Archiv für 9. Mai 2008

9.5.2008

Ich verlasse das Gelände durch die große, hohe Lagerhalle. Dort habe ich immer ein eigenartig starkes Gefühl. Es ist nicht schön dort, die Luft ist stickig und trotzdem genieße ich den Gang dort hindurch jedes Mal. Es ist eine ähnliche Wirkung wie in einer hohen Kirche. Ich fühle mich klein, aber auch konzentriert auf den Platz. Wenn ich dort jemandem begegne, ist dieser Kontakt viel fokusierter als woanders, weil es keine Umgebung gibt, an der man sich festhalten oder anderweitig beschäftigen kann. Da ist nur ein weiter Raum, in dem man sich ständig wie im Zentrum befindet. Ich muß dort immer in die Augen sehen, was ich oft erst merke, wenn mein Gegenüber verstohlen wegsieht oder mich grüßt.

Auf dem Weg hinaus bin ich sehr präsent und plötzlich geht jemand da allein vor sich hin. Ich frage mich, wer und wo ich bin. Aber es ist, als würde die Frage leer aushallen. Nirgends, das ist nur ein Selbstgespräch in einem stillen Raum. Und dann ist da wieder dieses kompakte Körpergefühl – nur Knochen, Fleisch und Blut und Speichel und Organe, ohne Platz für einen „Geist“. Ich weiß nicht, was ich bin, nichts (?) und doch bin ich da, nicht der Körper, der ist weit weg, ich bin nahe. Ich bin auch nicht im Körper oder außen herum. Das Empfinden wechselt mehrmals hin und her, es ist, als würde ich eines von diesen Verwechslungsbildern einmal so, einmal so sehen. Ich versuche, dem nachzuspüren, dann ist es aber weg und ich fühle mich wieder wie üblich. Der Moment war gar nicht besonders oder unnormal. Ich habe dabei kurz einen deutlichen Unterschied gemerkt zwischen dem Gefühl oder Wissen von mir und den Gedanken, die daraus entstehen. Die Gedanken lassen sich gar nicht verhindern, sie sind einfach da wie Herzschlag oder Verdauung. Ich muß nur gut genug wissen, was ich bin.

Was hat die Lebenskraft mit mir selbst zu tun? Das finde ich noch immer sehr abstrakt und schwer zu verstehen. Lebenskraft und Lebensfreude sind einfach das, was mir gemäß ist. Mir ist das noch nicht klar, weil ich selbst noch nicht genügend Klarheit in meinem Leben darüber habe. Um über das Thema schreiben zu können, muß ich es erst noch viel praktischer verstehen.

Pendel

Ich fühle mich wie ein Pendel. Heute war das genaue Gegenteil von gestern. Ich wachte nach wenigen Stunden Schlaf auf, war zwar nicht ganz ausgeschlafen, aber voll mit Energie. Nach dem morgendlichen Laufen machte ich noch einige Kraftübungen, um mich abzureagieren.
Ich arbeitete heute vor Ort und es lief viel besser. Vielleicht spielte auch die äußere Stimulation durch die Umgebung eine Rolle. Ich war ziemlich zufrieden und unaufgeregt. Ich tat, was anstand, konnte mich konzentrieren, trank heute einmal mehr und vergaß auch sonst nicht, kurze Pausen einzulegen.
Zufrieden und ausgeglichen, so könnte es immer sein.
Seltsamerweise kamen heute unabhängig voneinander gleich zwei Leute zu mir, die ich nur vom sehen dort kenne, und begannen ungefragt private Details zu erzählen. Irgendwie scheinen die Leute schnell Vertrauen zu fassen zu meiner harmlosen Erscheinung, obwohl beide nicht zur redseligen Kategorie gehörten. Ich fand das aber nicht unangenehm, denn es fühlte sich frei an, außerdem erfahre ich gerne etwas von Älteren.

Der Glasklotz

Ich suchte mir für einen Spaziergang einen Weg um das Bürogebäude, das ich eigentlich nur noch Glasklotz nennen kann. Dabei wurde mir einmal in der gesamten Übersicht klar, wie himmelschreiend idiotisch dieser ganze Entwurf ist. Das sperrige, unausgegorene Denken, das soetwas verbrochen hat, kommt mir aus allen Ecken (davon gibt es ja genug) entgegen. Dazu paßten auch noch die Erzählungen, die ich bislang hörte von den praktischen Problemen und Mängeln mit Baumaterialien, Innenausbau, Klimaanlagen, usw. Das ganze Ding ist ein hässliches, zusammengeflicktes, verlogenes Gebastel – aber es sieht todschick und ultramodern aus.

