Eigene Identität

Nisargadatta fragt einer Frau an einer Stelle nach ihrer Identität, die sie nach langem Suchen als ihr eigenes Ich entdeckt habe.

Das ist eine Fangfrage, auf die ich gerade auch noch hereingefallen bin. Denn wenn die Frau sich mit dem Versuch auseinandersetzt, ihm darauf lang und breit eine Antwort zu geben, geht sie auf den Leim – genauso wie ich. Die Antwort muß die Frage hinfällig werden lassen, weil sie umfassender ist und den Rahmen der Frage sprengt. Wenn es kein Ich gibt, sondern einfach nur den Vorgang von Wahrnehmung, dann gibt es auch kein “wahres Ich” zu entdecken. Die Suche nach diesem Ich ist die Suche auf der falschen Seite, dort wo es immer nur möglich ist, daß sich die Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes und klar abgegrenztes Objekt hin verengt. Die Aufmersamkeit auf sich selbst angewendet ist genau das Gegenteil dieses Beschäftigungsmodus.

Wenn einfach nur das abläuft, was passiert, dann gibt es keine Notwendigkeit für ein Ich-Konzept. Und hier paßt Wille sogar perfekt ins Bild. Viel zu lange habe ich Wille nur als Ausdruck des Egos verstanden. Dagegen ist der Wille etwas völlig Eigenständiges. Es ist mehr ein körperlicher Ausdruck der Wesensart, die problemlos abläuft, wenn kein unsichtbares Hindernis konstruiert wird in Form eines Ichs, das schwierige Entscheidungen zu treffen hätte. Wer einfach unmittelbar weiß, was er will, und wem es nicht abgewöhnt wurde, sich darauf verlassen zu können, der hat auch kein Problem mit Schein-Entscheidungen und den Schwierigkeiten, die sich dabei ergeben.

Gedanken und Erlebnisse bei der Arbeit

Gestern Abend kam ich nach Hause und schlief nach dem Duschen sofort ein. Ich habe nicht einmal etwas gegessen. Heute morgen wachte ich nach elf Stunden Schlaf auf. Der Unterschied war bei der Müdigkeitsphase dieses Mal, daß es nicht wie zuletzt so eine bleischwere Müdigkeit war, die vom Kopf auszugehen schien, sondern eher eine ganzkörperliche Erschöpfung.

Heute ging es mir dann ausgesprochen gut. Bei allem was ich tat war zuerst eine gelöste Ruhe und stille Freude. Heute lösten sich ein paar Gedanken auf, die noch manchmal herumschwirrten. Die Dinge, die ich in der Gärtnerei tue, sind nicht einfach nur “im Dreck wühlen” oder stupide Arbeiten, auch wenn sie einfach auszuführen sind. Es geht viel tiefer, wenn ich mit der Zeit mehr verstehe, die Zusammenhänge sehe, mehr Übung und Routine bei den Handgriffen bekomme. Es ist nicht schwer, eine Pflanze zu beschneiden, zu teilen, zu topfen, usw. aber es ist alles zusammen, was mich rund fühlen läßt – die Zusammenhänge zu kennen und dann das Richtige zu tun, und gut zu tun.

Vor allem die körperliche Arbeiten, die nicht nur Kraft, sondern auch noch etwas Geschick und Vorsicht erfordern, wirken besonders direkt darauf zurück, wie ich bin und wie ich mich fühle. Ich kann das nur schwer erklären. Wer schon einmal erlebt hat, wie sich der Körper nach zwei oder drei Tagen auf eine Tätigkeit einstellt und wie diese Verrichtungen dann in einem weiterwirken, so daß man sich am dritten oder vierten Tag wie aus einem Guß mit der Tätigkeit fühlt, der kann das nachvollziehen. Aber ich bin nicht sicher, ob das jedem so geht. (Ich kenne das von längeren Radtouren, als sich jeden Morgen wieder aufs Neue diese Lust aufs Fahren einstellte, weil das genau das war, was ich wollte, während meine Begleiter häufig hinauszögern und faulenzen wollten.) Etwas Ähnliches empfinde ich jetzt, nur umfassender. Es macht mir einfach Freude, weiter in die Tätigkeiten und die Details einzutauchen. Und es gibt keine Details, die zu klein wären, als daß sie nicht zu berücksichtigen wären, keinen Dreck und keine Unordnung, die es nicht wert wären, aufgeräumt zu werden.

