Archiv für April 2008

Gegenbewegung zur Ausdehnung

Ich weiß nicht, was das heute war: Auf dem Heimweg von der Arbeit hatte ich einen eigenartigen, starken Anfall von Selbstzweifeln. Alles, was ich gestern geschrieben habe, kam plötzlich in mir hoch und ich fühlte mich sehr schlecht dabei. Ich hatte Beklemmungen, fühlte mich verfolgt, ängstlich und peinlich, wie der letzte Trottel. Die ganze Umgebung war wie gegen mich. Ich fing sogar an, auf dem U-Bahnsteig Selbstgespräche zu führen wie ein Verrückter. Die anderen interessierten mich gar nicht mehr, irgendetwas sehr Unangenehmes platzte aus mir heraus. Sogar Selbstbeschimpfungen tauchten auf und ich lief ziellos herum, ohne Ausweichmöglichkeit.
Etwas später fühlte ich mich, als halte ich den Kontakt gar nicht aus mit wirklichen Leiden und Unklarheiten von anderen. Ich bin dem nicht gewachsen. Wie ein geschlagenes Tier saß ich dann zurückgezogen in einer Ecke im Zug und kam zittrig zu Hause an.

Das Thema Lebenskraft im Wiki schien mir heute fast unlösbar, wo ich gestern noch überschwappte vor Ausdehnung und Schaffenskraft. Ich merke, daß ich mich da erstmal losmachen muß von der bisherigen, schleppenden Beschäftigung, anstatt mich davon beeinflussen zu lassen. Es ist, als fasse ich in ein alte, verstaubte Kiste. Jetzt braucht es erstmal etwas Neues und frische Luft.

Ich habe mir nochmal die Aufnahme von Bernd Senf angesehen, denn ich habe jetzt erst gemerkt, daß da doch noch ein Teil nicht funktioniert hatte. Da erfährt man aber eher wenig. Ich kannte die drei Namen (Reich, Gesell, Schauberger) schon und habe einen groben Überblick über deren Entdeckungen, so daß da inhaltlich nichts für mich drin war.
Er geht hauptsächlich auf Reich ein. Umso erstaunlicher fand ich, daß er die zentralen Themen, die einen bei Reich sofort selbst betreffen, nämlich ungehemmte Sexualität und Funktion des Orgasmus, eigentlich nicht benutzt (wenn ich mich jetzt richtig erinnere). Ich habe dann noch einige Stellen übersprungen, indem ich immer die Ablaufanzeige ein wenig weiterzog. Durch diese kurzen Schlaglichter wurde es mir auf einmal viel klarer, wie der Mann eigentlich spricht. Es bleibt alles auf einer harmlosen, unverfänglichen Ebene mit typischem akademischen Jargon und es geht deswegen auch nicht über das Niveau der Brisanz einer normalen Univorlesung hinaus. Ich finde es berechtigt und sogar wichtig, was der Mann zu sagen hat, aber für mich hat etwas auf dieser Ebene schon lange seinen Reiz verloren. Mich interessiert, was ich selbst erfahren und nachvollziehen kann, wo ich etwas für mein eigenes Leben entdecken kann. Es ist diese Qualität, die mir sofort unter die Haut geht. Das, was mir aus jeder Zeile von GLR entgegenkommt und in dem er unübertroffen ist.

Aufgabe der Reinheit – Meine Wahrheit über Sex

Warum ich gestern geschwiegen habe:
Ich saß in der Sonne auf einer Parkbank beim Lesen, als D. zufällig vorbeikam. Nach der Funkstille in den letzten Wochen fühlte es sich ungewohnt an. Außerdem war gerade noch die Geschichte mit der anderen Frau so nahe. Deswegen fühlte ich mich anfangs unangenehm, das jetzt zu vermischen. Selbst GL meinte beiläufig einmal zu mir (wenn ich es richtig verstanden habe), er habe sich nur immer mit einer Frau zu einer Zeit auseinandersetzen können. Ich spiele ja nur immer den reinen Heiligen, aber in Wahrheit bin ich überhaupt nichts Besseres, vor allem nicht enthaltsam oder entkörpert oder auf dem besten Weg dazu. Tatsächlich geht es mit mir in der Hinsicht sogar immer mehr „niederwärts“, es reduziert sich alles immer mehr auf den Körper. Ich finde offenere Körperlichkeit schon in einem Gespräch entspannend. Ich bewege mich darin jetzt – mit weniger Angst – viel freier, wie ein Fisch im Wasser. Ich atme das richtig. Und gerade fühle ich mich eigenartigerweise irgendwie versöhnt mit vielem, was deutsch ist und das ich so lange abgelehnt habe; so war das auch dieser anderen Frau gegenüber. Es ist sogar so, daß mich da eine bestimmte Energie, oder ein bestimmter Charakter anzieht. Ich nehme an, es hat etwas damit zu tun, daß ich mich und meine eigene Situation ansehe und akzeptiere, statt mich davor zu flüchten. Zuvor wollte ich ja immer weg – denn in diesem Land erschien mir alles langweilig, kalt, hart, zu Tode reguliert, öde, herz- und leblos.

