Undefinierbares Leiden

Heute morgen wieder Übelkeit und kein Laufen. Auf dem Weg in die Arbeit habe ich mich eigentlich gut gefühlt. Dort wurden dann die Augenzuckungen zeitweise wieder unangenehm und störend. Ich schloß immer wieder die Augen deswegen und merkte erst dadurch eine ausgeprägte Müdigkeit, in der ich ein paar Mal sogar für Sekunden einnickte. Ich schleppte mich nur abschnittweise wach über den Tag. Teilweise kam die Übelkeit auch wieder zurück und ein allgemeines Gefühl des Erbrechens und als würde ich mich von innen nach außen kehren wollen, wo in mir alles trocken und leer ist - bloß nichts mehr hineinstecken in diesen Körper. Das schwelte schon in den letzten Tagen und ich habe deswegen auch schon weniger gegessen. Das fiel mir jetzt erst auf, und es ging mir bis heute eigentlich gut damit.
Zwischendrin hielt ich an, statt mich nur darin zu ergehen, und fragte mich, ob ich mir das nicht alles nur einbilde und mich in etwas hineinsteigerte. Ich versuchte mich aufzuraffen und zusammenzureißen - nur daß das nicht mehr funktionierte. Ich kann mich nicht mehr “motivieren” oder sonstige Tricks anwenden - es klappt nicht mehr.

Ich ging dann heute nachmittag früher nach Hause, denn es hatte ab einem Punkt wirklich keinen Sinn mehr. Die S-Bahn fuhr direkt vor mir davon und ich saß die nächsten 25 Minuten regungslos auf dem Bahnsteig, dämmernd, aber ohne zu schlafen. Ich wollte nichts mehr anderes, nur noch mich nicht mehr bewegen müssen. Daheim angekommen ging ich gleich ins Bett - doch ich konnte trotz großer Erwartung nicht schlafen. Ich wälzte mich lange in Halbschlafzuständen und merkte jetzt erst nach dem Aufstehen, daß ich drei Stunden gelegen hatte. Leichte Kopfschmerzen tauchten noch auf. Erst jetzt nach dem Sonnenuntergang geht es mir zunehmend besser. Als würden mit der Sonne tausend überhitzte Energien verschwinden (die fielen mir heute auch besonders unangenehm bei anderen auf - als würde die Sonne alle Verwirrungen in mir und anderen noch stärker befeuern). Ich sehne mich nach der Nacht.

12.5.2008

Ich gehe langsam durch die Altstadt. Die kleinen, verwinkelten Gassen finde ich jedes Mal wieder inspirierend. Diese ungeplanten Abstände, Verwinkelungen und Höhenunterschiede bilden etwas, das man nicht verstehen kann. Eine Art natürliche Harmonie oder Unordnung in der Ordnung. Soetwas könnte man nichteinmal nachempfinden, wenn man es planen würde (ich war einmal mit Architekturentwürfen in Berührung gekommen, die genau das versuchten). Es ist einfach von selbst gewachsen.
Ich gehe immer langsamer in dem Gefühl, alle Zeit der Welt zu haben. Es zieht mich nirgendwo besonders hin, ich habe nichts zu tun.

Krankhafte Vereinfachung

Nachmittags traf ich nochmal P. um die Übersetzung des Zentextes zu überarbeiten. Zur Klärung einiger unklarer Stellen war die mit ihm befreundete Japanerin samt des Originaltextes da, die damals die ursprüngliche, rudimentäre Fassung geschrieben hatte. Die Überarbeitung dauerte viel länger als erwartet, nämlich bis gerade eben.
Es war sehr aufschlußreich, zu sehen, wie sehr die Grundanlage der Sprache und das Denken sich unterscheiden. Es gibt im Japanischen (im Vergleich zum Deutschen) immer mehrere Bedeutungen und eine Art Bedeutungswolke bei einem Wort, das nicht direkt einen physischen Gegenstand bezeichnet. Es ist sogar so, daß Aufzeichnungen gesprochener Texte, wie eben dieses Interviews, teilweise zweideutig und interpretierbar bleiben können. Es wird viel in der Art und Weise des Sprechers transportiert. In westlichen Sprachen hingegen wird eher versucht, alles möglichst exakt mit einem passenden Begriff zu fixieren. Beim Formulieren kam ich mir vor, wie mit spitzen Pfeilen auf hauchzarte Luftballons schießen zu müssen. Ich meine, das westliche Denken stellt sich dadurch dann viel eher auf diesen Begrifflichkeitswahn ein und vergißt vorschnell, daß es eine riesige Vielfalt an Schattierungen zwischen zwei Begriffen geben kann, wie z.B. einem Ausdruck für ein Gefühl, was dann eben nicht so einfach in Worte zu fassen ist, obwohl es ja ganz real erfahren wird.
Es ist dann wie mit dieser Geschichte der Inuit und den vielen Begriffen für Schnee. Umgedreht bedeutet das: Man bildet sich ein, was man nicht benennen kann, das gibt es nicht. Noch schlimmer wird es dann, wenn man sich dadurch zwingt, ein unklares Gefühl oder Ahnen zu verleugnen oder zu ignorieren, weil es nicht von Anfang an rational erklärbar ist. Man bringt sich damit um Erfahrungen, die nur durch das Befolgen und Einbeziehen dieser unerklärlichen Regungen möglich sind.