Mir tut es sehr gut, daß in der Gärtnerei alle Teile von mir als Mensch gefragt sind. Nicht nur das Arbeiten und Ausführen (der besonders ignorierte körperliche Teil), sondern auch Wissen, dann noch Kontakt mit Menschen beim Beraten und Verkaufen, manchmal Gestalten. Außerdem habe ich noch mit Büroabläufen zu tun und dann ganz natürlich mit Organisation, usw.
Jetzt erst verstehe ich wirklich, daß man hier etwas davon lernen kann, wie das Leben funktioniert. Wie eine langvergessene Erinnerung oder eine romantische Formalität wirkt heute für viele diese ursprüngliche Organisation und den Abstufungen von Lehrling, Geselle und Meister. Das alles hatte einmal eine wirkliche, lebendige Bedeutung als es noch die Basis der Gesellschaft bildete.

Unter tags telefonierte ich mit dem Auftraggeber für das kurzzeitige Software-Projekt, das ich für drei Wochen übernehme. Die Verhandlungen über den Preis ärgerten mich. Wie schon bei der Vermittlungsfirma vor kurzem wird um jeden Euro gefeilscht, als ob das für diese großen Firmen einen Unterschied machen würde, ob sie am Ende ein paar hundert Euro mehr oder weniger zahlen; vor allem ärgerte es mich vor dem Hintergrund, wie viel Geld dort kurzerhand verschwendet wird durch Unachtsamkeit, Pfusch, usw., denn für mich machen diese paar hundert Euro einen sehr großen Unterschied.

Nach dem Telefonat war es eigenartig, gedanklich erst wieder in der Gärtnerei anzukommen. Es war ein ähnlicher Vorgang wie zu Beginn als ich dort anfing, nur viel schneller, innerhalb von wenigen Minuten. Es ist dann immer eine Art Hochmut gegenüber der Einfachheit, vermischt mit ungläubigem Staunen, daß ich hier sein darf, inmitten der alten Bäume, wo der Wind weht, die Vögel zwitschern und das Gewitter unmittelbar spürbar ist. Diese andere Welt der Consultants und IT-Menschen, der Angestellten und Sesselfurzer kam mir jetzt völlig verrückt vor mit all dem überzogenen Getue, den aufgesetzten Phrasen, dem Sich-Verkaufen-Müssen und all der Notwendigkeit, ständig Schein zu erzeugen, zu manipulieren und dem anderen etwas aufs Auge drücken zu müssen, weil es mittlerweile der kleinste Anteil ist, wo etwas Echtes und Authentisches dahintersteht, das von selbst und aus Notwendigkeit nachgefragt würde. Ich gehe dort jetzt wieder hin und mache die bestmögliche Arbeit für das meistmögliche Geld. Jetzt weiß ich wenigstens besser, warum und für wen ich es tue. Ich stecke nicht mehr drin fest. Ich nehme mir, was ich brauche, und mehr habe ich damit nicht zu tun. Dieses System ist darauf ausgelegt, daß sich jeder nur bedient. Es ist einfach nur naiv und dumm, das zu ignorieren und dann vielleicht noch den netten Mensch zu spielen. Genauso dumm ist es, sich andern gegenüber anzubiedern, den eigenen Wert zu gering einzuschätzen, und nicht zu sagen, was man will. Alles, was dem entegegenwirkt, ist Teil der Gesamtgehirnwäsche, um innerlich Untertan zu bleiben.

Scheinfragen des Verstandes

Nachmittags wurde die Dachbegrünung für das neue Dach des Bürocontainers gepflanzt. Ich durfte für den Chef und einen Kollegen aus dem Landschaftsbau die Anordnung der Pflanzen festlegen. Dann half ich auch beim Pflanzen mit. Am Ende sah das Dach sehr schön aus. Vom Boden aus war mehr zu sehen als ich erwartete hatte. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt, wenn die leeren Stellen zuwachsen. Am Ende stand ich noch kurz allein oben und war einfach zufrieden. Nur diese einfache Arbeit und ein schön anzusehendes Ergebnis.

Den Tag über war ich recht versunken. Nur einmal blitzte etwas auf, als ich durch die Beete ging, um etwas vom hinteren Arbeitsplatz zu holen. Für einen kurzen Moment nahm ich einfach nur noch wahr. Wenige Momente später enstand ein ohnmächtiges Gefühl, keine Ahnung zu haben, wieso ich mich so verhalte, wie ich es tue, warum es mich genau in die Gärtnerei verschlagen hat und was ich daran finde. Der Verstand rutschte hilflos daran ab und erzeugte typische Scheinfragen. Mir wurde klar, daß der innere Dialog vor allem mit solchen Scheinfragen aufrechterhalten wird. Und das besonders an Stellen, an denen der Verstand eigentlich zur Ruhe kommen könnte. Dann wird einfach von irgendwoher ein unlösbares Problem oder eine abstruse Frage ohne Antwort hervorgezaubert. Darauf kann er dann kurz herumkauen bis sich das nächste Augenmerk von selbst darüberschiebt. Schon wurde die Überbrückung geschafft und der Verstand ist ungesehen und unbemerkt davongekommen.

