dann im aktuellen Moment Dinge vergesse, herunterwerfe, fast hinfalle vor lauter Verwirrung und Aufregung. Ich habe das schon ziemlich lange nicht mehr erlebt, aber heute kam das wieder in Anfängen auf. (Ausgeprägt war das auch beim Einpacken vor der Hollandfahrt, da beobachtete ich das bedauernd, weil da uralte Vorgänge hervorkamen und ich verstand dabei, daß ich das lediglich unter den Teppich gekehrt hatte. Ich hatte diese Dinge nicht angefaßt, um sie nicht hervorzuholen und um mir selbst klarer zu erscheinen. Sie sind aber noch da und ich vermute sogar, daß sie sich niemals ändern werden. Aber dieses Nichtstimulieren hat den Vorteil, daß es dann durch den Abstand besser erscheint wie es wirklich ist: Eine Eigenart, irgendeine kleine Abweichung in einen Mechanismus, der mich vom Mittelpunkt wegzieht, aber nichts, was ich selbst bin, sondern nur etwas, das abläuft.) Ich betrachtete es dann heute und erinnerte mich an die ruhende Normalheit und es verlor darin nach und nach an Bedeutung. Ich habe immer viel mehr in großen Erwartungen gelebt als im eigentlichen Erleben von Dingen. Die erschienen mir immer etwas zu blaß, zu eintönig, zu normal – aber meine Erwartungen waren immer groß mit tausend glitzernden Ausschmückungen und Gefühlen besetzt und ich folgte da wie in einem blinden und sich selbst verstärkenden Sog.

Dieses Wühlen in Bauch und Brust ist ein völlig ursprünglicher Antrieb und so riesig, daß ich es fast nicht aushalte, nichts zu tun. Ich hörte Mahler und danach platzte ich fast. Ich mußte irgendetwas tun, auch wenn es vielleicht eine Ersatzhandlung würde. Diese riesige, zitternde Vorfreude hatte ich auf dem Weg zum Schwimmen, wo ich dieses Gemisch aus Wut und überflüssiger Kraft abarbeiten wollte. Leider war das Bad heute den ersten Tag in der Sommerpause und ich ging zurück, um zu einem See zu fahren. Ich vermute, was hier abläuft mit dieser wühlenden Kraft ist eigentlich nichts anderes als Antrieb und Ausrichtung auf Sex – nichts mehr – es ist pure Körperlichkeit und es ist mir unangenehm, so abhängig davon zu sein. Etwas will das nicht akzeptieren in mir, fiel mir auf. Da bleiben jetzt auch keine höheren Wünsche oder noblen Beschäftigungen übrig. Es geht nur um den Körper und es ist unangenehm, vor allem, es nicht einfach lösen zu können sondern es ertragen zu müssen. Aber etwas anderes ist da anscheinend doch noch da. Es ist verbunden mit einer tiefen Sehnsucht – es ist nicht nur Körperlichkeit und sexuelles Auslebenwollen – ich glaube, davon würde nur ein Teil dieses Wühlens verschwinden. Es ist die Sehnsucht nach Einheit und Kontakt und Verbindung. Das ist etwas, das ich immer nur romantisch und verfärbt in Sex und Beziehung hineinprojiziert habe. Aber es geschieht wirklich etwas bei jedem Kontakt, aber viel ursprünglicher und ohne irgendein Zutun oder emotionale Betätigung und vor allem ohne Wollen. Momentan kommt es mir immer unnatürlicher vor, diese Dinge und all die Gefühle nicht ausdrücken zu können, oder gegen Wände zu laufen damit. In Brasilien durfte man die Menschen wengistens noch anfassen beim Sprechen als Teil der Gestik; das fand ich immer sehr angenehm und ich blühte da richtig auf.

Jetzt muß ich es noch einmal hinschreiben, was mir schon oft durch den Kopf ging: Alles, was ich immer mit dem Wort „spirituell“ verbunden habe, scheint mir jetzt mehr und mehr hinfällig. Es geht eigentlich nur um den Körper – aber vielleicht ist das auch nur mein spezieller Eindruck auf die besonders notwendigen Korrekturen in meinem Fall, wo ich zu Vergeistigung neige. Der Körper ist immer ganz anwesend und materiell samt der damit verbundenen Wahrnehmung – es gibt da keine Flucht oder einen Trick, nur Ausgeliefertsein.

