Ich konnte heute zu Hause arbeiten, aber es war eine Quälerei. Ich konnte mich nicht konzentrieren und trotzdem erlaubte ich mir nichts anderes. Es war ein stundenlanger Kampf. Gerade habe ich noch von dem Trick geschrieben. Das funktionierte überhaupt nicht. Ich wollte nichts tun, sondern einfach nur dasitzen - aber ich ließ mich nicht, ich mußte etwas schaffen bis morgen.
Ich hatte ein starkes Ziehen im Bauch wie von Angst oder Ungewißheit. Es zog mich heute wieder einmal nach innen zusammen. Ich wollte nur anwesend sein und nichts tun, vielleicht noch Spazierengehen. Alles war mir zuviel. Nur beim Kochen ging es mir gut, weil ich da etwas Direktes tun konnte.
Ich habe nur ein paar Seiten gelesen im Buch von GL, aber daraus wehte mir sofort ein ganz anderer Wind um die Nase, der diese Entwicklung noch unglaublich antrieb. Es ist wirklich so, daß es von außen und von innen zieht.
Das Buch lag ständig an meiner Seite und die Augen schauten mich vom Umschlag immer an. Augen, die den Tod kennen und die sich in mich bohren und mir alles herausreißen, was ich für mich erbärmlich zusammenhalte. Dieser Gesichtsausdruck verstärkte genau dieses Reduktionsgefühl von leichtem Schock, Angst, unangenehmer Härte und Ausweglosigkeit.
Ich wollte nur in dem Buch lesen, aber ich ließ es nicht zu, sondern peitschte mich weiter an, vor dem Rechner zu leiden. (Natürlich dauerte dadurch alles noch viel länger.)
Es ist, als ob es in dem Buch um meinen eigenen Kopf und Kragen geht. Ich weiß das, und eigentlich müßte ich davor weglaufen, aber ich kann nicht anders, denn da ist auch eine riesige Faszination und Anziehung, wie ein Todesdrang; aber auch Gefühle von Erfüllung und tiefem Aufatmen und Verständnis. Endlich gibt es da einen Punkt, wo etwas in Ordnung kommt, bzw. einen Kontakt damit, daß so etwas wirklich möglich ist.
Ich hatte mitten im Arbeiten einen Moment, in dem mir alles zuviel war. Ich fühlte mich in einem riesigen, unnötigen Wirrwarr aus tausend Dingen um mich herum. All diese Bücher, Technik, Hilfsmittel, Einrichtungsgegenstände, etc. Für was das alles? Für was diese ganze Wohnung und Leben, was ich noch mit viel Aufwand finanzieren muß mit etwas, das mir fast meine ganze Zeit stiehlt.
Mit Lebenskraft komme ich jetzt nicht viel weiter, denn die verflüchtigt sich, zumindest wächst sie sich nicht zu konkreten Antrieben aus.
Und doch ist da dieser Knoten und das bekannte Wühlen im Bauch. Es ist wie eine unaufgelöste, brennende Erwartung, aber ich weiß nicht von was. Vielleicht ist es der Frühling und die Sonne.
Es ist wie eine Urerwartung, ein Urwunsch, der sich zu allem formen kann. Mit dem Gefühl hatte ich als Kind schon unerlaubte, teure Spielzeugwünsche gehegt, später unerlaubte, angstvolle, verdrängte Wünsche nach Mädchen durchlitten, und jetzt (von mir selbst) unerlaubte Wünsche nach endgültiger Befriedigung und Ruhe.
Ich fragte mich auch, ob ich das nicht nur wieder entkörpere, sondern ob es sexuelle Antriebe sind. Es gibt da etwas, kein rein körperlicher Wunsch, sondern eine Art ungesättigte Neugier. Es ziehen mich immer einige wenige, ganz bestimmte, charakteristische Punkte bei Frauen an. Das hat gar nicht einmal etwas mit Schönheit zu tun, es ist mehr eine Art Liebe für ein bestimmtes Detail, eine aufscheinende Besonderheit, die es nirgendwo anders gibt. Das kenne ich auch bei Männern, aber bei Frauen gibt es da immer noch die körperliche Komponente. Und noch ein Zusammenhang: ich finde teilweise sogar Frauen anziehend, die ganz offensichtlich in einem harten Bild von sich selbst gefangen sind. Das passiert so unbewußt, daß dahinter etwas stecken muß: 1. Es ist wie schon bei dem Erlebnis vor Kurzem ein Wunsch, so einen Mensch ohne Maske schmelzen zu sehen. Genauer betrachtet steckt dahinter wieder das Selbstbild eines Heiligen oder zumindest von jemand, der sich besser fühlt, und der sich hingibt, um andere zu retten. Also eine ganz klare Wertung und Eitelkeit. 2. Solche Frauentypen sind vermutlich berechenbarer und verhalten sich erwartungsgemäßer. Eine echte freie Frau würde mich wohl zu sehr schockieren und aus der Bahn werfen.
Ich ging einen kurzen Spaziergang zum Einkaufen, auf dem mir alles wie durch ein Vergrößerungsglas erschien. Die Farben waren grell in der Nachmittagssonne, die Geräusche alle viel stärker und differenzierter als normal, der Geruchssinn auch bis zum äußersten aufnahmefähig.
Ich beneidete kurz diese Leute in den Cafes, die dort so ruhig sitzen und sich mit ihren Gesprächen, Beobachtungen und Beschäftigungen begnügen konnten. Bei mir kommt gerade erst diese innere Unruhe so richtig heraus - mich würde es da nicht halten in dieser bequemen Situation. Die Unruhe endet aber, wenn ich Platz für die Anwesenheit lasse. Dort fiel ich heute tiefer hinein als sonst. Ich ging immer langsamer, bis ich fast nicht mehr vom Fleck kam. Nur dort konnte ich ausruhen von diesem Druck und diesen ganzen Dingen, die in mir ablaufen.
Dieses Augenzucken ist jetzt ein ständiger Begleiter. Es fängt sofort an, wenn ich mich zu sehr verspanne oder wenn ich mir schnell das Gesicht und die Augen reibe. Ich muß kurz innehalten, dann endet es auch wieder bald. Es ist wie ein Indikator für zu hohe innere Spannung, und von der gibt es genug bei mir.
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