Gedanken ordnen zur Verstandessucht

Die letzten beiden Tage habe ich fast nur geschlafen und gegessen. Es ist immer noch etwas da von der Krankheit. Ich fühle mich zwar besser, aber etwas arbeitet noch spürbar.

Ich habe immer wieder versucht, die Lösung zur Verstandessucht zu untersuchen, das Selbstgewahrsein praktisch zu finden und auszuprobieren. Zwischendrin habe ich wieder gar nichts verstanden und mir alles Bisherige dazu durchgelesen, ebenfalls den ersten Teil im Wirkgilde-Buch.

Ich bin soweit gekommen: Alles, was ich versuche oder bisher als “Lösung” finden wollte, war nur immer im Verstand. Es geht dann um etwas, das ich nicht kenne, aber mir vorstelle, daß es etwas geben müßte. Ich steigere mich dann immer mehr hinein in eine verbohrte Vorstellung von etwas Geistigem. So kann das nicht funktionieren. Darauf wurde ich schon hingewiesen, daß ich grundsätzlich zuerst den Verstand einschalte bevor ich überhaupt auch nur auf eine andere Möglichkeit kommen könnte.

Die Aufmerksamkeit auf dem Empfinden zu existieren ist etwas ganz anderes. Zuerst hatte ich entsprechend einem früheren Irrtum gemeint, das wäre die “andere Richtung”. Also nicht “rauf” oder noch höher ins Geistige (s.o.), sondern “runter” in den Körper. Aber das stimmt so auch nicht. Dann stiere ich eben auf den Körper statt auf Gedankenreaktionen im Verstand. Aber eine Lösung ist das genausowenig. Auf den Körper zu schauen ist auch nur mittelbar, also eigentlich genauso der Verstand, wenn vielleicht auch etwas handfester, weniger flüchtig und verwirrend. Die unbewußten Reaktionen auf den Verstand gehen dabei aber weiter, auch wenn vielleicht bei äußeren Handlungen ein kleine Veränderung stattfindet (etwas weniger durcheinander oder achtlos). Beim Existieren zu bleiben ist dagegen unmittelbar – sonst könnte ich ja schon gar nichts wahrnehmen.

Das kann besser untersucht werden, wo ich gar nichts mehr tue. Dazu hatte ich jetzt genügend Gelegenheit, z.B. dazuliegen mit geschlossenen Augen und dazubleiben, darauf achten, was vor dem Einschlafen und vor allem nach dem Aufwachen geschieht. Was ist anders, wenn ich gerade aufgewacht bin? Da ist immer noch etwas gleich wie im Schlaf, doch dann kommen Sinneswahrnehmungen und Handlungen dazu, die anfangs noch etwas unverwandt ablaufen, später bin ich dann fester damit verbunden. Das Empfinden nach dem Aufwachen, daß da noch etwas gleichgeblieben ist, weist genau auf dieses Wissen, zu existieren. Ich finde das Wort Wissen nicht passend, denn es ist kein Wissen im Kopf wie etwas, das ich gelernt habe, sondern es ist ganz fraglos, nicht etwas, daß ich mir erst aus der Erinnerung abrufen oder sonst mental überprüfen müßte. Deswegen ist es wahrscheinlich auch so vergessen, weil es eben gar nicht erst im Verstand auftaucht. Das klarer auszumachen und mit der Aufmerksamkeit dorthin zurückkommen zu können ist meine momentane Lösung zur Verstandessucht.

Mit diesem Anhaltspunkt, wenn die Aufmerksamkeit dort ist (praktisch), ist klar, daß der Verstand sich überhalb abspielt und auf unzählige Weise mehr aus einer Situation macht, alle möglichen Auswirkungen und Fortgänge berechnet, Angst vor der Unsicherheit hereinbringt und sie dann wieder zu lösen versucht oder auf der anderen Seite mehr herauszuholen versucht durch Hineinsteigern und künstliches Verstärken von Emotionen.

