Ich lese gerade „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ von Goethe. Es sind häufig unauffällig tiefergehende Stellen eingestreut.
Wilhelm auf die Frage eines Geistlichen über die Dauer des Kontaktes mit einer verträumten Gesellschaft:
„‘Länger als billig: denn leider, wenn ich an jene Zeit zurückdenke, die ich mit ihr zugebracht habe, so glaube ich in ein unendliches Leere zu sehen; es ist mir nichts davon übriggeblieben.’
‘Darin irren Sie sich; alles was uns begegnet, läßt Spuren zurück, alles trägt unmerklich zu unserer Bildung bei; doch es ist gefährlich, sich davon Rechenschaft geben zu wollen. Wir werden dabei entweder stolz und lässig oder niedergeschlagen und kleinmütig, und eins ist für die Folge so hinderlich als das andere. Das Sicherste bleibt immer, nur das Nächste zu tun, was vor uns liegt[...]‘“
Das ist schon interessant, daß ein Kirchenvertreter sagt, zu reflektieren sei gefährlich. Aber er hat auf eine Weise recht. Es geht um die Verwechslung zwischen Wahrem und Unwahrem, bei der Selbstbeobachtung. Um das auseinanderzuhalten und um die richtige Weise der Selbstbeobachtung zu verstehen braucht es einen Ort wie eine Innere Schule mit Hilfen von jemand anderem. Ansonsten teilt man unwillkürlich einfach ein, was als gut oder schlecht, Selbst oder falsches Ich empfunden wird und betrügt sich einfach weiter. Das ist etwas, das ich gerade selbst erfahren habe.
Ein Geistlicher über Mittel, Menschen von Wahnsinn zu heilen bzw. sie davor zu bewahren:
„‘[...] Man errege ihre Selbsttätigkeit, man gewöhne sie an Ordnung, man gebe ihnen einen Begriff, daß sie ihr Sein und Schicksal mit so vielen gemein haben, daß das außerordentliche Talent, das größte Glück und das höchste Unglück nur kleine Abweichungen von dem gewöhnlichen sind; [...]‘“
Über den besonderen Fall, der sich einbildet, Unglück zu bringen:
„‘Ich gehe sachte zu Werke; wenn ich ihm aber noch seinen Bart und seine Kutte wegnehmen kann, so habe ich viel gewonnen: denn es bringt uns nichts näher dem Wahnsinn, als wenn wir uns vor andern auszeichnen, und nichts erhält so sehr den gemeinen Verstand, als im allgemeinen Sinne mit vielen Menschen zu leben. Wie vieles ist leider nicht in unserer Erziehung und in unsern bürgerlichen Einrichtungen, wodurch wir uns und unsere Kinder zur Tollheit vorbereiten.’“
Das habe ich mir auch schon manches Mal gedacht: Was würde es bei manchen Menschen bewirken, ihnen die übermäßig zur Schau getragenen Attribute abzunehmen. Was bliebe übrig? Bei Selbsterkenntnis funktioniert es ähnlich. Man läßt die äußeren Hüllen fallen und schafft Ordnung. Manchmal frage ich mich dann auch, was noch übrigbleibt.
Die Antwort im Wiki: Nichts, was gegenständlich wahrgenommen wird. So wie man wirklich ist, erfährt man sich nicht, oder stellt man sich nicht in Frage. Gewissermaßen ist alles, was auftaucht und Platz beansprucht ein Teil des falschen Selbstbildes.
Serlo und Wilhelm diskutieren über die Inszenierung von Hamlet:
„‘Sind Sie auch unerbittlich, daß Hamlet am Ende sterben muß?’ fragte Serlo.
‘Wie kann ich ihn am Leben erhalten’, sagte Wilhelm, ‘da ihn das ganze Stück zu Tode drückt? Wir haben ja schon so weitläufig darüber gesprochen.’
‘Aber das Publikum wünscht ihn lebendig.’
‘Ich will ihm gern jeden andern Gefallen tun, nur diesmal ist’s unmöglich. Wir wünschen auch, daß ein braver, nützlicher Mann, der an einer chronischen Krankheit stirbt, noch länger leben möge. Die Familie weint und beschwört den Arzt, der ihn nicht halten kann: und so wenig als dieser einer Naturnotwendigkeit zu widerstehen vermag, so wenig können wir einer anerkannten Kunstnotwendigkeit gebieten. Es ist eine falsche Nachgiebigkeit gegen die Menge, wenn man ihnen die Empfindungen erregt, die sie haben wollen, und nicht, die sie haben sollen.’
‘Wer das Geld bringt, kann die Ware nach seinem Sinne verlangen.’
‘Gewissermaßen; aber ein großes Publikum verdient, daß man es achte, daß man es nicht wie Kinder, denen man das Geld abnehmen will, behandle. man bringe ihm nach und nach durch das Gute Gefühl und Geschmack für das Gute bei, und es wird sein Geld mit doppeltem Vergnügen einlegen, weil ihm der Verstand, ja die Vernunft selbst bei dieser Ausgabe nichts vorzuwerfen hat. Man kann ihm schmeicheln wie einem geliebten Kinde, schmeicheln, um es zu bessern, um es künftig aufzuklären; nicht wie einem Vornehmen und Reichen, um den Irrtum, den man nutzt, zu verewigen.’“
Unglaublich, wie aktuell das ist. Schön dargestellt der Zusammenhang zwischen Geldwert und wahrem Wert, Volksverdummung und Aufklärung bzw. Wahrheitsliebe und die platten aber erfolgreichen Gegenargumente, die auf eine ähnliche Weise heute auch noch täglich greifen.
In Wilhelms Darstellung gehen Aufklärung, Qualität und höhere Werte sogar mit finanziellem Gewinn einher und sind nicht, wie es immer resignativ dargestellt wird, Alternativen, also entweder Wahrheit oder Gewinn. Goethe legt aber im Zusammenhang der Geschichte gerade ihm das in den Mund, einem jungen, glühenden, mittellosen Idealisten.
Später wird eben der gleiche Serlo von einem Kumpanen zur Einrichtung billiger Opern überredet, woraus sie sich mehr Gewinn bei weniger Arbeit erhoffen. Der Lauf der Welt. Da zeigt sich mehreres: Solange Wilhelm anwesend war, lief das Theater auf höchstem Niveau. Mit ihm verschwand das wieder. Er hat höhere Wünsche und Ziele und beeinflußt damit auch seine Umgebung. Sein Streben führt ihn weiter, und die Gesellschaft fällt in ihren faulen Trott zurück, wo sie vorher war. Es geht also nur um das, was jeder einzelne in sich hat und verfolgt. Die allgemeine Welt zu ändern oder zu verbessern kann kein Ziel sein, denn die will das gar nicht. Jene andere, die etwas in sich fühlen , verfolgen sowieso schon ihr Eigenes.
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