Archiv für 7. Mai 2008

Projektionen und Entwicklungen in Bezug auf Sex

Momentan geschieht etwas Eigenartiges. D. ist wieder näher, zumindest sexuell. Der Umgang ist jetzt viel entspannter zwischen uns. Es kommt mir so vor, als würde ich jetzt erst das erste Mal richtigen Sex erleben. Es geht dabei nicht um irgendetwas Besonderes, was da ablaufen würde, sondern es ist etwas ganz Nahes bei mir, das mir durch und durch geht. Es ist eine ungekannte Nähe zu dem Geschehen und zu diesen rein körperlichen Abläufen, die ich jetzt intensiv und fast schmerzhaft empfinde, ohne all den zusätzlichen Überbau.
Als ich sie kennenlernte, meinte ich, es sei die absolute Erfüllung, jetzt hätte ich SIE gefunden und hätte ausgesorgt für den Rest des Lebens. Ich hatte mich emotional sehr hineingesteigert und es in etwas anderes verklärt. Auch der Sex war damit verseucht und ich träumte mich anfangs in die letzten Winkel des Himmels. Endlich war das da, wovon ich vorher nur immer geträumt, auf was ich gehofft und mir heimlich einen vollen Anspruch ausgerechnet hatte. Die Entwicklung danach enthielt dann immer wieder Ernüchterungen, die ich aber weggelogen habe. Selbst bei jemand, der so durch und durch entspannt, offen und geklärt erscheint wie sie.
Daß es mir irgendwann zu eng wurde und gar nichts mehr ging, wollte ich mir auch nicht eingestehen - ich habe selbst noch herumgelogen, denn ich wollte nicht zugeben, daß bei mir alles verflogen war und ich selbst erschrocken war, wie schnell und unsichtbar sich diese “große Liebe”, an die ich glaubte, verflüchtigt und sich in das Gefühl von bedrückender Enge und Kontrolle verwandelt hatte. Das war vor allem zu der Zeit, in der ich verstärkte Dosen von Reduktion meines Selbstbildes in der Schule hinnehmen mußte.

Die Entwicklung jetzt ist eigenartig, weil wieder unterschwellig ein Zusammengehörigkeitsgefühl aufkommt und ich vermute, damit auch Abhängigkeit. Ich betrachte das jetzt nur. Es geht jetzt auf einmal um sexuelle Freiheit und Offenheit, wo vorher noch Eifersuchtstode gestorben wurden. Seltsamerweise bin ich auch der Anlaufpunkt für ihre Entdeckungen. Was mir dabei einen faden Geschmack hinterläßt, ist, daß da kein Alleinstehen passiert. Es gibt noch einen Hauptbezugspunkt, zu dem man sich zurückziehen kann, wenn die Stürme da draußen doch zu unerträglich werden würden. Mir fiel das gerade erst auf, als ich mich selbst dabei beobachtete.
Ich weiß nicht, wie ich das richtig verstehen kann. Entweder ist es ein tiefes Urvertrauen, daß einfach da ist und das auch völlig ohne dieses ganze romantische Beiwerk auskommt - also bräuchte ich das nicht weiter zu betrachten, sondern mich nur darüber freuen. Oder es schleicht sich da doch wieder Abgrenzungs-, Vereinnahmungs- und Beziehungsdenken ein, aber jetzt denkt man eben, man sähe das aus einer anderen Warte. Nur was real passiert, ist dann doch wieder das Gleiche, nur etwas anders eingefärbt.

Ich mußte mir noch etwas klarmachen: Die Gegenreaktion ist falsch, wenn man den Unsinn von Beziehungen erklärt bekommt - jetzt müßte man auf einmal unbedingt offen und sexuell unabhängig sein. Das ist ein blindes Suchen in der anderen Richtung, aber hingeschaut wurde da noch nicht. Offenheit heißt, keine Wahrnehmungen und Regungen auszuschließen und zu leugnen. Aber willentlich etwas anderes zu tun ist einfach wieder die Einbildung, sich irgendwie freier machen zu können, ohne daß innerlich etwas geschehen würde oder Einsichten zustände kämen. So werden sie sogar verhindert, denn am Ende bleibt wieder eine Unsicherheit, ob man nach sich selbst oder doch vielleicht nur nach einer übernommenen Sichtweise gehandelt hat. Es muß zuerst zu einem Punkt kommen, wo einem etwas ganz klar wird, dann ist es ein für allemal klar. Alles andere bleibt sonst nur Nachahmen, Übernehmen und Zurechtbasteln einer eigenen Weltanschauung.