Heute im Bus hatte ich in einer Sekunde ein starkes Gefühl, daß es da immer um etwas ganz Konkretes geht, um Direktheit und den Moment, vor dem ich immer davongelaufen bin. Denn irgendwo anders ist es ja vermeintlich immer einfacher. Da müßte man vielleicht irgendeine Hürde nicht überwinden, um etwas zu erreichen. Aber diese Hürde ist immer das eigene, miese Ego, die eigenen festgefahrenen, verschimmelten Ansichten über sich und andere. Daran würde man nie etwas ändern, nur immer an den Umständen. Am besten sollten sich gleich noch alle anderen ändern, man sollte ein Gesetz erlassen oder eine neue Bewegung müßte die Gesellschaft ergreifen, usw.

Aber zurück zur Parkbank: Ich freute mich, D. zu treffen, und es entwickelte sich schnell wieder etwas sehr Starkes zwischen uns. Wenn ich gerade noch über Resonanz geschrieben habe und dem letzten Bißchen davon nachspürte, dann war das hier wie ein Sturm. Ihr ganzes Wesen und ihre Art atmete Weiblichkeit und Erotik. (Deswegen stehen die meisten deutschen Männer auch wie die Idioten mit offenen Mäulern vor ihr, was gleichzeitig lustig und bemitleidenswert anzusehen ist.)
Ich kann dieser Anziehung nicht entgehen, es wäre eine Lüge. Ich habe hier nichts unter Kontrolle. Ich schreibe das nicht, um nur mein Intimleben auszubreiten, sondern es geht mir noch um eine bestimmte Klarheit, die gestern im Lauf des Tages auftauchte.

Durch die zeitweise Entwöhnung seit sie ausgezogen ist, den Kämpfen mit Trennung/Nicht-Trennung usw. hat sich irgendetwas abgearbeitet. Nämlich etwas von diesem riesigen Überbau aus Pflichten, Beziehungskram, Zukunftsplänen, Ausschließlichkeitslügen, usw. Es gab ja auch Tage, an denen sich das in Kälte, Verzweiflung, Angst, Wut und alles mögliche entladen hat. Gestern gab es das alles nicht mehr. Es war immer nur etwas, das hinzugekommen ist. Ich war da jetzt zurück an der Basis, an der sich nichts geändert hat. Zwei Körper, die sich anziehen und das ausforschen wollen. Im Gegenteil, es kam mir stärker als jemals vor. Denn ohne falsche Rücksichtnahme geht es nur um Hingabe an die eigene Lust und volle Befriedigung. Das ist etwas, das zuerst einmal Raum haben muß. Gefühle und alle anderen Interessen und Zusammenhängen stören da nur – das habe ich jetzt verstanden. Es ist auf diese Weise sogar viel ehrlicher und anständiger.

Ich verstehe nicht ganz, wie es dazu gekommen ist, aber es herrscht jetzt eine völlig andere Atmosphäre – Freiheit, ohne Besitzanspruch und es gibt keine falsche Verletztheit mehr, nicht mal in Anklängen. Statt falscher Mitverantwortung für die Gefühle des anderen, nur Selbständigkeit und Offenheit. Ich will nie mehr etwas anderes, mit niemandem!
(Es beschlich mich sogar kurz ein neues Gefühl, daß ich mit der Lebensweise sogar irgendwann Kinder haben könnte. Vor Familie hatte ich immer Angst, denn ich meinte oder wußte, daß ich darin ersticken würde, weil ich dem Eingesperrtsein und den Anforderungen nicht gewachsen wäre – nur wußte ich nicht, um was es ging. – Aber ich werde mich hüten, jetzt anfzufangen, gleich wieder etwas aufzupfropfen und zu projizieren, wo ich gerade erst herausgelugt habe).