In letzter Instanz ist das die eigentliche Begrenzung der Wissenschaftlichkeit und die Vergiftung des Denkens durch die allgemeine Verbreitung dieser Sichtweise, alles müßte entsprechend handhabbar sein: Nichts existiert, was nicht in einen Begriff oder ein Symbol objektivierbar ist. Das bedeutet, das, was ich selbst erfahre, ist weniger oder nicht real, wenn ich es jemand anderem nicht begreiflich machen kann, bzw. wenn mir niemand anderer glaubt. Man muß sich das einmal in seiner Tragweite klarmachen.
Die blinde Akzeptanz dieser Grundannahme überbewertet das Denken und entzieht der eigenen, direkten Erfahrung jeglichen Wert. Es ist ein ähnlicher Vorgang, wie die fixe Idee des freien Marktes auf alle übrigen Lebensbereiche auszudehnen, wo das überhaupt nicht passen kann und nur zerstörerisch wirkt, wie etwa bei Sozialeinrichtungen, Pädagogik, usw. Es ist eine krankhafte Vereinfachung.

Einsicht über Alleinsein

Heute morgen war mir übel und schwindlig, und ich lief nicht.
Es erinnerte mich an die erste Zeit in der Schule, in der es um meine Unklarheit ging und sich das zeigte. Ich verstehe aber nicht, was jetzt der Auslöser gewesen sein könnte.

Ich war mit D. zusammen - fühlte mich anfangs schlecht und befangen ihr gegenüber. Etwas ist da ungelöst. Ich meinte, ich könne jetzt nicht mehr auf sie eingehen, mit ihr zusammensein und vor allem etwas von ihr empfangen. Etwas wehrte sich in mir - vor allem, wo ich gerade noch nach allen Seiten hin offen bin - das paßt nicht zusammen.
Sie versuchte, mich zu überzeugen, das sei alles egal, sie sei ganz ruhig damit, wie im Moment alles zwischen uns sei. Da ist diese fraglose Vertrautheit, die ich gar nicht anzweifeln brauche. Ich entspannte mich dann. Es kam dann aber noch etwas anderes hinzu: Ein eigenartig starkes Wissen, das ich bisher nur immer im Kopf nachvollzogen hatte. Jetzt wußte ich es auf einmal durch und durch. Es klingt banal, aber es war mir sehr tief klar wie nur irgendwas: Sie ist kein Teil von mir (und umgekehrt). Ich habe nichts mit ihr zu tun, bzw. nicht mehr als mit jedem anderen Menschen - man ist immer allein (als Ich). Ich bin vertrauter mit ihr, aber das ist eine Sache der Gewöhnung und vielleicht einer Art Körperchemie - aber kein gefühlsmäßiger Aufbau mehr, der da irgendetwas besonders hervorhebt. Es fühlte sich eigenartig an, das so zu erfahren und nicht nur zu denken - es war hart, real und auch tröstend (weil erklärend) gleichzeitig.
Ich war mir auf einmal über nichts mehr sicher. Vielleicht läßt sich sogar die Zweierbeziehungssicht überschreiten, so daß man sich am Ende gar nicht vom Fleck bewegen muß - aber ich bin nicht sicher, ob sich da nicht doch wieder Zweckdenken einschleicht.
Ich weiß im Moment gar nichts mehr in Bezug auf D., andere Frauen und weiterer Entwicklung. Etwas flüstert mir nur ständig ins Ohr, ich könnte nur alles falsch machen - oder gar nichts mehr machen und entscheiden wollen, auch wenn ich mir unter jeder anderen Betrachtungen dann schäbig, unentschlossen, wankelmütig und verantwortungslos vorkomme. Jemand, der sein Leben nicht entscheiden will.