In Ordnung sein können

Nachdem ich in der Stadt noch etwas erledigt hatte, besuchte ich M. Wir gingen spazieren. Es ist anfangs immer ein unangenehmes Gefühl, mit den Unklarheiten zu tun zu haben, von denen ich jetzt freier bin. Sie hatte mir einige Zeit vorher per SMS eine Frage gestellt, welche Bedeutung sie denn für mich hätte.

Sie hat keine Bedeutung für mich. So schlimm das klingt. Aber im Grund stimmt das noch nicht ganz, denn es wird sehr viel unterschlagen. Ich finde die Frage schon ganz falsch und suggestiv gestellt, so daß nur noch etwas Falsches herauskommen kann, denn es ist dann nur eine Antwort möglich innerhalb des Bereichs, den die Frage vorgibt. Genaugenommen hat niemand eine Bedeutung für mich, in dem Sinn, daß es mich irgendwie von der Verantwortung für mein Leben entbinden würde oder daß ich einen solchen Einfluß auf jemand anderen haben könnte. Viele warten nur auf den “richtigen Partner”, und wenn der endlich gefunden wäre, würde das Leben Sinn machen und “Bedeutung” haben. Wer sich selbst nicht lieben kann, der ist abhängig von solchen Bestätigungen und Bildern, die er sich selbst konstruiert oder bereitwillig von anderen übernimmt.

Es gab bisher immer Menschen, mit denen ich mich tiefer verbunden fühlte, ganz unabhängig vom Geschlecht. Das hat für mich jetzt mit Sex und mit dem, was Liebe genannt wird, nichts mehr zu tun, obwohl ich es sehr lange krampfhaft damit in Verbindung bringen wollte. Sex ohne emotionale Zuneigung ist für mich unmöglich. Aber ich kann mich nicht emotional auf einen Menschen einschränken. In dem Moment, in dem eine Abmachung wie eine Beziehung hereinkommt, bricht ein großer Teil weg, den ich dann nicht mehr empfinden darf. Dann kann ich nicht mehr offen sein, ich fühle mich kontrolliert, eingesperrt und abhängig und laste das auch noch einer anderen Person an. Es mag sein, daß ich innerlich einfach nicht frei bin und hier nur etwas konstruiere, aber momentan empfinde ich es so, daß es allein diese konkrete Freiheit ist, die mir guttut.
Wenn dann mein Schicksal wäre, keine einzige Frau mehr zu treffen, dann wäre es eben so, aber das, was ich empfinde, kann ich nicht verraten.

Ich habe es anscheinend verloren, mich über die Maßen für einen einzigen Menschen begeistern zu können (mich zu verlieben).

Was ist also da? Gegenseitige Sympathie und körperliche Anziehung, die sich immer wieder neu ergibt. Ich stehe dem dann fast jedes Mal wieder ohne Erklärung und quasi machtlos gegenüber. Für den Verstand wäre es sogar einfacher, wenn es das nicht gäbe. Aber ich kann, wie bei vielen anderen Dingen, nicht mehr anders, als das passieren zu lassen, weil sich sonst etwas tief in mir sträubt.

Ohne mir etwas anzumaßen oder einzubilden, es hätte etwas mit mir zu tun oder dem, was ich tue, hat die Geschichte ohne jede intellektuelle Beschäftigung offensichtlich einige tiefergehende Auswirkungen mit Hochs und Tiefs auf M., aber darum geht es hier nicht. Für mich: Bei Sex gibt es keine Bedeutung. Was sollte denn die Bedeutung sein (was ja nur etwas im Kopf sein kann)? Beziehung oder irgendein Zukunftsprojekt finde ich an der Stelle, wo ich gerade bin, abwegig und abstoßend. Ich zweifle manchmal auch, inwiefern ich nicht einfach nur verantwortungslos und unreif bin. Aber wenn das so ist, dann bin ich das zum ersten Mal konsequent und ehrlich.

Nach dem Spaziergang bereitete ich mich zuerst aufs Gehen vor, während plötzlich ihre spätere Verabredung abgesagt wurde. Dadurch entstand ein unvorhergesehener Raum, in den sich wie in einer Welle ausbreitete, was vorher durch die Unklarheiten und Klarstellungen unmöglich, gestutzt und getrennt schien. Erst durch die Klärung war jetzt wieder eine Annäherung möglich, die sich echter und freier anfühlte. Und obwohl ich im Kopf immer schon gedacht hatte, ich sei “frei”, bekommt das jetzt erst eine konkrete Füllung. Ich kann jetzt sagen: Das erste Mal ist Sex für mich jetzt durch und durch von jeder Problemhaftigkeit befreit. Und das hat nur mit mir selbst zu tun und nichts damit, was passiert. Und es bedeutet auf keinen Fall, daß das jetzt in irgendeiner Form anders oder besser wäre, als das, was ich bisher erlebt habe. Das Wichtigste ist einfach nur dieses Gefühl und das Wissen, völlig in Ordnung zu sein, wie ich bin. Ich kann nicht einmal erklären, an was das genau liegt. Aber es verändert sich alles dadurch.