Ich atmete diese Ausgeglichenheit und Entspannung heute den ganzen Tag über. Alle anderen erschienen mir traurig, faltig, trocken oder neurotisch und übermäßig beschäftigt mit unnützen, unwichtigen Dingen. Wenn es sich verteilen ließe, ich würde das offene „Geheimnis“ allen zugestehen.
Eigenartig ist, daß ich selbst noch gezögert habe, darüber offen zu schreiben und mich ungut fühlte. Aber das ist jetzt auch noch abgefallen, und es war gut, mich damit auseinanderzusetzen. Mir ist klargeworden, wo noch eingebildete Schuldgefühle gesteckt haben. (Alte Erinnerungen dazu: als ich noch während des Studiums bei meinen Eltern wohnte, fühlte ich mich immer schlecht, wenn ich einen Tag einmal sexuell ganz befriedigt war. Selbst auf dem Weg durch die Stadt war das immer wie ein Geheimnis für mich, das niemand erfahren sollte; so schlimm war ich in Lügen eingesponnen. In mir war immer eine nagende Stimme, die sagte, daß mir das nicht zustehe – zumindest nicht, solange ich nicht mein eigenes Geld verdiene, meine eigenes Leben führe, etc.) Jetzt nochmal, um klar zu sehen: Sex ist grundlegend und nicht Ergebnis einer langen Annäherung, Beziehung, Austausch, Bemühung, oder etwas, das man sich verdienen muß. Diese Lügen machen alles nur kaputt. Das Schlimme ist nur, daß diese Aussagen aus der üblichen Sicht aussehen wie von einem unmoralischen, verantwortungslosen Schwein – so die Vorstellung und gegenseitige Bestätigung, solange man unter dem Druck, Frustration und Gefangenschaft leidet oder sich darin sogar noch als wahr und gut empfindet. Sex ist so nötig wie atmen und essen – alles andere ist eine grausame Lüge.

Aber was schreibe ich denn so, als würde ich die größte Entdeckung machen? Ist ja alles längst bekannt. Heute ist ja jeder aufgeklärt und offen. Schließlich steht es ja schon in jeder Illustrierten, wie „gesund“ Sex sei.
Aber genau da laufen alle in der Masse schon wieder in die Suggestion. Entweder, es bleibt bei dieser vorgestellten Freiheit im Kopf, nur zu Hause herrscht wieder die übliche Unklarheit und Frustration, aber ohne sich das einzugestehen und ohne Lösungsmöglichkeiten. Oder es wird gleich wieder eine verlogene, hässliche Masse aus Mitläufern draus: Sex wird zu einem Konsumartikel, einem Spaß oder einer Wellnessanwendung. Wo vorher Verlogenheit und Dunkelheit herrschten, verkommt Sexualität zu einer neuen grellen Bühne, bei der aber auch nichts klarwird für einen selbst. Es gibt jetzt eben ein weiteres Feld, wo sich selbst präsentiert wird. Man muß etwas leisten, vor allem sich selbst verbessern und verändern, dem anderen gefallen, was bedeutet, irgendein Bild zu erfüllen, usw. Aber wer nicht einmal mehr hier die Möglichkeit verspürt, sich fallen und sein zu lassen, wie man ist, für den ist wirklich alles verloren.

27.4.2008

In der Nacht weckt mich ein Geräusch auf. Es kann sein, daß ich es nur geträumt habe. Ich bin im gleichen Moment sofort wach und erinnere mich noch daran, daß ich von irgendwoher kam, aber ich weiß nicht woher. Dieses Geräusch war wie ein harter Blitz aus einer fernen Welt. Es öffnete einen Riß, der sich zu allen Sinneswahrnehmungen erweiterte. Ich war vorher auch da, aber ich wußte es nicht.

Ich sitze auf einer Parkbank und lasse sich diesen Eindruck vertiefen, alles wäre versteinert und bedeutungslos. Der Körper ist auch ein Teil dieser kompakten, versteinerten Welt.

