Schon am Ende der heutigen zusätzlichen Chorprobe ging es mir nicht gut. Obwohl ich mich schon die ganze Woche auf das Probenwochenende gefreut hatte, war die Probe heute für mich nicht zufriedenstellend.
Etwas bedrückte mich – ohne mir jetzt klarzusein, inwiefern ich projiziere oder was tatsächlich an der Atmosphäre lag, versuche ich es einfach aufzuschreiben.
Beobachtungen im Chor, bedingt durch feineres Empfinden heute
Zuerst hatte ich noch Freude, wie sie häufig entsteht, wenn ich mit anderen zu tun habe. Ich finde es sehr wertvoll und schön, wenn gemeinsam in einer Gruppe konzentriert zusammengearbeitet wird.
Zuerst genoß ich auch diese Atmosphäre noch, doch dann widerte es mich mehr und mehr an, wenn ich bemerkte, daß das kaputtgemacht wird oder andere weit davon entfernt sind, den Unterschied zwischen plumpen Sich-mitziehen- und Animieren-lassen und Sichselbsteinbringen auch nur zu erahnen. (Ich vermute jetzt, meine Reaktion ist ein starker Spiegel, weil ich es eigentlich selbst mit mir mache, mich zu sabotieren – aber darauf komme ich noch.)
Dann fand ich es immer unerträglicher, daß jemand in meiner Nähe schlechten Atem hatte und das überhaupt ein mieser bzw. gar kein Umgang weder mit sich selbst noch mit miteinander herrschte. Bei den Männern war das eher achtloser Umgang mit sich selbst, während bei den Frauen mehr ein hochgezüchtetes Spiel der kokettierenden Unnahbarkeit, selbst untereinander, vorherrscht. Aber Berührung, echter, einfacher, natürlicher Kontakt ist nicht möglich. Am liebsten ist es mir dann noch mit den Leuten aus dem Vorstand. Da passiert wenigstens etwas, da werden Vereinbarung getroffen und wegen einer größeren Summe Geld für eine Reise müssen sogar ernsthafte rechtliche und vertragliche Aspekte berücksichtigt werden. Nur in so einem nüchternen Bereich gibt es dann echtes Bemühen, weil es anders gar nicht geht. Aber beim Wichtigen, bei der Musik und der eigenen Möglichkeit aus Nichts, aus der Stille des Raums und dem eigenen Bemühen etwas Schönes zu erzeugen, da wird dann geschludert, geschlampt, geratscht und mal eben so mitdringesessen. – Gut, das hat mich schon häufiger geärgert, aber es erzeugte heute ein Gefühl der Leere in mir, das zum Ende hin immer stärker wurde.
Auch das Zusammensein in der Pause war ungut. Als wäre alles hintergründig vergiftet von einer unüberwindbaren Schwelle zwischen den Anwesenden. Da gibt es die einen, die das merken und abhauen oder die anderen, die das grinsend überspielen oder gar nicht erst bemerken (die haben es noch am besten). Doch um was genau geht es: Dieses als sicher angenommenen Hocken in der eigenen Befangenheit und nach außen gestülpten Selbstalehnung. Dieser unsichtbare Kreis, den man nicht übertreten darf und den ich als sehr schmerzlich empfinde. In guten Momenten kann ich das durchbrechen – man sagt ja auch: das Eis brechen – aber wenn sich die Energie, so wie heute, eher nach innen stülpt, dann nimmt mich das stark mit.
Mehrmals tauschten wir Plätze und sangen in unterschiedlichen Gruppierungen. Das gefiel mir besonders, nicht nur wegen der Herausforderung, die eigenen Stimmlage selbständig singen und als einzelner vertreten zu können, sondern auch weil es dabei zu zwanglosen Kontakten kommt. In solchen Situationen blühe ich dann auf, weil mir meist irgendein spontanes Spiel oder ein Witz einfällt. Ich muß dann eher aufpassen, nicht den Clown zu geben und zu übertreiben. Doch die Unnahbarkeit fand ich heute unerträglich. Vor allem weil ich selbst nicht herauskam. Einmal war ich fast froh, daß ich beim Gedränge auf dem Rückweg zum Platz in den Sitzreihen aus Unachtsamkeit einer jungen Frau vor mir auf den Fuß stieg und eine Art Ausrede hatte, mich zu entschuldigen, sie dabei zu berühren und auf diese Weise einen spontanen Kontakt herstellen zu „dürfen“.