Das sind Versuche, wenigstens meine Gedanken dazu etwas zu ordnen. Es gibt noch viele Auswirkungen und Implikationen, z.B. der schwelende Zusammenhang mit dieser Kraft/Wut/Zorn, die ich gar nicht absehen, vorwegnehmen oder nur denken kann. Dann wird das ganze erst wirklich wirksam und dann geht es erst los. Ohne auf den Verstand zu schauen ist gar nichts mehr festgelegt, kein Berechnen und kein Taktieren mehr. Dann weiß ich selbst nicht, wie ich auf etwas reagieren werde, bevor ich nicht direkt in der Situation bin. Dieses ganze Selbstkontrollieren und sogar die Vorstellung, daß ich das könnte oder sollte, gehört alles zum Verstand. Ich merke vage, daß das bei mir noch sehr sehr stark und tief verankert ist. Ich habe fast mein ganzes Leben versucht, meine Beweggründe und Sehnsüchte nach außen zu verstecken, geschweige denn sie direkt zu verfolgen und für mich einzustehen. Ich habe das alles schon früher geschrieben, doch vielleicht kommt das immer wieder, auf anderen Ebenen und in anderen Bereichen, vielleicht ist das auch einfach ein Hauptthema, worum ich noch länger kreise.

Traum von drei Geschlechtsteilen

Ein Traumabschnitt in einem größeren Zusammenhang, an den ich mich aber nicht erinnere:

Ich stehe nackt auf einem Balkon und begutachte meinen Unterleib (die Umgebung ähnelt der Wohnung, in der ich als Kind aufgewachsen bin, allerdings in einem oberen Stockwerk statt im Erdgeschoß). Dann ziehe ich mich an. Gerade zuvor habe ich von einer Ärztin ein drittes männliches Geschlechtsteil angenäht bekommen (in einem Dreieck angeordnet), das ich zuvor irgendwoher zurückbekommen hatte. Einerseits ist es jetzt recht eng in der Unterhose mit drei Penissen und drei Hoden, andererseits habe ich ein unerklärliches Gefühl, das erste Mal vollständig zu sein. Ich schwanke zwischen diesen Empfindungen, das sei unnormal (was werden andere sagen beim Umziehen/im Schwimmbad etc.) bzw. mich vollständig zu fühlen.

Deutung:

1. Ich schwanke zwischen der Sicht anderer (drei Geschlechtsteile sind unnormal) und meinem eigenen Empfinden von dem, was für mich stimmig und richtig ist.

2. Durch das Durchschauen von Abhängigkeiten und Selbstunterdrückung bin ich nicht nicht mehr hilflos und “kastriert”, wie ich vor kurzem geschrieben habe. Die Kastration wird rückgängig gemacht, sogar überkompensiert.

3. Es hat auch noch etwas mit Minderwertigkeitsgefühlen bzgl. mangelnder Männlichkeit zu tun. Ich gleiche das aus durch Überkompensation = übertriebene Selbstbestätigung. Vielleicht hat das etwas mit der körperlichen Arbeit zu tun, zumindest deutet es darauf hin, mir mit Absicht die härtesten Teile heranzuziehen, um mir etwas zu beweisen. Auch in anderen Bereichen gibt es diese Tendenzen, mir etwas beweisen zu müssen. Das hängt auch noch zusammen mit gegenteiligen Vorstellungen, daß ich nicht genüge, wie ich bin und ich mich viel mehr anstrengen muß, als ich das tue.

Mutter-Kind-Reaktion

Meine Mutter hat mich noch angerufen. Sie schien guter Dinge und schlug mir eine “Zusammenarbeit” vor, irgendetwas mit Heilen, Energieübertragung, Auflösung, etc., anscheinend die neueste Beschäftigung. Ich war sofort unglaublich abgestoßen. Nicht nur von dem Gerede, von dieser unglaublichen Arroganz, diesen Träumereien, irgendetwas ganz Besonderes zu machen und an anderen herumpopeln zu können anstatt vor der eigenen Tür zu kehren. (Wo ich das selbst herhabe, insbesondere die eingebildete Wichtigkeit, ist mir dann natürlich sofort klar. Die eigenen Schwachpunkte bei anderen zu sehen ist das größte rote Tuch und am abstoßendsten.)