Dumpfes Denken und Sehnsucht nach Ankommen

Wenig geschlafen, nach all dem Schlaf unter tags gestern. Beim Laufen und anschließendem Krafttraining entwickelte sich eine große Energie. Ich verstand gar nicht, woher das plötzlich aus dem Nichts kam.

Der Tag verlief danach wieder dumpf. Ich hatte Zeit, etwas zu tun, versuchte mich daran, einen Bericht zu schreiben, was aber nicht funktionieren wollte. Ich fühlte mich wie mit einem Brett vorm Kopf. Mein allgemeiner Zustand war recht dünnhäutig und gefühlsbetont. Ich folgte GLs Twitter-Links und surfte etwas im Internet. Mehrmals fühlte ich mich trotz all den negativen, dumpfen Aspekten überwältigt und gerührt von der Bandbreite der menschlichen Möglichkeiten und Betätigungen, von den Hoffnungen und Gefühlen und verborgenen Sehnsüchten, von der Liebe, die dahinter spürbar wird. Als ich vom Rechner aufstand, fühlte ich mich nur noch benebelt.

D. kam abends vorbei für einen Spaziergang. Die Luft nach dem Regen war frisch und feucht. Nebelschleier hingen zwischen den Wiesen. Alles war sehr leise. Die Landschaft um den Schafhof ist jedes Mal wieder ein besonderes Erlebnis. Es ist fast nicht zu glauben, wie nahe diese intensive Landschaft an der Stadt liegt. Die engstehenden Hügel, die Kuhweiden, die vereinzelten alten Bäume und abgestorbenen Stümpfe, der Wald im Hintergrund und vorne die Stadt fügen sich zu einer sehr dichten Atmosphäre zusammen. Das alles strahlt eine tiefe Ruhe und Vertrautheit aus. Hier ist die Welt in Ordnung. Ich stand länger einfach nur da auf der “Sonnenuntergangsswiese” und sah in die Umgebung, betrachtete die langsam fließenden Wolken und die letzten Sonnenstrahlen hinter den Bäumen der nächsten Hügelkuppe. Tränen rannen runter, ohne daß ich wußte, wieso und was genau mich so berührte. Es ist einfach diese Landschaft, die eine Mischung aus unstillbarer Sehnsucht und tiefer Dankbarkeit auslöste.

Ich will gar nichts mehr außer anhalten und zur Ruhe kommen, auch wenn ich dadurch gar nichts mehr zustande bringe. Es gibt einen sich wiederholenden Vorgang: Verlockende Tätigkeiten treten in den Vordergrund, fesseln mein Denken eine Weile (z.B. Musikspielen, Kampfsporttraining, Zeichnen, etc.) und verschwinden dann wieder ins Nichts. Erst dann kann der Wunsch nach Friede und Ankommen wieder in den Vordergrund kommen.

Untätiger Samstag

Heute unter tags viereinhalb Stunden geschlafen. Der Samstag mit dem Hintergedanken, nichts zu tun zu haben, ließ mich zusammensinken. Die bleierne Müdigkeit bestimmte alles und auch dieses ausgeprägte Schwächegefühl war zeitweise wieder da. Es interessierte mich nichts mehr, ich wollte nur schlafen. Ich erledigte nur das Nötigste.

In der Phase, als ich gerade etwas Kraft hatte, kam D. vorbei. Später rief noch meine Schwester an und präsentierte ihre aktuellsten Unklarheiten und darauf aufbauende überstürzte Absichten. Mit einigen Kommentaren brachte ich ihrer träumerischen Schwärmereien unsanft zum Platzen, indem ich laut über die Tatsachen nachdachte. Sie weinte und erst nach einiger Zeit kam das wahre Problem hoch. Doch etwas veränderte sich dann recht plötzlich an einem bestimmten Punkt. Sie hatte irgendetwas erkannt und die Atmosphäre wurde mit einem Mal leicht und klar. Das Gespräch war dann schnell zu Ende. Ich war froh, daß es sich gelöst hatte – nur für mich. Denn ich habe auch unmittelbar damit zu tun, wenn sie mich anruft und damit konfrontiert. Und ich schaffe es mir dann entsprechend vom Hals. Was sie dann damit macht, ist ihre Sache.