Wahrnehmen mit dem Geschlecht

Nachmittags war ich im Schloß Schleißheim. Die Beete waren noch nicht bepflanzt und die Bäume kahler als angenommen. Von den Fotos sind eigentlich nur die von den Gebäuden gut geworden. Ich lief barfuß durch den Boskettgarten und saß in einer der Vertiefungen von einem der „Räume“ in der Sonne.

Schließlich besuchte ich noch spontan die Porzellansammlung im Schloß Lustheim. Ich war eigentlich mehr an dem Gebäude selbst interessiert, dann fand ich aber die Geschichten um die Entstehung und Entdeckung um das Porzellan interessanter als angenommen. Es ist ein großer Aufwand mit vielen Brennungen nötig, um die feinsten Stücke mit mehreren Farbebenen herzustellen.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurden noch hauptsächlich asiatische Dekors gemalt und die asiatischen Vorbilder kopiert. Mehr und mehr entstand dann eine eigene Handwerkskunst, die vermehrt europäische Gestalten annahm. Im Keller sind einige sehr große Stücke ausgestellt, die auch die größte Wirkung hatten. Es geht da immer um Freude, Überfluß und Fülle. Besonders interessant fand ich einige sog. „galante“ Darstellungen mit Körperkontakt und wollüstigen Annäherungen zwischen zwei oder mehr Personen.

Als ich auf dem Rückweg war, wurde mir mit einem Mal klar, wie das alles zusammenhängt. „Überwärts und niederwärts“ fiel mir dazu ein – das ist eine Erklärung für einen Betrachter aus der üblichen Sichtweise. Der Geschlechtstrieb wird hier verehrt und gefeiert in den schönsten Formen. Da gibt es nur Schönheit, reine Freude ohne Moralurteile und alles paßt zusammen. Mit dieser Sichtweise „verstand“ ich die gesamte Schloßanlage auf einmal ganz anders, als hätte sich in mir etwas geöffnet. Als würde ich nun vom Geschlecht bis in den Kopf wahrnehmen und nicht nur in einem begrenzten Ausschnitt. Dabei durchströmte mich ein leichtes, angenehmes Gefühl. Es war eine ruhige Freude, die völlig mit Kraft, Aufnahmefähigkeit und Anwesenheit ausgefüllt war. Ich versuche es so zu beschreiben: Es roch für mich dort alles nach harter, ehrlicher Arbeit und Bemühung, ebenso wie nach sexueller Erfüllung. Beides zusammengenommen erfüllte mich mit einem Gefühl von Großzügigkeit, die freudig gestaltet und hervorbringt. Durch das Schloß dachte ich gleich an eine Staatsführung: Wenn das einem ganzen Volk zugestanden würde, das wäre echte Großzügigkeit und es würde sich wohl alles ganz einfach ordnen.

Kurz später rief mich nochmal die Frau zurück, mit der der Kontakt letztens so erstorben ist. Nach einem nichtssagenden Gespräch trieb ich das nochmal auf die Spitze und lud sie ein, was sie aber ablehnte. Durch meine Nachfrage ergab sich endlich ein klares Gespräch, in dem sie mir sagte, daß wir ja gar keine Gemeinsamkeiten hätten, und ich hätte das doch selbst merken sollen. Das stimmte auch, aber diese „Gemeinsamkeiten“ haben mich eben nicht interessiert in diesem Fall. Ich weiß, daß es bei mir nur körperliches Interesse war, sonst nichts (das war immer noch erschreckend genug, das so klar zuzugeben). Was sie mir sagte, hieß eigentlich: Ich kann nichts dabei gewinnen, also gebe ich auch nichts!
Daß ich bei der Geschichte am Ende ziemlich peinlich als Depp dastand, war nichteinmal weiter schlimm. Ich habe das ja bisher immer vermieden, aber so einen Schlag für das Ego nehme ich jetzt einfach hin. Viel schlimmer fand ich, daß diese „reine Freude“ oder spontane Lebensenergie aus dem Schloß in der üblichen Welt nicht möglich ist.