Ich hatte noch gemeint, sie wäre gekränkt oder getroffen von meinen letzten Äußerungen, die für mich ziemlich tief gehen. Nichts dergleichen. Ich war erstaunt und ernüchtert, wie unverdrossen sie schien und wie unverfroren ich das fand. Und sie wollte mir gleich wieder etwas antragen. Und wenn ich diese “Liebe” nicht will, dann ist sie vor den Kopf gestoßen und kann sogar richtig boshaft werden. Irgendwann muß ich es doch einmal einsehen, daß sich die Sicht meiner Mutter auf mich wahrscheinlich nie ändern wird, Objekt ihrer Vorstellungen und “Liebe” zu sein und dafür herhalten zu müssen, ihr etwas zu schulden, usw. Ich habe offensichtlich noch immer erwartet, das so eine Änderung möglich wäre. Aber wieso sollte sich hier etwas ändern? Mein Interesse daran ist schon falsch, denn dann will ich ja noch etwas von ihr, genauso wie sie etwas von mir will. Dann bin ich noch abhängig. Aber das ist alles schon durch. Es ist tot, ich will da nichts mehr. Es ist nur noch ein unbewußter Ablauf aus Gewohnheit.

Im Nachhinein hat alles in mir rebelliert. Gegen meine eigene Zurückhaltung und Unterdrückung dieser Wut. Schon bei dem Besuch am WE war das wieder passiert. Ich hatte mich doch wieder beschwichtigt, doch noch Vermittlung gesucht und den lieben Frieden (eine Lüge) aufrechterhalten, indem ich etwas hinunterschluckte und mich verleugnete. – Jetzt ist das endgültig für mich abgeschlossen. Ich kann und will gar nichts mehr zurückhalten, irgendwelche Auswirkungen vermeiden wollen und mich kontrollieren. Das geht einfach nicht, es geht mir schlecht damit, es vergiftet mich, mir bleibt alles im Hals und im ganzen Körper stecken. Die Lungenentzündung ist überhaupt kein Wunder, sie zeigt genau darauf, daß ich mich nicht frei atmen lasse. Ich brauche auch niemand meine Beweggründe oder Reaktionen erklären und mir schon gar nicht in meinen seelischen Vorgängen herumpopeln lassen. Ich war wieder voll darauf reingefallen und habe mich selbst wieder zum Kind gemacht. Gerade bei diesen tieferen Dingen, die mich selbst betreffen, gibt es keine Verständigung und kein Teilen. Das ist nur eine sentimentale Vorstellung und eine hübsche (heilige) Tarnung dafür, daß ich in Wahrheit nicht alleinstehen kann. Genau darauf war es wieder hinausgelaufen.

Besuch der Eltern

Meine Eltern waren heute zu Besuch. Ich merke, daß ich Probleme habe, wenn ich mit beiden gleichzeitig zu tun habe. Die ganze Art und Weise, die verhaltene Art, das Herumdrucksen und Taktieren gegenüber dem anderen, das Kuschen, diese Machtspiele, dieses tönende Herumwerfen mit Ansichten und Aufgeschnapptem, das alles stößt mich mittlerweile sehr ab. Ich habe kein Verständnis dafür und es wäre auch völlig falsch dafür “Verständnis” zu haben – ich würde mich und meinen Standpunkt ansonsten ja mit Füßen treten. Ich fragte mich trotzdem, ob das nicht bedeutet, daß ich auf eine andere Art einfach genauso stur bin und dann die Seiten aufeinanderprallen.
Das zeigte sich im Verlauf:

Sobald nur ein Hauch von einem Gespräch entstand, gelangte ich immer sofort an einen Punkt, den ich anscheinend gar nicht bemerkt hatte und mußte aufgeben in einem Hagel aus Rechtfertigungen und Gegenargumentieren. Trotz aller Beteuerungen, man wäre ja offen, würde sich tatsächlich für mich interessieren, usw. Das alles stimmt einfach nicht.
Es prallten nicht Standpunkte aufeinander. Selbst bei gegenteiligen Ansichten ist immer etwas wie Verständnis oder Nachvollziehen, zumindest offenes Zuhören möglich. Nicht so bei Nicht-Standpunkten, bei völliger Weigerung, auf eigenen Beinen zu stehen und von sich aus zu sprechen. Und diese Weigerung kann die größte und ungreifbarste Sturheit überhaupt sein. Dann ist kein Kontakt und kein Austausch möglich.

Ich hätte fast jeden Moment explodieren können. Aber etwas hält mich dann immer wieder zurück. Das ist nicht legitim, ich trage anderen etwas hinterher, ich will meine Eltern anscheinend von einer “Wahrheit” überzeugen. Abgesehen davon, daß das nie funktioniert – ich hänge selbst in dieser Schleife zwischen Herausschreien-wollen und der Tatsache, daß es hier um die Eigenständigkeit von anderen geht und ich mich selbst an sie hinhänge.