Der Tag war durch das Schlafen sehr schnell und recht nutzlos vergangen.
Nur einmal fiel mir ein Buch ins Auge, in dem ich mich dann festlas.
Ich habe für niemand eine Erklärung, wieso mir das etwas gibt, über diese Gartenthemen zu lesen, aber in mir entsteht einfach ein unerkärlich warmes Gefühl, immer mehr wissen zu wollen.
Ich sehe genug Leute, die das alles eher nebenbei machen und dabei sgar noch viel mehr wissen als ich. Ich beschäftige mich momentan hauptberuflich damit und fühle mich immer noch wie ein Totalanfänger.

Es ist augenscheinlich “einfach” und nicht kompliziert. Dabei merke ich erst, wie umfassend es war, mich als Mensch hinter der Kompliziertheit der Informatik und der damit verbundenen Tätigkeit zu verstecken. Dort gab es immer genug Leute, die das bewunderten. Ich empfinde die allgemeine Strömung immer so, als wären die Informatiker die Zauberer und Alchemisten der heutigen Zeit. Keiner versteht es, aber jeder hat Interesse daran, was sie tun, und sie selbst schüren nach Kräften auch noch den großen Zinober darum. Im Grunde ist die ganze Angelegenheit langweilig und tot, eine reine Verlängerung des Denkens. Dabei passiert nichts wirkliches, auch wenn sich augenscheinlich etwas tut – und wenn da noch X Klingeltöne, 3D-Effekte, automatische Rollosteuerungen, Navigationsgeräte und was weiß ich noch alles möglich ist. Als Mensch komme ich dabei zu kurz. Mein Wissensdrang und Entdeckerfreude ist dort schon seit langem völlig erschöpft, weil ich Rechner bis runter auf Maschinenebene kenne. Nicht einmal die idealistische Schiene half mehr, etwas zu finden, was den Menschen hilft (z.B. Medizinanwendungen, etc.). Dann ist einfach Schluß, denn alles, was dann noch kommen kann, sind nur noch Variationen der immer gleichen Zusammenhänge und Problematiken. Bei einem echten Lebensthema gibt es so einen erschöpfenden Totpunkt nicht. Kein Mensch, der selbst etwas tut und etwas will, kein Künstler, kein Forscher, und wohl auch kein Sucher wird jemals sagen, daß er alles erschöpfend erfaßt hat.

Rollen

Ich habe den Verdacht, mich im letzten Eintrag verbastelt zu haben. Deswegen ganz konkret: Im Botanischen Garten erlebte ich alles auf eine bestimmte Art. Die alltäglichen Erlebnisse laufen auf einer bestimmten Ebene des Denkens ab, die auf eine Weise dünner wird oder mehr an der Oberfläche abläuft, als würde es sich immer mehr nach außen bewegen. Ich sehe nur zu, ohne irgendwie anders oder besser sein zu wollen. Ich strenge mich überhaupt nicht mehr an.
Das Leben (”außen”) und meine Erlebnisse (”innen”) sind untrennbar, bzw. dasselbe. Ob es sich um das Verkaufen, das Lernen von Pflanzennamen oder sonst etwas handelt, ist völlig egal. Darunter liegt etwas ganz anderes, und was ich tue, lerne, sage usw. ist dafür völlig bedeutungslos.

Den Markt empfand ich fast wie einen Menschen-Zoo. Alle Arten gab es dort. Überspannte High-Society-Leute, die sich noch im Satz umdrehen und weggehen, als hätten sie vorher nie ein Wort mit dem Gärtner gesprochen, mit dem sie sich unterhalten hatten, sobald sie erfahren, daß es sich nicht um einen Mitarbeiter des Botanischen Gartens handelte, sondern um einen “gewöhnlichen Menschen”. Der ist dann unter der Würde ihrer erhabenen Aufmerksamkeit, obwohl sie im Grunde natürlich genau die gleichen triebgesteuerten, hilflosen, ahnungslosen Tiere sind – nur vielleicht im besseren Gewand – aber nicht einmal die Ausdrucksweise ist besser, eher noch schlimmer, mit den hörbaren Verweisen auf Verborgenes, Verdrängtes, Abgespaltenes.

Dann gab es die üblichen alten Pflanzen-Damen. Die Paare, bei denen er trägt und zahlt, während sie einkauft und bestimmt, usw. Ich schreibe hier nur platte Stereotypen, weil es eben genau nur das war. Schema-Menschen, die sich in ihren Rollen bewegten – ob das jetzt die Rolle des Reichen, Angesehenen oder des ausgestoßenen Sonderlings war, die der erfolgreichen Frau, die der Mutter, usw. Jeder bekommt eine Rolle zugewiesen und nimmt sie auch noch dankbar an. Zwischen den Ausstellern und Gärtnern fühlte ich mich zweischneidig. Einmal läuft da einiges freier und unverstellter ab, aber gleichzeitig schreckte ich auch vor Grobheit, Lautheit und allen möglichen Abhängigkeiten zurück. Ich frage mich, wer überhaupt einigermaßen normal und gesund ist.