11.5.2008

Ich dämmere langsam weg und das Körpergefühl zieht sich immer weiter zurück, bis es ganz entfernt ist. Den Vorgang verstehe ich aber nur, weil mich zufällig etwas weckt, bevor ich ganz eingeschlafen bin.

Klugscheißen

Das war ein eindringliches Wort, das mir in GLs Buch begegnet ist. So komme ich mir gerade immer mehr vor. Ich weiß auch nicht, was jetzt los ist mit mir. Ich habe heute diese Attacken von Selbstzweifeln und vor allem diese unglaubliche Antriebslosigkeit - etwas hatte sich ausgearbeitet gestern. Die meiste Zeit habe ich heute nichts gemacht - geschlafen, gelesen oder bin nur dagesessen - ein wenig Spazieren war ich noch.

Das Lesen hielt mich auch nicht lange bei der Stange. Bei Goethe geht es auch die meiste Zeit nur um Beziehungskram. Die Entdeckungen und feinen Gefühlsnuancen, die er so wunderbar beobachtet beschreibt, sind oft nur winzige Regungen, die ich haarklein nachvollziehen kann. Sie haben aber meistens mit Verstecken und Selbstbelügen zu tun, auch wenn das ganz subtil ist und als schamhaft und gesellschaftlicher Umgangsformen entsprechend bewertet wird. Über weite Strecken ist es eigentlich nur ein Nachdenken und Hin- und Herpendeln in immer neuen Bildern über das Thema: was will ich, was wollen irgendwelche anderen von mir, wie bekomme ich etwas, ohne die anderen zu verprellen oder wo wogt es so stark auf, daß das in Kauf genommen wird. Es geht viel um Lebenseintscheidungen und Lebensführung, meistens um Heirat. Das Buch würde wohl auf ein paar Kapitel zusammenstürzen, wenn all diese Zweierbeziehungsproblematiken einfach wegfallen würden.
Das Angenehme ist aber, wieviel Ruhe dort herrscht. Da gibt es Platz, daß man sich über mehrere Tage über ein Thema austauscht, da werden Besuche und Zusammenkünfte gegeben und immer ist ein Streben wichtig - es liegt allem zugrunde. Die Gesellschaften sind sich oft auch uneinig, aber es wird immer ersichtlich, daß das alles notwendige Reibungen sind, damit gefunden und verwirklicht wird, was gefunden werden soll. Zwischendrin sind immer so treffende Sätze über Menschenkenntnis eingestreut, daß ich betroffen und fast ungläubig aufschauen und nachdenken, manchmal auch laut lachen muß.

Ich stolperte zufällig in das Treffen von D. und einem befreundeten, älteren Ehepaar. Die Atmosphäre hat mit ihnen immer etwas von diesem Glanz, wie er mir bei Goethe entgegenkommt: sie sind sehr belesen, lebenserfahren, liebenswürdig und großzügig und, im Gegensatz zu vielen anderen in ihrem Alter, sehr beweglich und an vielem interessiert.
Aber lange hielt ich es da trotz der Feinheit nicht aus. Ständig werden zig Dinge unterstellt und vorausgesetzt, die für mich immer weniger bestehen. Alles was ich da zu sagen habe, läuft immer schnell auf eine Zerstörung hinaus, aber ich kann es nicht vermeiden. Ich habe nur die Wahl zwischen Weggehen, Stimmung zerstören oder mich selbst zu verleugnen.

Ich las noch bei GL und Maharshi. Mir fiel jetzt auf, daß ich Maharshi immer viel zu abstrakt gelesen habe - so als spräche er doch noch über irgendwelche großen, flirrenden Erfahrungen. Was er beschreibt liegt viel näher, so nahe wie die direkten Beschreibungen von GL. Bisher habe ich mich noch nicht ganz treffen lassen davon, aber es verändert sich da etwas. Es ist so, als käme ich mehr dahinter, daß das alles völlig praktisch zu verstehen ist und es von der schönklingenden, heiligen Sphäre zu mir herunterkommt und mir unter die Haut geht.