Erst beim Schreiben wird mir jetzt diese Verstrickung klarer. Ich falle automatisch in die Kind-Sicht zurück, ich hätte irgendetwas mit meinen Eltern zu tun oder als gäbe es eine zwingende Verbindung. Dann falle ich auch dort hinein, daß ich etwas damit zu tun hätte, was zwischen meinen Eltern abläuft oder wie sie denken und leben. Und dann wird es nur noch frustrierend und ich finde mich in wirren Diskussionen wieder, die mit Blockaden und scharfen Waffen um den heißen Brei geführt werden.

Ich weiß nur, in mir ist eine große Wut, die alles niederreißen will. Ich habe damit früher schon ein paar Mal diese Grenze des Bereichs der anderen übertreten, aber danach bereute ich es, weil es mich nichts angeht und es sehr viel Mißachtung und Überheblichkeit beinhaltet.

Wenn es um etwas geht, das mich direkt betrifft, dann kann ich alles sagen, insbesondere wie ich mich schon in einem einfachen Gespräch übergangen und mundtot gemacht fühle, während das Gegenüber anscheinend aus allen Wolken fällt. Doch dann auch noch das Getue, es bestünde Interesse an Wahrheit oder mehr Verständnis. Sobald es auch nur einen Millimeter in die Nähe von etwas geht, sind die scharfen Waffen im Anschlag.

Das Ergebnis ist jetzt für mich, daß dieser Zorn in mir ist und ich gar nicht weiß, wohin damit. Ich könnte immer noch explodieren. Ich bin unglaublich wütend, wenn ich es mir nur einmal eingestehe, so daß ich meinen Eltern fast nicht in die Augen schauen konnte, damit der Vulkan nicht sofort ausbricht. Ich kann das jetzt nicht mehr so kontrollieren.

Nach dem Besuch war ich sehr müde.

Später rief mich meine Mutter noch an und fragte nach, wegen meiner Krankheit, ob ich wisse, was die Ursache sei – sie hätte da soetwas gespürt. Ich sagte ihr, daß ich das für mich wüßte aber wieso sie das interessiere, denn schließlich beträfe mich das selbst. Sie beteuerte mehrmals, es unbedingt wissen zu wollen, wenn ich es teilen wollte. Ich mußte mich irgendwie dazu durchringen und auch einen Stolz verabschieden. Auch ignorierte ich die Gedanken, es handle sich bei ihr um eine Art esoterische Lüsternheit. Wieso sollte ich für sie denken und ihr irgendwelche Beweggründe unterstellen? Es ist doch möglich, klar miteinander zu sprechen. Dann sagte ich alles, was ich schon dazu aufgeschrieben habe. Erst im Lauf meiner Schilderung spürte ich die Wut nur ganz langsam hochkommen. Zu Beginn war ich völlig ruhig, fast gleichgültig. Ich würge diese Wut-Energie immer noch gewohnheitsmäßig ab. Meine Mutter schien das alles still aufzunehmen und beendete kurz später spürbar getroffen das Gespräch. – Nachher war ich nicht sicher, ob mir das überhaupt irgendetwas an Genugtuung oder Erleichterung gebracht hat, meiner Mutter das zu sagen. Auf eine Weise ja, aber anders als erwartet, viel stiller und unspektakulärer. Ich war auch überrascht über die unerwartete Größe, die sie in dem Moment gezeigt hat. (Was sie damit macht, weiß ich nicht. Ich hoffe nur für sie, sie gräbt sich nicht wieder einmal in dieses verdammte Selbstmitleid ein.)

Ansonsten blieb dieser Zorn unverändert bestehen. Er hat vielmehr etwas mit mir zu tun und meinem aktuellen Leben, mit meiner Sicht auf mich, meine Möglichkeit, eigene Interessen zu vertreten und der Umgang mit anderen, der sich daraus ergibt.

Echtes Erleben statt Verstand

Ich fühlte mich heute gut genug und war das erste Mal seit langem draußen, um ein paar Besorgungen zu erledigen. Außerdem war in der Wohnung unbedingt putzen nötig. Nach diesen Aktivitäten war ich sehr müde, wie nach einem harten Arbeitstag. Trotz besseren Allgemeinempfindens muß ich die Schwächung berücksichtigen.