Es kamen noch ein paar Mal Zweifel auf danach, ich hätte das doch wirklich merken bzw. mir eingestehen sollen, daß die Chemie nicht stimmte.
Das ist nicht ganz einfach, denn es gibt da jetzt mehrere Dinge: Einerseits konnte ich es als Ausreden entlarven, die an irgendwelchen Schuldgefühlen hingen, bzw. an meinem reinen Selbstbild. Deswegen fühlte es sich auch unangenehm an.
Andererseits nehme ich an, daß ich mich ziemlich hineingesteigert habe in meinen Fehler, irgendetwas zu erzwingen und mich zu ändern. Dabei habe ich vielleicht tatsächlich etwas übergangen, das selbst für rein körperliche Anziehung notwendig ist.
Aber genauer betrachtet gibt es noch eine dritte Erklärung: da geht es um Resonanz, also etwas, das im Austausch entsteht. Jetzt fällt mir auf, daß ich das anfangs noch gespürt habe, es dann aber mehr und mehr verlorenging, und zwar in dem Maß, wie das Abtasten vorangeschritten ist und herauskam, daß wir kaum „geistige“ Übereinstimmungen hatten. Das ist aber keine Problem von mir, sondern ein Zusammenbruch des gemeinsamen oder „überlagerten Orgonfeldes“, wie das Reich ausdrückt. Ich vermute, das verhält sich der geistigen Haltung entsprechend (offen/geschlossen). Ich fühlte mich da letztes Mal ja völlig erkaltet und abgeschnitten, aber nicht, weil ich etwas „falsch“ gemacht habe, sondern weil es sich so ergeben oder sie das irgendwann für sich entschieden hat. Vielleicht war am Anfang noch genug Offenheit da, die sich für mögliche Vorteile interessierte, was dann eben wegfiel. D.h. diese Offenheit hat immer mit Interesse zu tun, und es ist völlig unmöglich, das zu erzeugen oder jemand umzustimmen und vor allem zuerst „näher kennenzulernen“. Es ist da und wird immer stärker oder es ist nicht da. Es ist überhaupt keine Manipulation daran möglich – deswegen reguliert sich das auch selbst. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ohne das zu einem sexuellen Kontakt kommen sollte. Das wäre dann wirklich widernatürlich.

Die öffentlich-rechtliche Lügenmaschine

Ich lernte dort einen Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks kennen und fragte ihn gezielt, wie die Redaktion von Beiträgen funktioniert, wer das abnimmt, also: wo und wie Zensur und Gleichrichtung passieren. Mit der Zeit wurde er gesprächiger und erzählte mir unglaubliche Zusammenhänge, die eigentlich in irgendeiner Form an die Öffentlichkeit müßten. Wie tendenziös die Beiträge oft sind, kann man sich ja noch zusammensuchen, wenn man einfach nicht mehr auf jeden Unsinn hereinfällt.
Aber daß Anrufe aus Büros von politischen Stellen kommen, um Rügen und Mißfallen auszusprechen war dann doch erschreckend. Interessant war auch, daß es dann „am Rückgrat des verantwortlichen Redakteurs“ läge, wie er darauf reagiert – denn zu befürchten hat er eigentlich nichts als Festangestellter. Doch die wenigen Verantwortlichen, die noch festangestellt sind, sind das auch nur, weil sie schon durch ein gewisses „Auswahlverfahren“ dort gelandet sind. D.h. da sind entweder Konforme oder ängstliche Kriecher.
Es kamen immer mehr Zusammenhänge heraus: z.B. wie sehr die Ausbildung dort nachgelassen hat. Früher wurde noch Wert darauf gelegt, wenigstens die Trennung von Medien und Politik zu erklären und kritisches Hinterfragen anzumahnen. Das fällt mittlerweile schon fast völlig unter den Tisch. Interessant war auch, wie bei einem öffentlich-rechtlichen Organ die aktuell gängige Praxis der Unternehmen schon fast völlig durchgängig abgeschlossen ist: Mitarbeiter werden nicht mehr eingestellt, sondern in befristete Verträge und Scheinselbständigkeit gezwungen. Nur ist das dahinterstehende Motiv hier nicht Profitmaximierung und Sozialbetrug, sondern ein klares Konformitätsdruckmittel. Wer etwas anderes schreibt, fliegt eben kurzerhand. Das geht dann ja legal und viel leiser ohne Arbeitsgericht.

Fortpflanzung der üblichen Sichtweise

Am Vormittag war ich bei einer Bekannten zu einem Geburtstagsfrühstück. Es waren viele Kleinkinder aus dem Bekanntenkreis da. Ein Einzelkind war darunter, das verstockter und ängstlicher war als die anderen und am Ende auch entgegen seinem Entwicklungsstand in die Hose machte. Es paßte trotz Altersgleichheit nicht zu den anderen. Die waren Geschwister gewohnt und robuster. Es war wohl auch ein Ergebnis der sehr zarten, vorsichtigen Mutter.