Das Unter-die-Haut-Gefühl ist auch ein wichtiger Teil der Einsicht des gestrigen Abends. Ich fühlte mich wie bei einer Kapitulation. Ich meinte, ich würde über diesen Dingen stehen und fühlte mich als etwas Besseres. Aber nach etwas Zögern ging ich aus und war auf der Suche nach Frauen.
Da sind unglaubliche Antriebe in mir, ich wollte tanzen und war an einem recht angenehmen Ort, von dem ich kürzlich erfahren hatte. Dort merkte ich, daß es hauptsächlich alternative Leute dort hinzieht, aber es war mir nicht unrecht, denn die schweben ja in ihrer Atmosphäre aus Liebsein und da paßte ich gut hinein. Trotzdem wurde mir etwas klar dabei: Ich habe mich immer dermaßen identifiziert mit meinem feingliedrigen Körper, daß ich alles andere als grob und unmäßig abgelehnt habe. Ich habe mich entkörpert und alle anderen mit - es ist, als hätte ich Menschen nie mit ihren Körpern wahrgenommen, als sähe ich alles durch eine Brille, die die Körperlichkeit auslöscht. Es ist nicht nur, daß ich Frauen nie wahrgenommen habe (und das meine ich wirklich so, ich erinnere mich an viele Situationen, wo mich andere Männer in einer Gruppe auf eine Frau aufmerksam machten oder scherzten, eine wäre mir zugetan etc., was ich alles nie bemerkte, oder besser nie bemerken wollte), sondern überhaupt alle Menschen. Ich wollte es nicht einmal sehen, wenn sich irgendwo zwei näherkamen, weil mir das in seiner Erscheinung so hart, unförmig, hässlich vorkam und nicht mit meinen Vorstellungen und Gefühlsillusionen zusammenpassen wollte, die nicht zerstört werden sollten. Das war mir zwar schon einigermaßen klar, aber die Einsicht wurde jetzt nochmal deutlicher.

Mir fiel auch auf, daß ich noch viel boshaftere Vorurteile hatte: so als wären Menschen mit fülligen oder kräftigen Körpern überhaupt nicht zu einer bestimmten Gefühlsfeinheit fähig. Das war mir auch schon bei diesem Tanzlehrer von vor einiger Zeit aufgefallen. Er sagte einige sehr feinfühlige Dinge über seine Situation, die ich seiner männlichen, kräftigen, etwas machohaften Erscheinung nicht zugestanden hatte. Ich fand das aber angenehm, denn es imponierte mir und bekräftigte mich darin, offen zu Gefühlen zu stehen und sie preiszugeben. Ansonsten läuft es bei mir nämlich so ab, daß ich es für mich behalte und mir dann daraus ein besseres Selbstbild konstruiere, weil andere in ihrer vermeintlichen Grobheit das nicht fühlen würden und ich ja soviel besser wäre. - Meine Erfahrung ist jetzt mittlerweile, daß andere viel mehr mitbekommen als ich immer angenommen habe, aber ebensoviel lügen wie ich, so daß es dann eben gar nicht wirklich wird. Die Gefühle laufen dann sozusagen nur virtuell ab, in einem Projektionskasten im Kopf. Das Verleugnen hinterläßt aber eine still brütende Frustration bei einem selbst.

Gestern Abend war ich dann ziemlich schockiert, wie ich mir eingestehen mußte, als dann dort einige Pärchen aufeinander ansprangen - u.a. weil ich da zuvor teilweise Kontakte aufgebaut hatte und die ganze Situation an dem kleinen Ort nicht so anonym und unbeteiligt war wie sonst überall. Es war dort recht hell und die Leute ungenierter und viel offener als üblich, was ich sehr angenehm fand. Nur als es handgreiflich wurde, merkte ich, wie ich mich da zurückzog, wie es mir zuviel war, zu viel Körper. Plötzlich verwandelte sich die Atmosphäre dort für mich und ich fiel wortwörtlich aus allen Wolken, denn die brutal drängende Energie wurde mir da so richtig klar und wie sehr ich Teil war und mich immer noch nur beschiß (der Anblick des “lustgepeitschten Menschenstroms”, wie der Hesse ebenfalls mit großen, ängstlichen Augen mir die Gedanken auf den Leib geschrieben hat). Da kann ich noch so große Reden schwingen und klugscheißen im Tagebuch - wenn es konkret wird, kneife ich und merke, daß ich immer nur auf Blümchen herumspringe. Es war genau das Psychogruppengefühl. Vor diesen Leibern, Trieben und Menschentieren habe ich Angst, fühle mich selbst reiner und feiner. Mich da zu sehen, was ich bin, einfach einer der Masse, bedeutet, etwas aufzugeben und realistisch zu werden.