Unter Menschen war das Erleben wieder ähnlich wie vor zwei Tagen. Wenn ich nicht im Alltags-Tunnelblick herumlaufe und ständig zukünftige Vorhaben im Kopf habe, sondern da bin, dann sieht alles viel farbiger aus, interessant und bedeutungsvoll. Die einfachsten Dinge und Kontakte werden dann plötzlich zu tiefen menschlichen Begegnungen. Mir fiel sehr deutlich auf, wie ich ansonsten das meiste übergehe mit Gewohnheitsgedanken, die Menschen nur als Hindernisse auf dem Gehweg sehe, die Umgebung als bekannt abtue, ohne genau hinzusehen. In Wirklichkeit ist nie alles gleich oder banal oder langweilig. Nur per Verstand erzeuge ich diese Oberflächlichkeit, indem ich mit Abbildern und Abstraktionen im Kopf hantiere, statt wirklich zu erleben.

Durch einen Zufall war ich in ein Auswandererforum geraten und hatte einiges darin gelesen. Der ganze Realismus darin, die Beschäftigung mit Vorbereitungen und Härten, mit Möglichkeiten zum selbständigen Geldverdienen, der realistische Blick auf momentane und erwartete Lebensumstände usw. richtete in mir etwas klarer aus. Mir wurde nochmal klarer, in welcher Traumwelt ich hier bislang gelebt habe. So als würde von irgendwoher schon Hilfe kommen im schlimmsten Fall. Das kann ich zwar scheinbar durchschauen und bekritteln, aber meine eigene Abhängigkeit von anderen, vom Staat, von diesem ganzen Gewohnheits- und Denksystem geht sehr tief. Die realistischen Härten und das volle Leben, dem diese Auswanderer in einem anderen Land ausgesetzt sind, genau diese Unmittelbarkeit und Dringlichkeit besteht hier in Wahrheit auch. Nur ist es möglich, mir das hier wegzulügen, es zu ignorieren und dafür in bequemlicher Abhängigkeit zu leben. Freiheit ist dann nur noch ein Wort, eine Vorstellung, ein Ideal, eine Idee, aber nicht die Wirklichkeit, die ich erlebe.

Und das hat eben nicht etwas mit einer bestimmten Form von äußerlicher Unabhängigkeit zu tun, die mir unterschwellig vorgeschwebt ist – so als müßte ich alles allein lösen und können, ohne jeden Zusammenhang mit anderen. Das ist eher ein verdrehtes, stolzes Selbstbild vom Eremiten mitten unter anderen. Es geht darum, konkret zu wissen, wer ich bin und und zu tun, was mir entspricht – wieso würde ich auch etwas anderes tun. Dieser unerwartete Eindruck aus diesem Forum löst einiges in mir aus, weil es genau dazu paßt, was in mir gerade los ist. Dieser Zorn bzw. eigene Kraft, die noch völlig in der Luft hängt. Aber da ist ganz deutlich etwas. Mein Eindruck ist, daß diese Krankheit eine Art Staubschicht weggewischt hat.

Verstandessucht untersuchen

Gestern abend hatte ich bis in die Nacht einen mehr als drei Stunden dauernden Hustenanfall, obwohl der Husten jetzt schon seit mehreren Tagen immer weniger und leichter wurde. Nichts half, kein Tee, kein Inhalieren, kein Lüften, keine Akkupressur. Es war, als würde ich jetzt alles aushusten müssen, was an Krankheit da war, bis ich mich fast übergeben mußte und Bauchmuskelkrämpfe hatte.

Mir fiel irgendwann auf, daß ich beim kleinsten Anzeichen einer kurzen Pause sofort in eine Traumwelt verschwand. Ich sah den Husten nur wie eine lästige Störung, nicht etwas, was jetzt passiert und etwas mit mir zu tun hat. Es dauerte eine ziemliche Zeit, bis ich das kapiert habe. Dann blieb ich mehr im Moment und versuchte nicht mehr, zu verschwinden und mich innerlich zu sträuben. Es hatte schließlich sowieso keinen Sinn und es war nur etwas, das ich mir im Verstand vormachte. Es macht einen großen Unterschied, wie ich mich selbst sehe und mit mir umgehe. Der Körper ist doch nicht nur ein Apparat, auf den ich wütend sein könnte, wenn er nicht funktioniert und von dem ich ansonsten geistig unabhängig wäre. Das war offensichtlich meine Sicht: Er soll funktionieren und ansonsten nicht in Erscheinung treten und mich in meiner geistigen Welt in Ruhe lassen.