Ausgeliefert fühle ich mich auch bei dem abschnittweise starken Augenzucken. Es ist sehr irritierend, denn der Körper zeigt da ein Eigenleben und steht mir im Weg, tut nicht, was ich will. Es ist eine Ärgernis für das Ich, weil ich mich in Kontrolle wähne. Das war auch das eigentlich Traumatische, als ich in meiner Jugend nach einer durchwachten Nacht einen epileptischen Anfall erlitt. Die Bewußtlosigkeit war dann wie eine Erlösung, aber davor diese Erfahrung, einen völlig unkontrolliert verkrampfenden Körper zu haben, der eigentlich nur ein toter Block aus Material, eine Fleischmasse ist, war sehr schockierend. Ich fürchtete mich noch Jahre später davor, daß so ein Anfall wiederkehren würde, nur wegen dieser Wahrnehmung, überhaupt keine Kontrolle zu haben über diesen Körper. Das ist die eigentliche Schmach für mein Ego – die Reduktion vom Geist-Ich auf das reine Körper-Ich. Das hatte GL wohl gemeint mit dem Vergleich mit einer Psychogruppe aus Gewalt und Sex. Daß ich auch nicht der Körper bin, kann dann ja immer noch klarwerden. Oder gleich mit.

10.5.2008

Ich sitze im Amtsgerichtsgarten in der Sonne. Alles blüht jetzt und überall ist dieses riesiges Aufbersten und Hervorbrechen in vollem Gang zu beobachten, das mit soviel Kraft die Triebe und Blätter und das Grün hervorschießen läßt. Es fällt heute leichter, den Ruhepunkt zu finden und einzusinken. Besonders nachdem ich in GLs Buch „Nichts“ gelesen habe und es an meiner Seite liegt.

Der kochende Frosch

Beim Einkaufen auf dem Markt blieb ich mit offenem Mund vor einer Werbebude der CSU stehen, auf der groß etwas in der Art stand: „CSU – gemeinsam mit den Menschen gegen die 3. Startbahn“. Ein Zweimetermensch mit ebensolcher Körperfülle versuchte, mir einen Blumentopf samt zierendem Wahlslogan und Bewerberportrait in die Hand zu drücken, was ich ablehnte. Nebenbei spielte noch ein Trio flotte Swingmelodien auf heimatlichen Instrumenten.

Ich war ob dieser unverhohlenen Verlogenheit so perplex, daß ich gar nichts machen konnte. Ich ging weiter, dann packte mich plötzlich eine Wut und ich hatte Lust, dort irgendjemand in eine Diskussion zu verwickeln und einen Aufstand zu machen, um mich über diese riesige Falschheit aufzuregen. Ich ließ es dann bleiben, denn was sollte das denn bringen. Da sind weder die Verantwortlichen noch irgendjemand, den das interessiert. Meinen formellen Widerspruch bei der Regierung habe ich ja auch schon lange eingereicht.
(Durch meine Zurückhaltung ist der Ärger aber auch nicht verschwunden, deswegen muß ich es jetzt eben in Form von Schreiben abarbeiten oder sublimieren. Ich bin mir gar nicht sicher – vielleicht hätte ich mich doch dort aufregen sollen, das wäre wenigstens direkt gewesen.)

Dazu muß man wissen, daß schon lange ein Streit läuft über die Genehmigung und Zulassung (momentan Planfeststellungsverfahren) für den Ausbau des Münchner Flughafens, was in vielen Teilen sehr zweifelhaft ist – und weder so dringend noch benötigt, wie in der Propaganda dargestellt (-> http://www.keine-startbahn3.de). Es geht da einfach um die Interessen der mächtigen Flughafengesellschaft und vielen Profiteuren davon. Allen voran ist da die CSU wieder einmal Wegbereiter und Alleinherrscher, aber eng flankiert von FDP und SPD durch die mittlerweile völlig vereinheitlichte zugrundeliegende Ideologie.
Die Pro-Flughafen-Argumentationslinien folgen ganz dem neoliberalen Denken und klingen oberflächlich betrachtet vielversprechend, wie etwa das Arbeitsplatzargument (dabei ist Freising und um Umgebung eine der Regionen in Deutschland mit der geringsten Arbeitslosenquote überhaupt). Sehr leicht lassen sich aber die fast nicht zu verbergende Macht-, Geldgier und Skrupellosigkeit dahinter erkennen. Von den Auswirkungen (ganze Ortsteile müssen umgesiedelt werden) ganz zu schweigen.
Nur, daß jetzt auf einmal ganz andersherum dargestellt wird, fand ich nicht mehr zu ertragen. Es geht hier nur um eine kleine, lokale Gruppe der Partei, die erkannt hat, daß die Mehrheit der Bevölkerung hier dagegen ist und daß man mit einem linientreuen Programm überhaupt keine Chance hätte. Aber diese kleine Gruppierung gibt ja öffentlich schon ihre Resignation gegenüber den großen Entscheidern in München zu. Also was sollte es nützen, dieser Partei und ihren Vertretern hier eine Stimme zu geben, wenn sie am Ende sowieso eingegliedert werden und sich den großen Linien fügen müssen. Dann doch lieber gleich jemand mit einer glaubhaften Position.