Ich hatte mich mit einer angenehm offenen Frau beschäftigt, bei der ich dann aber sehr gehemmt war, als ich erfuhr, daß sie soviel jünger war als ich. Ich meinte, das dürfe ich nicht, bzw. das wäre kein Weg, erwachsen zu handeln. Eine andere ließ ich gar nicht erst weiter an mich herankommen; bei der fürchtete ich dagegen ihre offen sichtbare Erfahrenheit.
Es war ein einziges Debakel. Nicht, weil es keine Chance gab auf Kontakt, im Gegenteil, sondern zu erkennen, wie hilflos ich gegenüber Frauen bin und wie verlogen und unrealistisch ich gerade noch von mir gedacht hatte - wie weit entfernt ich bin und mich doch so frei wähne. Ich muß auch nicht freier werden, aber ich will mich einfach nicht mehr belügen. Der Heimweg war dann, wie schon vorher erwartet, eine einzige Frustration mit all diesen unerfüllten Erwartungen und Ernüchterungen. Ich fragte mich, trotz Einsichten, wieso ich mir das angetan habe.

Dem Körper ausgeliefert

Ich schlief wieder nur recht wenig, versuchte noch weiterzuschlafen, aber ohne Erfolg. Dieses Wühlen in mir ist gerade wieder stark. Ich kenne es nur zu gut, daraus entsteht immer meine altbekannte Hektik und es stimuliert sich dann immer weiter selbst. Das hat immer etwas zu tun mit Vorfreude und Aufgeregtheit und irgendwelchen Aktivitäten. Das kann so weit gehen, daß ich dann im aktuellen Moment Dinge vergesse, herunterwerfe, fast hinfalle vor lauter Verwirrung und Aufregung. Ich habe das schon ziemlich lange nicht mehr erlebt, aber heute kam das wieder in Anfängen auf. (Ausgeprägt war das auch beim Einpacken vor der Hollandfahrt, da beobachtete ich das bedauernd, weil da uralte Vorgänge hervorkamen und ich verstand dabei, daß ich das lediglich unter den Teppich gekehrt hatte. Ich hatte diese Dinge nicht angefaßt, um sie nicht hervorzuholen und um mir selbst klarer zu erscheinen. Sie sind aber noch da und ich vermute sogar, daß sie sich niemals ändern werden. Aber dieses Nichtstimulieren hat den Vorteil, daß es dann durch den Abstand besser erscheint wie es wirklich ist: Eine Eigenart, irgendeine kleine Abweichung in einen Mechanismus, der mich vom Mittelpunkt wegzieht, aber nichts, was ich selbst bin, sondern nur etwas, das abläuft.) Ich betrachtete es dann heute und erinnerte mich an die ruhende Normalheit und es verlor darin nach und nach an Bedeutung. Ich habe immer viel mehr in großen Erwartungen gelebt als im eigentlichen Erleben von Dingen. Die erschienen mir immer etwas zu blaß, zu eintönig, zu normal - aber meine Erwartungen waren immer groß mit tausend glitzernden Ausschmückungen und Gefühlen besetzt und ich folgte da wie in einem blinden und sich selbst verstärkenden Sog.

Dieses Wühlen in Bauch und Brust ist ein völlig ursprünglicher Antrieb und so riesig, daß ich es fast nicht aushalte, nichts zu tun. Ich hörte Mahler und danach platzte ich fast. Ich mußte irgendetwas tun, auch wenn es vielleicht eine Ersatzhandlung würde. Diese riesige, zitternde Vorfreude hatte ich auf dem Weg zum Schwimmen, wo ich dieses Gemisch aus Wut und überflüssiger Kraft abarbeiten wollte. Leider war das Bad heute den ersten Tag in der Sommerpause und ich ging zurück, um zu einem See zu fahren. Ich vermute, was hier abläuft mit dieser wühlenden Kraft ist eigentlich nichts anderes als Antrieb und Ausrichtung auf Sex - nichts mehr - es ist pure Körperlichkeit und es ist mir unangenehm, so abhängig davon zu sein. Etwas will das nicht akzeptieren in mir, fiel mir auf. Da bleiben jetzt auch keine höheren Wünsche oder noblen Beschäftigungen übrig. Es geht nur um den Körper und es ist unangenehm, vor allem, es nicht einfach lösen zu können sondern es ertragen zu müssen. Aber etwas anderes ist da anscheinend doch noch da. Es ist verbunden mit einer tiefen Sehnsucht - es ist nicht nur Körperlichkeit und sexuelles Auslebenwollen - ich glaube, davon würde nur ein Teil dieses Wühlens verschwinden. Es ist die Sehnsucht nach Einheit und Kontakt und Verbindung. Das ist etwas, das ich immer nur romantisch und verfärbt in Sex und Beziehung hineinprojiziert habe. Aber es geschieht wirklich etwas bei jedem Kontakt, aber viel ursprünglicher und ohne irgendein Zutun oder emotionale Betätigung und vor allem ohne Wollen. Momentan kommt es mir immer unnatürlicher vor, diese Dinge und all die Gefühle nicht ausdrücken zu können, oder gegen Wände zu laufen damit. In Brasilien durfte man die Menschen wengistens noch anfassen beim Sprechen als Teil der Gestik; das fand ich immer sehr angenehm und ich blühte da richtig auf.