Als ich das verstanden hatte, änderte sich etwas: Dann erlebte ich stattdessen auch das, was ich vorher als unangenehm und lästig abgetan hatte. Die vorherige Art des Umgangs mit mir ist lieblos und außerdem eine Selbst-Täuschung. So als könnte ich die Aufmerksamkeit nach meinen eigenen Vorstellungen lenken. Und wenn mir der Moment nicht paßt, dann flüchte ich in den Verstand.

Irgendwann konnte ich dann miterleben, wie der Hustenreiz von selbst abebbte. Dann konnte ich schlafen.

Heute war dieser starke Druckkopfschmerz leichter. Ich versuchte dann, das Verstandessuchtthema neu anzugehen und herauszufinden, wo ich es nicht verstanden habe. Ich muß mir eingestehen, daß ich die Grundfragen dazu selbst nicht beantworten kann. Ich kann ein paar gelesene Antworten nachahmen, habe es aber selbst nicht verstanden. Das Empfinden zu existieren ist irgendwie viel zu schwach. Ich war nach einiger Zeit enttäuscht, wie leicht das verloren geht und ich mich in Gedanken wiederfinde (welchen Brief ich noch schreiben müßte, wen ich anrufen muß, noch einen Tee zu kochen, etc. – es ärgerte mich, daß es immer irgendetwas Unbedeutendes war, ich aber sofort darauf angesprungen war).

Ich weiß nicht einmal, ob es möglich ist, ein besseres oder tieferes Verständnis oder wirksameres Empfinden davon zu haben oder was auch immer, so daß Gedanken sich viel deutlicher als solche davon abheben. So daß Sein und Gedanken klar unterschieden sind. Mein Zustand ist, daß das Empfinden zu sein und Gedanken fast nahtlos und unterscheidungslos ineinander übergehen. Das ist tiefer Schlaf. Ich merke kaum, wenn das eine anfängt und das andere aufhört, wann ich die Wirklichkeit und wann die Leinwand des Verstandesfilms sehe. Wie in der Süddeutschen (oder jedem anderen Massenmedium) – ein Kern Wahrheit gemischt mit zig Meinungen, Ansichten und Verdrehungen, die als solches in “objektiver Berichterstattung” implizit einfließen und nur bei genauem Hinsehen als solche erkennbar sind. Nur innerhalb dieser beschränkten Welt scheint alles schlüssig und zusammenhängend.

Bei mir läuft genau so ein verwirrendes Betrugssystem im Kopf ab, während die Tatsachen einfach sind. Besser gesagt, ich bin verantwortlich für die immer neuen Verwirrungen, aber mir ist noch nicht klar, wieso ich das betreibe. Und ich verstehe nicht, wieso es anscheinend so schwer ist, beim Naheliegendsten zu bleiben. Selbst wenn ich nur hier liege. Ich habe lediglich verstanden, daß es auch schon ein Selbstbetrug ist, es als schwer anzusehen und damit die Sache wieder künstlich aufzubauschen, als Hindernis, Zeit hereinzubringen und Übung, usw. Aber wo ist die Unmittelbarkeit? Wo ist der Punkt, damit ich mich nicht immer wieder selbst verarsche mit einem Verstandesfilm? Ich kann nur zu mir selbst zurückkommen – aber trotzdem verliere ich es gleich wieder. Ich habe zwei Dinge: 1. Vertrauen in andere, die mir zu verstehen geben, daß es eine Lösung gibt. (Aber ich bewege mich offensichtlich bisher nur innerhalb des Verstandes und da gibt es keine.) 2. Das praktische Vorgehen/Experiment, hierzubleiben, ganz einfach im Moment und zu empfinden, dazusein. Und das auf jeden Moment anzuwenden. Ich habe das bisher offensichtlich viel zu wenig und zu lax behandelt, was dagegen praktischen Einsatz und auch einmal klares Nachdenken erfordert.

