Warum ich gestern geschwiegen habe:
Ich saß in der Sonne auf einer Parkbank beim Lesen, als D. zufällig vorbeikam. Nach der Funkstille in den letzten Wochen fühlte es sich ungewohnt an. Außerdem war gerade noch die Geschichte mit der anderen Frau so nahe. Deswegen fühlte ich mich anfangs unangenehm, das jetzt zu vermischen. Selbst GL meinte beiläufig einmal zu mir (wenn ich es richtig verstanden habe), er habe sich nur immer mit einer Frau zu einer Zeit auseinandersetzen können. Ich spiele ja nur immer den reinen Heiligen, aber in Wahrheit bin ich überhaupt nichts Besseres, vor allem nicht enthaltsam oder entkörpert oder auf dem besten Weg dazu. Tatsächlich geht es mit mir in der Hinsicht sogar immer mehr “niederwärts”, es reduziert sich alles immer mehr auf den Körper. Ich finde offenere Körperlichkeit schon in einem Gespräch entspannend. Ich bewege mich darin jetzt - mit weniger Angst - viel freier, wie ein Fisch im Wasser. Ich atme das richtig. Und gerade fühle ich mich eigenartigerweise irgendwie versöhnt mit vielem, was deutsch ist und das ich so lange abgelehnt habe; so war das auch dieser anderen Frau gegenüber. Es ist sogar so, daß mich da eine bestimmte Energie, oder ein bestimmter Charakter anzieht. Ich nehme an, es hat etwas damit zu tun, daß ich mich und meine eigene Situation ansehe und akzeptiere, statt mich davor zu flüchten. Zuvor wollte ich ja immer weg - denn in diesem Land erschien mir alles langweilig, kalt, hart, zu Tode reguliert, öde, herz- und leblos.
Heute im Bus hatte ich in einer Sekunde ein starkes Gefühl, daß es da immer um etwas ganz Konkretes geht, um Direktheit und den Moment, vor dem ich immer davongelaufen bin. Denn irgendwo anders ist es ja vermeintlich immer einfacher. Da müßte man vielleicht irgendeine Hürde nicht überwinden, um etwas zu erreichen. Aber diese Hürde ist immer das eigene, miese Ego, die eigenen festgefahrenen, verschimmelten Ansichten über sich und andere. Daran würde man nie etwas ändern, nur immer an den Umständen. Am besten sollten sich gleich noch alle anderen ändern, man sollte ein Gesetz erlassen oder eine neue Bewegung müßte die Gesellschaft ergreifen, usw.
Aber zurück zur Parkbank: Ich freute mich, D. zu treffen, und es entwickelte sich schnell wieder etwas sehr Starkes zwischen uns. Wenn ich gerade noch über Resonanz geschrieben habe und dem letzten Bißchen davon nachspürte, dann war das hier wie ein Sturm. Ihr ganzes Wesen und ihre Art atmete Weiblichkeit und Erotik. (Deswegen stehen die meisten deutschen Männer auch wie die Idioten mit offenen Mäulern vor ihr, was gleichzeitig lustig und bemitleidenswert anzusehen ist.)
Ich kann dieser Anziehung nicht entgehen, es wäre eine Lüge. Ich habe hier nichts unter Kontrolle. Ich schreibe das nicht, um nur mein Intimleben auszubreiten, sondern es geht mir noch um eine bestimmte Klarheit, die gestern im Lauf des Tages auftauchte.
Durch die zeitweise Entwöhnung seit sie ausgezogen ist, den Kämpfen mit Trennung/Nicht-Trennung usw. hat sich irgendetwas abgearbeitet. Nämlich etwas von diesem riesigen Überbau aus Pflichten, Beziehungskram, Zukunftsplänen, Ausschließlichkeitslügen, usw. Es gab ja auch Tage, an denen sich das in Kälte, Verzweiflung, Angst, Wut und alles mögliche entladen hat. Gestern gab es das alles nicht mehr. Es war immer nur etwas, das hinzugekommen ist. Ich war da jetzt zurück an der Basis, an der sich nichts geändert hat. Zwei Körper, die sich anziehen und das ausforschen wollen. Im Gegenteil, es kam mir stärker als jemals vor. Denn ohne falsche Rücksichtnahme geht es nur um Hingabe an die eigene Lust und volle Befriedigung. Das ist etwas, das zuerst einmal Raum haben muß. Gefühle und alle anderen Interessen und Zusammenhängen stören da nur - das habe ich jetzt verstanden. Es ist auf diese Weise sogar viel ehrlicher und anständiger.