Jetzt muß ich es noch einmal hinschreiben, was mir schon oft durch den Kopf ging: Alles, was ich immer mit dem Wort “spirituell” verbunden habe, scheint mir jetzt mehr und mehr hinfällig. Es geht eigentlich nur um den Körper - aber vielleicht ist das auch nur mein spezieller Eindruck auf die besonders notwendigen Korrekturen in meinem Fall, wo ich zu Vergeistigung neige. Der Körper ist immer ganz anwesend und materiell samt der damit verbundenen Wahrnehmung - es gibt da keine Flucht oder einen Trick, nur Ausgeliefertsein.

Ausgeliefert fühle ich mich auch bei dem abschnittweise starken Augenzucken. Es ist sehr irritierend, denn der Körper zeigt da ein Eigenleben und steht mir im Weg, tut nicht, was ich will. Es ist eine Ärgernis für das Ich, weil ich mich in Kontrolle wähne. Das war auch das eigentlich Traumatische, als ich in meiner Jugend nach einer durchwachten Nacht einen epileptischen Anfall erlitt. Die Bewußtlosigkeit war dann wie eine Erlösung, aber davor diese Erfahrung, einen völlig unkontrolliert verkrampfenden Körper zu haben, der eigentlich nur ein toter Block aus Material, eine Fleischmasse ist, war sehr schockierend. Ich fürchtete mich noch Jahre später davor, daß so ein Anfall wiederkehren würde, nur wegen dieser Wahrnehmung, überhaupt keine Kontrolle zu haben über diesen Körper. Das ist die eigentliche Schmach für mein Ego - die Reduktion vom Geist-Ich auf das reine Körper-Ich. Das hatte GL wohl gemeint mit dem Vergleich mit einer Psychogruppe aus Gewalt und Sex. Daß ich auch nicht der Körper bin, kann dann ja immer noch klarwerden. Oder gleich mit.

10.5.2008

Ich sitze im Amtsgerichtsgarten in der Sonne. Alles blüht jetzt und überall ist dieses riesiges Aufbersten und Hervorbrechen in vollem Gang zu beobachten, das mit soviel Kraft die Triebe und Blätter und das Grün hervorschießen läßt. Es fällt heute leichter, den Ruhepunkt zu finden und einzusinken. Besonders nachdem ich in GLs Buch “Nichts” gelesen habe und es an meiner Seite liegt.

Der kochende Frosch

Beim Einkaufen auf dem Markt blieb ich mit offenem Mund vor einer Werbebude der CSU stehen, auf der groß etwas in der Art stand: “CSU - gemeinsam mit den Menschen gegen die 3. Startbahn”. Ein Zweimetermensch mit ebensolcher Körperfülle versuchte, mir einen Blumentopf samt zierendem Wahlslogan und Bewerberportrait in die Hand zu drücken, was ich ablehnte. Nebenbei spielte noch ein Trio flotte Swingmelodien auf heimatlichen Instrumenten.

Ich war ob dieser unverhohlenen Verlogenheit so perplex, daß ich gar nichts machen konnte. Ich ging weiter, dann packte mich plötzlich eine Wut und ich hatte Lust, dort irgendjemand in eine Diskussion zu verwickeln und einen Aufstand zu machen, um mich über diese riesige Falschheit aufzuregen. Ich ließ es dann bleiben, denn was sollte das denn bringen. Da sind weder die Verantwortlichen noch irgendjemand, den das interessiert. Meinen formellen Widerspruch bei der Regierung habe ich ja auch schon lange eingereicht.
(Durch meine Zurückhaltung ist der Ärger aber auch nicht verschwunden, deswegen muß ich es jetzt eben in Form von Schreiben abarbeiten oder sublimieren. Ich bin mir gar nicht sicher - vielleicht hätte ich mich doch dort aufregen sollen, das wäre wenigstens direkt gewesen.)

