Vier Tage Holland

Die Konzertfahrt mit Chor und Orchester nach Holland hat sich gelohnt. Anders als früher, als ich am liebsten nur unterwegs sein wollte, wurde mir diesmal richtig klar, wieviel Aufwand und Zusammenwirken da notwendig ist, aber auch, wie sehr sich das dadurch dann auszahlt.
Wir wurden mit großer Gastfreundschaft aufgenommen und ich merkte erst wieder außerhalb Deutschlands, an was für Eckpunkten die allgemeinen Erstarrungen hier hängen und wie hart und schroff der Wind hier weht. Ich meine immer, das wäre unverrückbar und notwendig zu akzeptieren - aber es ist eben doch eigentlich sehr leicht etwas anderes möglich.
Eine feine Leichtigkeit und Großzügigkeit bei den Gastgebern empfand ich als sehr angenehm. Die Offenheit fällt einem schon in der Bauweise auf: Die kleinen Backsteinhäuser stehen in blühenden, frei einsehbaren Gärten ohne Heckenfestungen. Mit ihren auffallend großen Fenstern ohne Vorhänge strahlen sie offene Klarheit, Eleganz und Wärme gleichzeitig aus (ja, das ist kein Widerspruch, wie es hier oft dargestellt wird). Alles ist sehr aufgeräumt und liebevoll gepflegt.
Mir fiel auf, daß dort auch ein ganz anderes, gesünderes Klima und Selbstverständnis im Gemeinschaftsgefühl als Gesellschaft herrscht als bei uns in Deutschland. (Vor allem momentan wird bei uns ja nur noch ein Kampf teils heraufbeschworen, teils umgeleitet und in die Bahnen bestimmer Interessen gelenkt. Ich fühle mich regelmäßig schwach und erschlagen dabei, das mitzuverfolgen, wie durch die immer noch abstruseren Veränderungsvorschläge der vorangegangene Unsinn plötzlich als kleineres Übel akzeptabel erscheint. Das ist offensichtlich eines der Mittel dabei.)

Zurückziehen

Die vier Tage waren anstrengend mit einem fast vollständig durchgeplanten Programm. In Probenpausen mußte ich mich dann einige Mal von der großen Gruppe entfernen, damit sich Verkrampfungen lösen konnten, die sich abschnittweise einstellten als Bauchschmerzen und Perioden mit Nervosität und starken Augenzuckungen. Ich freute mich über einen herrlichen kleinen Park entlang eines Stücks alter Stadtmauer und der schönen Altstadt in Gehweite.
Bei dem Besuch in Utrecht wurde ich durch einen Zufall von meinen zwei Begleitern auf einem Rundgang getrennt. Dadurch wurde mir erst klar, wie sehr ich das genoß, allein durch die Stadt zu treiben und dadurch alles viel intensiver und direkter wahrzunehmen und mit den Menschen in Kontakt zu kommen.
Mir halfen diese Zeiten auch, wieder etwas klarzuwerden, denn in der Gruppe schwamm ich meistens in einem betäubenden Strom mit. Durch die Tage ohne Schreiben fühlte ich mich langsam mit der Zeit vernebelter (ich merke es auch an meinem Schreiben jetzt).