Ich merkte dabei, ich suche immer noch nach Gleichklang und Übereinstimmung. Ich suche einen Anlaufpunkt oder “meine Rolle”. Das ohne Wertung zu sehen, zeigt es als naiv und unselbständig. Jemand, der weiß was er will und wer er ist, braucht keine anderen und keine Rollen, um sich festzuhalten, sondern er lebt selbständig.

Ich fühle mich nirgendwo zugehörig, sondern allein. Es geht auch gar nicht anders. Selbst wenn mich die Pflanzen interessieren und ich äußerlich mit den Menschen zu tun habe, fehlt etwas. Innerlich habe ich mit niemand oder besser: mit keiner der vorhandenen Rollen zu tun. Selbst wenn ich Gärtner wäre oder werde, ist das so. Etwas fehlt, ein ganz bestimmter Bereich. Und nur dem fühle ich mich zugehörig. Dort geht es um Empfinden, um Aufrichtigkeit und Offenheit, um vorsichtiges Zuhören und Leben.

Mich interessieren die Besonderheiten von immer neuen Züchtungen und deren unzählige Variationen zu wenig. Ein Züchter oder Sammler werde ich wohl nicht werden. Vielmehr fehlt mir die Feinheit und Wahrheit, der eigentliche Wert der ganzen Angelegenheit. Es geht mir nicht um ein eher wissenschaftliches Interesse an botanischen Besonderheiten, nicht nur um hübsche Blüten, nette Gärtchen oder Entspannung. Mir fehlt ein Blick für das Ganze und für dessen Wert. Mich interessiert dieser Bereich einer bestimmten, ungenutzten Empfindungsfähigkeit – eine übergangene, menschliche Möglichkeit, sich ganz zu erfahren und anzukommen. Das Wichtigste an einem Garten ist für mich die Ausstrahlung und die Wirkung als Gesamtheit in dieser Hinsicht. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das verständlich ist, weil ich selbst zu unklar darüber bin. Ich weiß auch nicht, ob überhaupt jemand soetwas will? Aber andersherum: Wo geht einer hin, der einen “bewußten”, innerlich wertvollen und wirksamen Garten will?

Ich bin noch sehr unklar über das, was ich schreibe. Es sind nur Schemen.
Momentan geht es nur um die Details, die es zu lernen gibt. Denn nur so geht es für mich. Wenn ich von “oben” käme und z.B. Landschaftsarchitektur studieren würde, käme ich aus der Unsicherheit und Angst gar nicht mehr heraus. Ich muß immer wissen, wovon ich rede, denn bei mir geht es in jeder Hinsicht nur immer “bottom-up”. Und dabei geht es nicht darum, was und ob am Ende dabei überhaupt etwas herauskommt. Genauso war es ja auch bei den Rechnern. Ich habe mit den Konzepten (top-down) in der Uni immer Probleme gehabt. Verstanden hatte ich erst etwas, wenn ich es für mich übersetzen, es programmieren und praktisch damit umgehen konnte.

Wo mich das hinführt und welche Rolle ich zu erfüllen habe und ob das alles überhaupt einen Sinn hat, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß es sich richtig anfühlt, nichts anderes zu wollen, als was sich gerade ergibt. Wenn ich damit grundsätzlich übereinstimme, dann ist der tägliche Pendelausschlag in die eine oder andere Richtung unerheblich. Dann ist soetwas wie Gleichmut überhaupt erst möglich. Vorher ging das nicht, denn etwas in mir rebellierte noch. In selbstauferlegten Abhängigkeiten, Konditionierungen oder anderen Verstrickungen zu verharren, um dort demgegenüber Gleichmut zu entwickeln ist genauso fehl am Platz, wie sofort etwas am Wahrgenommenen verbessern und herumbasteln zu wollen beim ersten Anflug von genauerem Klarwerden über die eigene existentielle Situation.

Sein

[Gestern geschrieben, aber nicht mehr hochgeladen, denn ich war so müde, daß ich erst noch die vielen Fehler korrigieren wollte.]

Ich kam gestern erst um elf Uhr nach Hause, nachdem ich mitgeholfen hatte, einen Verkaufsstand für einen Markt im Botanischen Garten aufzubauen.
Übrigens hatte ich schon morgens eine sehr deutliche Veränderung der körperlichen Kraft erlebt.

Heute war ich nach der Schule wieder sehr müde. Am Hauptbahnhof konnte ich aber nicht in den Zug einsteigen. Der war kürzer wie normal, völlig überfüllt und dann noch voll mit lautstark grölenden Betrunkenen. Ich fühlte mich elend, überall nur Krankheit und Kaputtheit. Ich machte kehrt und fuhr dann heute nochmal in den Botanischen Garten.