Durch weniger Projektionen wird tatsächlich etwas frei, das vorher nicht da war und wo ich abschnittweise nur staunend zusehen kann. Gleichzeitig ist auch die Entspannung nach so einem Kontakt viel tiefgreifender als ich es jemals vorher erlebt habe. Das wiederum entzieht weiteren Projektionen den Nährboden - es herrscht in einem großen Maß Ruhe, und andere Antriebe und Ablenkungen sind dann schwächer, weil sich die Energie weniger verläuft und verwirrt. Meine Wahrnehmung ist dann auch ungetrübter und alles erscheint mir näher und unmittelbarer.

Trotzdem ist da jetzt immer noch etwas von Schuldgefühl und von Ungeklärtheit in mir. Ich fühle mich immer noch ganz tief so, als würde ich etwas erleben, das mir nicht zusteht. Es ist eine Art Schuldigkeit, die ich nicht erfüllt habe. Da geht es bei mir immer noch ganz tief um das Beziehungs- und Familienthema. Erstens fühle ich mich D. gegenüber schlecht, als würde ich sie ausnutzen für meine Zwecke - ich erfülle keinen gewohnten Handel mehr, das wird es wohl sein. Nach der Rückkehr aus Holland überfiel mich auf einmal ein riesiges schlechtes Gewissen ihr gegenüber, als mir einfiel, daß ich mich überhaupt nicht besonders um sie gekümmert hatte, sondern die meiste Zeit mitgeflossen bin mit dem, was gerade geschah. Ich erwartete eigentlich wieder eine entsprechende Reaktion von ihr, ganz wie in einer fürchterlichen Beziehung. Ich hatte schon wieder eine innerliche Haltung eingenommen wie ein unterwürfiger Hund, dem eine Tracht Prügel bevorsteht, war dann aber überrascht, als sie sich ganz unerwartet verhielt und es überhaupt kein Thema war. Erst da merkte ich, was da immer noch bei mir abläuft und kam mir wie ein Idiot vor.

Da ist aber noch etwas: Habe ich gerade noch geschrieben, ich hatte früher immer das Gefühl, daß mir Erfüllung erst zusteht, wenn ich genügend selbständig wäre (Wann ist man das eigentlich? Der Wortbedeutung nach erst nach dem Verschwinden der Ichverwirrung.), dann besteht das hier weiter. Vor den Augen der Schulteilnehmer fühle ich mich unreif, unentschlossen, unklar und so, als hätte ich nicht genug gelitten, daß mir soetwas zusteht: Ich war nicht verheiratet, habe keine Kinder, und auch sonst nicht viele andere Dinge, mit denen ich leide, ich habe nie etwas in die Hand genommen und ich fühle mich so, als würde ich nur den Rahm abschöpfen, als würde mir das alles nicht gehören, als würde ich nur eine leere Rolle spielen von jemand anderem, als wäre das (noch) nicht mein Leben.
Von der unnötigen Selbstentwertung abgesehen ist trotzdem immer noch etwas ungelöst, und das könnte wohl auch aller Sex der Welt nicht auflösen.

Um beim Thema zu bleiben: Echte sexuelle Befriedigung nimmt mir etwas weg. Da ist plötzlich etwas weniger da, das vorher dazu diente, einen bestimmten (und wahrscheinlich ziemlich großen) Teil der Persönlichkeit aufzubauen. Kein Drängen, kein Hoffen, kein Versuchen, selbst wenn es nur im Kopf in Tagträumen abläuft. Mit den unverbrauchten Energien muß nämlich umgegangen werden. Das ist auch schon das richtige Wort: Da wurde etwas umgangen und das mußte sich dann in etwas niederschlagen, nämlich in Leiden und jemand, der versucht, dieses Leiden auf eine andere Weise zu lösen, bis man es nicht mehr merkt, oder vielleicht nie wirklich bemerkt hat, was es im Ursprung war. Man sucht sich dann andere Dinge, bei denen man sich glücklich fühlt (z.B. Sport, Konsum, Essen, usw.) und meint dann, ein Mittel gefunden zu haben, das immer wieder zu wiederholen, auch wenn man tief innen weiß, daß es nicht wirklich befriedigt, also Frieden schafft. Ich merke auch, daß ich deswegen sogar immer eine unterbewußte Abneigung vor tiefer Befriedigung gehabt habe - sozusagen, um ein bisschen etwas aufzusparen für mich, damit mir nicht alles verlorengeht, oder um noch weiter auskosten zu können und um es nicht zu verbrauchen. Mich kurzzuhalten beim Auskosten, damit dieser Zwischenpunkt zwischen Stimulation und Lösung erhalten bleibt. Das hat, wie auch ein paar andere Dinge bei mir, richtig selbstquälerische Züge.