Ich verstehe nicht ganz, wie es dazu gekommen ist, aber es herrscht jetzt eine völlig andere Atmosphäre - Freiheit, ohne Besitzanspruch und es gibt keine falsche Verletztheit mehr, nicht mal in Anklängen. Statt falscher Mitverantwortung für die Gefühle des anderen, nur Selbständigkeit und Offenheit. Ich will nie mehr etwas anderes, mit niemandem!
(Es beschlich mich sogar kurz ein neues Gefühl, daß ich mit der Lebensweise sogar irgendwann Kinder haben könnte. Vor Familie hatte ich immer Angst, denn ich meinte oder wußte, daß ich darin ersticken würde, weil ich dem Eingesperrtsein und den Anforderungen nicht gewachsen wäre - nur wußte ich nicht, um was es ging. - Aber ich werde mich hüten, jetzt anfzufangen, gleich wieder etwas aufzupfropfen und zu projizieren, wo ich gerade erst herausgelugt habe).
Ich atmete diese Ausgeglichenheit und Entspannung heute den ganzen Tag über. Alle anderen erschienen mir traurig, faltig, trocken oder neurotisch und übermäßig beschäftigt mit unnützen, unwichtigen Dingen. Wenn es sich verteilen ließe, ich würde das offene “Geheimnis” allen zugestehen.
Eigenartig ist, daß ich selbst noch gezögert habe, darüber offen zu schreiben und mich ungut fühlte. Aber das ist jetzt auch noch abgefallen, und es war gut, mich damit auseinanderzusetzen. Mir ist klargeworden, wo noch eingebildete Schuldgefühle gesteckt haben. (Alte Erinnerungen dazu: als ich noch während des Studiums bei meinen Eltern wohnte, fühlte ich mich immer schlecht, wenn ich einen Tag einmal sexuell ganz befriedigt war. Selbst auf dem Weg durch die Stadt war das immer wie ein Geheimnis für mich, das niemand erfahren sollte; so schlimm war ich in Lügen eingesponnen. In mir war immer eine nagende Stimme, die sagte, daß mir das nicht zustehe - zumindest nicht, solange ich nicht mein eigenes Geld verdiene, meine eigenes Leben führe, etc.) Jetzt nochmal, um klar zu sehen: Sex ist grundlegend und nicht Ergebnis einer langen Annäherung, Beziehung, Austausch, Bemühung, oder etwas, das man sich verdienen muß. Diese Lügen machen alles nur kaputt. Das Schlimme ist nur, daß diese Aussagen aus der üblichen Sicht aussehen wie von einem unmoralischen, verantwortungslosen Schwein - so die Vorstellung und gegenseitige Bestätigung, solange man unter dem Druck, Frustration und Gefangenschaft leidet oder sich darin sogar noch als wahr und gut empfindet. Sex ist so nötig wie atmen und essen - alles andere ist eine grausame Lüge.
Aber was schreibe ich denn so, als würde ich die größte Entdeckung machen? Ist ja alles längst bekannt. Heute ist ja jeder aufgeklärt und offen. Schließlich steht es ja schon in jeder Illustrierten, wie “gesund” Sex sei.
Aber genau da laufen alle in der Masse schon wieder in die Suggestion. Entweder, es bleibt bei dieser vorgestellten Freiheit im Kopf, nur zu Hause herrscht wieder die übliche Unklarheit und Frustration, aber ohne sich das einzugestehen und ohne Lösungsmöglichkeiten. Oder es wird gleich wieder eine verlogene, hässliche Masse aus Mitläufern draus: Sex wird zu einem Konsumartikel, einem Spaß oder einer Wellnessanwendung. Wo vorher Verlogenheit und Dunkelheit herrschten, verkommt Sexualität zu einer neuen grellen Bühne, bei der aber auch nichts klarwird für einen selbst. Es gibt jetzt eben ein weiteres Feld, wo sich selbst präsentiert wird. Man muß etwas leisten, vor allem sich selbst verbessern und verändern, dem anderen gefallen, was bedeutet, irgendein Bild zu erfüllen, usw. Aber wer nicht einmal mehr hier die Möglichkeit verspürt, sich fallen und sein zu lassen, wie man ist, für den ist wirklich alles verloren.