Eigene Befangenheit
Mein Problem dabei ist, daß ich selbst aus der Befangenheit auch nicht herauskomme und mich isoliert fühle. Ja, allein und einsam. Und es hat mich schon bestimmt 2 Stunden gekostet, um mir darüber klarzuwerden und mir einzugestehen, daß es Einsamkeit ist, die ich fühlte. Normalerweise würde ich nämlich recht schnell behaupten, ich kennte Einsamkeit gar nicht wirklich, wäre sowieso ganz gern allein, etc. – das durchschaue ich jetzt zum Glück schon leichter: Es handelt sich um eine selbstherrliche Verleugnung, mit der ich mir selbst vormache, über bestimmte Schwierigkeiten erhaben zu sein, um davon nicht berührt zu werden. Die tatsächliche Unfähigkeit einen verbindlichen Kontakt mit anderen herzustellen und aufrechtzuerhalten, hat noch andere Hintergründe, die ich jetzt hier aber nicht weiter untersuche, um erst noch beim eigentlichen Thema zu bleiben.
Energieloch und Hintergründe
Zurück zu Hause wurde das Gefühl, ein Energieloch im Bauch zu haben, immer stärker. Das wurde von Angst begleitet, ohne genau die Ursache der Angst ausmachen zu können. Es ist eine Angst, aufzufliegen, daß alles eine große Lüge ist, was ich tue, daß ich nichts wirklich kann, daß ich überall nur eine Art Show abziehe und daß das auffliegt.
Da kann ich noch soviel arbeiten und mich bis zur Selbstaufgabe in etwas hineinsteigern (nur um mich dann im nächsten Moment angewidert abzuwenden – denn schließlich „tut mir das ja offensichtlich nicht gut“, was natürlich vollkommen selbsterzeugt ist), das Wichtigste fehlt: Die Ruhe und das Wissen, daß es richtig ist, was ich tue, daß ich richtig bin und nicht etwa irgendein fremdes Maß erfüllen muß.
Mir fällt auf, hinter meiner Unsicherheit steckt, daß ich immer noch diffuse Vorstellungen von Idealen habe, wie es sein sollte, „das Wichtigste in meinem Leben“ zu finden und zu verfolgen. Die Unsicherheit bringt mich dann vom Konkreten weg und läßt mich in Vorstellungen abgleiten. Sobald ich mit etwas Konkretem anfange (dazu bin ich ja mittlerweile schon einmal gelangt), kommen die Zweifel und das Naserümpfen über die hässlichen Details hier auf der Erde (Solar-Disposition). Dann ist es gut zu merken, wie abgehoben im Traumland ich immer noch bin.
Zu der Zeit telefonierte ich mit GL und bekam von ihm auch gespiegelt, daß ich insbesondere meine eigenen Interessen nicht verfolge, sondern mich herzlos und selbstzerstörerisch verhalte – es ging dabei um die Bitcoin-Seite, aber der Anlaß ist eigentlich egal, weil es auch in anderen Lebensbereichen sehr ähnlich ist.
Jetzt beim Schreiben macht das langsam alles ein wenig mehr Sinn, und ich fange auch an, mich etwas besser zu fühlen, als würde wieder langsam Blut in den Körper gelangen, statt im Loch in der Körpermitte abzufließen.
Ich merke, daß ich abgeschnitten bin von meiner Liebe und von Hingabe und daß mein ganzes krampfiges Getue und angebliche Selbstaufopfern ein Teil dieser Selbstverleugnung sind und nicht etwa ein Weg zur Lösung. Für die Interessen von anderen kann ich mich ja bis zur Selbstaufgabe hineinsteigern (gerade auch wieder in Winter-Projekten so bemerkt, also übertrieben, so daß es sich ins Gegenteil verkehrt) – für mich tue ich das aber nicht, traue mich nicht oder besser: laufe in Blockaden – geistige (Verwirrung und leerer Kopf) und energetische (Angst, Eindruck der Sinnlosigkeit und Antriebslosigkeit, Passivität). Ich finde es jetzt schon einmal gut, das alles wenigstens aufzuschreiben.
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Gerade wollte ich noch etwas schreiben in der Richtung „wie kann ich Lieben lernen“. Es ist mir zum Glück schnell klargeworden, daß ich hier vom Beobachten in den Verstand und Vorstellungen abgeirrt bin, und habe den Satz wieder gelöscht. – Die Antwort hat auch GL schon gegeben, und jetzt kommt mir das langsam auch: Liebe ist das was einer tut. Fertig. Es braucht keine Theorie dazu – ganz im Gegenteil. Wer seine Liebe selbst erleben will, der fängt einfach damit an.
Wenn dann Angst oder Probleme auftauchen, dann kann das immer noch angegangen werden. Aber dann hat das zumindest schon einmal eine Basis – dann bin ich ein Mensch, der ein konkretes Problem hat. Vorher bin ich nur ein hilfloser, beobachtender Spielball äußerer Umstände und verpasse das Wichtigste, auf das ich dauernd nur warte. Was soll so jemand auch erkennen oder lösen können? Gelöst werden können nur die eigenen Aufgaben, dazu müssen sie aber auch angegangen werden.
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