Der Eindruck kam auf, daß das immer schon mein Weg war. Ich bin immer nur auf der Flucht vor den unschönen, kaputten Dingen. Was ich wertvoll und schön finde, ist weit weg, zerrinnt mir immer zwischen den Fingern oder ich habe nicht im Ansatz die Kraft, es selbst hervorzubringen. Ich schaffe es gerade noch, in meinem eigenen Umfeld Ordnung zu halten.

Im Botanischen Garten half ich etwas am Stand der Gärtnerei mit. Es war gut, herzukommen. Der Meister lud mich auf einen Rundgang durch den Park außerhalb des Marktes ein, um mir seine Lieblingsecken und -pflanzen zu zeigen. Da ich recht wenig Kontakt mit ihm habe, freute ich mich über die Möglichkeit, von seinem enormen Wissen zu profitieren, auch außerhalb des täglichen Arbeitsfeldes mehrjähriger Stauden. Er ist ein Typ, der ohne Pause reden kann und ein seltenes Verkaufstalent hat. Der Ausflug war sehr lohnenswert. Nicht nur wegen den Pflanzen, sondern auch menschlich. Es kam nämlich sehr stark bei mir an, was er aus seinem Leben gemacht hat. Er hat sich und sein Leben quasi selbst erschaffen. Obwohl ich vieles grundlegend anders sehe, hatte ich einen enormen Respekt vor den Tatsachen, die er allein durch seine Art hervorgebracht hat und von den Wirkungen, die davon ausgehen. Das empfand ich als sehr wohltuend – ein Mensch, der mit aller Kraft sein eigenes Leben lebt, ist wertvoller als jedes Konzept oder jede Lehre über das Leben.

Bei Gurdjieff heißt das “Sein”, als komplementärer Teil zu Wissen.

Sein bedeutet, von der Zerstreuung durch Ablenkungen freizusein. Das ist mit allem so. Wenn einer ein Firmenchef ist, dann geht das nur mit konsequenter Widmung und Ausrichtung der Lebensführung darauf. Aber nicht, weil er dies oder jenes machen oder sich etwas anderes verkneifen muß, sondern er handelt in völliger Freiheit und einfach entsprechend dem, was die Situation erfordert. Wenn er aber ein bestimmtes Pensum nicht erfüllt, dann wird keine Firmenleitung herauskommen und man wird ihn nicht einen Firmenchef nennen können.

Wenn einer ein Sucher ist, dann geht das auch nur so. Es ist wohl eher ein Schicksal. Man kann nur professioneller werden, sich dem zu stellen. Egal bei was und in welcher Form, das Leben muß gelebt werden und etwas ausdrücken. Selbst wenn nichts ausgedrückt wird, im Sinne von Produzieren, Hervorbringen, Lehren, oder auch Verstehen, etc., gibt es immer noch eine bestimmte Wirkung. Es ist unmöglich, nichts auszudrücken oder nicht zu “wirken”. Jeder trägt auf eine Weise etwas bei. Wichtig ist dabei, daß diese Wirkung ganz unabhängig von der eigenen Vorstellung davon ist und schon gar nicht gesteuert werden kann.

Hineinsteigern und Umstellung

Die letzten beiden Tage hatte ich mich hineingesteigert. Abends saß ich jeweils lang am Rechner und las Seiten über die Wirtschaftssystemkrise. Das tat mir nicht gut, denn so spät abends kommt nichts dabei heraus, vor allem keine Klarheit, sondern nur ein Gemisch aus diffusen Gefühlen, Verstandesarbeit und am Ende ein großes, psychisches und körperliches Durcheinander. Trotzdem lief es gestern nochmal genauso ab. Der Hintergrund war eine hilflose Angst vor Gewalt, die in mir aufkam und mit der ich nicht fertigwurde. Das drehte sich wie im Kreis, bis ich am Ende schon Waffen auf Militärshop-Seiten bestellt hatte. Am Ende sah ich mir das nochmal an und hatte die Bestellung letztendlich doch nicht abgeschickt. Plötzlich wurde mir klar, wie unklar und durcheinander ich war und wie der Verstand alles zu einem großen Chaos aufgebauscht hat.

Morgens wachte ich an beiden Tagen wie gerädert mit starken Bauchschmerzen auf und konnte nicht laufen.