Der gehemmte Fluß beginnt schon damit, daß man nicht zwischen den drei Gebäudeteilen hindurchgehen kann, die aber luftig mit Brücken verbunden sind und das geradzu anbieten. Vorne erstreckt sich über die gesamte Länge ein repräsentatives Wasserbecken mit kleinen, integrierten Springbrunnen und schirmt diesen Bereich ab. Das macht sogar noch etwas her, wirkt aber trotzdem verloren und wie aufgepfropft. Wie gesagt, kommt man dann gar nicht durch zu den hinteren Teilen, wo sogar Bänke aufgestellt sind. Ich habe dort allerdings noch nie jemanden gesehen, weil man dazu erst um das ganze Haus herumlaufen müßte (ich habe den Weg heute erst gefunden), außerdem liegt der Ort zugig im ganztägigen Schatten zwischen zwei klirrend kalten Glaswänden aus denen zig Augen und zwei Kameras auf einen blicken. Im Innenhof des Gebäudes, in dem ich arbeite, ist ein Garten angelegt, der an einen japanischen Zengarten erinnern soll. Ein paar Bambusstangen stehen wild herum, ein paar große Steine und ein kleiner Weiher sind hineingeworfen und die weißen Kiesel sind gerecht, schematisch im rechten Winkel zueinander. Was dieses lieblose Zitat mit der Firma, dem Standort, dem Gebäude, usw. zu tun haben soll, ist mir ein Rätsel. Es ist aber geradezu ein Musterbeispiel der Verwechslung zwischen dem natürlichen, warmen Wenig bei Wabi-Sabi und dem modernen, kalten Minimalismus (-> http://www.hermitary.com/solitude/aesthetics.html).
Ich finde diese Verwechslung sehr interessant, denn darin steckt noch viel mehr. Es geht dabei darum, wie völlig falsch man bewußte Hinweise interpretieren kann, um sich dann darin zu verlaufen, wenn man dem eigenen Gefühl mißtraut. Ich habe da sogar in der Schule einige Beispiele selbst bzw. miterlebt.

Im Alltag am schlimmsten sind die Fenster, die elektronisch gesteuert sind. Sie machen einen fürchterlich nervigen Lärm beim Öffnen und Schließen, der einen über eine halbe Minute strapaziert – und dann entschließt das „intelligente Gebäude“ auch unvorhersehbar, daß sie wieder geschlossen werden müssen. Ebenso sind die Rollos gesteuert und kaum kontrollierbar über die Druckknöpfe – das ist regelmäßig wieder ein Punkt, an dem das ganze Büro abgelenkt ist. Dann ist es durch all das Glas (die Fassade ist durchgehend ohne Unterbrechung verglast) natürlich heiß wie in einem Treibhaus, besonders jetzt, mit mehr Sonne. Interessant, daß die ursprünglich geplante, passive Belüftungsanlage überhaupt nicht funktioniert, weil völlig unterdimensioniert. Es mußten letzten Sommer überall hässliche, lokale Klimaanlagen installiert werden in jedem Raum, mit sicherlich schlimmen Folgen für das Raumklima und den Energieverbrauch.