Dazu muß man wissen, daß schon lange ein Streit läuft über die Genehmigung und Zulassung (momentan Planfeststellungsverfahren) für den Ausbau des Münchner Flughafens, was in vielen Teilen sehr zweifelhaft ist - und weder so dringend noch benötigt, wie in der Propaganda dargestellt (-> http://www.keine-startbahn3.de). Es geht da einfach um die Interessen der mächtigen Flughafengesellschaft und vielen Profiteuren davon. Allen voran ist da die CSU wieder einmal Wegbereiter und Alleinherrscher, aber eng flankiert von FDP und SPD durch die mittlerweile völlig vereinheitlichte zugrundeliegende Ideologie.
Die Pro-Flughafen-Argumentationslinien folgen ganz dem neoliberalen Denken und klingen oberflächlich betrachtet vielversprechend, wie etwa das Arbeitsplatzargument (dabei ist Freising und um Umgebung eine der Regionen in Deutschland mit der geringsten Arbeitslosenquote überhaupt). Sehr leicht lassen sich aber die fast nicht zu verbergende Macht-, Geldgier und Skrupellosigkeit dahinter erkennen. Von den Auswirkungen (ganze Ortsteile müssen umgesiedelt werden) ganz zu schweigen.
Nur, daß jetzt auf einmal ganz andersherum dargestellt wird, fand ich nicht mehr zu ertragen. Es geht hier nur um eine kleine, lokale Gruppe der Partei, die erkannt hat, daß die Mehrheit der Bevölkerung hier dagegen ist und daß man mit einem linientreuen Programm überhaupt keine Chance hätte. Aber diese kleine Gruppierung gibt ja öffentlich schon ihre Resignation gegenüber den großen Entscheidern in München zu. Also was sollte es nützen, dieser Partei und ihren Vertretern hier eine Stimme zu geben, wenn sie am Ende sowieso eingegliedert werden und sich den großen Linien fügen müssen. Dann doch lieber gleich jemand mit einer glaubhaften Position.

Diese Widerstände der Bevölkerung rund um den Flughafen und den Einflugschneisen werden so geschickt verdreht und verschwiegen, daß am Tag einer Großdemonstration (mehr als doppelt so groß wie erwartet), auf der ich vor ziemlich genau einem Jahr teilnahm, nicht einmal meine Eltern, die in München leben, etwas davon erfuhren. Sie wußten nicht einmal etwas von der Fragestellung. Im Radio hieß es nur, die Innenstadt sei gesperrt, man solle auf öffentlichen Verkehr ausweichen. Auf der Internetseite der SZ war damals nur eine winzige Notiz über die Demonstration nur noch am gleichen Abend ganz unten rechts eingestellt. Am nächsten Morgen, zum nächsten natürlichen Zyklus der Leserschaft, war die schon wieder ganz verschwunden und auch via Suche nicht mehr auffindbar.

Das eigentlich Aufwühlende bei dem Thema finde ich diese so leicht zu durchschauende Doppelzüngigkeit und Falschheit, mit der da agiert wird und wie mühelos und geschmiert die ganze Nachrichtenmaschinerie läuft und alle für dumm verkauft.
Die CSU ist ja mitnichten dieser vermeintlich heimat- und wertverbundene Wohltäter, sondern die treibende Kraft hinter dem Ausbau des Kontroll- und Überwachungsstaates und der Einschränkung von Grundrechten. (-> nur ein aktuelles Beispiel: Demonstrationsfreiheit)
Am Ende wird es immer so dargestellt, als würde die Bevölkerung profitieren, als würde etwas für die Menschen getan und das wird auch geglaubt - nur ist das genaue Gegenteil der Fall. Es stecken irgendwelche unausgesprochenen, tiefsitzende Ängste und Abgrenzungen oder handfeste Interessen dahinter. Die Sache an sich und die Menschen interessieren da überhaupt nicht - die sind nur notwendiges Übel, nur eine gesichtslose Masse, die nur richtig bearbeitet und geformt werden muß.

Erschreckend fand ich letztens schon, daß nur 43% bei der Stichwahl zum Landrat überhaupt noch gewählt haben. So wenig interessiert und eingeschläfert ist man da: “die da droben werden’s schon richten”, wie immer oder resigniert: “ist eh egal, wer drankommt, sind eh alles die Gleichen”. Obwohl die CSU gar nicht dabei war, triumphierte letztendlich der Kandidat, zu dem die CSU noch ihre Wahlempfehlung ausgesprochen hatte (gegen diesen so erschreckend kraftvollen, tatkräftigen Biologen der Grünen). So funktioniert das in Bayern. Es ist fast so, als würde das letzte Wort hier immer noch von der Monarchie gesprochen und, um ja nicht selbst nachdenken zu müssen, kann man das ruhig blind übernehmen - hat ja bislang auch gut funktioniert. Was dahinter alles abläuft, dazu müßte man schon einmal von der bequemen Biergartenbank aufstehen. Ich fände es auch viel angenehmer, wenn alles einfach so ablaufen würde und man sich nicht damit auseinandersetzen müßte, aber damit akzeptiert man dann einfach, daß man für dumm verkauft wird und sich noch mit einem Grinsen im Gesicht und einem Händedruck für fremde Interessen benutzen läßt, ohne es zu merken. Die Situation wird schleichend immer schlimmer, bis man es eines Tages vielleicht bemerkt, aber dann ist es zu spät. Dann ist man schon gekocht, dann wurde man gelebt und benutzt und verbraten. Das ist genau diese Analogie des “boiling frog syndrome”.