Besserung und Stolz

Der Besuch bei der Ärztin war erfreulich. Zuerst freute ich mich, hier herauszukommen. Ich fühlte mich heute wieder besser. Es geht langsam, aber stetig. Eine Bekannte fuhr mich. In der Stadt fühlte ich mich wie neugeboren, fast als würde ich alles zum ersten Mal erleben. All diese Menschen und ihre Besonderheiten, die hochhackige Dame, das Kind mit den zu großen Handschuhen, ein alter Mann, der Polizist, die Geschäfte mit den Verkäuferinnen, die Schulkinder in Gruppen. Alles war wunderschön, neu und auf eine Weise unglaublich zart. Ich fühlte mich etwas wackelig auf den Beinen zwischen all diesen Abläufen. Es lag eine große Ruhe in allem, die ich fast ganz vergessen hatte. Ohne den kleinsten Antrieb zu Hektik oder Unruhe war es wie ein neues Leben.

Diese menschliche Geschwindigkeit funktioniert hier besonders in der Altstadt zwischen den Geschäften noch sehr gut und hat auf eine Weise einen Charakter von Ewigkeit. Diese Ruhe habe ich wahrscheinlich zuletzt als Kind so empfunden.

Die heutige Röntgenaufnahme zeigte eine erhebliche Besserung. Die Ärztin war sogar verwundert darüber. Es waren keine Entzüdnungsherde mehr zu erkennen, nur noch zwei kleine Stellen, die einfach noch im Ausheilprozeß verschwinden würden. Auch der Kontakt mit der Ärztin und den Sprechstundengehilfinnen tat mir gut. Die Praxis war heute ruhiger und sie hatten etwas Zeit für Unterhaltung und mir fielen auch ständig irgendwelche Scherze ein. Von der hübschen Helferin ließ ich mir gern Blut abnehmen. Irgendwie tat mir alles gut. Es war völlig egal, was passierte. Ich war einfach nur tief froh, teilnehmen zu können und wieder auf die Beine zu kommen.

Irgendetwas Hartes, Geheimnistuerisches, Stures, Stolzes scheint verschwunden zu sein. Ich telefonierte länger mit meinem Vater. Später besuchte mich M. und ich erzählte ihr im Laufe des Gesprächs von der Schule und einigen Dingen, die mich zuletzt berührten. Ich glaube, ich habe bis jetzt noch nie jemand so normal und offen von sehr persönlichen Angelegenheiten erzählt. Vor allem konnte ich das nicht so klar und einfach, weil ich die meisten Menschen gar nicht so nahe an mich heranlasse. Ich versuchte etwas zu schützen oder irgendein Urteil über den anderen hat mich zurückgehalten. Was soll das alles? Was ich fühle oder bin, brauche und will ich weder zurückhalten noch kontrollieren. Was dann passiert liegt auch in der Freiheit des anderen. Alles Mitdenken oder Vorwegnehmen von Verhalten anderer ist immer nur ein ängstlicher Ich-Schutz, ein Panzer.

Es ist heute ein Gefühl wie Mitfließen. Mit dieser körperlichen Schwächung und 5 verlorenen kg fühle ich mich zurückgeworfen auf die normale Geschwindigkeit und in die Welt der anderen Menschen. Nicht dieses angestrengte Tun und Herumhetzen, das ich sonst veranstalte und auch kein Stolz oder sonstiges innerliches Abgrenzen. Ich fühle mich auf eine Art ausgeliefert, ich muß um Hilfe bitten, ich muß Vertrauen haben in andere. Ich merke jetzt erst, was für einen übertriebenen Stolz ich mit mir herumtrage.

Eigene Endlichkeit

Vor allem, wenn der Kreislauf unten ist, mein Herz ein paar ungewohnter Hüpfer tut (hoffentlich keine Verlagerung auf das Herz), wenn das Atmen schwerfällt, wenn ich daran denke, daß Menschen früher an soetwas gestorben sind, dann erinnert mich diese Krankheit an meinen eigenen Tod und meine Endlichkeit. Irgendwann wird dieses Erleben einfach enden.