Negativ fällt mir noch auf, daß die Toiletten eindeutig falsch berechnet wurden. Auf jedem Stockwerk befindet sich nur eine mit zwei Kabinen. Ich weiß, es gibt da Berechnungsvorschriften, aber die wurden bestimmt am oberen Limit kalkuliert, außerdem arbeiten mit mir in der Abteilung in großem Übermaß Männer als Ingenieure, d.h. es ist dort ständig überlaufen.
Es gibt noch ein paar Absurditäten im Endausbau, die eigentlich schon unfreiwillig komisch sind: In den Cafeterien steht immer eine Trennwand zwischen Anrichte und Sitzbereich, aber so, daß das Fenster, das dort konventionell nach innen geöffnet werden kann, nur gerade zur Hälfte aufgeht und dann an dieser Mauer anschlägt.
Auf einem Firmengelände gehören die Kameras wohl einfach dazu. Aber an dem aalglatten Glaskubus fallen die Kameras (an jeder Ecke zwei) als einzige Details sofort ins Auge und ich komme mir vor, wie in einem Gefängnishof. Daß sogar die Wände der Büros und Besprechungsräume aus Glas sind (teilweise mit Rollos abdichtbar) habe ich schon mehrmals erwähnt. Diese durchgehende Transparenz soll vielleicht Offenheit transportieren, für mich wirkt das aber brutal und entwürdigend. Es gibt da nämlich nirgends einen Kontrapunkt, kein Fließen, weder Dynamik noch Rhythmus – schlicht nichts, was mir irgendwo einen kleinen Punkt von Aufatmen und Geborgenheit anbieten würde. Es ist geradezu so, als wurde da bewußt eine Atmosphäre geschürt, in der jeder jeden noch besser kontrollieren kann. Und weil das in Deutschland sowieso üblich ist, wurde hier dieser Mechanismus sogar noch weiter unterstützt. Es ist eine Strafkolonie mit Gedankenpolizei. Meine Spaziergänge dort sind schon ein richtig subversiver Akt. Ich fühle mich wie bei einem Spießrutenlauf verfolgt von unzähligen Augenpaaren und Kameras.

Kurz: Ich fühle mich von dem Gebäude und diesem gebauten Raum dort immer wie geschlagen. Manchmal meine ich, es kann doch nicht sein, daß einem so eklatant widersinnige, unlogische Konstruktionen einfallen bzw. daß das offensichtlich niemandem auffällt, daß da etwas falsch läuft. Das geht nur, wenn man völlig verblendet ist und alles einer Außenwirkung unterordnet, von der man selbst gar nicht weiß, woher sie kommt, was sie aussagen und was für Räume sie gestalten soll. Die Anlage spiegelt einfach wieder, wie gearbeitet wurde: sie ist ein großes Copy&Paste – im CAD geht das ja schnell und gedanken- und gefühllos genug. Ein Gemisch aus modernem coolen Chick, postmodern überdrüssiger Unterscheidungslosigkeit, in der bedeutungslos und ohne Zusammenhang Referenzen aneinandergereiht werden von US-amerikanischen Wolkenkratzern, japanischer Kultur, europäischem Schloßpark, assymmetrische Geometrie – und schon wieder ist ein Glanzpunkt heutiger Kultur fertiggestellt, der sogar ganz oberflächlich betrachtet wichtig, bedeutsam und wie eine Errungenschaft aussieht. Aber es steckt absolut nichts dahinter. Es ist eine große Fassade, man könnte dort vielleicht einen Science-Fiction-Film drehen, aber Menschen dort einen großen Teil ihres Lebens verbringen zu lassen grenzt schon an Boshaftigkeit. Vor allem aber erschreckt mich die Ahnungs- und Orientierungslosigkeit, die dahintersteht. Es saugt mir dort richtiggehend die Kraft aus den Knochen, aber wenigstens verstehe ich jetzt, wieso das so ist.

Jetzt geht es mir besser, das einmal loszuwerden. Schlimm ist nur, daß die sich noch vermehren wollen und dann auch noch an einer stadtplanerisch bedeutenden Stelle. Ich habe die Auswahl der Entwürfe von drei Architekturbüros über interne Emails mitverfolgen können und die letztendliche Pressemeldung. Da kommt dann ab nächsten Jahr wieder ein Klotz mehr hinzu im eh schon so lieblosen Norden von München. Soweit ich das mitbekommen habe, aber sogar nur als Investitionsobjekt, nicht einmal für den eigenen Gebrauch. Ich frage mich, wo diese Mär herkommt, in München fehlten Büroräume. In der Gegend, wo ich früher arbeitete, stehen noch immer in ganzen Straßenzügen riesige Büroflächen leer. Also, wo kommt dieser Bauantrieb her? Vielleicht, um im wachsenden München nicht an Bedeutung zu verlieren und das Revier ausreichend zu markieren, oder doch nur um genügend abzuschreiben und ein Spekulationsobjekt mehr zu haben? An funktionierende, vielleicht sogar noch „harmonische“ (ich traue mich das Wort in dem Zusammenhang fast nicht hinzuschreiben) Architektur wird da sicher als letztes gedacht.