Ich hatte die Leute dort für offen gehalten. Es überraschte mich dann sehr stark, als ich bemerkte, wie häufig in die Spiele der Kinder eingegriffen wurde, vor allem bei zwischengeschlechtlichen. Sofort wurden übliche Bewertungen und Erklärungen hervorgeholt, die immer mit Sexualität und der „richtigen“ Umgangsweise zwischen den Geschlechtern zu tun hatten. Was da ablief war die völlig unbewußte Reproduktion der üblichen Sichtweise und Verhaltensregeln und zwar unter den Augen und in Übereinstimmung aller. Selbst die Nichteltern halfen fleißig mit. Ich konnte es kaum glauben, wie deutlich das war.

25.4.2008

Ich bin zu Fuß auf dem Weg, um etwas zu erledigen. Als Pause in der Arbeit bin ich froh, einfach anwesend alles aufzunehmen und die Gedanken loszulassen.

Blinder Zynismus

Mir blieb der Mund offen stehen bei dieser Werbung für ein großes Unternehmen. Ich versuche selbst gerade, die Dinge zu erkennen, wo ich meinen Eltern helfen und ein gutes Kind sein wollte. Danach hat sich dieser Antrieb verselbständigt und bestimmte Sätze in mir hinterlassen, die weiterwirkten. Wenn ich es nicht von mir und Bekannten genau wissen würde, was für schlimme Auswüchse soetwas haben kann, fände ich das vielleicht auch noch lustig.
Hier kommt sich die Werbeagentur dieses Unternehmens wahrscheinlich gewitzt und psychologisch versiert vor. Mich stößt das ab, denn ich werde mir langsam klar darüber, was für Auswirkungen das hat.

Ursprünglich geht es dabei um natürliches Geben, Sich-einbringen und Lieben. Doch wenn man unbewußte Ängste übernimmt und lernt, daß man Offenheit nur auf bestimmte Bereiche beschränkt und erst nach Prüfungen und Abmachungen ausleben darf, entsteht etwas sehr Abartiges.
So wissend und lächerlich, wie es hier dargestellt ist, läuft das überall ab, als wären sich alle klar darüber. Auf das kommt dieser zynische Geist hinter dem nicht: Erstmal, daß er sich als Teil eines ganzen Menschen hier eigentlich selbst verhöhnt und es nicht einmal merkt – das ist eigentlich schon höhere Dummheit. Zweitens, daß es nämlich genau darum geht, auf was hier angespielt und dann doch verleugnet wird: nämlich um freies Geben und Erfahren von Liebe, an was sich die meisten eben nur aus der Kindheit erinnern. Es dann als kindische Schwäche abzutun und ins Lächerliche zu ziehen ist einfach nur einer der Lügenmechanismen, die überall ablaufen. Das reale Defizit, das dann doch in einem da ist, muß dann mit unglaublichem Aufwand kompensiert werden (wie z.B. mit der beworbenen großen Karriere). Das ganze Thema ist sogar noch viel dringender, näher und unbequemer als es einem lieb ist. (->Unterdrückte Sexualität ->Mechanismen der Sexualstörung)