Das habe ich gestern nicht geschrieben, aber es war das Eigentliche, was tiefer da war. Demgegenüber habe ich zuerst nur Angst. Wenn ich ein wenig dort hineinschaue, statt einfach nur blind zu sein mit Angst, dann kommt etwas ganz Direktes heraus. Dann erkenne ich auf eine Weise die Konturen von dem, was ich als mich und mein Leben ansehe. Und ich erkenne die Beschränktheit davon. Und ich erkenne auch Angst, die bestimmte unnötige Beschränkungen aufrechterhält. Das zu sehen, machte alles sehr direkt. Es ließ meine üblichen Gedankenbeschäftigungen wegfallen, mit dem was ich sei, was ich tun sollte, usw. Ich hatte plötzlich einen unmittelbaren Zugang zum Moment und das war gleichzeitig das Ende der Verstandessucht. Ich war jetzt da und das war, was zählte. Mir klarzusein darüber, überhaupt die Möglichkeit zu haben, etwas zu erleben ist ein ganz anderes Bewußtsein als mich damit zu beschäftigen, was ich erlebe oder erleben will oder soll, etc. Das zweite ist Identifizierung, im ersten Fall ist es eine viel offenere, flexiblere Haltung.

Wahrscheinlich ist es genau das, was Menschen nach sehr schweren Krankheiten oder Unfällen verändert – wenn es sehr tiefgreifend war, kann sojemanden gar nichts mehr aus diesem Zustand/dieser Haltung herausholen. Er hat im Anblick des eigenen Todes schon einmal alles verloren und kann sich gar keine neuen Illusionen und erdachte Probleme mehr machen.

Krank

Kopfschmerzen, müde, kurzatmig wie gestern. Ich war heute nur beschäftigt, mich um meinen körperlichen Zustand zu kümmern.

Zorn

Der Zusammenhang mit dem Zorn kam heute noch einmal hoch. Diese Krankheit bringt einiges zum Vorschein. Mir kamen immer mehr uralte, längst vergessene Situationen in den Sinn, an denen ich mich abgeschnitten fühlte. Zum ersten Mal habe ich mir voll und ganz zugestanden, diesen Zorn fühlen zu dürfen. Das ist nicht falsch und auch keine Undankbarkeit oder sonstetwas moralisch Verwerfliches gegenüber meinen Eltern. Nein, das ist mein ureigenes Recht auf Selbstausdruck und es ist gut, daß das herauskommt. Wenn das nicht mehr herauskommt, dann bin ich wirklich tot, nur noch ein lieb- und lebloser Zombie, der seine Zeit abhockt.

Dieses Abgeschnittenwerden, das habe ich verinnerlicht. Mir wurde heute sogar erst eine Situation klar, die nach einer Phase von heftigen Kämpfen entstanden war: Einer meiner Eltern drückte Gefallen aus, daß in letzter Zeit ja alles so “reibungslos” verlaufe (d.h. ich mich füge und das Maul halte). Ich verstand damals nicht, was geschehen war. Ich hatte keinerlei Verbindung zu der Aussage, denn ich hatte nichts getan, um mich zu fügen. Doch es war offensichtlich etwas geschehen, was ich nicht bemerkt hatte und was mir heute erst klar wurde. Das ist die Auswirkung, wenn die ursprünglichen Antriebe abgeschnitten werden, ohne die Möglichkeit, den Konflikt für mich zu lösen. Ich habe es nach innen verlagert und eine Art Panzer samt Kontrollinstanz darum herumgelegt und wurde nach außen hin zu einem funktionierenden Roboter, der das ganze nicht einmal merkt. Der letzte Rest des Mechanismus ist dann, daß das Leben irgendwie freudlos und deprimierend verläuft ohne noch zu wissen, was der eigentliche Grund dafür ist.

Später waren es dann nur noch diese verinnerlichten Instanzen, mit denen ich mich herumschlug. Diese Wut ist auch eine Wut über verlorenes Leben, über unnötige, selbsterzeugte Zwänge, Kämpfe und Selbstunterdrückungen. Aber das trifft es nicht ganz. Es liegt nicht wirklich etwas Nachtragendes darin. Die Wut ist einfach da. Ich könnte platzen.

Sie macht mich innerlich unabhängiger. Ich kann noch mit meinen Eltern umgehen, vielleicht sogar geklärter als vorher. Aber es ist für mich jetzt klarer als jemals zuvor, daß ich keinerlei innere Verbindung, Verpflichtung oder sonstigem Zusammenhang mit meinen Eltern habe. Für mein Leben bin ich selbst verantwortlich. Ich muß nicht mit ihrem Leben übereinstimmen und sie nicht mit meinem.

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