Gruppenwirkungen

An ein paar Stellen kam ich mir vor wie ein Vehikel zur Überwindung einer Beklommenheit. Es baut sich ja immer eine Spannung auf in Gruppen und die war anfangs auf der Hinfahrt im Bus noch hoch. Irgendwann kamen Interessen auf, zusammen zu singen, aber keiner traute sich, das Eis zu brechen. Ich übernahm das dann, obwohl eigentlich viel erfahrenere Leute anwesend waren. Es tat aber gut, diesen Druck abzubauen, denn schließlich wollten doch alle diese Freude haben. Trotzdem beobachte ich solche Momente immer mit Zweifel, mich da in den Mittelpunkt zu rücken, denn ich bin eigentlich kein forscher, mutiger Typ. Mir kamen auch die Schamanenschuleseiten in den Sinn - vielleicht hat es damit zu tun, daß ich sobald ich etwas bemerke und darauf reagieren immer eine Wirkung habe, aber ich wollte mich auf keinen Fall irgendwie produzieren und mich künstlich zu einer Wirkung über andere aufschwingen. Trotzdem hatte ich in solchen eigenartigen Momenten immer schon eine starke Kraft gefühlt. Es gibt da dann keine Möglichkeit, das zu leugnen - ich kann dann entweder fliehen oder es annehmen, aber nur verharren und abwarten wie alle anderen ist unmöglich - da würde ich mich einfach nur betrogen und schlecht fühlen.
Etwas ähnliches war bei der Feier nach dem Konzert: Wie früher bei den meisten Feiern in meiner Jugend, war ich der erste Mann, der zu tanzen anfing. Ich verstand, wieso ich mich in Gruppen früher oft selbst lächerlich machte: Ich war der Hofnarr, um den anderen etwas zu ersparen, das ich auf mich genommen hatte - aber letztendlich entstand dadurch eine Situation, auf die alle schon hinfieberten, ohne es zuzugeben. Mich ärgerte an so einer gedrückten Atmosphäre immer, daß niemand dabei etwas zugab oder unternahm. Ich hatte diese Clownrolle aber auch nur als bequeme Möglichkeit benutzt, um meine eigene Unsicherheit zu überspielen und ihr auszuweichen.
Diesmal tat ich einfach nur, was ich wollte und mußte mich nicht hinter etwas verstecken.

In Gesprächen merkte ich wieder, wieso ich so schlecht in Smalltalk bin. Ich kann das einfach nicht, denn ich interessiere mich immer viel mehr für die kleinen Stellen, an denen es hakt und frage dann irgendwie unpassend nach. Dort wo ich es interessant finde, wird es aber für andere unangenehm und viele ziehen sich dann zurück. Mir wurde das jetzt erst klar, wie Einzelne in einer eigenen, eng abgesteckten Welt leben. Ich kann auch nicht aus meinem Leben und meinem Alltag ausbrechen, aber andere Sichten zu hören und verstehen zu wollen finde ich anziehend. Mir wurde erst klar, daß das für andere bedrohlich ist und es gibt da immer einen Punkt, an dem es nicht weitergeht. Den habe ich bisher auch immer noch unhinterfragt eingehalten und gar nicht bemerkt.

Ich sprach mit einer hübschen Frau, die mir von ihren Problemen mit Männern erzählte, die ja nur wegen ihres Äußeren hinter ihr her wären. Es war aber so deutlich, wie sehr sie das selbst richtig anzog durch ihre eigene Unklarheit mit dem Thema - aber ich hatte keine Chance, auch nur in die Nähe der Ursache des Problems zu kommen.

In einer anderen Situtaion fragte ich jemand um die Erklärung eines Fachbegriffs in Reichs Buch über den Krebs. Die Befragte forscht selbst in dieser Richtung und interessierte sich dann auch kurz für das Buch. Als sie die Zusammenfassung gelesen und ich ein wenig erzählt hatte, sprach ihre Reaktion und Körpersprache Bände. Es war aufschlußreich, die Mechanismen und Argumente, die Reich ablehnen und die er auch selbst ausführlich beschrieben hat, so deutlich zu sehen. Es ist sogar eine richtig körperliche Abwehrreaktion, wenn das Weltbild berührt wird, selbst wenn es nur so oberflächlich und weit entfernt von einem ist wie die Wissenschaftsgläubigkeit.

Ich schreibe über diese Dinge von anderen, weil ich es wichtig finde, diese Art von Reaktion zu erkennen, um dann auch bei mir zu sehen, wo ich ähnlich festgefahren reagiere. So eine Reaktion hat immer einen bestimmten Charakter.

Keine Kontrolle

Auf der Hinfahrt wurde mir schon klar, daß die Einbildung nicht mehr klappt, ich könnte etwas kontrollieren, denn das endet bei mir immer in Erstarrung und Verkrampfung. Und selbst wenn sich alles als Rückfall in alte Muster herausstellen würde, kann ich das nur beschreiben, denn dann bin ich eben nicht mehr.
Ein altes Muster zeigte sich zu Beginn, als ich den Leiter bei einer Situation karikierte. Ich merkte, daß ich ihn unbeabsichtig wirklich getroffen hatte und fühlte mich nachher sehr schlecht, mich so peinlich benommen zu haben.