Das Wichtige dabei finde ich, daß das ja nicht nur bei so einem Thema so ist. Es gibt ja schon immer bei einem selbst etwas von diesem Hintergrundmaterial, von dem man weiß, daß es ungelöst ist, wo das Gewissen nagt, und der Verstand abwiegelt “nein nein, ist doch alles in Ordnung… man müßte eigentlich… ich würde ja gerne, aber…”. Man läßt das dann lieber in Ruhe, weil es ja unangenehm und so unerfreulich realistisch ist, sich damit zu befassen. Nur geht es damit nicht weg, sondern es baut sich im Hintergrund immer weiter auf. Es ist dann fast schon ein Glück und eine Erlösung, wenn diese Verleugnung dann von selbst einbricht. Es kann aber sein, daß da sehr viel zu Grunde geht und geopfert wird. Wieso nicht etwas sofort lösen und gleich ansehen? Das wäre so viel einfacher. Ich frage mich das ja selbst immer, wieso ich etwas aussitze, wieso ich mich vor etwas verweigere, obwohl ich es besser wissen sollte.

9.5.2008

Ich verlasse das Gelände durch die große, hohe Lagerhalle. Dort habe ich immer ein eigenartig starkes Gefühl. Es ist nicht schön dort, die Luft ist stickig und trotzdem genieße ich den Gang dort hindurch jedes Mal. Es ist eine ähnliche Wirkung wie in einer hohen Kirche. Ich fühle mich klein, aber auch konzentriert auf den Platz. Wenn ich dort jemandem begegne, ist dieser Kontakt viel fokusierter als woanders, weil es keine Umgebung gibt, an der man sich festhalten oder anderweitig beschäftigen kann. Da ist nur ein weiter Raum, in dem man sich ständig wie im Zentrum befindet. Ich muß dort immer in die Augen sehen, was ich oft erst merke, wenn mein Gegenüber verstohlen wegsieht oder mich grüßt.

Auf dem Weg hinaus bin ich sehr präsent und plötzlich geht jemand da allein vor sich hin. Ich frage mich, wer und wo ich bin. Aber es ist, als würde die Frage leer aushallen. Nirgends, das ist nur ein Selbstgespräch in einem stillen Raum. Und dann ist da wieder dieses kompakte Körpergefühl - nur Knochen, Fleisch und Blut und Speichel und Organe, ohne Platz für einen “Geist”. Ich weiß nicht, was ich bin, nichts (?) und doch bin ich da, nicht der Körper, der ist weit weg, ich bin nahe. Ich bin auch nicht im Körper oder außen herum. Das Empfinden wechselt mehrmals hin und her, es ist, als würde ich eines von diesen Verwechslungsbildern einmal so, einmal so sehen. Ich versuche, dem nachzuspüren, dann ist es aber weg und ich fühle mich wieder wie üblich. Der Moment war gar nicht besonders oder unnormal. Ich habe dabei kurz einen deutlichen Unterschied gemerkt zwischen dem Gefühl oder Wissen von mir und den Gedanken, die daraus entstehen. Die Gedanken lassen sich gar nicht verhindern, sie sind einfach da wie Herzschlag oder Verdauung. Ich muß nur gut genug wissen, was ich bin.

Was hat die Lebenskraft mit mir selbst zu tun? Das finde ich noch immer sehr abstrakt und schwer zu verstehen. Lebenskraft und Lebensfreude sind einfach das, was mir gemäß ist. Mir ist das noch nicht klar, weil ich selbst noch nicht genügend Klarheit in meinem Leben darüber habe. Um über das Thema schreiben zu können, muß ich es erst noch viel praktischer verstehen.

Nächste Seite »


 

Mai 2008
M D M D F S S
« Apr    
 1234
567891011
12131415161718
19202122232425
262728293031