Keine Verständigung möglich

Nach der Besprechung traf ich meine Mutter, die sich gestern bei mir gemeldet hatte (auch wieder einer dieser Zufälle, wo ich gerade diese Bilder durchlebt hatte und eigentlich Funkstille herrschte seit meinem Gegenwehr an Weihnachten.) Ich telefonierte im Auto und konnte nicht mitentscheiden, wo wir hinfuhren. Durch viele Umstände, Baustellen, etc. gelangten wir dann auf der Suche nach einem Cafe direkt vor das Nymphenburger Schloß, und ich lotste sie dorthin. Ich war sehr froh, dort zu sein, denn da konnte ich wieder aufatmen. Das Treffen mit ihr war ziemlich holprig. Sie versuchte, etwas aus mir herauszupressen für sich. Sie wolle mich verstehen, und mich glücklich sehen. Aber ich sei so eingefallen, kalt und traurig. Anfangs meinte ich noch, daß ich mich ja ganz frei erklären könnte, denn sie sprach von Selbsterkenntnis. Ich erzählte auch von den Kämpfen mit dem Arbeitsthema, unter dem ich ja bekanntermaßen schon lange leide. Einige Dinge, die sie sagte, waren sogar hilfreich. Aber beim anschließenden Spazierengehen fing sie dann an, in einen Redefluß zu kommen mit einem Haufen aufgeklaubter, spiritueller Wahrheiten, was mich abstieß. Es war nur Gerede. Als ich dazwischen dann zweimal etwas sagte, verstand sie mich genau andersherum. Als ich das klarstellte, wurde es immer schlimmer. Es war wie ein böser Fluch, als würde ich in einer anderen Sprache sprechen. Am Ende verteidigte sie sich nur noch und hackte darauf herum, ich würde sie nur angreifen. Es war kein klares Gespräch möglich. Mittlerweile merkte ich, wie verkrampft ich war, denn dieses Gespräch führte zu überhaupt nichts. Es sollte unterschwellig nur herausgekämpft werden, daß ich bei irgendetwas klein beigebe und mich in die Strukturen füge und am Besten wieder der kleine, anschmiegsame Junge werden soll. So endete das dann sehr durchwachsen.
Auf dem Heimweg schlief ich in der S-Bahn ein, ich war völlig ausgelaugt von diesen Erlebnissen.

Arbeit: Flucht vor meiner Ablehnung

Das Arbeitsthema war heute wieder aktuell. Es beschäftigt mich quasi ständig, auch obwohl ich momentan noch in einen Vertrag habe. Ich war zu einem Gespräch bei einer Firma, zu der sich der Kontakt zufällig ergeben hatte, ohne daß ich danach gesucht hätte. Der Mitarbeiter klang sehr begeistert von seiner Arbeit. Deswegen ging ich hin, um mich dort vorzustellen und mir das anzusehen.
Aber schnell kam in mir wieder Ablehnung auf, obwohl ich mich genau darauf konzentrierte, alles anzusehen, was ich mir da vormache, um vor meiner Position zu flüchten. Die Büroräume waren schon fürchterlich heruntergekommen, provisorisch und ungepflegt. Gut, da ist alles im Aufbau, die sind immer noch neu. So ging das immer weiter. Ich versuchte, bei allen Zuckungen in mir, ständig das Gegenteil zu sehen. Aber trotzdem habe ich da dort ziemlich gelitten, wie ich mir danach eingestehen mußte.

Erst als ich dort war, verstand ich das Ausmaß des Systems, an dem sie arbeiten. Technisch ist das kaum zu glauben, unglaublich groß – etwas von der Größe von Google soll es werden. Es ging um Millionen von Codezeilen, die aber alle in Rußland geschrieben werden, usw. Aber das alles interessierte mich überhaupt nicht. Nur mein Problem war, daß ich ständig dachte, das müsse mich unbedingt interessieren. Solche Chancen gibt es nicht viele und andere Leute in meiner Position würden da vielleicht begeistert hineinspringen. Ich weiß nicht, was es ist, aber etwas in mir wehrt sich immer vehement, wenn ich versuche, eine Arbeit anzunehmen, die meinem Profil entspricht. Aber ich bin nicht dieses Profil. Mittlerweile glaube ich nicht mehr daran, daß es Weigerung ist, Verantwortung zu übernehmen oder Unselbstständigkeit oder Faulheit oder etwas in der Art. Ich kann nichts tun, was gegen meine Natur ist. Aber wenn ich nur wüßte, WAS das ist. Ich ärgere mich darüber, weil ich mich wie ein Feigling und Versager fühle. Die meisten suchen doch händeringend einen Job oder haben Angst, ihren zu verlieren, und ich kann mir es aussuchen und mache so einen Aufstand. Aber das hilft mir alle nichts – es geht nicht. Ich bin eigentlich immer nur auf der Flucht und wähle das kleinste Übel, statt endlich etwas anzupacken. Gestern gab es aber doch dazu einen Lichtblick: Ich habe länger im Internet gesucht und bin auf eine Firma gestoßen, die auch Praktika anbietet. Dort geht es um einen ganz anderen Bereich, aber dort fühlte ich seit langem wieder einmal Zustimmung, Aufatmen und Öffnung in mir. Ich werde mich dort unbedingt melden und dem nachgehen. Denn dieses Thema arbeitet in mir mehr als irgendetwas anderes.

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