Ich hatte mich einmal in der Sonne zu einer teilweise hitzigen, philosophischen Diskussion (mich ärgerte das ganze Konsens- und politische Korrektheitgetue) hinreißen lassen mit den Chorleitern und einem Wissenschaftler. Natürlich hatte ich keine Chance gegen all ihr Wissen. Bedauerlicherweise log ich aber trotzdem noch mit, als wüßte ich einigermaßen bescheid. Aber an einigen Punkten war ich dann doch ganz sicher, wurde aber mit beharrlicher Absicht und Sturheit mißverstanden. Da wurde nochmal deutlich für mich, wie der Verstand arbeitet: Er ist wie ein Zahnrad, das auf einer Kette läuft. Es gibt keinen Zwischenzustand, wo der Apparat einmal frei in der Luft schweben würde. Entweder rastet ein Zahn noch auf der einen oder schon auf der anderen Seite in einen fest umspannten Begriff ein. Daß es da noch einen riesigen, unerforschten Raum dazwischen gibt, wo man auf sich selbst hören kann, kommt darin gar nicht vor. Denn das Schlimmste wäre ja, entgegen den eigenen Schubladen, Konzepten und Vorstellungen zu funktionieren und vielleicht ganz anders zu sein, als man es sich einbildet: irrational, unverständlich, unkontrollierbar, gefühls- und instinktgetrieben. Ich ahnte zuerst nur dunkel, daß das der beste Spiegel für mich war und bei mir da noch vieles unentdeckt ist.
Das Gespräch endete unbefriedigend und ich fühlte mich danach hohl und ausgelaugt. Die Quittung für meinen sinnlosen Versuch, etwas an den Mann zu bringen, bekam ich dann auch am Ende, als ich von einem der Gesprächsteilnehmer zum Abschied gesagt bekam, ich sei wahrscheinlich ein recht “interessanter Charakter mit dem ganz gut zu diskutieren wäre” - er wußte gar nicht, daß er mich mit seinem gutgemeinten Kompliment getroffen hat. Für mich klang das so: Du hast ein aufgebauschtes Ego und bist ein eitler, schwafelnder Selbstdarsteller. Ich war dann ziemlich kleinlaut danach.

Zum Glück waren da auch noch echte Gefühle und J., mit dem ich mich von Anfang an sofort gut verstanden und den engsten Kontakt hatte. Er sieht sehr schlecht, hat dafür aber ein umso besseres Gehör und Gefühl, ein sehr guter Musiker, der aber wegen seiner eigenen, etwas “kindlich” und unbeholfen wirkenden Art von den anderen gemieden wird. Dabei ist er der Natürlichste von allen. Irgendwann mittendrin hatte er mich einmal grundlos und unvermittelt umarmt, was mich sehr berührte und auch der Abschied war sehr liebevoll. So einen offenen Gefühlsaustausch erlebte ich nur mit ganz wenigen Männern.

Die ganze Fahrt war für mich ein Frontalzusammenstoß mit vielen üblichen Sicht- und Verhaltensweisen, deren Begrenzungen mir an allen Ecken und Enden entgegenkamen. Es gibt da noch einen Zusammenhang mit dem Streben nach Reinheit. Damit wollte ich vor allem viele von den kleine Ungereimtheiten überspringen und hinter mir lassen. Das waren Dinge, die ich immer als unwürdig und unnötig empfand, so, als hätte ich das nicht nötig, mich damit zu beschäftigen. Das geht nicht mehr, wenn es nur noch das gibt, was ich gerade erlebe, dann schließt das auch die größten Banalitäten ein.
Es blieb insgesamt bei mir ein Geschmack von diesen Tagen: Ich bin ziemlich ahnungslos und hilflos und selbst meine Selbsterkenntnisversuche mündeten bisher hauptsächlich in Reinheits- und Verbesserungsstreben, was nur davon ablenkte, zu sehen, was ich immer nur bin. Alles was ich versuche, stärkt gleich wieder den vermeintlich Handelnden - dieser letzte Hinweis schwang die ganzen Tage ständig im Hintergrund mit. Wenn ich nicht handle, dann bin ich einfach nur irgendein uninteressanter, durchschnittlicher Kerl, mehr nicht.

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