Gestern und heute hatte ich abends nach der Arbeit eine Art leichten Schwächeanfall, ähnlich einem Hungerast bei zu langem Ausdauersport. Ich fühlte mich sehr plötzlich schlapp und schwach und begann sogar zu zittern.
Als ich die Anzeichen heute auf dem Rückweg mit dem Rad bemerkte, fiel mir noch etwas zu Ernährung ein, das ich im Wiki gelesen hatte. Ich fuhr von selbst beim Bioladen vorbei und kaufte eine Salami – ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal Wurst oder Fleisch gekauft habe. Ich habe mich lange nur vegetarisch ernährt. Als Kind mochte ich Wurst und Fleisch nur wenig und ekelte mich oft davor. Obwohl ich den Lebensstil als eiserne Regel und Ideologie schon länger fallen gelassen habe und ab und zu Fleisch aß bei Einladungen oder in einem Restaurant, habe ich es doch nie für mich gekauft.

Heute kam das von ganz allein. Mein Körper verlangte sehr deutlich danach. Ich kann mich ebenfalls nicht erinnern, wann ich das letzte Mal mit so einer animalischen, körperlichen Lust gegessen habe. Hier kommt jetzt offensichtlich einiges zusammen und die Vorgänge sind richtiggehend stofflich, nicht im Kopf: Der Wegfall von Ideologie und Verstandesüberbau (und damit auch immer ein Stück konstruierter Besonderheit) verknüpft mit meiner früheren Ablehnung von Körperlichkeit führt zu einer Art Pendelschwung auf die andere Seite. Die Müdigkeit ist wahrscheinlich ein Ausdruck einer Art Umstellung. Vorher habe ich ebenfalls noch eine dreiviertel Stunde geschlafen. Mir kam auch eine Stelle im Buch von Reshad Feild in Erinnerung, an der davon die Rede ist, daß auf ausreichende Versorgung mit Eiweiß zu achten ist, sobald “der Prozeß” (also die Rücknahme von Leben im Verstand) beginnt.

Weniger verschlafen

Heute fühlte ich mich anfangs wieder ganz normal. Ich hatte gestern und heute nachgelesen zur Entwicklung der Wirtschaftssystemkrise, nachdem ich bezüglich des Themas lange untergetaucht war. Ganz klar lag vor mir, was ich dabei für mich noch zu erledigen habe. Ich fühlte dabei eine Kraft aufkeimen, trotz der beängstigenden Vorstellungen, die ich von möglichen Szenarien habe, wenigstens jetzt alles auszuschöpfen, was mir möglich ist, statt einfach nur zu schlafen.

Auf dem Rückweg bin ich im Zug wieder eingeschlafen.

Ich hatte mich schon letzte Woche auf zwei kurze Software-Projekte beworben, die ich innerhalb eines Urlaubmonats übernehmen könnte. (Es gibt solche Kurzeinsätze nicht sehr häufig, aber innerhalb von zwei Wochen bekam ich gleich mehrere Anfragen.) Ich wurde abgelehnt. Bei einem Projekt explizit wegen eines zu hohen Preises. Aber für den Preis der Konkurrenten, den ich in einem Gespräch herausbekam (über ein Viertel weniger als ich verlangte), hätte ich nicht einmal in der direkten Umgebung gearbeitet, geschweige denn in einer anderen Stadt, wo ich noch Reisekosten und Unterkunft bezahlen müßte. Diese Verhandlungen liefen zum ersten Mal in völliger Freiheit ab. Sollten sich doch diese anderen für den Preis hergeben. Das hatte ich schon früher gemacht und mich dann wie ein Depp gefühlt, als ich die internen Stundensatzstatistiken der Freiberuflerplattform zu sehen bekam, in der ich noch nicht einmal am unteren Ende aufgeführt gewesen wäre. Und das, obwohl ich damals (vor ca. 1 3/4 Jahren) mittelbar für einen Konzern tätig war. Zum Glück bin ich gerade nicht darauf angewiesen und kann in aller Freiheit verhandeln und mich ausprobieren.
Ich will gerne noch kurzfristig Geld verdienen, aber verkaufen werde ich mich dafür sicher nicht. Allein dieses Gefühl zu haben ist unbezahlbar: Ausstrahlen zu können, was ich will und mir zugestehe – Meine Forderungen zu stellen in völliger Ruhe, ohne jede aufgezwungene Überheblichkeit oder auch Ängstlichkeit in der Stimme, oder sonstige Abtrennungen, auch nicht vom Gesprächspartner. Einfach nur ganz da. Wenn nicht darauf eingegangen wird, super: dann bleibe ich hier und mache einfach weiter. Im anderen Fall ist es auch gut, dann verdiene ich nochmal Geld, das mir eine Weile weiterhilft.
In so einer Situation, in der ich nur gewinnen kann, ist es ja einfach, locker zu bleiben. Aber für mich war das Wichtigste die Erfahrung, innerlich so frei zu sein und alles sagen zu können, weil ich mich selbst entsprechend wertvoll fühlte.

Dieses Gefühl zog sich durch den Tag: Zu wissen, was ich will und was ich dafür zu tun habe.

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