Diese Widerstände der Bevölkerung rund um den Flughafen und den Einflugschneisen werden so geschickt verdreht und verschwiegen, daß am Tag einer Großdemonstration (mehr als doppelt so groß wie erwartet), auf der ich vor ziemlich genau einem Jahr teilnahm, nicht einmal meine Eltern, die in München leben, etwas davon erfuhren. Sie wußten nicht einmal etwas von der Fragestellung. Im Radio hieß es nur, die Innenstadt sei gesperrt, man solle auf öffentlichen Verkehr ausweichen. Auf der Internetseite der SZ war damals nur eine winzige Notiz über die Demonstration nur noch am gleichen Abend ganz unten rechts eingestellt. Am nächsten Morgen, zum nächsten natürlichen Zyklus der Leserschaft, war die schon wieder ganz verschwunden und auch via Suche nicht mehr auffindbar.

Das eigentlich Aufwühlende bei dem Thema finde ich diese so leicht zu durchschauende Doppelzüngigkeit und Falschheit, mit der da agiert wird und wie mühelos und geschmiert die ganze Nachrichtenmaschinerie läuft und alle für dumm verkauft.
Die CSU ist ja mitnichten dieser vermeintlich heimat- und wertverbundene Wohltäter, sondern die treibende Kraft hinter dem Ausbau des Kontroll- und Überwachungsstaates und der Einschränkung von Grundrechten. (-> nur ein aktuelles Beispiel: Demonstrationsfreiheit)
Am Ende wird es immer so dargestellt, als würde die Bevölkerung profitieren, als würde etwas für die Menschen getan und das wird auch geglaubt – nur ist das genaue Gegenteil der Fall. Es stecken irgendwelche unausgesprochenen, tiefsitzende Ängste und Abgrenzungen oder handfeste Interessen dahinter. Die Sache an sich und die Menschen interessieren da überhaupt nicht – die sind nur notwendiges Übel, nur eine gesichtslose Masse, die nur richtig bearbeitet und geformt werden muß.

Erschreckend fand ich letztens schon, daß nur 43% bei der Stichwahl zum Landrat überhaupt noch gewählt haben. So wenig interessiert und eingeschläfert ist man da: „die da droben werden’s schon richten“, wie immer oder resigniert: „ist eh egal, wer drankommt, sind eh alles die Gleichen“. Obwohl die CSU gar nicht dabei war, triumphierte letztendlich der Kandidat, zu dem die CSU noch ihre Wahlempfehlung ausgesprochen hatte (gegen diesen so erschreckend kraftvollen, tatkräftigen Biologen der Grünen). So funktioniert das in Bayern. Es ist fast so, als würde das letzte Wort hier immer noch von der Monarchie gesprochen und, um ja nicht selbst nachdenken zu müssen, kann man das ruhig blind übernehmen – hat ja bislang auch gut funktioniert. Was dahinter alles abläuft, dazu müßte man schon einmal von der bequemen Biergartenbank aufstehen. Ich fände es auch viel angenehmer, wenn alles einfach so ablaufen würde und man sich nicht damit auseinandersetzen müßte, aber damit akzeptiert man dann einfach, daß man für dumm verkauft wird und sich noch mit einem Grinsen im Gesicht und einem Händedruck für fremde Interessen benutzen läßt, ohne es zu merken. Die Situation wird schleichend immer schlimmer, bis man es eines Tages vielleicht bemerkt, aber dann ist es zu spät. Dann ist man schon gekocht, dann wurde man gelebt und benutzt und verbraten. Das ist genau diese Analogie des „boiling frog syndrome“.

Das Wichtige dabei finde ich, daß das ja nicht nur bei so einem Thema so ist. Es gibt ja schon immer bei einem selbst etwas von diesem Hintergrundmaterial, von dem man weiß, daß es ungelöst ist, wo das Gewissen nagt, und der Verstand abwiegelt „nein nein, ist doch alles in Ordnung… man müßte eigentlich… ich würde ja gerne, aber…“. Man läßt das dann lieber in Ruhe, weil es ja unangenehm und so unerfreulich realistisch ist, sich damit zu befassen. Nur geht es damit nicht weg, sondern es baut sich im Hintergrund immer weiter auf. Es ist dann fast schon ein Glück und eine Erlösung, wenn diese Verleugnung dann von selbst einbricht. Es kann aber sein, daß da sehr viel zu Grunde geht und geopfert wird. Wieso nicht etwas sofort lösen und gleich ansehen? Das wäre so viel einfacher. Ich frage mich das ja selbst immer, wieso ich etwas aussitze, wieso ich mich vor etwas verweigere, obwohl ich es besser wissen sollte.